Dostojewski
Reading edition
In der grauen Frühe eines Wintermorgens im Jahre 1849, in diesem Jahre voll von Ängsten, Qualen und Unterdrückungen für ganz Europa, wurde Fedor Dostojewski, eines reichen Arztes Sohn, gewohnt, fünfmal in der Woche sein Hemd zu wechseln, samt seinen Kameraden aus dem bleiernen Schlaf geweckt, den er auf der Pritsche in den feuchten Gefängniszellen von Schlüsselburg schlief. Aus wilden, garstigen Träumen, die wie zerfetzte Wolken über ihn herflogen, wurde er von Gendarmen wachgeschüttelt. Er wollte sich von dem Unrat der Nacht und der Unsauberkeit des Kerkers reinigen, aber der Mann in Uniform, eine Talgkerze in der Hand, wehrte ihm ab: „Es hat keinen Sinn mehr, Väterchen!“
Im selben Augenblick wußte Dostojewski, daß es zum Tode ging. Dem Gefühl der Erleichterung, das seine wie ein Grab eingefallene Brust für einen Augenblick emporhob, folgte sogleich eine entsetzliche Angst, die ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. „Mein Gott! Mein Gott!“ sagte er nur, sich selbst ein Echo. Die Gefangenen wurden wie Schlachtvieh hinausgetrieben. Sie sahen sich beim Licht der Blendlaternen, die wie rote, entzündete Augen aus dem Morgennebel glänzten, aus dem Gefängnis zur Richtstätte wanken, zehn bis fünfzehn schlotternde, halb schon leblose Menschen, eine Schaufel voll für den Satan. Sie waren samt und sonders in die sogenannte Petraschewskische Verschwörung verwickelt gewesen, einen jener zahlreichen Versuche nach 1848, die in Frankreich errungenen Volksfreiheiten auch in östliche Länder zu verpflanzen, Experimente, die Zar Nikolaus I., der absoluteste Monarch Rußlands, nur auf den Tod leiden konnte. Die Gefangenen trotteten stumm, ohne einen Seufzer von sich zu geben, auf das Peloton Soldaten zu, die in einer Ecke des Gefängnishofes bereitstanden, ihre Brüder kaltblütig umzuschießen. Man sah die Gewehre an ihren Beschlägen und Bajonetten in der Ferne hin und wieder aufblitzen. Trotz der Totenstille hatte man das Gefühl, als ob die Luft einen dumpfen Ton von sich gäbe. Die Gefangenen und die Soldaten näherten sich einander. Obgleich das Militär ganz stillstand, schien es den Verurteilten doch, daß sie ebenso langsam auf sie zukämen. In einer Entfernung von zwanzig Schritten vor den Bewaffneten waren drei Pfähle in die Erde gegraben, gegen die sich die Gefangenen anlehnen konnten. Auch war den Soldaten damit das Zielen erleichtert.
Man führte die drei ersten zu den Pfählen hin, zog ihnen die Todeskleider, lange, weiße Hemden, an und schob ihnen als Zeichen des Mitleids weiße Mützen über die Augen. Der Pope trat an jeden mit einem Kreuz heran. In einer geringen Entfernung zur Seite zu — vor erst sechzig Jahren ist dies alles dem größten russischen Genie vor eigenen Augen begegnet! — schaufelten ein paar Arbeiter emsig wie Aaskäfer den Opfern das Massengrab.
Dostojewski war als achter an der Reihe, er sollte also mit der dritten Abteilung zu den Pfählen hingehen. Er wußte, daß er nicht mehr als fünf Minuten zu leben hatte. Er hat später oft erzählt, daß ihm diese fünf Minuten als eine endlose Zeit und ein unermeßlicher Reichtum erschienen wären. Er habe sich diese Zeit sogar eingeteilt und zwei Minuten davon bestimmt, sich von seinen Kameraden zu verabschieden, zwei weitere Minuten dafür, um ein letztes Mal im stillen nachzudenken — wer, wer hat den Mut, wenn er dieses liest, einem Menschen den Tod zu geben? Die übrige Frist, eine ewige Minute, wollte er dazu benutzen, um noch einmal zum letztenmal um sich zu schauen. Die ersten zwei Minuten für den Abschied von den Kameraden seien schnell verstrichen, aber die beiden folgenden, die er für das stille Nachdenken angesetzt hatte, haben ihm endlos lang gedeucht. Es sei ihm unmöglich gewesen, sich auszudenken, daß er jetzt noch lebte, in drei Minuten aber irgend etwas anderes irgendwo anders sein sollte. In der Nähe habe ein Turm gestanden, dessen vergoldetes Dach im ersten Morgensonnenschein geleuchtet habe. Dieses glitzernde Licht schien ihm schon zu jener neuen Natur zu gehören, und er glaubte, er würde in drei Minuten irgendwie mit ihm verschmelzen.
