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Schattenbilder

Arthur Schopenhauer

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Wir haben in Deutschland niemals eine richtige, erfolgreiche Revolution gehabt. Das bißchen schöne heiße deutsche Blut anno 1848 wurde durch die mechanisch bei uns wirkende Militärmaschine niedergedrückt und tobte sich in den klingenden endlosen Reden des Frankfurter Parlaments langsam und friedlich in einem nicht wehetuenden Idealismus zu Ende. Und siebenzig Jahre später, 1918, ging es auch noch höchst gedämpft und maßvoll zu. Es ist wohl weniger die Furcht vor Pulver, denn in drei siegreichen Kriegen unter Bismarck und in dem verlorenen unter Hindenburg bewiesen wir den alten furor teutonicus — als vielmehr die eingeborene Scheu vor unseren Fürsten, die uns beim Revolutionieren hinderte, derzufolge wir verfahren, wie Heine gepfiffen hat:

„Der Deutsche wird die Majestät Behandeln stets mit Pietät. In einer sechsspännigen Hofkarosse, Schwarz panaschiert und beflort die Rosse, Hoch auf dem Bock mit der Trauerpeitsche Der weinende Kutscher — so wird der deutsche Monarch einst nach dem Richtplatz kutschiert Und untertänigst guillotiniert.“

Die fürchterliche Aufgabe, Revolution zu machen, blieb somit in Deutschland immer nur einzelnen überlassen, die wiederum in das Gebiet des Geistigen verschlagen wurden, da Politik bislang fast stets bei uns Sache der oder des Fürsten war. So kam es, daß unser Cromwell Martin Luther hieß, der die Bibel ins Deutsche übersetzte, statt Karl V. den Kopf abzuschlagen, und daß unser unblutiger Camille Desmoulins Immanuel Kant war, der eher fast Gott selber entthront hätte, als daß er eine Zeile gegen seinen Monarchen geschrieben hätte. Und so wird auch vielleicht die Religion der Zukunft als eine geistige Umwälzung von Deutschland aus ihren Ausgang nehmen.

In die Reihe dieser deutschen Empörer und Aufwiegler, die die schwere Aufgabe, die ihnen zugefallen ist, mit einem tragischen Leben besiegeln, gehört auch der große Mensch, Denker und Künstler Arthur Schopenhauer, dessen gewaltigen Schatten wir hier heraufbeschwören wollen. Seine Ausnahmestellung unter den deutschen Gelehrten verdankte er, da er lebte, zunächst einmal seinem Reichtum. Die Philosophen und Künstler waren bis dahin in Deutschland von der Gnade ihres Herrschers oder der Großen abhängig, oder wie noch heute bei uns, an die Gunst des Publikums verkauft. Noch Goethe saß in der Idee fest, daß der Künstler und Denker mit einem Augenaufschlag zu dem Fürsten oder dem Mächtigen emporblicken müsse, der ihm die Mittel zum Leben spendete. Der Fleiß und die Tatkraft eines reichen, früh verstorbenen Vaters, an dem der Sohn sein Leben lang mit hamletischer Liebe hing, brachte Schopenhauer von Jugend auf in eine völlig freie Unabhängigkeit, so daß er von keines andern Laune und Humor, noch von der Anerkennung seiner Mitwelt zu leben brauchte.

Man kann sich das herrliche Gefühl vorstellen, mit dem er im „Hotel zum Schwanen“ oder im „Englischen Hof“ zu Frankfurt am Main, wo er täglich zu Mittag aß, an der Table d’hote zwischen reisenden Engländern, Offizieren, Bankiers und Millionären saß, ohne irgend jemand den Hof machen oder sich überhaupt unterhalten zu müssen. Die Freude, daß das Geld endlich einmal an den Rechten in Deutschland gekommen war, soll bisweilen, wenn er den Schaum vom Champagner blies, aus seinen kleinen Augen gezwinkert haben. Ohne diesen Reichtum, der ihm die Freiheit gab, hätte er vielleicht dies Leben damals in Deutschland gar nicht überstehen können. Denn zumeist saß er verbittert und in sich geduckt wie einer, der nur auf die innere Stimme hört, und angewidert unter den Menschen seiner Zeit. Man erzählte sich, und wenn es auch bloß erfunden ist, so ist es doch gut erfunden, daß er im „Englischen Hof“ zu Frankfurt wochenlang täglich einen Taler vor sich auf den Tisch gelegt und dabei vor sich hingeknurrt hätte: „Den will ich den Armen schenken, wenn die Offiziere gegenüber heute von etwas anderem als von Pferden und von Weibern sprechen!“ Aber nach jeder Mahlzeit hätte er grinsend den Taler wieder zu sich gesteckt. Der Mangel an Ernst bei den meisten Menschen um ihn mußte ihn, der noch oder schon die Schauer der Unterwelt in sich verspürte und hinter allem und jedem die Flügel des Todes rauschen hörte, unsagbar quälen.

