Ludwig Tieck
Reading edition
„Süße Liebe denkt in Tönen, denn Gedanken stehn zu fern.“
Eines Nachts träumte Tieck, wovon er häufig träumte, daß er eine seiner berühmten Vorlesungen abhalte. Es war noch in Dresden, wo er in einem Eckhaus am Altmarkt wöchentlich zweimal die Zuhörer um sein Lesepult versammelte. Jeder Bekannte wie jeder gebildete Fremde hatte freien Zutritt zu diesen Abenden. Und kein Mensch von Namen und Ruf, der durch Dresden reiste, versäumte einer solchen Vorlesung beizuwohnen, so daß Tieck mit diesen Veranstaltungen geradezu seinem Hoftheater, als dessen Dramaturg er für 700 Taler im Jahr angestellt war, selber Abbruch tat.
Schon schienen ihm in seinem Traum einige Menschen anwesend zu sein. Es war kurz vor Beginn seiner Vorlesung, die mit dem Glockenschlag sieben abends anzuheben pflegte. In dem Raum, den rings an den Wänden seine sechzehntausend Bücher umglänzten, herrschte wie vor dem Anfang eines Stücks im Theater jene gespannte Stimmung, die ihm beinahe noch lieber war als das nachfolgende eigentliche Spiel. Eine Stimmung, wie er sie im Prolog zu seinem „Gestiefelten Kater“ gemalt hat: Man schwatzte durcheinander. Man rückte auf den Stühlen zurecht. Seine weißhaarige Dienerin Friederike schob für zwei hinzukommende österreichische Herren, die mit Orden geschmückt waren, noch zwei Prunksessel ein. Seine Frauen erschienen: Seine etwas hausbackene Gattin Amalie, die ihm früh vermählte, in der Jugend heißgeliebte Pastorentochter, die, bevor sie sich setzte, noch das Deckchen an ihrem Ohrenstuhl zurechtzupfte. Und seine Freundin, die Gräfin Finkenstein, über ihren entzündeten schwachen Augen einen grünen Schutzschirm tragend, die im Vorbeigehen zwei Fräulein, die mit Handarbeiten beschäftigt waren, streng anherrschte: „Nicht stricken, meine Damen! Das verträgt der Dichter nicht.“ Und zwischen den beiden seine kluge Tochter Dorothea, die Übersetzerin, sein „bestes Werk“, wie seine Feinde sie bezeichneten, mit ihrer hohen, vom Vater ererbten schwermütigen Stirn, ein wenig näher zur Mutter als zur Gräfin geneigt.
Noch eine kurze Pause, während der die alte Friederike aus dem Nebenzimmer das Lesetischchen mit den zwei Wachskerzen holte. Und nun trat er selbst herein: die kleine von der Gicht völlig verkrümmte Gestalt im feierlich altmodischen Frack und mit einem dicken Knoten im weißen Halstuch. Die beiden Kinderaugen in seinem glatten Gesicht, das in Paris jeden an den großen Napoleon erinnert hatte, glänzten heller als die zwei Kerzen, zwischen die er sich jetzt niedersetzte. Der Augenblick der höchsten Spannung war da, der, wo er den aufhorchenden Gästen verkündete, was er heute vorlesen würde. Seine herrliche, volltönende Stimme klang laut und priesterlich in die lauschende Stube:
„Leben und Tod der heiligen Genoveva, ein Trauerspiel von Ludwig Tieck.“
Ergebungsvoll sanken einige der anwesenden Damen, die das Stück vielleicht schon kannten, in ihre Stühle zurück. Die Gräfin Finkenstein funkelte sie mit zornigen Falkenblicken an: „Jawohl, meine Damen!“ hörte der Dichter sie zu seinem Erstaunen mit spöttischer Stimme sprechen: „Es dauert volle drei Stunden.“
Da begann er schon vorzulesen und seinen heiligen Bonifacius mit Schwert und Palmenzweigen einzuführen:
„Ich bin der wackre Bonifacius, Der einst von Englands Ufern in die Wälder Der Deutschen Christus’ heil’gen Glauben brachte.“
Aber schon wieder war er unterbrochen. Irgendeiner fing an zu gähnen. Und weil dies ein leicht ansteckender Gesichtsausdruck ist, tat bald der eine, bald die andere dem Gähnenden nach, daß der vorlesende Dichter sich bald einem ganzen Auditorium von weit geöffneten Mäulern gegenübersah.
„Ehe diese Leute mich zum besten haben, will ich ihnen selber einen Schabernack spielen!“ dachte der Dichter im Traum. Er blätterte unbemerkt in dem Band seiner „Gesammelten Schriften“ zurück und las:
Fischer: Ich möchte fast nach Hause gehn, denn ich fürchte toll zu werden.
Bötticher: Es ist beinahe, als wenn es der Dichter drauf angelegt hätte.
Müller: Ein exzellenter Kunstgenuß, toll zu sein, das muß ich gestehn.
Die Worte, die der Dichter gesprochen hatte, stammten aus seinem Kindermärchen vom „gestiefelten Kater“. Das Publikum spricht sie dort in das Stück hinein. Sein eigenes Publikum fuhr fort zu gähnen; allerdings schon etwas gelinder. Da las er ihm, weiter ins Buch greifend, den Schluß vor:
Souffleur: Versuchen Sie ein paar Verse zu machen, Herr Dichter, vielleicht bekommen sie dann mehr Respekt vor Ihnen.
Dichter (gegen das Parterre):
„Publikum, soll mich dein Urteil nur einigermaßen belehren, Zeige, daß du mich nur einigermaßen verstehst.“
Im Traum sah Ludwig Tieck hierbei von seinem Buch auf. Die Zuhörer vor ihm schienen nichts davon zu merken, daß er sich über sie lustig machte mit seinem Vorlesen. Der Rat des Souffleurs leuchtete ihm ein. Er deklamierte leise die Verse:
„Frisch und froh Ohne Ach! und O! Vergehen, Verwehen, Die Tage mir so!“
Das war wieder aus seiner „Genoveva“. Das Lied eines Schäfers. Kecker geworden setzte der Dichter mit einem schelmischen Blick in sein Auditorium hinzu:
„Ruhe, Süßliebchen, im Schatten Der grünen, dämmernden Nacht!“
Dies rührte aus seiner wundersamen Liebesgeschichte von der schönen Magelone her.
Nun wurde der träumende Dichter ganz verwegen und reihte noch den Vogelgesang aus seiner Novelle vom „blonden Eckbert“ unvermittelt an:
„Waldeinsamkeit, die mich erfreut, In ew’ger Zeit, o wie mich freut, So morgen wie heut, Waldeinsamkeit.“
Schon als er das erste Wort dieses Gedichtes sprach, ward ihm etwas unheimlich zumut, als ob er gefühlt hätte, daß er zu weit gegangen wäre. Und in der Tat! Es erhob sich in diesem Augenblick aus der schweigenden Schar seiner Zuhörer ein Mann, der im Schein der Kerzen einen schwarzen Schatten über ihn warf und den Dichter folgendermaßen andonnerte: „Mein Herr! Was unterstehen Sie sich aus Ihrem Publikum einen solchen Narren zu machen, wie Sie selber einer sind!“
Ludwig Tieck (im Traum): „Ahnte mir doch ein Unheil! Bei meinem melancholischen Gemüt! Sie sind ein Kunstrichter, nicht wahr?“
Der Kunstrichter: „So ist es. Ich habe mich erhoben als Sachwalter der überreichen Begabung, mit der ein Genius Sie bei Ihrer Geburt ausgestattet hat. Wissen Sie, daß Sie der leichtfertigste Poet sind, der jemals von den Musen gehätschelt worden ist? Was können Sie nicht: Gedichte, Novellen, Romane und Stücke purzeln Ihnen nur so aus Ihrem Kopf wie Spielwaren aus Ihrem geliebten Nürnberg. Aber alles ist oberflächlich gemacht. Hingehuschelt, wie Frau Aja sagte. Sie arbeiten zu viel und vor allem zu schnell. Muß denn ein Stück wie ‚Ritter Blaubart‘ beinahe an einem Abend hingerast werden und ein sechsaktiges Spiel wie ‚Prinz Zerbino‘ in drei Tagen? Sehen Sie sich Goethe und Shakespeare, Ihre Muster, an, zwischen denen Sie lichtempfangend wie dort oben zwischen den zwei Kerzen sitzen, und — — —“
Ludwig Tieck unterbrach an dieser Stelle, wie er sich am Morgen nach dem Erwachen genau erinnerte, die lange Strafpredigt seines Kritikus dadurch, daß er ironisch lächelnd mit seinen bloßen Fingern die Kerzen zu seinen beiden Seiten schneuzte. Ganz deutlich hatte er dabei den brennenden Schmerz in seinen Fingerspitzen gefühlt. Vermutlich ein Zucken der Handgicht, die ihn zuweilen zwickte.
