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Schattenbilder

Eduard Mörike

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Kleversulzbach, ein Flecken von 600 Einwohnern mit schwäbischem Dialekt, zwischen den drei Oberamtsstädten Heilbronn, Weinsberg und Neckarsulm gelegen, war in großer Erregung. Denn die entsetzliche wochenlange pfarrerlose Zeit, da sich die Gemeinde bei Kindtaufen, Hochzeiten und Begräbnissen mit jungen unwürdigen Vikaren behelfen mußte, denen nichts im Gesicht stand als das Tübinger Stift, Homiletik und gute Vorsätze, war vorüber. Heute sollte der neue Pfarrherr in das mit Ackerblumenkränzen und einem vom Anstreicher des Dorfes mit roten und grünen Buchstaben neu bemalten Willkommenschild geschmückte Pfarrhaus einziehen. „Eduard Mörike hieß er und stammte aus Ludwigsburg, war also Gott sei Dank ein Schwabe von Geburt“, mehr wußte der Dorfschulze nicht von ihm zu berichten. Denn daß er das theologische Studium nur mit mittelmäßigem Erfolge absolviert hatte, und daß auch in seiner sittlichen Führung hin und wieder etwas auszusetzen gewesen war, wie dies alles in den Papieren und dem keineswegs glänzenden Schulzeugnis des jetzigen Herrn Hochwürden zu lesen stand, das verschwieg der Schulze vorsichtigerweise der höchst sittlichen Gemeinde von Kleversulzbach. Desgleichen auch die Stelle aus dem Briefe des Pfarrers, bei dem der junge Mörike zuletzt Vikariatsdienst versehen hatte, und die da lautete: „Vikarius Mörike zeigte bei mir eine fast sündhafte Neigung zur Musik, und zwar leider zu der ungeistlichen. So hat er in der ganzen Zeit von acht Wochen, die er bei mir war, keinen Tag vorübergehen lassen, ohne sich nicht etwas aus dem ‚Don Juan‘ des Mozart vorzuklimpern. Sonst ist mir noch unangenehm an ihm aufgefallen, daß er in gelegentlichen Disputen über den Wert der verschiedenen Religionen, falls es einem überhaupt gelang, ihn da hinein zu verwickeln, bisweilen eine sonderbare schwärmerische mystische Vorliebe für den Katholizismus äußerte.“

So viel oder so wenig Ungünstiges wußte der Ortsvorstand von Kleversulzbach über den neuen Pfarrer Mörike. Die Klatschbasen aber, die auch hier wie das Unkraut überall gediehen, wußten außerdem noch ein paar kleine hübsche Sächelchen von ihm. So zur Hauptsache, daß er noch unvermählt sei und zusammen mit seiner Mutter hause und einer Schwester, die er zärtlich liebe, und die ihn recht im Essen und in der Bequemlichkeit verwöhnt habe, so daß er zimperlich wie ein Apotheker sei. Sodann — und dies war ja noch viel interessanter —, daß er bereits einmal zu heiraten probiert habe, indem er schon vier Jahre lang verlobt gewesen sei, natürlich mit einer Pfarrerstochter, und zwar aus Plattenhardt. Aber zur Hochzeit sei es nicht gekommen, weil er der Jungfer aus Plattenhardt nicht fromm genug gewesen war.

Das Interessanteste jedoch, was es von ihm zu klatschen gab, war, daß er einmal als Student der Theologie in Tübingen eine Zeitlang gemütsleidend gewesen war, und zwar aus Liebe zu einem überspannten jungen Geschöpf aus der Schweiz, die unstet herumreiste und für die das schwäbische Wort „rappelköppig“ recht wie erfunden zu sein schien. Sie hatte den jungen dermaligen Kandidatus Mörike aber mit ihrem Irrsinn so angesteckt, daß er sogar Verse auf sie gemacht und sie unter dem Namen „Peregrina“ besungen haben sollte. Bis sie dann wie ein Irrlicht plötzlich wieder verschwunden sei und dem Herrn Kandidaten statt der „rot Fastnachtskleider“, in denen er eine Weile zu stecken glaubte, wieder die ehrsamen schwarzen langen Theologenrockschöße hinten angewachsen waren.

