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Schattenbilder

Wilhelm Busch

Reading edition

Eine Silhouette von ihm, zu seinen Lebzeiten geschnitten.

Wiedensahl, das Dörfchen, in dem Wilhelm Busch geboren und gestorben ist, ist ein Flecken in der Provinz Hannover mit einer Handvoll Häusern, die friedlich dastehen, rote Ziegeldächer als Hüte über den Kopf gestülpt oder dicke, moosbedeckte Strohkappen schief aufgesetzt. Ein Bächlein fließt um das Dorf herum, auf dem im Sommer und im Winter, wenn es nicht, um sich nicht zu erkälten, eine Eisdecke übergezogen hat, die Enten und Gänse fröhlich ohne Unterschied des Geschlechtes zusammen baden. Fette Wiesen und herrliche dunkle Tannenwälder umrahmen das Bild. Den Dampf und die Elektrizität kennt diese jenseits der Eisenbahn gelegene Idylle noch nicht. Und als es geschah, daß zum erstenmal ein Automobil wild die Gegend durchfauchte, schrien die Bauern: „Der Düvel ist gekommen und will den Wilhelm Busch holen.“ Man wäscht sich dort an der Pumpe, man liest die Zeitungen von vorgestern, und Musik nennt man dort, wenn der Viehknecht abends ins Horn trötet, daß die Kühe von der Weide heimkehren sollen. Gleichwohl läßt es sich im Sommer, wenn die Wiesen dick voller Blumen stehen und in der Sonne strahlen wie ein Pfauenschwanz, und wenn die Vögel alle zusammen musizieren, ohne je aus dem Takt zu kommen, dort ebensogut leben wie in Berlin. Und selbst im Winter, wenn an den Fenstern die weißen Eisblumen blühen und es draußen friert, daß die Steine heulen, und man drinnen bei Rheinwein oder wenn’s zu kalt wird, bei altem Nordhäuser sich tröstet, kann man das Dasein dort ebensogut ertragen wie in Rom oder in Florenz. So dachte auch Wilhelm Busch, als er am 15. April 1832 in Wiedensahl zur Welt kam:

„Kaum, eh’ man sich’s recht bedacht, Schlupp! Ist man zur Welt gebracht.“

Sein Vater war der Krämer des Dorfes, der schwarze Seife, Talglichter, Salz, Karamellen, Streichhölzchen und Bindfaden verkaufte. Und sein Weib half ihm tapfer dabei. Die Großmutter nahm sich des Kleinen an, da die Eltern, wie gesagt, Besseres und mehr zu tun hatten, als Kinder zu weiden und groß zu ziehen. Die Alte, die, wie die Leute über siebenzig Jahre gewöhnlich, nicht mehr viel schlafen konnte, stand mit Herrn Busch jun. in der Frühe auf, schob ihm ein Stück Pumpernickel in den Mund, damit seine Zähne sich amüsieren konnten, und steckte das Herdfeuer an. „Besonders im Winter“, erzählt Busch einmal, „kam es mir wonnig geheimnisvoll vor, so früh am Tage schon selbstbewußt in dieser Welt zu sein, wenn ringsumher noch alles still und tot und dunkel war. Dann saßen wir zwei, bis das Wasser kochte, im engen Lichtbezirk der pompejanisch geformten zinnernen Lampe, sie spinnend, ich spielend oder später aus dem Gesangbuch schöne Morgenlieder lesend.“ Als der Junge größer geworden war und etwas werden mußte, schickte man ihn, während die Großalte sich indessen zu ihren Müttern versammelte, auf die Hochschule nach Hannover. Aber es erging Busch wie allen wählerischen Leuten, er konnte und konnte den Beruf nicht finden, der auf dieser Welt für ihn paßte. Und schon war er nahe daran, sich mangels Beschäftigung aufzuhängen, als ihn ein Freund mit den Worten: „Maler kannst du immer noch werden!“ an die Akademie nach Düsseldorf wies. Hier saß er ein Jahr im Antikensaal ab und wollte gerade vor Langeweile sterben, als ihm einfiel, daß man, wenn man den Rhein hinunterfuhr, nach den Niederlanden kommen müßte. Er machte sich daher auf. Und hier von den Bildern von Brouwer, Teniers, Frans Hals und anderen bekam er wohl die erste Anregung zu seinem späteren Schaffen. „Ihre göttliche Leichtigkeit der Darstellung malerischer Einfälle, ihre Unbefangenheit eines guten Gewissens, welches nichts zu vertuschen braucht, haben für immer meine Liebe und Bewunderung gewonnen“, gesteht er selbst.

