Heinrich Heine
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Die Rheinländer haben unserm Volke und unserer Geschichte nicht viele große Männer geschenkt. In der kurzen Spanne Zeit, der Handvoll von Jahrhunderten, die uns moderne Deutsche von den mit Tierfellen bedeckten, Jagd und Fischerei treibenden, unhistorischen Germanen, unseren Vorfahren, trennen, haben die Rheinländer nur wenige bedeutende Männer hervorgebracht, die einen gewaltigen, bleibenden Anteil an der Kulturarbeit in unserem Volke gehabt, die ihren Namen über die Jahrhunderte glänzend und für die Geschichte Deutschlands unvergeßlich gemacht haben.
Sachsen, Schwaben und Schlesien haben vor allem unserm Vaterland in der Literatur, der Philosophie, in der Kunst und den Wissenschaften die führenden Geister gegeben, die das Gedanken- und Empfindungsleben unseres Volkes geschaffen und zum Ausdruck gebracht haben. In wirtschaftlicher Hinsicht allen anderen Stämmen unseres Vaterlandes überlegen, haben die Rheinlande für die Kunst nur ein verhältnismäßig kleines Kontingent von großen Meistern gestellt. Beethoven, den sie in der Musik haben, ist eigentlich nur ein Zufallsrheinländer. Dreiviertel seines Lebens hat er in Wien zugebracht, und der Grundcharakter seines Wesens und seiner unendlichen Musik ist nicht rheinisch gewesen. Goethe ist von Geburt ein Mittelfranke, kein eigentlicher Rheinländer. Und der einzige auch als Persönlichkeit bedeutungsvolle Dichter, den sie bisher in der Literaturgeschichte aufzuweisen haben, der am Rheine geboren und groß geworden ist, dessen Name, nennt man die besten Namen, immer genannt werden wird, ist ein Jude gewesen: Heinrich Heine.
Die meisten Literaturhistoriker haben das Phänomen Heinrich Heine unter den Deutschen — denn ein solches ist er unter unseren Dichtern gewesen und geblieben! — lediglich aus seinem Judentum zu erklären versucht. Die Selbstironie in seinem Wesen wie in seinem Dichten, der Sarkasmus, mit dem sich fast ein jedes seiner Gedichte zum Schluß selbst in den Schwanz beißt, die Spottsucht, die hinter jedem Ernst nach seinem Witz sucht, das alles hat man als ein Charakteristikum seines Volkes, seiner Rasse bezeichnet und gegeißelt. Man muß zugeben, daß sich diese skeptische, ironisierende Neigung, die mit sich selbst gern Schindluder treibt, vielfach bei den Juden, die jahrhundertelang wie die Kellertiere von der Sonnenseite des Lebens und Wirkens ferngehalten worden sind, ausgebildet hat. Aber diese Selbstironie, diese Spottlust bei den Juden, die sich meist in Kalauern und Börsenwitzen ein Genüge tut, ist doch mehr Kopfarbeit und mehr Galgenhumor, als eigene eingeborene Empfindung, mehr eine Notwehr des Verstandes, denn ein Erbteil des Herzens. So sehen wir ja auch unsere heutigen frei gewordenen Juden immer weniger Gebrauch von einer bitteren Selbstbespottung machen, mit der sie einstmals vor Verzweiflung Rache am eigenen Schicksal nahmen. Nicht eigentlich jüdisch ist also diese Selbstironie, diese Zwiespaltigkeit des Innern, die sich immer als Doppelgänger sieht, diese unüberwindliche Scheu vor allem Pathetischen, diese quälerische Lust, allem Ernsten eine Fratze zu ziehen. Nein, alle, die Rheinländer sind, fühlen, daß dies ihre eigene tragikomische Domäne der Empfindungen ist, daß Heine nur das Echo ihres Herzens war, und daß sein Blut wie das ihre geklungen hat, mag er immerhin außerdem ein Jude gewesen sein.
Dieser Kern des Heineschen Wesens und Dichtens, diese Angst vor der Phrase, diese Furcht vor der Lächerlichkeit, diese Scheu vor den eigenen Tränen, die sich ihr Gemüt zu zeigen schämt, die ist typisch rheinisch, die stammt aus Düsseldorf und nicht aus Palästina. Wenn ihn jedes Große, dem er im Leben begegnet, zwingt, ihm den Witz abzugucken, wenn er alle Dinge, alles Erleben komisch zu nehmen sucht, wenn er sich selbst in der Matratzengruft in Paris, wo er die letzten acht Jahre seines Lebens fast gelähmt zubrachte, zu einem schlechten Spaß machte, so ist das echt rheinisch empfunden.
