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Schattenbilder

Friedrich Nietzsche

Reading edition

Glücklicher Meister, du starbst, bevor jedes Maul dich beschwatzte, Gleich dem Läufer, der stolz seinen Staub überholt.

Friedrich Nietzsche, der Künstler, ist plötzlich in das Deutschland nach 1870 wie ein Wolf in eine Hürde eingebrochen. Es läßt sich nicht mehr leugnen, daß er während der letzten Jahrzehnte und noch heute unser ganzes geistiges Leben bestimmt, mehr noch als dies, daß er eine ganz neue Gefühlswelt wachgerufen und heiliggesprochen hat. Darum vornehmlich ist er der Führer und Abgott des heutigen jungen Deutschlands geworden, nicht weil er alte Tafeln zerbrach — das taten mit ihm Ibsen und andere noch viel krachender —, sondern weil er neue Tafeln aufrichtete und frische, blühende Worte und Werte daraufschrieb. In seinem Werk „Jenseits von Gut und Böse“, das leben wird wie die Evangelien, hat er den Punkt außerhalb der alten moralischen Welt der Vorurteile gefunden, von dem aus man diese ganze überkommene Welt der Moralität aus den Angeln heben und umwerten kann. Indem er einen jeden an seinem Kragen packte und ihm an seinem höchst eigenen Charakter Hamlets Weisheit: „An sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu“ klar machte, nötigte er ihn, zu fühlen, wie widersinnig es ist, die Menschen in schwarze und weiße Schafe zu scheiden. So hat er unsere Strafgesetzgebung ihrer falschen pharisäer- und philisterhaften Moral zu entkleiden, unser Gesellschaftsleben auf ein freieres Fundament zu stellen versucht, und so hat er die Freiheit des Einzelmenschen gepredigt, Deutschlands zweiter größerer Reformator als Luther. Das ist sein Eigenes, daß alle Erkenntnis ihm immer Erlebnis hieß, daß er aus einem Denker ein Dichter wurde und aus einem Philosophen ein Prophet. Er hat in seinem Zarathustra, diesem einzigen Werke, keinen Satz geschrieben, der ihm nicht aus der Tiefe seiner Empfindung wie eine Träne emporstieg. Seine ganze Liebe galt den Menschen der Zukunft, den neuen, den Übermenschen, die den Menschen, das unvollkommene traurige Erden- und Herdentier überwunden haben. Sein ganzer Haß galt der Vergangenheit und ihren falschen Werten, als da waren: Mitleid mit dem Schwachen und Hinfälligen, oder Sehnsucht nach dem Jenseitigen. Wie eine Stimme von einem andern Stern klingen dann seine Worte: „Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden. Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.“ Keiner vor ihm hat jemals so stark und unbedingt das Menschenleben gefeiert und gepriesen wie er. Und das war ihm die Krone des irdischen Lebens: Lachen und sich freuen und tanzen zu können. „Das Lachen sprach ich heilig; ihr höheren Menschen, lernt mir — lachen.“ Namentlich dieses hat man ihm lange Zeit bei uns in Deutschland sehr verübelt, wo man die Ehe, die Kindererziehung, den Beruf für entsetzlich ernste, trübselige und mit äußerster Schwerfälligkeit zu verrichtende Beschäftigungen hält, und wo man vor lauter Pflichten gegen andere die Pflichten gegen sich selbst vergessen hat. Dafür allein sind wir ihm zur ewigen Dankbarkeit verpflichtet, daß er uns gelehrt hat, alles Vergängliche einmal von oben herab, wie ein Vogel, wie ein Fliegender zu betrachten. Nicht frivol, wie Feindschaft und Unverstand gemeint haben. Der Mann, der sich und uns das Wort gegeben hat: „Was uns das Leben verspricht, das wollen wir — dem Leben halten“, der niemals genießen wollte, ist vor diesem Schimpf, mit dem „man“ die Freien gerne bedenkt, für immer gerettet.

