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Schattenbilder

Adelbert v. Chamisso

Reading edition

Drei Tage aus dem Leben Chamissos geben ein anschauliches klares Bild von dem Schicksal und dem Wesen dieses deutschen Dichters, der zeitlebens besser und schneller französisch als deutsch geredet und verstanden hat, und der in der Nacht vor seinem Tode unaufhörlich in der Sprache Frankreichs von seiner Kindheit phantasierte.

Der erste Tag war ein strenger Wintertag im Jahre 1790. Der Schnee lag schon fußhoch in den meilenweiten stillen Wäldern, die sich um Boncourt, das Stammschloß der Chamissos in der Champagne, ausdehnten. Der neunjährige Adelbert hatte den Nachmittag mit seinen Schlittschuhen auf dem Weiher vor dem Schlosse zugebracht und war wohl fünfzigmal in stummen Träumereien unter der steinernen, schneebedeckten Brücke hin und her gelaufen, abseits von den Geschwistern, die, in vornehme Pelze und Schals gehüllt, Bonbons lutschten und dabei von Paris, der Königin Marie Antoinette und dem nächsten Hofball plauderten. Eine strenge mürrische Erzieherin — denn die Eltern verkehrten damals nur par distance mit ihren Kindern — brachte den Kleinen ins Bett, und dort, in einem großen, weißen und goldenen Rokokosaal, den ein Kaminfeuer voll Scheitholz und Tannenzapfen durchwärmte, träumte das Kind unter Spitzenvorhängen mit geschlossenen Augen weiter, wie es vorhin auf dem weißen Eise mit offenen Augen von einer märchenhaften Zukunft geträumt hatte. Mitten in der Nacht wurde der kleine Adelbert von einem wahren Höllenlärm aufgeweckt. Drunten in der dunklen Stille hörte man wilde Männerstimmen die Carmagnole johlen, die Hunde bellten und erdrosselten sich vor Wut beinahe selber an ihren Ketten. Nun pfiffen Flintenschüsse durch die Nacht. Scheiben klirrten. In dem Vogelhaus hinter dem Brunnen mit der Sphinx hörte man die Hühner vor Angst gackern, und es war, als ob der Lärm der Männer von Minute zu Minute näher käme. Der Knabe sah beim Kerzenschein seine Eltern voll Angst im Saale hin und her laufen, die Geschwister fingen an zu weinen. Dann wurde er von einem alten Diener ergriffen, in das Kissen seines Bettes gepackt und in einen großen Schlitten getragen, der hinter dem Schlosse wartete. Die Eltern und Geschwister kamen zitternd und wimmernd gleich hinterher. Die Revolutionsmänner hatten indes schon die Scheune und die Dienerschaftsräume angesteckt. Es war so hell geworden, daß man die Tauben erschreckt um den Turm mit der Sonnenuhr flattern sah, auf der man deutlich die grün-goldenen Ziffern erkannte. Die Luft war von dem Feuer ganz warm geworden, und der kleine Adelbert, dem ganz sonderbar bei diesem schönen und schrecklichen Traumgesicht zumute wurde, sah nur noch, wie ein Mann im Bauernkittel wütend das Wappenschild der Chamissos, einen stehenden und einen ruhenden Löwen, von dem Tor im Burghof herunterriß. Dann zogen die Pferde an, und der Schlitten mit den lebenden Überresten von Schloß Boncourt fuhr eilig der Grenze zu. Am andern Morgen, als der Knabe erwachte und zu seinem Feigenbaum heruntergehen wollte, erzählte ihm die Mutter mit Tränen, daß alles eingeäschert sei, und nach wenigen Wochen sah er sich mit den Seinen in einer elenden Mietwohnung zu Düsseldorf am Rhein, wo die völlig mittellosen Eltern mit sich zu Rate gingen, ob ihr vierter Sohn Adelbert oder vielmehr Louis Charles Adelaide Comte de Chamisso, Vicomte d’Ormond et Seigneur de Boncourt, nicht am besten zu einem Tischler in die Lehre treten sollte.

