Franz Grillparzer
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Was der Bürger heute bei uns zulande unter „Künstlern“ versteht, das sind meist friedfertige, tugendhafte und tadellose Männer, deren Gewissen so hell glänzt wie das Hemd, das sie tragen, die pünktlich ihre Steuern zahlen, Weib und Kinder haben und am Sonntag doppelt so fromm sind wie an Werktagen. Es sind gute Staatsbürger, die tagsüber schreiben oder malen, mittags um zwölf Uhr essen und abends kegeln oder Karten spielen, ehrsame Geschöpfe, die von den Schutzleuten gegrüßt werden, mindestens zwei Vereinen angehören, ein Haus besitzen, den Oberbürgermeister duzen, und wenn sie gestorben sind, mit Musik und vielen Kränzen begraben werden. Öffnet man dann ihr Testament, so entdeckt man zur allgemeinen Freude, daß der Dahingegangene zudem noch ein hübsches kleines Vermögen hinterlassen hat, und Kinder und Enkel feiern noch nach Jahren den einstigen Künstler in der Familie nach. Gutmütig scheinen die Augen eines solchen Mannes, und sein Mund spricht Worte der Milde und Liebe, und man schläft nicht unruhig, wenn man einen Abend mit ihm verbracht und verlacht hat.
Leider stimmt das Bild, das die Geschichte uns von dem Leben der ganz großen Künstler gibt, nicht mit diesem friedlichen Idyll überein, das der gute Bürger, der abends im Klub, im Kasino oder in der „Erholung“ sitzt, sich nach dem Beispiel seiner heimischen städtischen Künstler zurecht macht. Wir wollen einmal ganz absehen von der Kategorie der ungeordneten wilden Individuen, die der Gesellschaft den Krieg erklären, mit jedermann in Unfrieden leben, ihre Pflichten verträumen, ewig gereizt sind und stets über 36 Grad Blutwärme haben, die früh sterben, im Duell oder am Wein, oder abseits von allen verbittert den Tod suchen und finden. Aber es gibt doch noch eine zweite Spielart von großen Künstlern, die anscheinend ein schlichtes bürgerliches Leben führen, ohne Lärm und ohne Widerspruch und scheinbar restlos im Staate aufgehen, so daß man vermeinen könnte, sie hätten die Harmonie zur Welt gefunden, die Goethe der Größte sich errungen hat. Blickt man jedoch hinter diesen Deckel ihres äußeren Daseins in das Uhrwerk ihres geheimen Lebens, zu dem nur sie selber den Schlüssel haben, so erschrickt man wie vor dem Haupte der Medusa, das jeden, der es sah, versteinerte. Zu diesen Tasso-Menschen, die von sich selbst gehetzt, Jagdhund und Hase zugleich, die kurze Summe ihrer Tage unter Schmerzen von der großen Qual der Welt subtrahieren, gehörte der bedeutendste Dichter, den Wien uns Deutschen geschenkt hat: Franz Grillparzer.
Das Gemütsleben dieses Dichters, den jede Töchterschülerin lesen darf, ist eine Hölle von Bitternissen und Sorgen und Ängsten gewesen mit tiefen Schlünden, in die sich die Gewitter, die sich niemals offen bei ihm entladen konnten, scheu hineinverkrochen. In seinen Tagebüchern, in denen er sich vor uns aufgeschlossen hat, hat er seine Leiden hinausgeschrien wie Philoktet auf seiner einsamen Insel, daß dem, der vorüberfährt, vor Mitleid das Eingeweide brennt.
