Giordano Bruno
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Dem einstigen Dominikanermönch, jetzigem Gefangenen des ehrwürdigen päpstlichen Inquisitionsgerichtes Giordano Bruno war soeben das Todesurteil verkündet worden. Am andern Morgen in der Frühe sollte er auf dem Blumenmarkt zu Rom als Ketzer lebendig verbrannt werden. „Gelobt sei Gott!“, das war das einzige, was der Bote des Gerichts aus dem Munde des Gefangenen auf seine düstere Botschaft hin gehört hatte. Nun lag Bruno wieder allein in seinem Kerker auf einem Bündel stinkenden Strohes, die Hand, an der die Kette war, unter seinen Rücken gebogen, die andere vor Frost in den langen Bart gekrampft, und hielt seine weiße Stirne in das Mondlicht, das durch das Gitterfenster kam, hinein, als hätte es ihn wärmen können. Nichts hörte man als das Klirren oder Schleifen der Kette, wenn er sich bewegte; einmal kam eine Ratte aus einem Loch in der Wand spaziert, lief ruhig an den Gefesselten heran, schaute ihm traurig zu, nahm einen Strohhalm mit und lief wieder zu ihren Kindern zurück, um ihnen ein grausiges Märchen von den Menschen zu erzählen. Stundenlang lag Bruno so da, schaute offenen Auges in den Mond und sprach mit sich selber. Und sein Leben wurde ihm in dieser letzten Nacht zu Bildern, die ihm die Abenteuer eines fremden Menschen zu sein deuchten: Er sah sich als Kind auf dem einsamen Gehöft seines armen Vaters bei Nola mit Steinen spielen, da kein Geld da war, ihm Spielzeug kaufen zu können.
Er entsann sich noch der Nächte, wenn fern aus dem Dunkel ein roter Schein bis in seine Kammer geleuchtet und der Vater ihm erklärt hatte, daß zwischen Nola und Neapel, wo der Oheim wohnte, ein Berg wachse, der Feuer speie und bei Tag qualme wie ein Kamin, und daß der Teufel darin wohne.
Und dann sah er sich zu Neapel selbst als sechzehnjährigen Novizen, wie ihn das Kloster des heiligen Dominikus aufnahm, und er zuerst „Bruder Giordano“ genannt wurde. Dreizehn Jahre hatte er dort gelebt, erst immer in der Sakristei, drei Viertel des Tages verkniend und verbetend, und dann die letzte Zeit immer in der Bibliothek über Folianten und Büchern aus allen Ländern gebeugt. Die graue Zelle kam ihm wieder vor die Augen, drin er gefastet und gebetet und allen Kasteiungen zum Trotz böse Träume gehabt hatte; ein gelbes geschnitztes Kruzifix hatte als einziger Schmuck an der Wand gehangen, da er alle Heiligenbilder und selbst das der Madonna verschenkt hatte, um ganz allein mit seinem Gotte zu sein.
Er fühlte noch auf seinem Haupte die Kälte der Schere, mit der man ihm die nun längst überwachsene Tonsur in die braunen Haare geschnitten hatte, und fror noch beim Erinnern daran. Er hörte sich wieder als Priester die Messe lesen und die Beichte abnehmen bis zu dem Tage, da er wie ein Tier aus einer Falle im Dunkeln aus Neapel geflohen war und ziellos in der Welt umherziehen mußte.
Was hatte er denn Böses getan? Er hatte im Erasmus von Rotterdam und andern deutschen Büchern gelesen, sich von einem Bruder, der am Hof Karls V. gelebt, von Luther erzählen lassen und hatte ein paar Gedanken als Gedichte aufgeschrieben. „Wenn Ihr das verwünschte Schreiben sein lassen wolltet!“ hatte ihm der gute Prior immer in der Beichte vorgehalten. „In der Tinte steckt der Teufel wie Gott im Weine. Ihr braucht nur an beiden zu lecken, so merkt Ihr es. Ein Mönch muß ein Huhn sein, das seine eigenen Eier selbst aufißt.“
„So wenig Ihr dem Strom gebieten könnt: ‚Fließe nicht mehr!‘ und wie Ihr die Vögel nicht am Singen, noch die Blumen am Blühen hindern könnt, es sei denn, Ihr macht ihrer Daseinsform ein Ende, so wenig könnt Ihr und kann ich dem Weltgeist, der aus mir klinget, den Mund verstopfen, ehrwürdiger Vater!“ war Brunos Antwort gewesen.
Und dann waren die Jahre in der kalten Fremde gekommen, wo kein Lorbeer wuchs und keine Pinien sich breiteten, wo die Menschen im Winter Felle wie die Tiere tragen mußten, und wo man selbst die Marmorsteinbilder umhüllen mußte, daß sie nicht vor Frost zersprangen. Wieviel Kälte hatte er, der Neapolitaner, in den finstern Nebelländern ausstehen müssen! Er sah sich wieder in Paris am Hofe des Königs und an der Universität dort Vorlesungen über die Unendlichkeit der Welt halten, wie ein Storch auf einem Beine stehend, während die ihm feindlichen Professoren die Zuhörer zum Grunzen, Brummen, Heulen, Brüllen und Winseln aufreizten, bis Bruno ironisch sagte: „Fühlt ihr nun, welch ein tragischer Gedanke das ist, zu wissen, daß auf andern Sternen ähnliche Bestien leben?“
Und nach London träumte er sich wieder hin, wo er die glücklichste Zeit seines Daseins im Hause des französischen Gesandten verbrachte, der ihm in einem Dachstübchen Quarantäne gewährt hatte. Dort den geliebten Gestirnen zehn Meter näher, hatte Bruno seine höchsten Gedanken zu Papier gebracht, und die Stadt, in der damals Shakespeare lebte, war ihm trotz ihrer schwarzen Straßen, ihrem Kaufmannsgesicht und ihrem Biergeruch fest ans Herz gewachsen, weil er hier wie ein Vogel im Norden erst das Singen gelernt und seine schönsten Sonette gedichtet hatte.