Aus dem Judentum Heines heraus hat man auch immer den zweiten Hauptvorwurf begründet, mit dem man ihn vor und nach seinem Tode wie einen herrenlosen Hund beschimpft hat: Er sei kein Deutscher, kein Patriot, sondern ein Verräter und Franzosenfreund gewesen. Nun sind die Rheinländer ihrem Naturell und ihren Neigungen nach schon mit dem benachbarten, weintrinkenden Volk der Gallier verwandt. Ja, sie fühlten sich durch häufige Berührung und geistigen Austausch jahrhundertelang, eh’ die Erbfeindschaft entstand, als Halbfranzosen. Ein Vorwurf der erwähnten Art trifft Heine also nicht so furchtbar schwer, wie die Franzosenfresser glauben. Wir denken ja alle seit 1870 Gott sei Dank ein wenig anders und milder und menschlicher über diese Dinge. Wir geraten nicht gleich mehr in furor teutonicus, wenn wir an Frankreich und Paris denken. Der Gedanke: „Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze“, berauscht uns nicht mehr so wie unsere Voreltern, weil er uns selbstverständlich geworden ist. Der Erz- und Erbfeind, in dessen Hauptstadt wir in acht Stunden gelangen können, ist uns naturgemäß nicht mehr so fremd und fürchterlich als wie vor fünfzig Jahren noch. Und es ist ein erfreuliches Zeichen unserer Kultur, daß man begonnen hat, auch in den Schulen unserer Jugend nicht mehr die Tollwut gegen alles, was französisch heißt, einzuimpfen.
Denken wir nur kurz an die Zeit zurück, in der Heinrich Heine vom Jüngling zum Manne reifte, also in dem Alter war, in dem sich die politische Gesinnung im Menschen bildet. Es war die Zeit für Deutschland, wo Metternich Politik machte, wo die finstere Reaktion gegen jeden Fortschritt vom Rhein bis zur Memel die Gemüter niederdrückte. War es da einem Manne zu verdenken, wenn er nach Frankreich hinüberschaute und sich hinübersehnte, wo der durch die Revolution einmal entfesselte Wille zur Freiheit sich nicht niederducken lassen wollte, sondern sich hintereinander 1830 und 1848 aufbäumte und die Geschichte aus ihrem Schlafe riß? Was hätte Heine tun sollen? Hätte er Rhein- und Weinlieder dichten, oder Friedrich Wilhelm III., seinen wortbrüchigen, oder Friedrich Wilhelm IV., seinen unglücklichen Landesherrn, besingen sollen? Konnte er das nicht ruhig den preußischen Hofpoeten überlassen, die damals unser Volk tagtäglich mit patriotischen Gesängen überschwemmten? Mußte es nicht einen Mann, der den Wert der alten französischen Kultur kannte und genoß, zum Spotte reizen, wenn Leute wie Maßmann, der Dichter unseres „Heil Dir im Siegerkranz“, die Franzosen als „Barbaren“ beschimpfte?
Es ist wahr, Heine hat für Napoleon den Ersten geschwärmt. Aber tat das nicht Goethe fast noch mehr, der erklärt hatte, „dieser Mann ist viel größer als seine Feinde“, der immer von Napoleon wie von einem göttlichen Wesen gesprochen hat! Sahen nicht die beiden Dichter mit ihrem Blick für Menschengröße täglich in ihrem Leben die gewaltigen Segnungen aufwachsen, die Napoleon als Vollstrecker der Errungenschaften der Revolution über unsere alte Erde gebracht hatte? Schändet Heroenverehrung einen Menschen? Ist sie nicht vielmehr das, was ihn von einem Kammerdiener unterscheidet? Man entsinnt sich der Stelle in Heines Buch: „Le Grand“, wo er erzählt, wie er zuerst Napoleon gesehen habe: Es war in Düsseldorf. Heine war noch ein Knabe, als Napoleon seinen Einzug hielt. Es war in der Hauptallee des Hofgartens, und der Knabe dachte gleich mit Schrecken an die hochwohllöbliche Polizeiverordnung, daß man bei fünf Talern Strafe nicht mitten durch die Allee reiten dürfe. Aber — man denke! — der Kaiser ritt auf seinem Schimmel im Sonnenschein mit seinem Gefolge mitten durch die Allee! In diesem Geschichtchen hat man den ganzen Napoleon, den Mann, der durch Polizeiverordnungen, Gebräuche, Gewohnheiten und Gesetzesparagraphen mitten hindurchritt. Und die Begeisterung für einen solchen Menschen hat man Heinrich Heine in der damaligen heldenlosen Zeit verdacht!
