Boccaccio
Reading edition
Dieses ist der Bericht, den der Augustinermönch und Professor der Theologie Martino da Signa zu Florenz über das Leben und Schreiben des hochberühmten Giovanni Boccaccio seinem Bruder in Christo dem Kartäusermönch Ciani zu Siena übersandt hat:
„Du verlangst von mir, mein viellieber Bruder im Herrn, daß ich dir und der Nachwelt eine Beschreibung von dem weltlichen Dasein unsers für und für verehrten Meisters Boccaccio geben soll, ähnlich derjenigen, die er selber von dem größten Sohne unserer Stadt Fiorenza, dem göttlichen Dante, aufgezeichnet hat, an der sich die kommenden saecula nicht minder als wir erfreuen werden. Denn, so schreibst du mit Recht, die Züge eines großen Mannes im Bilde zu erhalten, ist selber etwas Großes, und solche Beschäftigung ist ein adliges Tun. Aber wie vermöchte ich die Feder so leicht und gewandt zu führen, das Wesen dieses Dichters zu schildern, der zart wie eine Mücke über unsere Zeit hinflog und ihr das Blut aussaugte, um es kommenden Geschlechtern zuzubringen. Niemals würde es mir gelingen, ein würdiges Abbild seines Lebens, wie es heute vor uns liegt, aufzuzeichnen, wie solches jenen Heiden vor Christo, einem Plutarch oder Polybius wohl geglückt ist, die weniger fromm, aber auch weniger einfältig als wir gewesen sind, und die unser Meister Boccaccio darum so über alles geschätzt hat. Versuche darum nicht, mich zu einem Werk, das ich nicht leisten könnte, anzustacheln, auf daß ich nicht vor den späteren Zeiten dastehe wie Petrus, da er über den See von Genezareth gehen wollte, darinnen er beinahe versoffen wäre. Sondern vernimm aus diesem Schreiben nur das Wenige und Einfältigliche, das ich für deine Ohren allein von dem irdischen Dasein des Messer Boccaccio zu sagen weiß, vielleicht, daß du selber aus diesem Hanf, den ich dir reiche, Seide spinnen und eine wirkliche wahre Lebensbeschreibung des großen Mannes entwerfen könntest.
Geboren ward unser Meister im Jahre des Heils 1313, zu einer Zeit also, da der König der Deutschen, Heinrich der VII., zum letztenmal versuchte, unser von den schwäbischen Kaisern, den Hohenstaufen, verwüstetes schönes Land unter Germanien zu bringen, und da der Herr der Christenheit, der selige Papst Clemens V., die Residenz St. Peters nach Avignon verlegte und damit die babylonische Gefangenschaft der Kirche begann. Wie sich um die Ehre, einen Homer der Welt geschenkt zu haben, sieben Städte in Griechenland wie Kinder um eine Brezel gezankt haben sollen, wissen bei Boccaccio die drei Städte Paris, Florenz und Certaldo im Gebiet von Siena nicht genau, in welcher von ihnen der Meister zuerst seine Augen aufgeschlagen hat. Ich weiß es auch nicht und hinterlasse die Entscheidung darüber als ein rechtes Fressen den gelehrten Männern, die nach mir kommen und die die Kirchenbücher und Archive danach durchstöbern mögen, bis sie geschliffene Gläser vor den Augen tragen müssen. Tatsache ist, daß er einmal irgendwo geboren worden ist, und daß er darum eine Mutter gehabt haben muß, wenngleich keiner sie kennt und er selbst sie nicht mehr kannte. Ob sie, mag sie nun eine hübsche Pariserin oder eine kluge Florentinerin gewesen sein, von Lorbeeren geträumt hat, da sie mit ihm schwanger ging, gleich der Mutter Dantes, das vermöchte nur ihr Beichtvater zu sagen. Und der ist lange tot wie sie. Einige Feinde unseres Meisters, sonderlich die, die sich ihr Gewissen an den anzüglichen Stellen in seinen Schriften wund und blau stoßen, meinen zwar, seine Mutter habe geträumt, sie läge unter einem Eichenbaum auf einer grünen Wiese neben einer klaren Quelle und habe dort einen Sohn geboren. Der habe sich eine Weile von den Eicheln genährt, die vom Baume herniederfielen, und sich plötzlich, so schien es ihr, in ein Schwein verwandelt. Das Tier sei dann grunzend in den Quell gestiegen und habe mit seinem Rüssel die Erde aufgewühlt, also daß ein Morast aus der Quelle geworden sei, der die ganze Wiese überschwemmt hätte. Alles dies deuten sie sinngemäß auf Boccaccio, einzig aus Wut darüber, daß er einen sittenlosen Mönch einen Schelmen heißt und eine nichtsnutzige Frauensperson ein Nickel. Wie es aber in Wahrheit um seine Frömmigkeit bestellt war, das weißt du, Bruder, der du ihm oft die Beichte abgenommen hast, besser als alle die, die Dreck am Stecken haben und damit nach ihm schlagen, nun er sich nicht mehr wehren und ihnen eine Nase drehen kann, über die noch in sechshundert Jahren die Menschen lachen würden.