Während so Kleversulzbach, mit der nötigen Zurückhaltung natürlich, da es sich um einen Pfarrer handelte, über Mörike sich unterrichtete, wobei die guten alten Sprichworte: „Ein toller Most gibt einen reinen Wein“, oder „Gut Ding will Weile haben“ zum Niederschlagen etwaiger Unruhen angewandt wurden, zog unser Dichter und Pfarrer selber in aller Seelenruhe in sein Dörfchen ein.

Es war ein nicht gar großes, nicht gar flinkes bedächtiges Männlein im dunklen Überrock, nicht zu fett, aber auch beileibe nicht zu dürr, mit lockigem, blondgrauem Haar, einem rundlichen, würdigen Gesicht und einem kleinen feinen Stöckchen in der Hand. Seine schelmischen stillen Augen standen sehr nahe unter der Stirn zusammen. Durch eine altmodische goldene Brille sah er sich alles geruhsam an, die Pfarre, die Diele, in der es spuken sollte und in der nachts die sündige Seele eines früheren, in den Wein verliebten Pfarrers herumpolterte, die braune Treppe und sein Predigtstüblein mit dem alten mit Fabeln und Legenden bemalten Kachelofen. Dann trat er aus der Flurtüre unten in den Garten hinaus, freute sich auf die Gockelhühner, die in dem Stall bald herumstolzieren würden, beschaute sich den kahlen Gartensaal mit den verschimmelten Fresken, die nur darum so schön waren, weil man nichts mehr von ihnen sehen konnte. Die Äolsharfe, die draußen zwischen Efeu im Fenster stand, ließ zu Ehren des neuen Pfarrers ein paar traurige langgezogene Töne erklingen, die Mörike wie die Stimmen seiner verstorbenen Vorgänger in die Ohren drangen. Dann wandelte er durch den Obstgarten weiter, in dem unter der Junisonne die Äpfel süß und die Pastorenbirnen saftig wurden, und kam an das Hinterpförtchen, das ins freie Feld abseits vom Dorf hinausführte. Und als er die Türe, die sich schwer auf rostigen Angeln drehte, nach außen aufstieß, sang sie ihm zum Willkommen die Arie aus Mozarts „Titus“ vor: „Ach! Nur einmal noch im Leben!“

Indessen war draußen auf der Straße vor dem Pfarrhaus auf einem Leiterwagen das Hausgerät Seiner Hochwürden angelangt. Und ganz Kleversulzbach half mehr noch aus Neugierde als aus Menschenliebe der Mutter und der Schwester des neuen Pfarrers beim Auspacken und Einräumen. Man schob das Spinett in die Diele, Kinder trugen die vielen dicken Bücher in die Stube zum Pastor hinauf. Geranientöpfe wurden vor jedes Fenster gestellt, und den Junokopf, der jeden an dieser Stätte in der Hand genierte, setzte schließlich Mörike zum Entsetzen aller mitten auf sein Pult und schob, damit er nicht wackeln konnte, einfach die Bibel darunter.

Dann wurde die Hausmenagerie untergebracht, die Goldfische, die Distelfinken, der Hund und die Katze, wobei der Hausherr folgendes Vierklassensystem für die Tiere entwarf: „1. stinkende und zugleich singende, 2. rein singende, 3. rein stinkende und 4. solche, die weder stinken noch singen.“ Zum Schluß kamen dann die Raritäten in ihre Schubfächer oder auf ihre Schränke und Wandgestelle: Die Münzen, Autographen, Altertümer, Kruzifixe, Versteinerungen und vor allem die Hausapotheke. Und man war mit alle diesem kaum zur Hälfte fertig, als schon die Sterne in goldenen Haufen über Kleversulzbach heraufzogen und den Gerechten nicht schöner als den Ungerechten leuchteten. Und bald war es draußen auf den Dorfstraßen ganz still und friedlich wie am Versöhnungsfest.