Es stimmt fernerhin, Heine hat von der französischen Regierung ein Jahreseinkommen erhalten und angenommen. Aber was blieb ihm anders übrig in jener kläglichen Zeit, da seine Schriften vom Bundestag in Deutschland verboten waren und nur heimlich gedruckt und verkauft wurden, ohne daß er im fernen Paris viel von den Einkünften zu sehen bekam. Hat nicht auch der urdeutsche Hebbel damals Gelder von dem deutschfeindlichen Dänenkönig in Empfang genommen, um sein Dasein fristen und seiner Kunst leben zu können? Müßten wir uns nicht, statt Heine daraus ein Verbrechen zu machen, unseres Volkes in Grund und Boden schämen, das seine führenden Geister hungern und betteln läßt, das so wenig Gefühl für seine Würde und so wenig Liebe und Verständnis für die Kunst hat, daß es den Beruf des Künstlers noch heutzutage nicht genug achtet und stützt?
Nein, Heinrich Heine ist ein Deutscher gewesen, wenn er auch die letzten fünfundzwanzig Jahre, fast die Hälfte seines Lebens, in Paris gelebt hat. Das Heimweh nach dem Land über dem Rhein, diese echt deutsche Gemütskrankheit, hat ihn bis zu seinem Tode geplagt. Seine Muttersprache hat er, wie Richard Dehmel in seinem prächtigen Gedicht zu Heines Ehren gesagt hat, mächtiger gesprochen, als alle deutschen Müllers oder Schultzes. Seine ganze schriftstellerische Arbeit in Frankreich war im Grunde nichts anderes als das Kulturwerk, zwischen deutschem und französischem Wesen zu vermitteln, den beiden Völkern Verständnis und Achtung füreinander beizubringen. Und dies ist ihm bei den damaligen Franzosen so weit gelungen, daß ihre Dichter eine Zeitlang Deutschland gerne „le pays de Henri Heine“, das Land Heinrich Heines, genannt haben.
Der einzige Vorwurf gegen Heine, der lauter als die beiden genannten heute noch den Markt der Meinungen beherrscht, ist der, daß er unsere deutsche Kunst verdorben, unsere Lyrik vergiftet habe. Er selbst hat sich zuweilen den letzten Romantiker genannt, hat seinen „Atta Troll“ für „das letzte freie Waldlied der Romantik“ erklärt. In Wahrheit stand er zwischen der Romantik und dem Realismus, der unsere moderne Zeit beherrscht. Seine Jugend fiel in die träumerische Zeit, da die deutschen Dichter in den Wald der Poesie hinausritten, wie Heinrich von Ofterdingen, die blaue Blume zu suchen, sein Ende in den Anfang der nervösen Zeit, wo Eisenbahnen und Telegraphen und Maschinen unser Blut unruhig aber nüchtern gemacht und die Menschen so umgerüttelt haben, daß selbst die Dichter nicht mehr träumen können oder wollen. Zwischen diesen zwei Zeiten hat Heinrich Heine gestanden, und es heißt nur die Zeit schelten, wenn man den Zwiespalt, der notwendigerweise dadurch in sein Dichten gekommen ist, tadeln will. Hätte er mit der alten Zeit versteinern sollen, hätte er den feigen Tod der Romantiker im Schoße der Kirche sterben sollen? Nein, er wußte und fühlte, daß es nichts Unwürdigeres und nichts Dummeres gibt, als die Ideale von gestern anzubeten, daß der, dessen Pulsschlag nicht mit dem seiner Zeit geht, schon tot ist, ob er gleich noch weiter lebt. Und so gab er sich seiner Zeit, wagte er es, modern zu sein, und eröffnete damit als erster unter uns Deutschen die Zeit der Kritik, in der die Dichter den Menschen und dann die Gesellschaft besahen, beurteilten und schließlich verurteilten.
Und darum hat er, dessen Ehre es ist, in unserer denkmalwütigen Zeit kein öffentliches Monument in Deutschland zu haben, sich einen Denkstein in uns verdient.