Der zweite bedeutungsvolle Tag im Leben unseres Dichters war im Herbst des Jahres 1805. Er war mittlerweile, da seine Hände doch zu viele vornehme nichtstuende Ahnen gehabt hatten, um das Schreinern erlernen zu können, Page am preußischen Hofe und dann Leutnant im preußischen Linien-Infanterie-Regiment „von Goetze“ geworden. Allerdings brachte er auch für dieses Handwerk nicht das rechte Talent mit. Der Sinn für die Wichtigkeit der Gewehrgriffe oder des Lederzeugs und die Bedeutung der Feldsignale ging ihm völlig ab, so daß er vor seinem Oberst durchaus nicht die rühmliche Rolle wie später vor Apollo gespielt hat. „O dieser Oberst!“ schrieb er nach Jahren auf seiner Weltreise in dem Hafen von Hawaii in sein „Tagebuch“, als er wieder einmal wie unsereins von der Schule von ihm geträumt hatte, „er hat mich, ein schrecklicher Popanz, durch die Meere aller fünf Weltteile, wann ich meine Kompagnie nicht finden konnte, wann ich ohne Degen auf die Parade kam, wann — was weiß ich, unablässig verfolgt, und immer sein fürchterlicher Ruf: „Aber Herr Leutnant! Aber Herr Leutnant!“

An jenem Herbstabend Anno 1805 kam unser Chamisso spät vom Dienst aus seiner Kaserne zu Potsdam. Man hatte ihm soeben mitgeteilt, daß der Krieg mit Napoleon und Frankreich nun bald bevorstehe, und daß man Marschordre bekommen und ins Feld rücken werde. Chamisso warf noch einen Blick auf das kahle zweistöckige Soldatenhaus, lauschte den Hörnern, die an allen vier Ecken des Kastens zu Bett bliesen, und wandte sich seufzend zum Gehen, wobei er über seinen Degen stolperte. „Sie alle haben ihre Heimat und ihr Vaterland,“ grübelte er vor sich hin, „auf das sie stolz sind, und dem sie dienen können!“ Seine Eltern und seine Geschwister waren längst wieder über den Rhein heimgekehrt, und suchten unter Napoleon das wiederzufinden, was sie unter Ludwig verloren hatten. Er allein besaß kein Vaterland mehr unter und hinter sich, und gegen das, was er gehabt hatte, sollte er nun das Schwert führen, das ihm an der Seite baumelte. Eine bittere Melancholie überkam ihn, und seine Seele ward tieftraurig in dieser erbärmlichen, erbärmlichen Welt. Die Wut seiner Kameraden gegen Napoleon, die diesen Dämon immer „einen Teufel und ein Scheusal“ schimpften, konnte er nicht mitfühlen. Und wie vermochte er erst die Franzosen zu hassen, in deren Sprache er mehr als die Hälfte seiner Gedanken dachte! Er zog heimlich auf der dunklen Straße seinen Degen aus der Scheide und betrachtete ihn wehmütig, wie ein Schmetterling sich ein Stück Bindfaden besieht, und er kam sich plötzlich wie ein Chevalier ohne Land, ein Reiter ohne Pferd oder wie ein armer Jude und Schlemihl vor, und es schien ihm im trüben Schein der Potsdamer Öllaterne, als habe er sogar seinen Schatten verloren. Er weinte im Finstern ein paar stille Tränen zum Erstaunen der geraden Stadt Potsdam, in der nachts die Häuser exerzieren, und die so etwas höchst selten sah, und kam traurig wie eine Nachtmütze vor seine Mietswohnung. Oben an seinem Schreibtisch erst, bei seiner Studierlampe und vor seinen Büchern fand er, Shakespeare, Schiller und Goethe um sich, seinen Frieden wieder, und er übersetzte Rousseaus Ode:

„Pourquoi, plaintive Philomèle, Songer encore à vos malheurs?“

ins Deutsche, während drunten auf der Gasse ein betrunkener preußischer Patriot „Nieder mit Napolium!“ vor sich hingröhlte.

