Lord Byron
Reading edition
In der Morgenstunde des ersten Dezembers 1900 erschien unter den ersten verdammten Seelen Oskar Wilde vor der Hölle. Er legitimierte sich als Verfasser der „Salome“, worauf man ihn ohne weiteres einließ und ihm eine bestimmte Zelle anwies. Er erkundigte sich sogleich bei dem Teufel, dem er zur besonderen Bedienung und Folterung überwiesen war, wann man in der Hölle Besuche mache oder empfange, und erfuhr zu seiner Freude, daß dies wie oben auf der Erde zwischen zwölf und ein Uhr oder abends um fünf Uhr geschehe und gestattet sei. Der Dichter lächelte dankbar gerührt, gab dem Teufelchen das letzte Frankstück, das er bei sich hatte, und erklärte, daß er zunächst seinen bewunderten Lord Byron besuchen möchte, und fragte, ob es weit zu ihm zu gehen sei. Worauf ihm der Bescheid zuteil wurde: „O nein, Sire, hier eben um die linke Ecke herum. Seine Lordschaft haben sich aus musikalischen Neigungen in der Nähe des deutschen Viertels angesiedelt!“
„Well!“ bemerkte Wilde und machte sich, nachdem er eine Stunde lang die nun einmal notwendigen Folterungen ausgehalten hatte, an die Toilette. Er schnitt sich die etwas zu lang gewachsenen Fingernägel und polierte sie, so gut es mit Stiefelwichse ging, die man ihm als Pomade hingestellt hatte. Zu einem Bade im Styx schien es ihm etwas kalt zu sein, und so verwendete er denn eine Stunde lang dazu, seine Krawatte zu binden, das einzige Bekleidungsstück, das man ihm vergönnt hatte. Denn jeder darf dort unten nur das Stück von seinem ganzen Habit tragen, das ihm am liebsten ist. Als die Höllenuhr zwölf schlug, machte er sich auf den Weg, nahm, um sich anmelden zu können, die schwarze Visitenkarte vorn von der Türe seiner Zelle, auf der mit seinem Blut geschrieben rot sein Name stand, und trat auf die endlos lange, schmale, finstere Gasse hinaus.
Als er so von Tür zu Tür herumtappte, begegnete ihm zu seinem Glücke Charon, der um diese Stunde den von dem ewigen Bellen und Anderketteliegen halb tollen Zerberus spazieren führen mußte. Der geleitete ihn brummend um die Ecke linkerhand, wobei der Zerberus, wie dies bei Hunden üblich, stehenblieb, vor die Behausung seiner Lordschaft, die um ein bedeutendes geräumiger war als die Zellen der Nachbarschaft. Auch hatte sie ein kleines, schwarzes Fenster nach der Straße zu, durch das Wilde vorsichtig hineinguckte, um sich zunächst über die Situation klarzuwerden.
Zu seinem Erstaunen entdeckte er, daß schon ein Besuch bei Byron war, und als er näher hineinguckte, sah er, daß es kein anderer als Shelley war, der dort, bloß mit einem Strohhut angetan, bei dem Lord, der seinerseits, vermutlich um seinen Klumpfuß zu verdecken, nur hohe, braune Stulpstiefel trug, zu Gaste war. Die beiden saßen mit übereinandergeschlagenen, knöchernen Beinen sich an einem Tisch aus Ebenholz gegenüber. Shelley rauchte aus einer Pfeife roten Qualm, und Byron selbst trank aus einer riesigen Flasche Feuerwasser. Sie waren mitten in einem Gespräch, und Wilde, der dies seltsame Bild nicht aufstören wollte, hörte draußen, unter dem Fenster geduckt, wie Lord Byron mit etwas heiser gewordener Stimme seinem Freunde erklärte:
„Du magst sagen, was du willst, Percy, die Engländer sind die knotigsten Kerle, die Gott oben herumlaufen läßt. Sie haben uns beide, weiß der Teufel, so gepiesackt, daß mir der Aufenthalt hier, ohne die blödsinnige Hitze, fast wie ein Sanatorium vorkäme. Und was machen sie mit allem ihrem Gelde, das sie der ganzen Welt abnehmen, sag’ mir doch! Seife, Maschinen und gute Kleider. Das ist ihre ganze Kultur.
Es kommt noch so weit, daß ich mich vor Horaz und Tibull, diesen römischen Griechen und Halbdichtern, schämen muß. Neulich sagte mir schon Ovid im Klub ganz anzüglich: ‚Ihr seid jetzt schon reicher, als wir jemals gewesen sind.‘ Ich dachte an Manchester und konnte nichts erwidern. Wir verkommen, mein Freund, auf unseren Millionen, und schließlich bleibt nur noch Shakespeare von uns übrig, wie Hannibal von Karthago.
Unterbrich mich nicht! Die Kunst gilt ihnen keinen Sixpence mehr. Maler werden zu Anstreichern und Dichter zu Journalisten in London gemacht. Ich hatte mich vor den Aristokraten um meine ganze Lordschaft gebracht, als ich mein erstes Gedicht fertig hatte. ‚Aber dafür sind doch Schullehrer da‘, sagte mir meine Mutter ganz entrüstet, und ich war wie von selbst zu den Whigs geworfen. Jeder Tory sah mich seitdem wie einen Seiltänzer an.
Als ich mein erstes Drama, es war der ‚Manfred‘, herausgab, warnte mich der Herzog von Devonshire: ‚O, armer Mann, denken Sie an Ihre unsterbliche Seele, ehe Sie Souffleur werden!‘ Es war am nämlichen Tage, als mir Goethe aus Deutschland schrieb: ‚Ich rechne es mir zur Ehre an, mit Ihnen in brieflichem Verkehr zu stehen. Ihre dramatischen Versuche werden im Lande Shakespeares sicherlich die große Anerkennung finden, die sie verdienen.‘
Jawohl, Herr Geheimrat, keine Schmiere hat sich drum bekümmert! Sieh dir doch ihr Theater an, Percy, zum Donnerwetter, wiewohl das Fluchen hier unten verboten ist, ehe du mich unterbrichst! Weißt du, was das Neueste auf englischen Bühnen ist? Dreifach verschiedenes Sonnenlicht, bunte Fräcke und echte Schneeflocken, die oben auf dem Schnürboden in einer Gefriermaschine hergestellt werden. Als jüngst Hamlet dort in halbem Mondlicht, umschneit, auf der Terrasse zu Helsingör erschien, rief man zum Schluß den Schnee statt des Hamlets heraus. Und als der Prinz gestorben war, lag er da, den Körper im Schatten, das Antlitz blau und die Hände rot beleuchtet, die Augen zur Decke gerichtet. Das andere war Schweigen. Im Hintergrunde hörte man sich Shakespeare dreimal knarrend im Grabe umdrehen.
Alle ihre neuen Stücke sind um der Kostüme oder der Requisiten willen geschrieben, die darin getragen oder schnell wie faule Wechsel herumgereicht werden. Die Wegweiser nach Griechenland sind abgehauen worden, und wer heute in London fürs Theater schreibt, der muß zuvor zwei Jahre lang zu einem Taschenspieler in die Lehre gehen. Die Poeten in England werden samt und sonders zu Spitzbuben, die sich vom Verblüffen nähren. Auch den irischen, leider etwas byronisierenden Duckmäuser haben sie dazu gemacht, der da draußen hinter dem Fenster steht, und der sich einsperren ließ, statt ihnen davonzulaufen.“
Damit stieß Lord Byron mit seinem Klumpfuß die Türe auf und zog den erschrockenen Wilde an seiner Krawatte in die schwarze Kammer herein.
„Nichts für ungut, mein Bester!“ fuhr seine Lordschaft fort, „ich erkannte Sie schon lange an dem roten Schatten, den Sie drüben auf die Behausung meines Freundes Garrick warfen. Es freut mich, daß Sie endlich zu uns heruntergekommen sind. Hier, Percy, hast du den jungen Athener aus Dublin, dessen ‚Salome‘ ich dir zum vorigen ersten April geschenkt habe. Ein nicht übles Buch, wenngleich es mir ein wenig zu stark parfümiert ist und nach Paris riecht wie eine Sumpfente.
Nehmen Sie Platz! Rauchen Sie oder trinken Sie? Es wird Ihnen sicherlich bei uns gefallen, wiewohl Sie — eine schlechte Wirkung vom Zuchthaus her! — eine gewisse Neigung zum Pietismus in der Nase haben.
Ich werde Sie heute abend zum Klub der Gemütlosen abholen. Sie finden ein paar reizende Menschen dort: Béranger, Heine, Aristophanes, Poë, Goldoni u. a. Die Gesellschaft ist völlig international. Wir erzählen uns Fragmente aus unserm Leben. Mein Freund Schumann macht Musik dazu. Leider ist das Lachen dort, wie überall hier unten in der Hölle, verboten.
Wenn Sie Shakespeare sehen wollen — gewöhnlich die erste Kuriosität für alle neu angekommenen Engländer —, so machen wir den kleinen Umweg über die Asphodeloswiesen, an dem Kessel der schlechten Mütter vorüber, in dem meine Mutter zu sieden den Jammer hat, während mein Vater auf dem Eis für die Jähzornigen ablagert. Shakespeare macht zwischen dem blühenden Schierling allabendlich mit Homer und Li-Tai-Pe seinen Spaziergang, da ihm die Gesellschaft des Sophokles wegen des ewigen Fachsimpelns, in das sie beide wider Willen stets hineingerieten, unerträglich geworden war.
Ich kann Sie leider nicht zum Diner begleiten, bei dem jeder Feinschmecker dazu verurteilt ist, die ihm nicht zusagenden Speisen zu verzehren, da ich Ludwig dem II., dem Bayernkönig — you know him! — versprochen habe, ihm den siebzehnten Gesang meines ‚Don Juan‘ vorzulesen, den ich hier im Inferno geschrieben habe, und in dem ich die neuesten Engländer, made in Germany, Spießruten laufen lasse. Seine höllische Herrlichkeit, der Satan selbst, haben mir zu Ehren in der Maske des ‚Kain‘ gleichfalls sein Erscheinen in Aussicht gestellt. Wenn Sie erst, wie ich heute, 75 Jahre in der Hölle gehaust und ihre Konventionen vergessen haben, werde ich Sie mit zu diesen intimen Zirkeln nehmen.“
Damit reichte der Lord seinem verlorenen bürgerlichen Bruder die Hand, boxte Shelley freundschaftlich zur Türe hinaus und begann — darin bestand seine harte tägliche Pönitenz —, aus seinen Werken die mißlungenen Verse, die er nun nicht mehr ändern konnte, herauszusuchen und wehmütig zu betrachten.