In diese fast schon irren und haltlosen fliegenden Gedanken des Verdammten da unten wurde plötzlich eine weiße Fahne an dem Turm emporgezogen. Auf einen Befehl ihres Offiziers ließen die Soldaten die schon erhobenen Gewehre sinken. Der dem Gefängnis vorstehende Major trat herzu und verkündete den schon zu drei Viertel toten Gefangenen, daß die Güte des Zaren das Todesurteil aufgehoben und sie zu zehnjähriger Zwangsarbeit in Sibirien begnadigt hätte.
Dieses echte Stückchen einer absoluten Zarenlaune, diese grausame Galgenfrist, diese kurze halbe Stunde zwischen Tod und Leben hat Dostojewski, der schon von Geburt an Fallsucht litt, für immer in seinen Nerven behalten. Die Spanne Zeit, in der er Abschied vom Menschendasein genommen hatte und in das stygisch kalte Wasser des Nichtmehrlebens untergetaucht war, hat sich ihm tiefer eingebrannt, als alles Elend, das nachher kam, die fünf Jahre lange Gefangenschaft in Sibirien und der Heeresdienst, den er als Gemeiner in der russischen Armee antreten mußte, bis ihn Alexander II., Rußlands edelster und unglücklichster Monarch, bei seinem Regierungsantritt begnadigte. Sibiriens Glut und Eis, die Öde seines Gefängnisses dort, des „Totenhauses“, zwischen Palisaden und Sträflingen, niemals allein — das war das gräßlichste dabei für diesen zarten Menschen! — die Roheiten beim Militär, alles war leichter zu ertragen und zu vergessen als jene bangen Kirchhofsminuten vor dem Tode, da man ihm die Hoffnung, das letzte Gut des Ärmsten, unter den Füßen fortgeschaufelt hatte und er wie Dantes Verdammte „senza ogni speranza“ im Inferno, in der Luft, im Nichts schwebte.
Es ist leicht auszudenken, wie ein Mensch, der aus dieser Region her zum Leben, zu Menschen heimkehrt, als Schriftsteller schaffen und wirken wird. Eine so gerüttelte Seele muß unrein fließen und strömen, eine heruntergestürzte, soundso oft zersprungene und zerborstene Glocke wird anders klingen als eine, die hoch über allem Volke im Glockenstuhle hängt und nur am Feierabend und an Festtagen ihre Stimme erhebt. Was Dostojewski in die Zvilisation Rußlands nach Petersburg mitbrachte, als er gebleicht von Gefängnisluft, ergraut von Erniedrigungen aller Art, mit vierzig Jahren die Feder nahm, seinen ersten großen Roman zu schreiben, das war die tiefe Kenntnis des russischen Volkes, der russischen Seele. Wie kein Künstler, kein anderer Mensch mit Nerven und Geist in seinem Lande ist er durch ein gemeinsames Schicksal mit seiner Rasse, seinem Volke vermengt und verknetet worden. Tolstois Annäherungsversuche an das russische Bauern- und Volksleben wirken dagegen wie Spielerei, die Laune eines großen Mannes, der auch hinter dem Pflug und im Kittel ein Graf bleibt, und Gorkis Jugendschicksale wie die Wander- und Handwerksburschenjahre eines begabten jungen Menschen, der früh solchen Kreisen entwächst und schnell sein Ziel erreicht. Dostojewski wurde durch ein Geschick, das ihn zu den Paria warf, mit der Hefe seines Volkes vertraut und vermischt. Sechs Jahre seines Manneslebens verbrachte er auf dem Grunde, in der Tiefe zwischen russischen Leuten, durch nichts vor ihnen ausgezeichnet und gesondert, ihnen gleich an Armut, Nahrung, Kleidung und Schicksal.
Nach Petersburg heimgekehrt, fand er die Literatur seines Volkes vor allem durch Turgenjews Einfluß noch mehr europäisiert, als sie es schon durch Puschkin geworden war. Turgenjews erste gefällige Novellen, die nach Pariser Geschmack zugestutzt waren, beherrschten den Büchermarkt.