Zuweilen geschah es dann, daß dieser an einem Freitag zur Welt gekommene graue Geist beim Essen wohl wütend die „Times“ hervorholte und zu lesen begann, bis ein reicher Lord, der neben ihm saß und für den der Hausknecht sich englische Sprachbrocken einstudierte, ihn erfreut fragte: „Oh, you speak English?“, und der Philosoph mit einem kurzen „Nein!“ die Unterhaltung im Keim erstickte. Dazu kam, daß diesen von Natur schon ungeselligen Polyphem die völlige Teilnahmlosigkeit, welche die Mitwelt seinem Denken und Schreiben entgegenbrachte, noch mehr in Menschenhaß und Einsamkeit hineintrieb.

Das philosophische System Hegels hing damals wie eine Sonne über dem ganzen geistigen und künstlerischen Leben Deutschlands und gab allem, was erdacht und erdichtet wurde, sein Licht mit. Gerade diesen Hegel nun haßte Schopenhauer, wie Tag und Nacht sich hassen, und hat ihn so kräftig beschmäht, wie seit Luther keiner in Deutschland geschimpft hat. Die Folge davon war, daß er nicht einmal von den gelehrten Kreisen und den Besten seiner Zeit beachtet wurde. In Heines Schriften, der doch sehr belesen und stets auf Neues erpicht war, ist der Name „Schopenhauer“ nicht einmal genannt. Hebbel, sonst ein Vorposten der Generation um 1900, erwähnt ihn wenige Male, aber nur, um ohne Blick für seine Größe sich über ihn als einen philosophischen Sonderling lustig zu machen. Hegel selbst hat ihn völlig ignoriert.

Man kann sich denken, wie es in der Brust eines schon von Natur ernst und düster veranlagten Menschen, dessen großer Ehrgeiz durch völlige Nichtbeachtung oder Verhöhnung erstickt wurde, ausgesehen haben muß! Die Hölle, wo sie am tiefsten ist, muß silberweiß sein gegen die Nacht, in der dieser Geist jahrzehntelang gebrannt hat. Immer wieder ruft er sich die Namen aller großen Männer und Märtyrer zu, wie ein Krieger in der Schlacht seine Heiligen, um nicht vor Furcht oder Ekel wahnsinnig zu werden. Aber die Kraft seines Geistes und sein Mut, der es mit Tod und Teufel aufnahm, überstand dieses isolierte Leben über den Menschen seiner Zeit, das seinen besten Jünger Nietzsche später zerbrochen hat. Er wußte ganz genau, daß er den Prozeß, den er um sein Werk mit der Mitwelt führte, vor der Nachwelt gewinnen würde, und darum schrie er so lange: „Ich habe recht!“, bis ganz Deutschland ihn anstarrte. Freilich kam er so zerzaust und verwundet aus dem Streit heraus, daß sein Greisengesicht das entsetzlichste Antlitz ist, das wir Menschen kennen. Bismarck, der doch Mut für sieben hatte, ertrug den Anblick dieses Mannes schwer und saß als Gesandter beim Deutschen Bunde zu Frankfurt ungern im „Englischen Hof“, wenn jener steinerne Gast erschien.

Dreißig Jahre lang lebte Schopenhauer in der Geburtsstadt Goethes, mit dem er als Jüngling befreundet gewesen, und den er nun als einzige deutsche Gottheit neben Kant verehrte. Lebte da zusammen mit seinen Widersprüchen, seinen fixen Ideen, seiner Flöte und seiner genau von ihm abgemessenen Weichselrohrpfeife, seinem Pudel und seinem Weiberhaß, der wieder wie bei Hamlet zunächst daher rührte, daß seine Mutter in den neuen Umarmungen eines Hausfreundes den geliebten Vater vergessen hatte. Wie der finstere Alberich den Nibelungenhort hütete er seine Lehre für die Zukunft. Sein Stolz war, viel zu denken und wenig zu schreiben, und dies Wenige in einer so klaren und schönen Sprache, daß jeder Deutsche, wofern er nur selbst denken will, es verstehen kann. Er rechnete damit, daß, wie von Hellas nur der Name und das Werk seiner Dichter und Denker übriggeblieben wäre, so auch, wenn Deutschland dereinst vergehen könnte, sein Name und seine Lehre wie die Platos die Jahrtausende überdauern sollte. Darum predigte er unserem Volke stets die Ehrfurcht vor seinen geistigen Führern vor, versuchte er vergeblich den Barbaren und Hyperboräern, unter denen wir hausen, Verehrung und Liebe für die Künste einzuposaunen.

Seine Lehre ist aufgeschrieben in dem Werk, dem er den Titel gab: „Die Welt als Wille und Vorstellung.“ Seine Ethik ist darum für uns Heutige von solcher Bedeutung, weil sie in der indischen und der ihr nah verwandten untergegangenen germanischen Religion, der Mystik, wurzelt, wie sie vor 600 Jahren zuletzt der Dominikanermönch Meister Eckehart öffentlich vor dem Dom zu Köln verkündet hat. Darum kann Schopenhauer jedem Deutschen, der sich in ihn versenkt und der ihm opfert, ein Seelsorger, ein Tröster und Berater über dies Leben hin werden. Und wer in der grauen Stunde des Todes die Hand nach ihm ausstreckt, der wird mit allen Heilsmitteln, die die menschliche Vernunft zu vergeben hat, von ihm gestärkt werden und ein schönes leichtes irdisches Ende haben.

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