In dieser Idylle verlebte Mörike das wichtigste Jahrzehnt seines Daseins. Hier konnte er die ersten fünf Tage in der Woche — denn vor Freitagabend dachte er nicht ans Predigen — dichten, sammeln, zeichnen, schnitzen, gravieren, mit seinen ungewöhnlich geschickten Händen an allerhand Dingen herumbasteln, mit seinem beweglichen Gesichte Fratzen schneiden und an sich als großer Hypochonder, der er war, nach Herzensqual herumquacksalbern. Hier konnte er vor allem, was nach dem Dichten das Schönste für ihn war, herumfaulenzen wie ein Neapolitaner. Wie schön waren die Tage, wenn man nichts zu tun hatte, wie den fleißigen Bienen zuzusehen oder auf dem Rücken im hohen Grase zu liegen, bis irgendeine Stimme rief: „Herr Pfarr! Das Essen ischt fertick!“ und man sich am Abend wie ein Held vorkam, wenn man einen Brief geschrieben hatte. Freilich auch in der Korrespondenz darf man sich nicht zu sehr übersputen, und der biedere Theodor Storm, der seinem schwäbischen Bruder in Apoll seine „Sommergeschichten und Lieder“ mit einer prächtigen Widmung zugesandt hatte, mußte zweieinhalb Jahre auf eine Antwort warten. Um sich das Vergnügen des Faulenzens und Spintisierens noch mehr zu Gemüte führen zu können, hielt sich Mörike meist in Kleversulzbach noch einen Vikar für seine Gemeinde, der Taufreden und Grabpredigten da capo halten mußte. Doch wenn er in jenen zehn Jahren in Kleversulzbach auch nicht mehr getan hätte, als das Gedicht vom „verlassenen Mägdlein“ oder von dem „alten Turmhahn“ zu machen, so könnte er von uns aus noch weitere zehn Jahre zum Faulenzen bekommen.

Den Rest seines Lebens verbrachte der Dichter, der zum Pfarrer im Grunde so wenig wie Schiller zum Medikus paßte, in Stuttgart als Lehrer kleiner Mädchen am Katharinenstift, der einzige große Schwabe nach Schiller, der dieser ihrer schönen Hauptstadt durch seine Gegenwart etwas Athenisches verliehen hat. Er probierte noch einmal zu heiraten. Aber dieses zweite Experiment mißlang dem scheuen, lässigen, in sich gekehrten, wetterwendischen Herrn noch mehr und endete nach mancher perturbatio domestica mit Tränen und Türenschlagen und einer schließlichen Trennung „auf unbestimmte Zeit“. Daraufhin zog der alte Junggeselle mit einem Töchterchen wieder zur Schwester hin und wartete zwischen Goldfischen, Versteinerungen, Noten und Gedichten geduldig auf den Tod, der dem Siebenzigjährigen das Licht aus der Hand blies. Seinen vornehmen, auserlesenen Geschmack, diese seine beste Qualität, bewies er noch, indem er sich Anno 1870 nicht flugs über Nacht als patriotischer Dichter begeistern konnte und drum nicht gleich mit in die laute ungestimmte Fanfare hineingestoßen hat.

Sein Ruhm, der zeit seines Lebens nur ganz bescheidentlich wie „auch einer“ geleuchtet hatte, weit überstrahlt von den hohen Namen eines Uhland, Kerner und Schwab, erwies sich auf einmal als dauernder denn das ganze Urteil seiner Zeit. Und heute gilt uns Mörike neben Schiller und Hölderlin als einer der drei großen Griechen aus Württemberg, dessen Verse nicht minder lange blühen werden als die des von ihm gefeierten Anakreon. Denn ein rosiger Hauch haftet an jeglichem seiner Lieder.

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