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Schattenbilder

Schweizer Dichter

Reading edition

(Gottfried Keller und C. F. Meyer)

Wir Deutschen haben mit dem kleinen Verbindungswörtchen „und“ schon oftmals in der Kunstgeschichte einen groben Unfug verübt: Goethe und Schiller, zwei sternweit verschiedene Persönlichkeiten und Dichter, sind durch dieses „und“ für Zeit und Ewigkeit wie auf ihrem Denkmal in Weimar an ein und denselben Lorbeerkranz gebannt. Neuerdings hat man denn auch wohl Nietzsche und Schopenhauer zusammengespannt, was ungefähr so klingt, als wenn man Himmel und Hölle sagt, oder man nennt Ibsen und Björnson, ein Genie und einen talentierten Tagesschriftsteller, kaum ohne eine Unterscheidung zu machen, zusammen. Nicht anders ist es mit Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer gegangen, die man seit den neunziger Jahren immer wie eine Schweizerfirma zusammen im Munde führt. Wiewohl Keller, der Bedeutendere, manchesmal in seiner geraden, groben Art gegen diese Zusammenstellung, die ihn, wie er sagte, zum „ewigen siamesischen Zwillinge machte“, kräftig gewettert hat. Denn außer, daß sie beide Züricher und Schweizer sind, gibt es nicht viel, was sie miteinander gemeinsam haben.

Der eine, Keller, gibt die Menschen seiner Umgebung oder früherer Zeiten, wie er sie sah und empfand, gleichsam auf Goldgrund wieder. Wie ein alter Meister der Holzschneidekunst setzt er sich hin und zeichnet umständlich und säuberlich seine Menschlein auf. Er schwindelt nicht, ebensowenig wie Flaubert oder Fontane oder Tolstoi, um die größten Romanciers seiner Zeit zu nennen. Aber er stellt seine Figuren nicht so hart in die Luft wie jene, er malt sie nicht en plein air, roh hin, garstig oder hübsch, bescheiden oder frech. Er geht mit ihrem Bilde, wie er es der Natur haarscharf abgesehen hat, in sein Kämmerlein und zeichnet sie langsam ab wie Dürer oder ein Meister des Mittelalters seine Gestalten, am liebsten noch mit ein paar Schwänzen oder Schnörkeln und möglichst vielen Zutaten. Und da stehen sie, „die drei gerechten Kammacher“ oder „Pankraz der Schmoller“. Stets nimmt er sich Zeit, das macht ihn in unserer nervösen Zeit für viele ungenießbar; oft werden ihm aus einer Geschichte zwei, wie beim „Tanzlegendchen“, oder ein Dutzend und noch mehr, wie im „Grünen Heinrich“, und sein sauberer Chronistenstil trabt, nie gehetzt, aber auch nie gehemmt, an schönen und schaurigen Geschehnissen in gleicher Ruhe vorbei. Und doch ist er nie oberflächlich, sondern sucht allem Lachen und allem Weinen auf den dunklen Grund zu gehen, und wo er am einfachsten ist, wie bei seinen Frauenfiguren, wo er nichts hinzuphantasieren und verzieren konnte und mochte, da ist er am schönsten.

Die Welt von Conrad Ferdinand Meyer ist eine ganz andere wie dieses kleine, schlichte, winklige Beisammen der alltäglichen Menschen Kellers: Feldherren und Kardinäle, Courtisanen und Regenten, Verbrecher und Helden leben und welken und sterben in seinen Gedichten und Geschichten, in denen die Zeit der Hohenstaufen und der Reformation oder die Tage Dantes sich widerspiegeln. Die Welt Kellers, in der es über dem Durchschnitt nur noch Originale, keine Heroen gab, wäre seinem von allen Literaturen überfütterten Geist bald zu klein und zu eng geworden. Er, der seinen nicht gerade bedeutenden Namen Meyer mit den kühnen Vornamen „Conrad Ferdinand“ herausschmücken mußte, sehnte sich nach Größe und Heldentum, das er nicht in der Gegenwart, sondern nur in der Vergangenheit entdecken konnte.

Und so verschieden wie ihr Dichten ist auch das Leben und Trachten der beiden Schweizer gewesen: Der Jüngere, C. F. Meyer, war der Sproß einer alten Zürcher Patrizierfamilie, Sohn eines frommen und gelahrten Mannes und einer klugen, hochgebildeten, schwermütigen Frau, die ihrer späteren Gemütskrankheit durch einen freiwilligen Tod im Gebirgswasser ein tapferes Ende machte. Sie hatte den Ruhm ihres einzigen Sohnes, den sie drei Viertel deutsch und ein Viertel französisch erziehen ließ, nicht mehr erlebt. Denn der war ein spät fertiger Mann und wurde neununddreißig Jahre alt, bevor er die ersten Früchte trug: Zwanzig Balladen aus der Historie aller Zeiten und Völker. Als Jüngling und heranwachsender Mann hatte der Sohn, der mit Unliebe wie Goethe und mit noch größerer Unfähigkeit als Heine die Rechte zu studieren versuchte, so jämmerlich wenig versprochen, daß die in ihrem Mutterstolz betrübte Frau, die den Vaterlosen auf ihre Weise erzog, an ihren besten Freund über ihn dieses schrieb: „Er hat kein Ziel und keine Karriere und kann keinen Entschluß fassen. Und ich muß sagen, daß ich von ihm nichts mehr in dieser Welt erwarte.“