Da machte sich Dostojewski mit im Zuchthaus erlerntem geduldigem, zähem Fleiß daran, noch einmal von neuem zu schreiben anzufangen, ganz ohne Vorbild und ohne Rücksicht auf den Geschmack und die Wünsche des gebildeten Publikums, das auf den Boulevards von Petersburg fast das gleiche wie auf denen von Paris verlangt. Es war die Seele seines Volkes, die russische Seele, die er sich in tausend Bildern und Gestalten vom Herzen schrieb, das eigentümliche gemeinsame Wesen dieses Menschenhaufens, der das weite, weite, weite Land von der Weichsel bis zur Wolga und darüber hinaus bis nach Sibirien bewohnt. Keiner hat die russische Seele, dieses unergründliche Mysterium eines Volkes, das uns verwandt und fremd ist, das Werden und Weben seines Wesens so erschöpfend geschildert wie Dostojewski. In tausend Saiten, auf tausend Seiten schlägt er das Melos seines Volkes an. In langen, auch darin seinem Lande ähnlich, weithinschweifenden Romanen — sein größter Roman, die „Brüder Karamasow“, umfaßt mehr als sechzehnhundert Seiten, und dies war erst als Prolog zu einem großen Roman gedacht — schildert er die hervorragendsten Typen seines Vaterlandes. Durch ihre Ausdehnung allein wären diese Romane Dostojewskis Unika der Weltliteratur, wenn sie es nicht auch durch die Ausdehnung ihres Stoffes und der Figuren wären. Wir sehen in ihnen das heilige Rußland vor uns von einem Dichter umgepflügt, Menschen begegnen uns, die Tausende Rubel verschwenden und um eine Kopeke schreien und geifern können. Freunde, die ihre Geheimnisse, ihre Liebsten und die geweihten Kreuze auf ihrer Brust miteinander tauschen und hinterdrein einer dem anderen auflauern, um einander zu ermorden. Frauen, die sich jedem für Geld hingeben, in Palästen und Pelzen sitzen, um auf einmal alles zu verlassen und arm auf die Straße zu rennen. Säufer, die den Wodka literweise trinken und plötzlich in der dunklen Weise der Offenbarung des Johannes reden und in ein Kloster gehen, Bauern, die sich gut vertragen, und von denen unvermutet der eine den anderen um eine silberne Taschenuhr wie einen Hammel mit einem Messer von rückwärts abschlachtet, wobei er sich bekreuzigt und im stillen betet: „Herr, verzeihe mir um Christi willen!“ Männer, die sich jahrelang hassen und fremd aneinander vorübergehen, bis sie sich eines Abends in die Arme sinken: „Wir sind alle lächerlich gute Menschen.“
Die Gegensätze, die die menschliche Brust umspannen kann, kommen bei diesen breit angelegten, einen halben Erdteil umfassenden Menschen herrlich zum Ausdruck.
Wir lassen es uns heute meist bei dem einen Typus, den Dostojewski in Raskolnikow geschaffen hat, dem russischen Intelligenzler, genügen, dem Mörderdilettanten, der seine Tat nicht tragen kann, vor einer Maus erschrickt, mit einem Kanarienvogel fühlt und eine alte Vettel ermordet, der sich in krankhaftem Ehrgeiz ein Napoleon dünkt und über diese einzige Untat, die er nicht zur Guttat in seinem Busen stempeln kann, ins Stolpern kommt. Dostojewskis andere „Helden“ — er darf sie so nennen — Idioten, Sträflinge, Abbilder Christi, die alle lieben und für alle Menschen leiden möchten, Träumer, Phantasten, von Dämonen Besessene, sind bei uns kaum bekannt. Das wundersam weiche Wesen dieser Leute, die zwischen Extremen hin und her fallen, die sich ihren Gefühlen noch rückhaltlos hingeben, die jeden Augenblick wieder ohne Vorurteile und ohne Bedenken sein können wie Tartaren, „aus dem Tartarus“, der Unterwelt Gekommene, kurzum die russische Seele hat Dostojewski in seinen Werken vor allen anderen wiedererschaffen. Darum ist er der größte Dichter Rußlands, und für jeden Fremden, der diesem Volke nahekommen will, geht der Weg auch heute noch durch ihn und seine Werke hindurch.