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Schattenbilder

Brentano der Dichter

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Man schrieb achtzehnhundertdreiundzwanzig, da wohnte zu Dülmen, im finsteren Münsterlande, seit vier Jahren ein junger Mann, der mit seinen geringelten schwarzen Locken, die ihm um die hohe Stirn hingen, seinen dunklen italienischen Augen, seinem schönen ausdrucksvollen sinnlichen Munde in diese flache Gegend, wo Gehöft und kahle Heide einförmig umeinander standen und unter diesen derben flachsblonden dickköpfigen deftigen Menschenschlag so schlecht wie etwa die Schwalbe in unsern Winter hineinpaßte. Er hatte sich in einer breiten, niedrigen westfälischen Bauernstube eingenistet, in der er keinen andern Schmuck duldete als ein großes, buntes, hölzernes Kruzifix, das er von einem Küster im benachbarten Coesfeld gekauft hatte, und das mit rotgemalten Blutstropfen überronnen zu Häupten seines Bettes hing. In den ersten Wochen, als er dort wohnte, hatte auf der schwarzen altmodischen Bauernkommode noch ein schönes Frauenbildnis gestanden, unter dem „Sophie Mereau“ zu lesen war. Und hinter diesem Namen war ein schwarzes Kreuz von einer zitternden Hand mit Tinte aufgemalt. Aber jetzt war dies schöne Bild, das wie ein Sonnenstrahl in dem düsteren Zimmer gewirkt hatte, verschwunden, weil der Fremde es verschlossen hatte und in einer Schieblade zwischen welken Efeublättern von ihrem Grabe verwahrte. Es war, als habe er das heitere Bild der Toten aus ihrer Jugendzeit nicht mehr ertragen: Dies Bild, das in seinen stillen Zügen noch nichts von dem eigenen späteren Geschick wußte, noch nichts von jener entsetzlichen Nacht, da sie unter schreienden Schmerzen ein totes Kind in die Welt stoßen würde, noch nichts von dem grauen anderen Morgen, da sie voll Verzweiflung sich von dem toten Kinde nachziehen lassen würde in Frieden und Schweigen. Wie zum Hohne hatte ihn, den Überlebenden, dies glückselige Bildnis seiner einstigen Frau angelächelt, aus holden kindlichen Augen, die zu sagen schienen, so etwas Schreckliches kann es nicht geben. Nun lag es im Schrank, den Blick nach unten gekehrt, wie im hölzernen Sarge zwischen den welken Blättern von ihrem Grabe neben der Zither mit blauem Band, auf welcher der Fremde zuerst wohl abends, wenn die Schatten kamen, gespielt hatte. Bis die Nähe des blutenden Heilands am Kruzifix ihn davon zurückgeschreckt und er sie verschlossen hatte. Mit schlaff gewordenen Saiten lag nun die Zither gleich dem Bilde nach unten gekehrt im Schrank, vergessen und tot wie seine Jugendzeit, und das Kreuz des Herrn hing triumphierend, einem großen Vogel gleich, mit ausgespannten Flügeln als einziger Schmuck in der finsteren Kammer. Allabendlich aber ging der Fremde auf die Gasse hinaus. Den Kopf zur Erde geneigt gleich einem Geistlichen, schritt er an den Bauernhäusern entlang, um deren Giebel am Sommerabend die Vögel schwirrten.

„Es sang vor langen Jahren Wohl auch die Nachtigall, Das war wohl süßer Schall, Da wir zusammen waren“

zog es wie ein Traum durch seinen Kopf. Dann neigte er die schöne Stirne noch tiefer, stierte auf den schwarzen Erdboden und murmelte fünfmal ein Paternoster und fünfmal zehn Ave-Maria, wobei er die braunen Kügelchen des Rosenkranzes, den er stets um den Hals geschlungen trug, gedankenlos mit den Fingern abrollte. Vor einem niedrigen einstöckigen Bauernhaus, in dem vorn eine Schenke war, am Ende der Gassen, blieb er stehen. Eine Weile lauschte er, mit den einst so glänzenden, jetzt lichtscheuen Augen in das Abendrot blinzelnd, auf das Lied, das die Kinder hinter ihm sangen, die sich paarweise aufgestellt hatten und das letzte Paar immer wieder durchs Tor kriechen ließen:

„Macht auf das Tor, macht auf das Tor, Es kommt ein goldner Wagen. Wer sitzt darin, wer sitzt darin? Ein Mann mit goldnen Haaren. Was will er denn, was will er denn? Er will Mariechen holen! Was hat sie denn, was hat sie denn? Sie hat sein Herz gestohlen.“

„O du verlorenes Wunderhorn“, seufzte er laut und wandte sich ab, seine Tränen in die Schatten des Hauses zu verbergen. Die Türe stand offen wie eine Kirchtüre. Durch einen langen schwarzen Flur ging es ins Hinterhaus. Über die knarrende Wendeltreppe stieg er dort langsam hinauf zum ersten Stock. Aus der Kammer hörte er seltsame Laute und Sätze kommen, wie: „O du liebes Jesulein, du mein himmlischer Bräutigam, sie ist so schwer, deine Last, und so süß! Laß mich den Stein noch ein wenig tragen, gib ihn mir, du kannst nicht mehr, gib ihn mir! Oder soll ich dir die Nesseln im Weinberge ausraufen? O das viele Unkraut! O die Nachlässigen im Gebete! Wie mir meine Hände von den Nesseln brennen! Mehr, mehr noch! Alle will ich vertilgen und ausreißen, meine Fingerknöchel tun mir weh! O wie süß!“ Leise, ganz leise stieß Brentano die Türe auf, die zu dieser Stimme führte. Da lag im breiten eichenen Bauernbett eine wächserne weibliche Gestalt, Kopf und Brust emporgerichtet und die Arme wie zwei dürre Stöcke von sich gestoßen. Ein weißes Tuch, um ihre Haare gewunden, hob die scharfen bleichen Züge mit den schwarzen Gruben unter den Augen unheimlich ins Geisterhafte. Es war Anna Katharina Emmerich, die Tochter armer westfälischer Bauersleute, das fromme Nönnchen von Dülmen, die die Wunden unseres Heilandes an ihrem Körper trug, der zuliebe Brentano, ein Mensch, der aus Goethes Geschlecht stammte, seit vier Jahren hier hinter dem Leben der Welt sein Dasein verbrachte, ihre Gesichte und Offenbarungen zu betrachten, zu belauschen, zu beschreiben.

Als sie mit ihren weit aufgerissenen, ekstatisch verdrehten Augen den Freund, den „Pilger“, wie sie ihn hieß, in dem Türrahmen stehen sah, sank sie, als hätte sie auf seinen Anblick gewartet, erschöpft aufstöhnend in die von ihrem Schweiß feuchten Kissen zurück. Noch in ihrem Sinken ergriff er zärtlich mit seinen beiden Händen behutsam die mit der ehrwürdigen Signatur des höchsten Mitleidens bezeichnete Hand, dieses bei ihr nur geistige Sinneswerkzeug. „Wie steht es heute, Schwester Anna Katharina?“ fragte er gedämpft, wie man in einer Krankenstube spricht. „Unaussprechlich schön!“ kam es wie von weit her aus ihrem Munde. „Ich bin jetzt so ruhig und habe ein solches Vertrauen, als hätte ich nie eine Sünde begangen. Dies sind so gesunde Schmerzen. Ich weiß nichts mehr von der trüben, schmutzigen Welt. Unser lieber Heiland war bei mir, er hat mich mitgenommen, ich wollte bei ihm bleiben! ...“ Aber plötzlich besann sie sich erschrocken und deutete mit dem Finger geheimnisvoll auf den Mund. „Aber ich darf um alles nicht davon reden“, und schwieg und lehnte sich zurück. In dem Augenblicke flog die zahme Lerche, die in ihrem Zimmer oben über dem Fensterbalken nistete, auf ihr Kopfkissen, als sei sie allein dieser Geheimnisse wert. Die schwarze Krankenschwester aber, die bis dahin, ohne sich zu rühren, neben dem Bette gesessen und wie verzückt der Stimme der seligen Ekstatikerin gelauscht hatte, erhob sich und wischte der starr Daliegenden mit einem Schweißtuch die Angsttropfen von der Stirn. „Gelobt sei Jesus Christus, Schwester Luise“, flüsterte Brentano und setzte sich der Schwester gegenüber auf den hölzernen Bauernstuhl auf der andern Seite des Bettes. Dann schwiegen die beiden, neben der leise röchelnden Kranken sitzend, eine lange bedeutungsvolle Weile miteinander. Sie wußten, daß sie Braut und Bräutigam waren vor Gott, er, Klemens Brentano, und sie, Luise Hensel, in der unsichtbaren Kirche Christi einander angetraut, aber auf Erden durch ihre Leiblichkeit eines von dem andern getrennt. „Erzähl etwas, Klemens“, brach sie, durch das Schweigen verwirrt, das ihr wie eine Sünde vorkam, die Stille. „Du weißt, sie hört es gerne“, fügte sie mit einem liebevollen Blick auf die im Halbschlummer bei den toten Heiligen weilende Kranke hinzu.