Bis zur Gemütskrankheit und zur Irrenanstalt brachte diese jahrelange Entschlußunfähigkeit und Willenlosigkeit den reichen und weichen Jüngling, der mutlos und kraftlos, ein Kolumbus ohne Amerika, ein Bonaparte ohne Kriege, seine Tage nicht anders wie seine Nächte in unfruchtbarem, untätigem Dämmerzustand verbrachte. Da hat ihn die einzige Schwester Betsy, die sich viel besser als die Mutter auf seine Entwickelung verstand, nach deren Tod von neuem zum Leben erweckt. Sie war eigentlich versehentlich durch einen Irrtum vor ihrer Geburt von den beiden Geschwistern die Schwester geworden. Sie hatte das männliche, entschlossene, zupackende Wesen mitbekommen, das dem Bruder fehlte, während er mit seiner zarten, in sich gekehrten Art und seiner nach innen geschlagenen heißen Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit auf manchen wie ein halbes Weib wirkte. Drum gebührt der Schwester Betsy, die den Dichter in ihm aus seiner traurigen Verpuppung durch ihre Liebe entfaltete, der Kranz, den Minerva den Frauen verliehen hat, die einen Künstler und das delphische Feuer in ihm entzünden und hüten können. Er gebührt ihr mehr noch als der eigenen späten Frau ihres über alles geliebten Conrad, von der Betsy ihm abriet, solang es gehen wollte, und die er, wie er alles eben spät anfing, erst als ein voller Fünfziger heimführte.

Nun sieht die Schwester ihn zum erstenmal mit einem Weib, das auch nachts, nicht bloß tags wie sie, die Stube mit ihm teilen darf, in den besungenen und unbesungenen Süden reisen. In die Provence, die ihm die Dekorationen zu mancher in ihm jetzt keimenden Geschichte gibt, und nach Korsika, des alten Seneca wildem Patmos, das er beim Abschiednehmen zum Dank mit deutschen Weisen feiert. Heimgekehrt in das Land des Firnelichts, des großen stillen Leuchtens, siedelt er sich in Kilchberg, einem Landgut bei Zürich über dem See an. Und dort lebt er das letzte Drittel seines Daseins in behaglicher, sorgenloser Abgeschiedenheit wie ein reicher, schöngeistiger Gelehrter. Freilich lag sein Winkel nicht allzu fern von der Schweizer Hauptstadt, von der er sich allwinterlich wider Willen in ihr kantonales und internationales gesellschaftliches Leben ziehen ließ. Mehr als vierzig Antrittsbesuche hat er an nur einem einzigen Tage gemacht. Und wie viele schönen Stunden wurden damit zugebracht, Karten dieses Inhalts auszufüllen oder zu beantworten: „C. F. Meyer und Frau erlauben sich Herrn Carl Stauffer zum einfachen Abendessen einzuladen.“ Oder: „C. F. Meyer und Frau danken Herrn Eduard Stößli für die liebenswürdige Einladung, der sie gerne Folge leisten werden.“ So mit Menschen lebend und ohne sie schaffend wirkte er wie ein Ausgraber und ein Neubeleber toter Zeiten, ein Schliemann des Mittelalters und der Renaissance, deren Evangelium soeben Jakob Burkhardt zu Basel in klarer, guter deutscher Sprache gepredigt hatte. Kurz vor seinem Tode trübte sich noch einmal das Licht in seinem Kopf, bei dessen Schein er wie bei einer gemütlich brennenden Studierlampe seine Helden und Heiligen aufgemalt hatte, und er ward mit seiner Einwilligung noch einmal auf ein Jahr in eine Nervenheilanstalt geborgen. Aber als dann die schwarze Majestät Mors wirklich fünf Jahre später vor ihn hintrat, da stand er wieder fest und aufrecht auf seinem Kilchberg als anerkannter und gekaufter Autor, als Gutsherr und Familienvater, als Ehrendoktor der Philosophie der Universität Zürich, als Inhaber des königlich bayrischen Maximilianordens und als Ehrenmitglied zahlloser Vereine.