Dann war er wieder eingeschlafen. Und sein Traum hatte sich fortgesetzt. Aber diesmal befand er sich unter den Zuhörern. Am Lesepult saß zu seinem komischen Schrecken ein anderer als er. Nämlich sein alter Freund und späterer großer Gegner, der Berliner Aufklärer Friedrich Nicolai. Er hielt in seiner Hand ein Glas, in dem algengleich ein molluskenartiges Geschöpf herumschwamm, dem eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit Tieck selber nicht abzusprechen war: „Sie sehen hier“, so begann Nicolai mit seiner kratzbürstigen preußischen Stimme zu dozieren, „in dieser Retorte eingefangen den Affen Goethes, genannt Ludwig Tieck. Ursprünglich mit reiner Vernunft begabt, verkrümmte sich dieser Berliner Junge unter dem Einfluß der Lektüre der Bänkelsängereien des sechzehnten Säkuli zu einem qualligen, romantischen Seeuntier. Lachen Sie nicht! Es ist zum Weinen und zum katholisch werden! Was ihm, wie ich vernehme, seine Frau und seine Tochter bereits vorgemacht haben sollen. Nur der Rest von gesundem Menschenverstand, der ihm von seinem biederen Vater, einem Seilermeister aus der alten Roßstraße vermacht worden ist, hat dies letzte verhindert. Heiliger Lessing! Und so etwas muß ausgerechnet in unserm Berlin jeboren werden. Warten Sie, meine Besten! Ich will Ihnen nunmehr ein Kunststück vormachen. Ich werde mit dem Verstand an diese poetische Mißgeburt herangehen.“
Der alte Nicolai stülpte das Glas um, blies dreimal kalt darauf: „Was sehen Sie, meine Teuersten? Es ist leer. Leer wie seine ganze Dichterei.“
Jetzt erhob sich in den Ohren des träumenden Dichters plötzlich eine andere Stimme, eine viel weichere weltmännische. Sie ging von einem jungen Manne aus, der sich unversehens aus den Zuhörerreihen als Opponent erhoben hatte. Und wie Tieck weiter lauschte, war es der geistige Genosse seiner Jugend, Friedrich Schlegel, der dem alten Nicolai in die Parade fuhr: „Wir haben Sie nicht nötig und Ihre Rezensionen, die neueste Literatur betreffend. Schweigen Sie! Sie blamieren sich hier nur. Wir machen unsere Kritik selber, wir Romantiker. Merken Sie denn nicht endlich, daß Sie bei der Beurteilung seiner Werke von ganz verkehrten Voraussetzungen und Forderungen ausgehen, Sie Nachtwächter? Blasen Sie Ihre Laterne aus. Was schleifen Sie mit ihr noch durch den Morgentau herum? Hören Sie nicht diese Melodie, Sie Stocktauber?“
Und wahrhaftig, man hörte jetzt eine merkwürdige Weise. Wie ein altes Lied schien sie aus einer versunkenen Grotte im Runenberg zu sumsen. Und sie tönte ähnlich wie jene Schauerromanze Tiecks, „Die Zeichen im Walde“ genannt, die aus einhundertvierzehn auf „u“ anklingenden Strophen bestand. Zwischendurch schien eine Fiedel ganz hell zu singen, so wie Wackenroders und Novalis’ früh verhallte Stimmen gesprochen hatten: „Laßt ihn doch! Er ist ein Dichter.“ „Dank Euch, meine beiden Lieblinge,“ lispelte Tieck im Traum. Und ein Lächeln sprang über sein Gesicht. Immer lauter überdröhnte nun alles die dumpfe Melodie, die aus der Welt hervorwuchs: „Bim-baum! Bim-baum!“
Da erwachte der Dichter Tieck in seinem Berliner Zimmer in der Friedrichstraße von den Morgenglocken, die von der französischen Kirche tönten. An seinem Bett stand sein Diener mit einem schwarzen Samtrock, um dem Achtzigjährigen beim Ankleiden zu helfen. Tieck strich sich über seine Brauen: „Was hab’ ich mir da wieder zusammengeträumt! Welch ein Tag ist heute?“ frug er den Diener. „Sonntag, Herr Hofrat! Hören Sie es nicht an dem Läuten.“ „Ach ja!“ lächelte der fromme Tieck. „Für einen Dichter ist immer Sonntag. Den andern Menschen muß man es ansagen.“
Jetzt erschien auch der junge Köpke, sein getreuer Eckermann. Er brachte dem Meister einen Gipsabguß von der Büste seines Königs Friedrich Wilhelms des Vierten. Tiecks Bruder, der Bildhauer, hatte das Original gemacht. „Welch eine schöne Morgengabe!“ dankte der königstreue Sänger dem Jünger. „Was haben Sie noch in der Hand?“ fragte er. „Den Wochenspielplan der Berliner Theater.“ „Ach! Legen Sie ihn hinten zu den ungelesenen Zeitungen in die Ecke! In das Zimmer, in dem einst meine sechzehntausend Bücher standen, die ich in der letzten Woche alle verkauft habe! Weg mit dem Ballast vor der letzten Fahrt! Die Gescheitheit ist uns nur im Wege auf der Reise zu Gott. Wochenspielplan! Was kümmern mich die Herren Gutzkow und Laube! Mich führt doch keine Bühne auf. Man hat mich vergessen. Aber was tut’s? Darum bleibt doch für einen Dichter alle Tage Sonntag.“