Und Klemens begann ihr aus der Chronika eines fahrenden Schülers leise weiterzuerzählen. „Ich bin noch vielfach herumgeirrt durch die Lande, ehe ich meinen Herrn und Meister Jesum Christum gefunden habe und von ihm wert befunden ward, seine Wunder und seine Wunden zu verehren. Denn ich war hoffärtig von Kindheit an, weil ich aus einem vornehmen Hause stamme, darinnen Klugheit, Witz und Weltlichkeit umgingen seit Väter Zeiten. Und ich ward mit viel Fürwitz empfangen und bei Reichtum und Dünkel in die Schule geschickt. Und späterhin ging ich mit lauter klugen Gesellen um, an allerhand Orten, in Jena und Berlin, die vermeinten, das Reich Gottes mit ihrer flachen Hirnschale erobern zu können. Durch sie verlockt wie einst du durch den Bann der falschen Lehren Luthers lief ich gleich Parzival jahrelang in der Irre. Aber immer brannten die himmlischen Tropfen, mit denen ich unter der Patenschaft des letzten Kurfürsten von Trier, des Erzbischofs Klemens Wenzeslaus, dereinst zum katholischen Christen getauft worden bin, wie Feuer auf meinen Scheitel, so daß ich nur mit ewiger Reue ein solch weltliches Leben geführt habe. Und ob ich mich auch an ein Weib verloren habe, der Gott die ewige Seligkeit schenken möge, ich bin dessen wie aller Irrwege zum Heil niemals aus Herzensgrunde froh geworden. Und erst als ich dich fand, du gleich mir Bekehrte, du sanfte, barmherzige Zuhörerin meiner Leiden, du Trösterin, du mein liebes, neues Leben, du Heiligtum, in deren Nähe alle Furien weichen, als du mir deinen Mund entzogst und mit deiner Rechten auf das Kreuz mich wiesest, das immerdar durch alle Nebel um mich golden zu mir gestrahlt, da ward es Ruhe und Meeresstille in mir. Da wurde ich inne, daß alle meine Träume, deren Wollust ich seit meiner Kindheit am Rheine genoß, da ich am liebsten die Welt in einem Spiegelglas umgekehrt verzaubert betrachtete, nur Wolken waren, in deren Anblick ich mich beim Aufstieg des Kreuzwegs nach Golgatha verloren hatte. Dort, wo deine Hand hinwies, hing mein Herr und Heiland mit nach uns ausgespannten Armen am Stamm, die köstlichste Frucht, die der Baum der Menschheit getragen hat. Dort unter dem ewigen Licht, wo der Bronnen seines Blutes rinnt, haben unsere Geister im Gebet sich gefunden und vereinigt.“

Er reichte der barmherzigen Schwester, seiner unkörperlichen Geliebten, von Rührung ergriffen, über das Bett der seraphischen Kranken seine zitternde Hand. „Stille! Stille nur“, kam es von den Lippen seiner Vermählten in Christo, und mit ihrem weißen Finger wies sie auf die bleiche Nonne, die sich langsam wie ein Gespenst aus ihren Kissen wieder emporhob. „Es kommt über sie,“ fuhr sie fort, „morgen ist Freitag, der rote Todestag unseres Herrn, an dem ihre Wunden bluten müssen.“ Das verzückte Lallen der stigmatisierten westfälischen Nonne erhob sich von neuem mit seinen halb kindlich, halb priesterlich monotonen Lauten. Es hallte, wie das Echo einer Abend-Litanei von den Steinwänden eines Kirchengewölbes hallt. „Herr, hilf doch! Komme doch, Jesu! O Herr, o Herr, komm! Meine Kräfte reichen nicht mehr. Sie sind zu schwer für mich, alle diese Leiden, die ich für andere tragen muß. Da ist eine arme Frau, ganz deutlich sehe ich sie, die an Brustwassersucht leidet, mit der muß ich leiden, für die muß ich leiden. Wir sind alle ein Leib in Jesu Christo! O hilf mir, mein himmlischer Bräutigam, ich liege auf dem Kreuz, es ist ja bald aus. O Herr, hilf doch!“ Immer stoßweiser ging ihr Atem, immer heftiger arbeitete ihre arme Brust. Da beugten sich die beiden Menschen zu seiten des Bettes, die miteinander lauschend diese sublimierte Wollust genossen, voll Sorge über die ekstatische Kranke. Und sie sahen mit Schaudern, wie sich die Male und Zeichen der Nonne zu röten begannen, und wie ihre Stirne, ihre Brust und ihre Seite aus aufbrechenden Wunden bluteten.

„O holt mir meine Seelenspeise“, wimmerte das Nönnlein mit schwacher Stimme. „Gebt mir von dem heiligen Öle! Es durchdringt jedesmal wie ein stärkender Tau alle meine Gebeine. Ich hungere nach meinem himmlischen Gott und Herrn!“ —

Luise Hensel gab dem Freunde ein stummes Zeichen. „Es steht schlimm um sie. Gehen Sie, ihr den Priester zu holen!“

Und hinaus in die Schatten schritt beim Klang des Angelus für die stigmatisierte Nonne Emmerich, dies Häuflein wundes Fleisch, in der nahen Pfarrkirche das letzte Sakrament zu bestellen, Klemens Brentano, der größte Volksliederdichter der Deutschen, der Bruder der freien Bettina, das Pflegekind der sonnigen Mutter Goethes, der später geisteskrank wurde, den die katholische Nacht verschlang.

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