Ganz anders Keller, dessen Leben außer dem, daß auch er wie ein guter Wein erst spät klar und schmackhaft wurde, dem seines Landsmann und Nachbarn so unähnlich ist wie ihre beiden Gesichter. Seine Jugend möchte ich nicht und sollte keiner erzählen aus Respekt vor dem „Grünen Heinrich“, in dem er in Wahrheit und Dichtung sich und das Ringen seiner jungen Jahre abkonterfeit hat. Dieses sein größtes Werk war die Frucht seiner Jünglingstränen und hat ihn belohnt für all sein Hungern und Hoffen und Verzweifeln um „die heilige Kunst“, die ihn schließlich doch aus dem Labyrinthe des Lebens zum Licht geführt hat. Als er nach langen Irrfahrten endlich, siebenunddreißig Jahre alt, nach Zürich zurückkehrte, wo seine treue Mutter den verlorenen Sohn, vor Freude weinend, empfing, war er gerade so weit gekommen, daß er wußte, daß er nicht zum Maler taugte. Fünf Jahre lebte dann der Taugenichts in Zürich herum, ohne etwas Rechtes zu tun, bis auf die andauernde unermüdliche Tätigkeit, die er alle Abende in den Kneipen der Stadt bis zum frühen Morgen entfaltete. Er wäre vielleicht verkommen, wie die „kompakte Majorität“ so hübsch zu sagen pflegt, und an sich selbst zugrunde gegangen, wenn da nicht der Züricher Regierungsrat, als hätte es so kommen müssen, ihn zum ersten Staatsschreiber, einem recht angesehenen Posten des Kantons, ernannt hätte. Man kann sich denken, wie damals in der ganzen Stadt über diesen „Geniestreich“ der Regierung gelacht und geschimpft wurde. „Ein ausgemachter Lüdrian, ein unpraktischer Poet an der Spitze der Verwaltung!“ Keller bewies in fünfzehn Jahren strenger, zuverlässigster Pflichterfüllung, daß man nicht geradezu ein Idiot und ein untaugliches, träumerisches Subjekt im öffentlichen Leben sein muß, wenn man außerdem noch Verse und Novellen schreibt. „Er sei der beste Staatsschreiber der Schweiz gewesen“, haben sogar — seine Vorgesetzten von ihm gesagt. So wirkte er pünktlich und treu bis zu dem Tage, wo er seinen Abschied nahm, sich einen staatsmäßigen Schlafrock kaufte und dann in stiller Ruhe seine letzten Werke schuf. Der Berüchtigte war mit den Jahren berühmt geworden: Sein sechzigster Geburtstag war ein Festtag für die ganze Schweiz. Viele Reden wurden auf ihn gehalten. Fünfzig Männergesangvereine sangen ihm hintereinander sein Lied „O mein Heimatland“, das zur schweizerischen Nationalhymne geworden war, vor, bis er schließlich unter ein paar kräftigen Flüchen den Saal verließ. — Zu allem hatte er sich Zeit genommen, und auch zum Sterben nahm er sich gute Weile. Ein Jahr lang siechte er dahin, ganz allein, „eine korrupte Bestie“, wie er sich grimmig schalt. Er war, nachdem er ein paar Körbe bekommen hatte, grimmig lachend und resignierend Junggeselle geblieben, und die brummige Schwester Regula war zu ihm ins Haus gezogen. Nun ließ sie, kurz vor ihm ins Grab gehend, unzuverlässig wie alle Frauenzimmer, ihn für seine letzten Tage noch im Stich und allein. Arnold Böcklin, der späte Freund, den er gefunden hatte, hielt seine Hand, als er starb.

Es sind keine Riesen, diese beiden Schweizer Poeten, keine Schöpfer, bei deren Werken einem der Atem vor Bewunderung stockt oder die Seele überquillt. In der Schweiz wächst, die Tüchtigkeit dieses braven, tatfröhlichen Volkes in allen Ehren, außer den Bergen nicht viel Großes. Man hat mir diese letztere Glosse im Lande Tells bös verargt, wie mir zahlreiche Zuschriften schmerzlich bekundeten. Es tut mir wegen des allzu groben Tons mancher dieser Beschwerdeführer fast leid, daß ich nicht verantwortlich für diese Bemerkung zeichnen kann. Sie stammt von Böcklin, und ist von ihm in Basel, in der Stadt, wo es nach seiner Ansicht „über vierhundert Vereine und keine vier Menschen gab“, oftmals im Wein und im Ärger herausgesprudelt worden. Und wer es nicht glauben will, der mag die alten Maler fragen, die noch mit ihm dort und in Florenz zechen durften, oder die steinernen Fratzen in Basel. Sie werden es grinsend bestätigen. Aber die beiden Dichter der schönen, der freien Schweiz haben in schlichter Weise als treue Landsknechte der Kunst ehrlich gedient und sind echte deutsche Meister gewesen, denen wir im Reich in jenen Jahren außer dem alten Fontane nichts an die Seite zu stellen haben.

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