Aber die Entrüstung der gelehrten Ochsen zu Oxford verscheuchte ihn auch von dort. Die Steine, die ihm die englischen Philosophen nachwarfen, fielen alle ins Meer, das sie wütend ob der Dummheit der Menschen verschlang. Der Schatten Luthers lockte Bruno nach Wittenberg, wo er zwei Jahre lang an der Universität den schweren deutschen Köpfen vergeblich das Fliegen beizubringen suchte. Nur Hamlet, den Dänenprinzen, soll er auf dem Gewissen gehabt haben.
Überall war er nur ein Fremdling, ein Vorübergehender, mehr in der Luft als auf der Erde zu Hause. Einige reckten wohl die Köpfe nach ihm in die Höhe, aber die meisten kümmerten sich so blutwenig um ihn, wie die Bauern, die den Acker pflügen, um die Kraniche zu ihren Häupten. Er hatte sein Vaterland und sein Volk verloren, und keiner um ihn war da, der seine Sprache verstand. Ahasver, der ewige Jude, findet überall doch die Seinigen, die er erkennt und die ihm von Abraham her verwandt sind, aber Bruno fand in der Fremde und in seiner Zeit keinen einzigen, der ihm ähnlich war. Wollte er sich unterhalten, so mußte er nur große Tote, wie Luther und Kopernikus, aus ihren Gräbern emporziehen und mit ihnen Dialoge führen.
Man will ihn oft in warmen Sommernächten auf den Stufen der Schloßkirche zu Wittenberg, an die Luther seine Thesen anschlug, weinend sitzen gesehen haben wie einstmals Alexander den Großen auf dem Grabhügel des Achilles. Und wie jener diesen Heros um seinen Sänger beneidet hatte, so beklagte sich Bruno bei der Nacht, daß ihm ein Volk fehle, das seinen Ruhm wie den Luthers der Welt verkünde. Zur evangelischen Landeskirche, zu der Luthers Religion geworden war, überzutreten, daran hat er nicht eine Sekunde gedacht. Er hat das bis heute vergessene Wort von der „Deformation“ gebildet und, wie nach ihm Schiller, geglaubt, daß man, um religiös zu sein, nicht eine Religion bekennen müsse.
Das Gefühl der Verlassenheit und dieses heimatlose Leben ins Leere hinaus, das sein Kopf und sein Herz, die in ihm gleich stark waren, führen mußten, hatten ihn schließlich nach Italien zurückgetrieben. Die Sehnsucht nach dem Volk, das die Sprache redete, die er schrieb, lockte ihn mit zauberhafter Macht über die Alpen. Wie das irrende Schiff, das am Magnetberg zerschellt, zog es ihn, der im unendlichen Kosmos herumtrieb, in die gefährliche Heimat zurück. „Wie dumm!“ pflegen die klugen Leute hierbei zu sagen, aber die noch klügeren fügen hinzu: „Wie traurig und wie notwendig!“
In der Heimat geriet er in das Netz der Inquisition. Er ward festgenommen und lag nun sieben Jahre lang in Rom im Kerker, um seine Lehren zu widerrufen. Aber wie konnte er widerrufen, was er doch wußte, daß die Erde nicht die Welt sei und daß unendlich viele Sterne über uns brennen, und der Boden, aus dem wir wachsen, nur ein winziges Teilchen des Alls ist, und daß unsere Erde schon Milliarden Jahre vor Christi Geburt gelebt hat! Seine einzige Sünde war die, daß seine beiden Augen schon so weit sahen wie die Fernrohre Anno 1910 und so hielt er denn in jener letzten Nacht vor seinem Tode, ohne ein Quentlein Reue zu verspüren, noch einmal Zwiesprache mit den Sternen, die durch sein Kerkerfenster schauten, und die er alle bei ihren Namen kannte wie die Menschen ihre Kinder.
Als der letzte erloschen war, kam der Kerkermeister, löste ihn wie ein Tier von seiner Kette, und Bruno wurde zum Scheiterhaufen geschleppt und fand den Tod des Phönix, nach dem er sich in seinen schönen Liedern gesehnt hatte. Seine Asche aber zerstäubte als eine Saat, die in kommenden Jahrhunderten emporwuchs.
Denn genau dreihundert Jahre nach jenem Tage, da Bruno ohne ein Wort des Widerrufs, ohne einen Laut des Schmerzes seinen Leib der Flamme preisgab, stand auf dem nämlichen Platze in Rom eine gewaltige Menschenmenge, das junge Italien, und jubelte dem eben auf der Stätte seines Scheiterhaufens enthüllten Denkmal Brunos zu. Der Unterrichtsminister, ein dicker Herr im Frack, hielt eine glänzende Lobesrede auf diesen einzigen Philosophen Italiens. Die Sonne aber wurde bei all dem Lärm neugierig, blickte durch die Februarwolken hindurch und las die Inschrift auf dem Monument: „Dem Giordano Bruno das von ihm vorausgeschaute Jahrhundert hier, wo der Scheiterhaufen gebrannt hat“, sah sich die Menschen an, und verbarg sich weinend wieder hinter dem Gewölk.