Als letzten Studienort hat er sich dann München erwählt, wo er allerdings mehr im Künstlerverein als in der Akademie saß, und wo die „Fliegenden Blätter“ das erste Bild und die ersten Verse von ihm brachten. Dann ging’s wieder für immer der Heimat zu. Über Düsseldorf. Dort führte man ihn, der damals ob seines trockenen Humors in Malerkreisen schon allgemein gefeiert wurde, jubelnd in den Malerverein „Malkasten“, in der Hoffnung, daß dieser Märchenprinz aus Genieland dieses verschlafene Dornröschen wachküssen würde. Aber man war bitter enttäuscht von ihm; kein Spaß entschlüpfte inmitten der porzellanenen Honoratioren seinem Munde. Endlich stand er auf und klopfte ans Glas: Alles fuhr auf. „Wilhelm Busch wird reden“, und hundert neugierige Augen sahen ihm auf den Mund, in Erwartung, was da herauskommen würde: „Kellner! Noch einen Schoppen Mosel!“ sagte er und schwieg damit definitiv.

Am andern Morgen fuhr er in die Einsamkeit nach Wiedensahl und schrieb und malte dort ganz allein, „ohne wem was zu sagen“, wie er sich ausdrückte, alle seine schönen Bildergeschichten auf. Und als es ihm genug schien, schwieg er so beharrlich, wie damals im Düsseldorfer „Malkasten“, und lebte friedlich in Wiedensahl bis auf den heutigen Tag, auf keine andere Unterhaltung angewiesen als auf Bücher, Bauern und das Jägerlatein des Försters am Abend in der Waldschenke. Er hat sich niemals feiern lassen, und während andere berühmte Jubelgreise sich zu ihrem siebenzigsten Geburtstag unter Tränen anreden lassen oder im Kreise der lieben Ihren sitzen, tiefgerührt den Enkel auf dem Schoß, bis dieser, ohne Respekt vor jenem Tag, sich unmanierlich benimmt, floh Wilhelm Busch damals allein in die einsamen Tannenwälder, die Gott sei Dank noch nicht das Reden gelernt haben. Früher las er viel im Darwin und Schopenhauer, und abends, wenn die Leute in den Großstädten Offenbach oder Blumenthal anhören, oder sich darüber freuen, daß einer seiltanzen kann, ohne sich die Beine zu zerbrechen, dann holte er sich Shakespeare und las sich bei der Lampe darin so glücklich, als wenn er im Frack in der ersten Loge der Oper gesessen hätte.

Heutzutage, wo die Augen schon matter geworden sind, spielt er lieber mit den Kindern herum oder sieht im Sommer den Bienen zu, die ihm noch interessanter sind als eine Reichstagswahl, und raucht dabei Tabak, soviel er paffen kann, und hüllt sich wie Zeus in blaue Wolken ein. Und über kurz oder lang wird er eines nicht schönen Tages sterben, wenn es einmal acht Tage hintereinander in grauen Streifen geregnet hat, oder das Bier im Faß erfriert, und man rechte Lust auf das Grab bekommt, wo man nicht mehr naß und kalt wird, und länger als acht Stunden hintereinander schlafen kann, ohne von irgendeiner verfluchten Pflicht geweckt zu werden. Und seiner Schwester Sohn, der Pfarrer in Wiedensahl ist, wird ihn zur Ruhe bringen und über seiner Gruft folgende Predigt halten: „Hier ruht in Gott und in Erde Wilhelm Busch, ein lachender Philosoph, der letzte große Humorist, den wir Deutsche hatten. Denn die bis dato nach ihm kamen, verdienen leider nicht den Namen. Amen!“

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