← Table of contents
Schattenbilder

Dante

Reading edition

„Vor einigen Wochen“, so lautet der Bericht eines ghibellinischen Ritters aus Ravenna zu Dantes Zeit an seinen Bruder in Verona, „ist hier ein höchst seltsamer Mensch angekommen. Sein Name ist Dante Alighieri, und er stammt aus einer vornehmen bürgerlichen Familie zu Florenz. Er soll alldort am Arno hohe Staatsämter innegehabt haben, bis er, der ein Demokrat war, von der Gegenpartei der Guelfen und Schwarzen, ohne irgendeinen anderen Grund als den, daß er nicht zu ihnen gehörte, aus Florenz verbannt wurde. Seit dem Tage irrt er heimatlos und schutzlos in Oberitalien von Stadt zu Stadt wie ein Vogel, dem man sein Nest zerstört hat. Eine Zeitlang hoffte er, daß der Römerzug des weiland deutschen Kaisers Heinrich VII. Anno Domini 1310 ihn in die Heimat zurückführen würde. Aber der plötzliche jähe Tod dieses Fürsten, dem man — ach, in welchen Zeiten leben wir! — in der Hostie Gift gegeben haben soll, hat Dante jede Hoffnung auf die Heimkehr geraubt. Und seitdem siecht er dahin an der bittersten menschlichen Krankheit, an dem Heimweh, dergestalt, daß man ihn oft im Grase liegen findet, seine Augen immer nach der Richtung hingewendet, wo Florenz, die herrliche Stadt, am Horizonte liegt. Und ich glaube, daß er an dieser Wunde verbluten muß. Ich habe mich, wie du siehst, an ihn gemacht; denn er ist ein großer Gelehrter und kennt alle Sterne bei ihrem Namen. Er unterrichtet hier zu Ravenna die Jünglinge, und davon lebt er. Er muß früher ein großes Leben geführt haben, denn man sagt ihm nach, daß er 33000 Mark Schulden in Florenz hinterlassen habe. Er war dort verheiratet und hat mehrere Kinder gehabt. Aber seine Seele hat er schon in seinem neunten Lebensjahre an ein achtjähriges Kind in blutrotem Kleid zu Florenz verschenkt, die er Beatrice, die Beseligende, nannte, und die, kaum erblüht, schon dahinstarb, als sei sie zu schade für diese Zeit. Ihr galten seine ersten Reime und jenes sonderbare Sonett von Amor, der ihm im Traum erschien:

‚Froh schien er mir; ich sah mein Herz ihn tragen In seiner Hand; und seine Arm’ umschließen Die Liebste, schlummernd, eingehüllt in Linnen. Dann weckt’ er sie, und ließ sie, die voll Zagen, Demütiglich mein brennend Herz genießen. Drauf sah ich, wie er weinend ging von hinnen.‘

Es ist wirklich so, als ob diese Maid, bei deren Anblick sein neues, inneres Leben begann, sein Herz verzehrt habe. Denn er spricht noch heutigentags immer, sobald er allein ist — und ich beschleiche ihn gern in solchen Augenblicken — mit dieser seiner Beatrice, als sei sie noch am Lichte, und neulich hörte ich, daß er eine ganze Nacht lang am Meere ihren Namen ins Leere gerufen habe. Und wenn man angesichts solcher Begebenheiten daran denkt, wie mehrere florentinische Jünglinge sein erstes Sonett von dem verzehrten Herzen nach dortiger Sitte mit Versen beantworteten und ihm den guten Rat gaben, er solle sich reichlich Hals und Gesicht waschen, so würde er schon wieder gesunden, dann wird es einem klar, daß es auf Erden zweierlei Sorten von Menschen gibt: die einen, die von Brot und Wein, und die anderen, die von Liebe leben. Und unter dieser letzteren Schar steht Dante vor allen andern.