Schon der Beruf, in dem er saß, und den er doch nicht fortwerfen konnte, so wenig wie ein Lahmer seine Krücke, machte ihm die Tage grau. Jahrelang hockte er als Unterbeamter im Wiener Finanzministerium sich den Rücken und die Seele krumm, zwischen Bureaukraten, die vom Wetter, vom Gehalt und von den Vorgesetzten sprachen, unter „Theater“ Verkehr mit Schauspielerinnen verstanden und sich für des Dichters Stücke höchstens nur wegen der Honorare, die sie einbringen könnten, interessierten. Wenn Grillparzer über die Kindermörderin Medea grübelte, klopfte plötzlich etwas an die Tür, und eine quäkende Stimme fragte: „Haben der Herr Konzeptspraktikant schon die Zollabrechnung der niederösterreichischen Bezirke revidiert?“
Immerfort bewarb er sich um einen Posten, der seiner geistigen Beschaffenheit mehr zugesagt hätte, etwa bei der Hofbibliothek, und schrieb unzählige Briefe, die anfingen: „Der gehorsamst Unterzeichnete bittet devotest und in untertänigster Ehrfurcht ersterbend usw.“, und die dann alle Verdienste des in tiefster Verehrung Erblassenden aufzählen mußten, eine Beschäftigung, die jedem feiner organisierten Menschen ein Gefühl ähnlich dem der Seekrankheit verursacht. Aber alles dies half nicht einmal. Der sprichwörtlich gewordene Undank des Hauses Habsburg bewährte sich auch bei diesem seinem größten Verherrlicher auf das sichtbarste. Dreiundvierzig Jahre lang mußte der Dichter subalterne Bücklinge machen und das Faß der Danaiden füllen helfen, bis ihm endlich, als er nicht mehr singen, sondern nur noch knurren konnte, das Gnadenbrot mit einem Titel und Orden daran überwiesen wurde.
Auch sein wirklicher Beruf, die dramatische Dichtkunst, belohnte ihn nicht nach Verdienst. Nahm man seine Jugendwerke teilweise mit überschwenglichem Jubel auf, so hatte man um so mehr an seinen späteren Stücken zu nörgeln. Schließlich pfiffen ihn die bösartigen Wiener so laut aus, daß er ganz theaterscheu wurde und zu zittern anfing, wenn man ihn nach einem neuen Stück fragte. So starb seine Liebe zum Theater mit fünfzig Jahren plötzlich ab, in einem Alter, da beispielsweise Ibsen später erst sein eigentliches Lebenswerk begann. Er verschloß das wenige, was er noch bis zu seinem einundachtzigsten Geburtstag schrieb, ängstlich in seinem Schreibtisch, wo es lieber vergilben als je wieder ausgezischt werden sollte. Erst nach seinem Tode kam es ans Licht. Mitsamt den ungezählten boshaften Sprüchlein, die der alte harmlose Herr Hofrat Grillparzer, der immer den Hauszins pünktlich einzahlte, und den die Kinder in Wien auf der Straße grüßten, jedesmal, wenn er sich „gegiftet“, hergereimt hatte. Da sah man auf einmal, daß diese Stütze des Staates, dieser korrekte Bürgersmann Grillparzer mit einer Schar bissiger Ratten und giftiger Schlangen zusammengehaust hatte, die ihm immerwährend vom Keller zum Giebel, vom Herzen zum Kopf gelaufen und gekrochen waren.
Denn die unwürdige Behandlung, die er zeitlebens vom Kaiser bis zum letzten Kritiker erdulden mußte, war Milch und Honig gegen die Teufel, die in seiner Brust herumbrodelten. Außer Rousseau hat sich wohl kein Geist so sehr selber gequält wie Grillparzer. Eine seltsame Lust am Schmerz verlockte ihn immer wieder, sein Inneres im Spiegel zu sehen, um schaudernd vor seinem Bilde zurückzufliehen: Neid, Eitelkeit, Spottlust, Hang zur Lüge, zum Diebstahl und zur Wollust und ein grenzenloser Egoismus, das alles stak in einen garstigen Knäuel verschlungen in ihm und schnitt dem entsetzten Hofrat, der doch keinen Flecken an seiner Hose duldete, gräßliche Fratzen. Er hatte nicht die Einsicht noch den Humor, zu sich selber zu sagen: „Ecce homo!“ „So ist der Mensch!“, sondern trug sich wie eine ekle Last, eine lebende Leiche, ächzend zu Grabe.