Mit seinem Vater muß unser junger Boccaccio nicht gut gestanden haben, denn wo er seiner erwähnt, da geschieht es mit den Worten wie ‚ein fühlloser trübsinniger Greis‘ oder ‚ein roher, stets nur auf Gewinn bedachter Geizhals‘. Ausdrücke, über die man als unehrwürdige und unkindliche wahrlich mit ihm gram sein müsse, wenn anders man nicht bedächte, wie ein junger lebensfrischer Mensch, der Horaz und Ovid seine Kameraden nennen durfte, einen alten mürrischen Filz lieben sollte, der ihn über sechs Jahre lang zwang, kaufmännische Rechenkunst zu treiben, einzig aus dem Grunde, weil er sein Vater war. Und obgleich ein jeder Mensch dem jungen Boccaccio an den Augen ansah, daß er hinter dem Zahltisch Verse machte und abends im Bett Dante las, statt Zinseszinsen auszurechnen, so ruhte doch dieser sein nur auf das Geld erpichter Vater nicht damit, aus dem Sohn ein goldenes Kalb machen zu wollen. ‚Wenn du mehr zum Gelehrten taugst als zum Kommercemachen,‘ sagte er zum Sohn, als der von seinem Lehrmeister ihm als zu dumm zum Kaufmann wieder zugeschickt worden war, ‚so sollst du mir das Rechtsstudium ergreifen und die päpstlichen Gesetzsammlungen, das heilige kanonische Recht, statt deines gottvermaledeiten Dante auswendig lernen. Denn der Mensch ist auf der Welt da, um Gold zu machen, wie die Henne, um Eier auszubrüten. Und wer nicht das Vermögen seines Vaters zum mindesten verdoppelt, der ist ein Lumpenhund, ein Tagedieb, ein Schmarotzer, ein Taugegarnichts gewesen.‘
Mit diesen Zärtlichkeiten jagte der Alte unsern göttlichen Dichter in sechs weitere Sklavenjahre hinein, in denen Boccaccio sich vergeblich bemühte, die dicta Gratiani und die Dekretalen Gregors IX. in sein Gehirn unterzustopfen, das die Poesien aller Zeiten und Völker bereits in sich hereingeschmuggelt hatte. So daß er seit jenen Jahren einen wahren Haß gegen alles Juristische in sich verspürte, und wenn er eines Advokaten oder Notars ansichtig wurde, zu zittern begann, gleichwie ein Pferd, das von ferne ein Kamel herankommen sieht.
Kein Wunder war es demnach fast, daß unser Dichter, der von seinem Vater, wenn es eben anging, so weit weg lebte, wie Neapel von Florenz liegt, nicht mehr als fünf Tränen herausdrücken konnte, als ihm ein Bote die Nachricht brachte, daß dieser Vater an der Pest dahingegangen sei. Denn nun konnte er die Rechtsgelahrtheit mit gutem Gewissen denen überlassen, die besser damit fertig wurden als er. Er fuhr — es verdreußt mich, dieses von ihm zu vermelden — mit einer gewissen stillen Heiterkeit nach Florenz zurück und summte bisweilen Liedchen vor sich hin, die zu seiner schwarzen Trauerkleidung paßten wie eine Gitarre in eine Kirche. Und doch, wer von uns sündhaften Menschen hätte ihm darob lange böse sein können! Denn siehe, das Leben lag nun vor ihm so lustig und frei wie der dritte Tag des Dekameron: Er konnte jetzt dichten und singen von früh bis spät und selbst in der Nacht aufstehen und aus einem falschen Reim einen guten machen, denn am nächsten Tage hatte er ja nichts anderes, schlechteres zu tun. Er konnte ein Haus führen und einen Schmerbauch tragen — er nannte sich selber damals vor dem Spiegel ‚ein kleines Faß‘. Er konnte im Sommer in Certaldo Blumen zum Kranze und Worte zu Gedichten winden. Er konnte seinen Freund und Meister Petrarka zu sich laden, so oft er wollte und jener es ihm gewährte, und konnte mit ihm wochenlang über die großen Sänger und Männer des Altertums disputieren, eine Beschäftigung, die sie etwas vermessentlich ‚Humanismus‘ tauften, nicht anders als ob die Christenmenschen seither bis auf sie im Zustand der wilden Säue gelebt hätten!