Der dritte Tag im Leben Chamissos, der uns sein Bild vervollständigt, war im Sommer des Jahres 1828. Vor dem Geschick, gegen Frankreich das Schwert zu führen, hatte ihn vor sechzehn Jahren die schmähliche Kapitulation der Festung Hameln, in der er mit seinem Regiment gelegen hatte, bewahrt. Er war nach Frankreich heimgekehrt und hatte versucht, wieder Franzose zu werden. Aber vergebens! Ein kurzes Gespräch mit Uhland, der zu gleicher Zeit mit ihm in Paris weilte, dünkte ihm schöner als eine Woche am Hofe Napoleons. Selbst die Verführungskunst der Frau von Staël, die gleich ihm eine Verbannte war, und die ihm um ein süßes Gramm mehr als eine Freundin zugetan war, machte ihn nicht wieder zum Franzosen. Es schien ihm, als könnte er nie mehr Ruhe finden. Es ging ihm mit dieser schönen Frau wie mit seinem Vaterlande, sie zog ihn an, und er floh innerlich vor ihr. So zwischen Frankreich und Deutschland hin und her gewürfelt hatte er seltsamerweise seine Ruhe erst auf einer großen dreijährigen Weltreise gewonnen, die er auf einem russischen Schiffe unternahm. Wie Peter Schlemihl den Verlust seines Schattens endlich vergessen konnte, als er die Siebenmeilenstiefel gefunden hatte, so erging es Chamisso, als er an den weltentlegenen glücklichen Inseln des Stillen Ozeans landete und angesichts fröhlicher anspruchsloser sogenannter „Wilder“ einsah, daß für den weisen Menschen überall das Vaterland ist.

Nun war er schon seit zehn Jahren in Berlin, hatte den Leutnantsrock längst vergessen und sich statt dessen mit Steinen und Pflanzen angefreundet, die nach seinem Bekenntnis „viel mehr Verstand als alle Rekruten hatten“. An einem Sommertage nun hatte ihn sein Freund Hitzig, auch ein früherer Schattenloser, der sich darum ein „H“ vor den Namen „Itzig“ gestohlen hatte, von der Stettiner Post abgeholt. Chamisso, oder, — er hatte sogar jetzt einen Titel hinter sich, — „der Kustos des botanischen Gartens zu Berlin“, war mit einer riesigen Botanisiertrommel und einem Barometerkasten auf dem Buckel draußen in der Mark gewesen, um „Heu“ für seine Herbarien einzusammeln. Nun wanderte er rüstig mit seinen guten Spazierhölzern neben seinem Freunde die lange Friedrichstraße hinauf nach Hause. Und als er die Leute hinter sich, die dem wunderlichen Mann mit den langen Haaren und der Botanisiertrommel nachsahen, respektvoll flüstern hörte: „Der Dichter Chamisso!“ und als er bedachte, daß nach ein paar Schritten ein Haus kam, in dem sein Weib auf ihn wartete und seine fünf Jungen ihn mit dem Kriegsgesang „Arocha“ von den Sandwichinseln begrüßen würden, den er ihnen beigebracht hatte, da wurde ihm so ausgelassen zumute, daß er zum Erstaunen Hitzigs und der Friedrichstraße auf einem Bein zu tanzen anfing. Ja, es war wahr geworden, was er kaum gehofft hatte: Mit fünfzig Jahren war er zum deutschen Dichter geworden, und war das heute, was Uhland der Deutsche mit dreißig Jahren gewesen war, und aus dem „passivsten Tier der Welt“, wie er sich selbst in den Jahren des Hin- und Herschwankens getauft hatte, war einer der fleißigsten Menschen geworden. Er dachte daran und es wurde ihm warm dabei, daß er mit dem „Heu“ von draußen ein paar frische Gedichte für seine Frau mitgebracht, der er von der Reise geschrieben hatte: „Vergiß nicht die Rosen, vergiß nicht, die Blumen in meinem Garten zu begießen, vergiß nicht, den Sperlingen unter meinem Fenster Futter zu streuen, und vergiß nicht, den Jungen die Buchstaben beizubringen. Ich bringe mich dir wieder ganz, wie ich dich verlassen habe.“

Und auf einmal fiel er dem sprachlosen Hitzig vor lauter Jubel auf der Straße um den Hals: „Weißt du, welches Motto ich meinen gesammelten Gedichten voranstellen will? Die Verse, die Goethe dem Tasso in den Mund legt, wie er seine Dichtung seinem Fürsten bringt:

„Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich! Daß Freunde seiner schonend sich erfreu’n, So kann auch ich nur sagen: Nimm es hin!“

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