Denn sein Leben ist das eines Märtyrers gewesen: Als Sohn eines Pfarrers und als Sproß einer ganzen Pastorengeneration bestimmte ihn sein Dämonion dazu, der stärkste Gegner des Christentums zu werden, den es seit Voltaire gegeben hat. Zur Geselligkeit geneigt, trieben ihn Krankheit und grausame Schmerzen von allen Menschen fort in die eisige Öde der Gletscherwelt oder an das einsame blaue Meer. Von den Frauen, mit denen seine zarte, edel gezüchtete Seele sich gerne vermischte, scheuchte ihn späterhin vermutlich jene schlimmste Ansteckung zurück, die den schönen Anschluß der Geschlechter zu Gift macht. Auf die Freundschaft angewiesen wie kaum ein germanischer Mann vor ihm, mußte er, der von Jahr zu Jahr sich wandelte, alle Kameraden und Freunde hinter sich lassen und war schließlich unverstanden und ganz allein in der Einsiedelei und Wüste seiner Gedanken und Gefühle, von Teufeln und Tieren umlebt wie der heilige Antonius in der Versuchung. „Aber, was tun Sie hier den lieben langen Tag?“, fragte ihn die Frau eines einstigen Freundes, als sie ihn zwischen Kühen auf einem blumenübersäten Wiesenabhang im Engadin träumend fand. „Ich fange Gedanken“, war seine lächelnde Antwort.

Das war also aus dem vielversprechenden, glänzenden jungen Gelehrten geworden, einer, der dichtet und in den Himmel stiert und dem Herrgott die Zeit stiehlt. Keiner hatte ein volles Verständnis für ihn, nirgends fand er einen Widerhall, und als endlich der heißersehnte Ruhm ihn aus seiner Einöde für die ganze Welt emporriß, war es zu spät geworden. Irgendwo in der Fremde, in einer großen Stadt, in der er auch nicht eine einzige Seele kannte, ergriff ihn der Wahnsinn. Irgend ein gleichgültiger Mensch holte ihn von der Straße fort, als er, sich nach Liebe sehnend, ein Droschkenpferd umarmte. Er hatte nicht mehr die Kraft des Bewußtseins, von dem Gift, das er für den letzten Fall bei sich hatte, zu nehmen, und so fiel er denn in die gütigen Hände seiner barmherzigen Schwester, die ihn, das heißt seinen irren Kadaver, bis zum Ende seines Daseins weiterpäppelte. So mußte er, der den freien Tod gelehrt hatte und das Wort: „Stirb zur rechten Zeit!“ noch zehn elende Jahre auf der Erde fristen. Bei einem Gewitter im Sommer 1900, zu Beginn des Jahrhunderts, von dem er prophezeite, daß in ihm Europa über seine Lehren in Krämpfe fallen werde, unter Donner und Blitz, ist er gestorben und nieder zur Hölle gefahren. „Zur Erde will ich wieder werden, daß ich in der Ruhe habe, die mich gebar“, hatte er einst gesprochen. Und so hat man ihn auf dem Friedhof neben dem Pfarrhause, das ihn wie einen Drachen, der es verschlingen sollte, erzeugt hatte, zur Ruhe bestattet. So sehr hat er das Leben lieb gehabt, daß in ihm am Ende eine längst vergessene heidnische Lehre wieder zur Gewißheit wurde, die Lehre von der ewigen Wiederkunft, nämlich, „daß alle Dinge ewig wiederkehren und wir selber mit, und daß wir schon ewige Male dagewesen sind, und alle Dinge mit uns“. Das war die letzte Erkenntnis, die ihm sein Dasein brachte, die ihn quälte, wenn er sich bewußt wurde, daß auch der kleinste Mensch ewig wiederkommen wird, und die ihn zugleich beseligte, wenn er seines eigenen Heldenlebens gedachte. Mit diesen zwiespältigen Gefühlen, die er in Liedern und Dithyramben sich zusang, ist er vom Leben geschieden, mit irren Schritten schon durch den Vorhof des Todes tappend.

Kein Denkmal verkündet noch in deutschen Landen mit steinernem Munde seinen Ruhm. Aber Könige werden sterben und Reiche dahinsinken, doch sein Name wird noch über ferne Jahrhunderte glänzen.

Von

Herbert Eulenberg

erschienen als weitere Bände der „Schattenbilder“

im Verlage von Bruno Cassirer,

Berlin

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Jeder Band in Ganzleinen 7 Mark

Bruno Cassirer / Verlag / Berlin

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