Das Durcheinander in seiner Natur hat ihn, der als Beamter an genaue Registrierung gewöhnt war, wohl am meisten gewurmt: Heute zerfleischte und verkleinerte er sich selbst und kam sich erbärmlicher als Kotzebue vor, morgen wieder blähte er sich in gereiztem Selbstgefühl vor allen Dichtern wie ein kalkuttischer Hahn, schimpfte über Schiller und nahm dreist neben Goethe Platz. Er wurde von seinen Launen wie von bösen Winden hin und her getrieben, wie er sich auch mit seinen schwachen Kräften dagegen stemmen mochte. Er gehörte zu den Leuten, die immer aus Furcht vor Regen einen Schirm bei sich tragen, aber wenn es wirklich regnet, zufällig einen Stock mitgenommen haben, oder zu denen, die im Theater stets hinter einem Pfeiler zu sitzen kommen, denen die Bahn stets vor der Nase abfährt, und die bei der Table d’hote immer die kalten Platten erhalten und dann eine Tücke in das Objekt hineinlegen, die doch nur aus ihnen selber kommt. Dazu war er ein Hypochonder, der ewig kränkelte, sich immerzu den Puls befühlte oder die Zunge im Taschenspiegel besah, und dabei zweiundachtzig Jahre alt wurde, ohne jemals dem Tode nahe gewesen zu sein.
Am allerunglücklichsten aber war er in der Liebe, diesem schönen Fieber, das in allen seinen Stücken doch End- und Angelpunkt ist. In seinem Leben war es nur eine Qual mehr, der Pfeil, der ihm am tiefsten im Fleische saß. Jedesmal, wenn er sich verliebt hatte, merkte er auf einmal beim dritten Kuß, daß er gar nicht lieben konnte. Er zerpflückte seine Gefühle wie ein Kind die Blumen, und war dann entsetzt und betrübt, wenn sie nicht mehr dufteten. So empfand er schon vor der Liebe, was die Männer gemeiniglich erst nach der Liebe verspüren, und blieb darum einsam, scheu und verkehrt vor der goldenen Pforte zum Paradiese stehen. Und er fand, er schuf sich eine Gefährtin dabei, die er festhielt, Kathi Fröhlich, ein Wiener Mädchen, so beschaffen wie ihr Name, ein liebes Ding, dessen Briefe klingen wie Vogelstimmen vor Sonnenaufgang. Sie opferte ihm ihr Leben und ihre Seele, denn er machte sie zu seiner „ewigen Braut“, der nie die Hochzeitsfackel brannte. Sie glühten, — aber ach, sie schmolzen nicht. Er hat sie nicht aus Geldmangel nicht geheiratet, wie man auf der Schule lernt, sondern aus der Unfähigkeit, sich hinzugeben und sie hinzunehmen. Sie muß Unsagbares gelitten haben, bis er sie dazu brachte, aus dem „du“ wieder in das „Sie“ zu kommen, wenn sie mit ihm sprach, und aus der wärmsten Liebe wieder in eine kühle Freundschaft hinein. Und man möchte lieber der Karrenhund eines armen Kesselflickers als Grillparzers „ewige Braut“ gewesen sein.
Ganz spät erst, als sie beide keine Zähne mehr hatten und einander völlig ungefährlich geworden waren, zog er mit ihr und ihren Schwestern zusammen unter ein Dach. Und abends spielten die beiden wohl Klavier oder Tarock, je nach seiner Laune, und lächelten sich beim Abschied Punkt zehn Uhr wehmütig aus runzligen Gesichtern an. So lebten sie noch zwanzig Greisenjahre durch eine Wand getrennt nebeneinander, bis der Tod sie holte, und man ihre Leichen nur durch eine Spanne Erde getrennt nebeneinander in den Friedhof bettete. Ein paar Träumer aber wollen ihre Seelen drunten im Inferno beide in trauriger Gemeinschaft unter der dunklen Schar derer um Paolo und Francesca fliegen gesehen haben.
So war Franz Grillparzer, Dichter, Hofrat und Mensch, wohnhaft zu Wien, Spiegelgasse Nr. 21, von dem man noch sprechen wird, wenn das letzte schöne Haus aus den Tagen Alt-Wiens abgebrochen und fortgeschleift ist, um irgendeinem hohen modernen Mietkasten Platz zu machen. Mit einem tiefen Seufzer, wie ihn einst unser Dichter, dessen schweren Namen sich die Literaturgeschichte nach Lord Byrons Prophezeiung gemerkt hat, ihn ausstieß, als er schrieb: „Ich möchte, wär’s möglich, stehen bleiben, wo Schiller und Goethe stand.“