Sein Glück vollkommen zu machen, war unser Boccaccio nicht verheiratet, denn die Liebe seiner Fiammetta war nur ein Flämmchen und kein Kochofen geworden. Und wie sein Freund und Meister Petrarka die herrliche Laura nur wenige Male gesehen hatte, um sie dann unaufhörlich besingen zu können, so erging es auch unserm Dichter mit seiner Fiammetta, welche bekanntlich als Tochter König Roberts von Neapel ein Kind der Liebe war, was einige ja auch von unserm Boccaccio selber behaupten. Feststeht, daß Fiammetta schon verheiratet und Mutter war, als der Dichter am Ostersonnabend des Jahres 1338 in der San Lorenzokirche bei der Frühmesse zum ersten Male die schöne Neapolitanerin in grünem Kleide erblickte.
So sehr aber trug unser Poet ihr Bild in seinem Herzen, daß er erst, als viele Jahre hinter diesem Blick lagen, noch einmal sein Herz an ein Weibsbild, eine schöne und reiche Witwe zu Florenz, verlor. Diese aber, die drei andere Männer im Sinne hatte, sah nicht das Feuer des Prometheus in seinen Augen, sondern nur den Gran-Sasso seines Bauches, und wies seine Werbung mit spitzen und garstigen Reden ab. Ein Ofen, der keinen Abzug hat, der qualmt und raucht, bis allen die Augen laufen, und so unser Meister auch nach dieser Niederlage: Er schrieb jene Schmähschrift gegen die Weiber, genannt „Corbaccio“, in der er selber wie ein wütender, alles zerhackender Rabe auf das Geschlecht der Frauen, dem doch auch seine gepriesene Fiammetta angehörte, losfuhr und sie allesamt beschimpft hat, daß man es, wenn man dies Buch gelesen, leicht mit tausend Xantippen aufnehmen könnte, so viele häßliche Worte und Gründe hat er einem damit gegen sie in den Mund gegeben. Recht wie ein Herodes unter die Kinder fällt unser Boccaccio hier zwischen die Frauen, und er hat sich für diese eine, die ihn nicht nahm, an ihnen allen gerächt als ein persischer Wüterich, der das Meer mit Ruten schlagen ließ. Und die Frauen müssen doch wohl da sein, wenngleich — darin hat er recht! — ohne sie viel weniger Sünden auf der Welt wären.
Von dem Alter des Meister Boccaccio kann ich dir, Bruder Ciani, weniger berichten. Und weißt du selbst ja auch mehr davon als ich. Denn du warst doch der wackere Soldat unserer Kirche, der du auf Geheiß deines Ordensmeisters Pietro de Petroni von Siena dich aufmachtest, um nach der Weisung dieses deines verstorbenen Oberen den fast fünfzigjährigen Boccaccio zur Buße und zur Umkehr von seinem sittenlosen Lebenswandel zu ermahnen. Du selbst hast es mir oft erzählt, wie er da unter der Wucht deiner Predigten zusammenschmolz wie eine Kerze, wenn der Wind über sie fährt, wie er weinte wie ein Kind, wenn er seiner lockeren Schriften und dann der Hölle gedachte, wie er in sich ging und es als Gottes Strafgericht hinnahm, daß seine drei Kinder, die er außer christlicher Ehe in die Welt gesetzt hatte, alle längst vor ihm dahingegangen waren. ‚Mein Töchterchen Violante ist gestorben,‘ schrieb er mir damals, ‚sie war fünfeinhalb Jahr alt. Von Kindern, die in diesem Alter sterben, glauben wir, daß sie Engel werden.‘ Du weißt es, mein Bruder, besser noch als ich, daß er seinen Frieden mit der Erde und dem Himmel gemacht hatte, als er selbst zweiundsechzigjährig zu Certaldo von Gott abberufen wurde. Du weißt, daß er mit jenen losen Geschichtchen von uns Mönchen oder Äbten oder Priestern nur diejenigen unserer Klerisei am Hemd gezupft hat, die es nicht besser verdient haben. Denn in unserer Zeit liegt die Geistlichkeit oft im argen, und manch einer von uns scheint mehr die Zotologie als die Theologie studiert zu haben, so daß es hohe Zeit ist, daß einer einmal kommt, diesen Augiasstall auszufegen und unsere Kirche an Haupt und Gliedern zu reformieren. Derowegen wollen wir unserm Boccaccio nicht über das Grab hinaus zürnen, der in seinen zehn Tagen des ‚Dekameron‘ eine Welt aufgebaut hat, die nicht anders ist als die, die unser Herrgott in sechs Tagen geschaffen hat, das ist voller Farben und Schatten, voller Freuden und Schmerzen und voller Tugenden und Schlechtigkeiten, alles durcheinander vermenget bis zum jüngsten Tage.
So: Mehr weiß ich dir nicht weder zum Ruhme noch zum Tadel des Meister Boccaccio zu berichten. Wer es besser kann, der mache es besser!“