Friedrich Hebbel
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Die meisten Menschen gleichen leider im Leben den Gefährten des Odysseus auf der Fahrt an der Insel der Sirenen vorüber: Wachs in den Ohren rudern und arbeiten sie sich ab und hören nicht den lockenden Sirenensang der Musen, die aus den Rätseln des Daseins Musik machen, und starren verwundert und ohne Begreifen auf das Genie, das gleich Odysseus in der Mitte ihres Fahrzeuges fest gebunden, beim Klang der Zaubermusik vor Wonnen und vor Qualen sich windet. Als ein solcher Abgetrennter stand auch Friedrich Hebbel in seiner Zeit, fest gebunden an den Mast seiner Natur, unverstanden von den meisten, ein sich selbst Quälender. So fuhr er unter laokoontischen Leiden den Weg zum Tode hinab. Es gibt heute noch zahlreiche, meist sehr satte Leute, die behaupten, daß viele Leiden erst den wahren Künstler machen, und daß insbesondere ein rechter Dichter tüchtig hungern müsse wie ein Bär, um nachher besser tanzen und springen zu können. Das Beispiel Hebbels allein sollte diesen Spöttern ein für allemal den Mund stopfen: Zeit seines Lebens hat er unter der gräßlichen Not seiner Jugend gelitten, die er, der Sohn eines armen Maurers, in einem freudlosen Marktflecken oben in Holstein unter Hunger und Entwürdigungen aller Art verleben mußte. Er war nicht so leicht und glücklich geartet wie ein anderer Parvenü, der freilich ein Bürgerssohn und somit viel weniger zu leiden hatte, ich meine Napoleon, der gerne in Gegenwart des Königs von Preußen und des Kaisers von Rußland — man kann sich die Gesichter der hohen Potentaten dabei denken! — von der Zeit erzählte, da er noch Unterleutnant bei der Artillerie gewesen war. Hebbel konnte später, da es ihm gut ging und er sich satt essen und anständig kleiden konnte, nicht einmal stolz sein auf diesen Wechsel, ohne zugleich bitter werden zu müssen. Das Gefühl, ein Proletarier gewesen zu sein, das nur der zu gleichem Los Verdammte verstehen kann, hat ihn, mehr als er es noch sagen und klagen wollte, gequält. Man muß ihn sich nur vorstellen, wie er herumstand mit seiner großen gekrümmten Gestalt, seinen Bauernknochen und seinen roten, einst oft verfrorenen Händen in den Salons der reichen blasierten Wiener Aristokraten, die ihn fortwährend mit dem alemannischen Dichter Hebel verwechselten, die den Hunger nicht kannten und ihren Magen nur, wenn sie zu viel gegessen hatten, verspürten. Gerade das Leben in Wien, dieser weichen, genußsüchtigen Stadt, muß ihn immer wieder an die harte Not der Kindheit gemahnt haben, da man die paar Winterkartoffeln im Keller verkaufen mußte, um den Sarg für den Vater, der ihn und seine Geschwister stets voll Wut seine „gefräßigen Wölfe“ genannt hatte, bezahlen zu können, da seine Mutter bei fremden Leuten waschen mußte, um seine kleinen Geschwister vor dem Hungertode zu bewahren, und da er selbst, ein bleicher Schreiberlehrling, nachts neben den Stallknechten und Kuhmägden schlief. Der Schatten dieser düstern Jugendzeit hat über seinem ganzen Leben gelegen. Niemals hat er aus vollem Herzen lachen können, und mit einem bittern Abschiedswort im Mund ist er aus seinem Menschendasein fortgeschlichen.
Nicht, daß er kleinmütig gewesen wäre, ein anderer hätte die Riesenlast und die Qual einer solchen Vergangenheit überhaupt nicht ertragen können. Nur einsam und menschenscheu war er geworden und klammerte sich lieber noch an die Tiere, Hunde oder Eichkätzchen, an, als an die lieben Nachbarn, die — seine Jugend hatte es ihn gelehrt! — den Schwächeren so unmenschlich quälen konnten. Nur den Frauen, die ihn mehrmals in seinem Leben durch ihre Arbeit ernährt hatten, bewahrte seine Seele eine glühende Dankbarkeit. Und in ritterlicher Weise hat er, ein moderner Frauenlob, seine Schuld gegen das weibliche Geschlecht in allen seinen Dramen abgetragen. Sonst lebte er wie eine Spinne in seinem Netz und zog aus sich selbst seine Gedankenfäden und schrieb jahraus, jahrein seine Tagebücher, in denen er sich über sich selber Rechenschaft ablegte und das Plus und Minus seiner Seele miteinander verglich. So kam er von selbst dazu, mehr die Menschen und die Dinge zu begrübeln und ins Abstrakte, ins Reich der Ideen hinüberzuspielen, als sie zu erleben. Der Geist des großen Philosophen Hegel, den er als Werdender in sich aufgenommen hatte, begleitete ihn auch als reifen Künstler. Darum war ihm das Wichtigste an einem Werke, daß es „seine Idee“ klar zum Ausdruck brachte. Unter dieser Voraussetzung schuf er denn auch, der direkte Vorläufer Ibsens, seine großen Dramen.
Das einzige, was ihn nämlich immer wieder mit der Öffentlichkeit zusammenbrachte, war das Theater. Er liebte es mit der ganzen heimlichen Liebe, die in ihm war. Schon äußerlich war er mit ihm dadurch verbunden, daß seine Frau, der er sein ganzes spätes Glück verdankte, als erste Darstellerin an der damals, beileibe nicht heute, ersten deutschen Bühne, dem Wiener Hofburgtheater, tätig war. Freilich fügte es sich — wie manche Menschen eben Unglück haben müssen, bis ihnen kein Zahn und nichts mehr weh tut —, daß der damalige Leiter des Burgtheaters ein anderer Maurerssohn, nämlich Heinrich Laube, war. Mit diesem lebte Hebbel in beständiger literarischer Feindschaft, und Laube, der keineswegs zu den vornehmen Charakteren gehörte, rächte sich in seiner Weise dafür, indem er auf seiner Bühne nur Frau Hebbel und höchstens notgedrungen Herrn Hebbel zu Worte kommen ließ. Auch dieses Mißgeschick konnte Hebbel nicht mit Humor ertragen. Er verzehrte sich in stummer Wut über den hoffähig gewordenen früheren Revolutionär, der ihm da vor der Nase französische Plauderstücke und verlogene deutsche Jambendramen aufführen ließ. Dazu kam, daß die Tagespresse sich das unfeierliche Gelübde abgelegt hatte, Hebbel totzuschweigen, und nur ein paar Juden, Emil Kuh, Felix Bamberg u. a., halfen dem deutschen Barden über den kleinen Kummer und die große Verzweiflung hinweg.
Aber schließlich konnte ihm dies alles nicht den Mut und die Lust am Theater nehmen. Wie Goethe hoffte er stets von neuem auf einen Frühling der deutschen Bühne, wollte und konnte er nicht glauben, daß die meisten Deutschen lieber in alberne Schwänke als in ernste Stücke hineinliefen, daß der normale Mann in Deutschland wöchentlich mehr für Zigarren, als jährlich fürs Theater ausgibt. Wer ihm das bewiesen hätte, dem hätte er ein: „Das wird und muß anders werden!“ entgegengehalten. Ja, er war der Ansicht, daß wie die Germanen einst einen Bonifazius hatten, der sie zum Christentum überredete, so hätten sie heute einen ebenso starken Glaubenshelden nötig, der sie zum Theater als zu einer Kult- und Kulturstätte bekehren könnte. In dieser Hoffnung schrieb er seine Stücke, allen voran die ragende Nibelungentrilogie, eine Saat für die Zukunft, am Tage der Garben zu reifen.
Es war ihm nicht vergönnt, gleich Richard Wagner, der ein Gleiches wie er für die Deutschen in der Oper, dieser Mißgeburt aus Wort und Musik, erstrebte, den Tag der Ernte zu erleben. Hebbels Bayreuth ist jetzt noch überall und nirgends in Deutschland. Seine Recken- und Heldenwelt liegt heute noch meist wie die Tierfelle, die sie nach alter falscher Überlieferung tragen müssen, in deutschen Theatergarderoben eingekampfert. Hin und wieder klopft und stellt irgendein Festtag sie noch aus. Ibsens schlechteste Jugenddramen, Shaws albernste Possen, Strindbergs ödeste Lamentationen muß das deutsche Publikum heute geduldig über sich ergehen lassen, Hebbels reifste Werke bleiben ihm noch immer so viel als möglich versagt. Aber wenn einstmals die Japaner und Mongolen Europa einnehmen, oder die Amerikaner es aufkaufen und sich eine Vorstellung von dem einstigen deutschen Geist und Wesen machen wollen, so werden sie sich Hebbels „Nibelungen“ aufführen lassen.