Wie dieser Mann aussieht, fragst du mich? Er ist ganz braun im Gesicht, hat eine Adlernase, glänzende Augen und ein starkes Kinn, wie aus Erz gegossen. Aber er ist sehr klein und geht gebückt, so daß manche von seiner Erscheinung enttäuscht sind, was ihn bitter kränken muß. Sein Blick ist immer traurig, und nur einmal sah ich ihn wehmütig lächeln, als ein paar Frauen ihm nachriefen: ‚Sehet, das ist der Mann, der hinuntergefahren ist in die Hölle.‘ Seine große Traurigkeit rührt aber davon, daß er fast fünfzehn Jahre schon im Exile lebt und als freier Republikaner, der er war, an die Tür der Tyrannen wie ein Bettler pochen muß, und er, der vielleicht der größte Mann Italiens ist, unter einer Schar Banditen und heimatloser Geächteter leben muß. Ich habe mir ein paar Verse von ihm aufgeschrieben, die ich nie lesen kann, ohne daß mir die Lust zu weinen kommt. Er läßt darinnen seinen Ahnherrn ihm die Verbannung folgendermaßen prophezeien:

‚Verlassen wirst du all die lieben Dinge, Die dir am teuersten, und dieser Pfeil wird Der erste sein von der Verbannung Bogen. Du wirst dann merken, wie nach Salze schmecket Das fremde Brot, und welch ein harter Gang ist Das Auf- und Niedersteigen fremder Treppen. Und was am meisten dir am Herzen frißt, Wird die Gesellschaft sein, der bösen, blinden, Mit der du in dies Tal gefallen bist.‘

Und noch eines von diesem eigenartigen Manne bleibt mir zu erwähnen übrig: das ist jenes, daß er überaus empfindlich ist gegen Schmerz und Freude, und die Farbe auf seinem Antlitz, das Rot und Bleich, so schnell wechselt wie der Himmel im April. Als er seine Beatrice das erstemal sah, wurde er ohnmächtig und ward wie tot von dannen getragen. Vor Begeisterung kann er glühen wie ein Schmelzofen, daß man nicht anders denkt, seine Augen brennten ab, und von Wut und Schmerz kann er zittern wie im Fieber. Und dabei ist er doch stärker, als mancher, der alle Tage im Sattel sitzt. Denn der Harnisch, in dem Dante steckt, ist nicht von dieser Welt. Er hat ein großes Gedicht geschrieben in unserer eigenen italienischen Sprache, in dem er, von dem frommen heidnischen Dichter Vergil und dann von Beatrice geleitet, von der Hölle durchs Fegefeuer zum Himmel schreitet, und der Saum seines Kleides umglänzt ihn dabei wie ein Heiligenschein. Von der Schönheit der himmlischen Engelsmusik, die er vernommen hat, kann man nicht mit Menschenzungen reden. Wie von silbernen Zinken und goldenen Pauken und elfenbeinernen Harfen klingt sie aus seinen Versen an unser Ohr. Eher noch kann ich dir von seiner Höllenfahrt erzählen, bei der einem Hören und Sehen vergeht, und man sich angstvoll an sein Stückchen Leben klammert. Lieber will ich nachts auf einer kahlen Planke über einen wilden Wassersturz treiben, als sein ‚Inferno‘ ein zweites Mal wiederlesen! Er hat in diesem Buche seines Liedes gleichsam eine Fackel genommen und unsere ganze morsche Zeit in Brand gesteckt, daß nichts von ihr übrigbleibt als Feuer und schwarzer Dampf und Rauch und Wehgeschrei.

Wahrlich, was für ein Mann muß das sein, der ein solches Jüngstes Gericht über seine Mitwelt zu halten wagt!“

Dies ist ein Abbild Dantes, des größten Dichters des Mittelalters, der ein Gipfel des Katholizismus war, wie er niemals wieder erreicht worden ist, und dem sein Nachkomme in der Kunst, der zweite große Florentiner, Michelangelo, folgende Verse aufs Grab geschrieben hat:

„Wie groß er war, ist nimmer auszusagen, Zu hell den Blinden ward sein Licht entzündet ... Er stieg hinunter zu des Irrtums Reichen, Uns zu belehren, dann empor zu Gotte. Der Himmel wehrt’ ihm nicht die hohen Tore, Dem seine Vaterstadt die ihren zuschloß. Danklose Vaterstadt, die sich zum Schaden Ward seines Unglücks Amme. Recht bezeugt das, Wie Gott den Besten gibt die meisten Leiden. Steh hier für tausend Zeugnisse dies eine: Daß nie ein Gleicher so unwürd’gen Bann trug Wie nie ein größrer Mann als er erschienen!“

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings