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Schattenbilder

Ibsen

Reading edition

„Die ungesungenen Lieder sind stets die schönsten.“ (Worte des Skalden in Ibsens „Kronprätendenten“.)

Im Frühsommer 1886 saß wie gewöhnlich nachmittags um diese Zeit ein älterer, ziemlich beleibter Herr im schwarzen, sorgfältig abgebürsteten Gehrock, mit langen weißen Haaren und mit ebensolchem Bart an den Backenseiten seines Professorengesichts vor einem Tisch im Café Opera in München. Kaffee und Kognak standen neben ihm, und auf den beiden Stühlen ihm zur Seite lagen hochaufeinander Haufen von Zeitungen und bunten Wochenblättern. Er hatte soeben mit dem letzten Schluck Kognak die letzte Zeitung erledigt und guckte nun aus kleinen verschmitzten Äuglein starr vor sich hin, während hinter seiner hohen wuchtigen Stirne die Gedanken über das Gelesene wie Mäuschen im Speicher hin und her liefen. In diesem Augenblick setzte sich ein etwa zehn Jahre jüngerer Herr, ein gemütlicher, korrekter Fünfziger mit den Worten: „Sie erlauben doch!“ zu ihm an seinen Tisch.

„Bitte sehr, Herr Leutnant oder Herr Hauptmann — ich werde das nie auseinanderhalten können —, ich wollte ohnedies gehen.“

„Ach! Sie sind’s, pardon, Herr Doktor Ibsen!“ sagte der Jüngere, der kein anderer war (wie es in seinen Erzählungen hieß) als der Dichter Martin Greif, der, nachdem er sich als Offizier unter seinem wirklichen Namen „Herman Frey“ hatte pensionieren lassen, nun in München wie Ibsen als vogelfreier Greif und Dichter lebte.

„Also, wie geht’s Ihnen denn, Herr Doktor, was machen Sie, was schreiben Sie jetzt?“ fragte Greif weiter.

„Ich weiß es nicht recht,“ meinte Ibsen, „und Sie?“

„Ja, ich habe soeben meine beiden Hohenstaufendramen ‚Heinrich der Löwe‘ und ‚Die Pfalz im Rhein‘ vollendet und bin nun an den Vorstudien zu meinem ‚Konradin‘. Kommen Sie nur einmal vormittags auf die Bibliothek! Da können Sie mich hinter Büchern und alten Manuskripten schwitzen sehen. Erst muß man die Historie intus haben, ehe man ans eigentliche Dichten herangehen kann. Wissen Sie, einen ‚Konradin‘ muß man schreiben, wenn man überhaupt die Hohenstaufen sich vornimmt. Das ist der Gipfel, die blutige Krone des Ganzen. Und gibt es wohl in der ganzen Welt etwas Tragischeres als diese edle, reine Jünglingsgestalt, die seiner Ideale voll gen Italien ziehet, seine Väter zu rächen und zu erfüllen, und die welsche Hinterlist in Neapel unter dem Beil des Henkers verenden ließ?“

„Ich weiß es nicht,“ warf Ibsen mit seiner hohen spitzen Stimme ein, „mir ist er freilich so gleichgültig wie Ihnen vermutlich Olaf der Heilige, der sein Reich an Knut den Großen verlor und im Meer ertrunken sein soll, was auch keine schöne Todesart ist.“

„Ja, Sie sind eben kein Deutscher, Herr Doktor, verzeihen Sie, aber wenn unsereins schon als Kind von Barbarossa und den anderen großen Hohenstaufen erzählen hört, vibriert es in ihm vor Begeisterung, und wenn er Konradins bejammernswertes tückisches Schicksal nur liest, dann muß er gar mit den Tränen kämpfen.“

„Das mag sein, Herr Greif, aber aus Kindern werden schließlich doch einmal Männer. Und die pflegen bei uns in — Norwegen wenigstens ganz andere Interessen zu haben als die Kreuzzüge, die Hohenstaufen und Olaf den Heiligen. Und am Ende sind die Theater wohl auch bei Ihnen nicht nur für die Kinder aufgebaut!“

„Ich weiß, Sie sind auch einer von den ganz Modernen mit Ihrer ‚Nora‘ und Ihren ‚Gespenstern‘ und wie die Sachen alle heißen mögen, mit denen Sie die Menschheit verbessern wollen. Nicht um ein I-Tüpfelchen werden Sie die Welt anders bekommen durch Ihre Dramen. Alles bleibt schließlich beim alten.“

„Wie zu Zeiten Konradins,“ entwaffnete ihn Ibsen lächelnd.

„Und sie bewegt sich doch, hat schon Galilei, glaube ich, im Kerker gesagt. Sie können doch nicht im Ernst ein Weiterschreiten der Menschheit leugnen.“

„Fällt mir auch gar nicht ein! Ich konstatiere nur, daß es nicht Sache des Theaters ist, Politik zu treiben und Tagesfragen zu erledigen. Dafür sind die Zeitungen da, die da in zwei hohen Bergen um Sie liegen. Dafür ist die Bühne zu schade, sind die Schauspieler zu schade, und ist das Publikum zu schade.“

„So, das ist ja kurz und bündig, wie Sie mich zu den Toten werfen. Und dabei habe ich mir, Sie wissen, ich mag meine Stücke selber nicht sehen, das einzige darauf eingebildet, daß sie kein totes Theater sind, sondern so lebendig wie Sie und ich Gott sei Dank noch sind. Und daß sie darum ihr Publikum, ihr großes Publikum finden werden. Denn sie sind Geist von unserer Zeit, und ich bin, wenn ich mich einmal in meiner früheren Berufssprache so ausdrücken darf, nur der große Destillator gewesen, der die Zeit um mich, wie ich sie sehe, filtriert und den Extrakt daraus in seinen Stücken wiedergegeben hat. So etwas Ähnliches sagt wohl auch, wie ich mich aus meiner Studentenzeit entsinne, ein gewisser Shakespeare im ‚Hamlet‘, glaube ich, wo er die Kunst des Schauspiels als ‚Spiegel und abgekürzte Chronik des Zeitalters‘ bezeichnet. Ich befinde mich also auch für Sie in nicht allzu schlechter Nachbarschaft.“

„Hm!“ knurrte Greif, „vom Standpunkt des Publikums aus können Sie alles entschuldigen: Seiltänzer, Bauchredner, Operetten, Schwänke, Possen, Ballettänzer, Taschenspielereien — — —“

„Und auch meine Stücke, nicht wahr?“ unterbrach ihn Ibsen freundlich. „Ja, aber um des Kuckucks willen, warum schreiben wir denn eigentlich unsere Stücke, wenn nicht des leidigen Publikums wegen? Damit wir sie im Spind liegen haben oder bei Cotta oder Brockhaus oder Reclam oder Hegel in Kopenhagen mit oder ohne Goldschnitt auf dem Lager verstauben lassen? Sie sollen doch gelesen werden von möglichst vielen und aufgeführt werden, wo nur ein Vorhang und Soffitten hängen. Die meisten von uns — Ihre Finanzverhältnisse mögen glücklicher liegen — wollen doch davon leben, wie jeder andere Arbeiter von seiner Arbeit. Von dem Gezeter über die Dummheit oder Faulheit des Publikums wird keiner auf die Dauer satt, geschweige denn fett.“

„So, also Anpassung an den Massengeschmack, Konzession dem Schaupöbel aus Liebe zum täglichen Brot oder Kuchen! Pfui, Herr Doktor, in das Horn der Tantiemenmacher stoßen Sie mit hinein! Die künstlerische Gewissenlosigkeit der französischen Boulevardstückfabrikanten wollen Sie zur Maxime für uns dramatische Dichter erheben! Nein, da mache ich nicht mit, ganz und gar nicht! Lieber wollte ich verhungern, ehe daß ich aus Rücksicht auf Tagesruhm oder Theaterdirektoren oder das Goldene Kalb irgendwie Zugeständnisse machen würde.“

„Sie sollten nicht so verwegen vom Hunger sprechen, Herr Greif! Ich weiß, so gut wie Zola in Paris, was das Wort auf und hinter sich hat, weiß es auch, was es heißt, keine Konzessionen machen, und habe es am eigenen Leibe wohl und wehe durchgemacht und in den meisten meiner Stücke gefeiert wie nichts auf der Welt. Aber klein beigeben müssen wir doch, wenn wir unter und mit Menschen leben wollen. Wir müssen unsere Uhr nach der Zeit einstellen, in der wir stehen. Darum meine ich zunächst, wir sollen auch unsere Stücke so zusammensetzen, daß uns das Publikum von heute dabei aushält und nicht eher wegläuft, bis das letzte Wort gefallen ist und der Vorhang das Stück wie eine Schere oder ein Fallbeil abschneidet. Und darum meine ich zweitens, sollen wir auch unsere Stoffe aus dem Menschenleben um uns herum und nicht aus den Geschichtsbüchern herholen. Schelten Sie mir die Zeitungen nicht, sie stehen stets wie offene Photographenkästen bereit, alles aufzunehmen, und bringen unsere Zeit blitzschnell und haarscharf auf die Platte. Man kann manches davon gebrauchen, wenn man ans Malen oder Dichten selber geht. Was nützen uns die schönsten historischen und poetischen Stücke, wenn das Parkett dabei kalt bleibt und die Galerie lau, und der erste Rang nur immer bei den Aktschlüssen, wenn mechanisch geklatscht wird, aus dem Schlaf erwacht. Die modernen Franzosen sind gar nicht so dumm, wenn sie nur Menschen auf die Bühne bringen, die im Theater selbst überall herumsitzen, also daß die Szene nur ein verlängertes Stück Parkett ist. Glauben Sie mir, ich habe dreißig Jahre lang um Lea gedient und Stücke für sogenannte Gebildete geschrieben und die Geschichte wie ein Eidervogelnest ausgenommen bis in die Wikingerzeit und Kaiser Julian, bis ich endlich merkte, daß es nur Rahel war, die ich liebte und gewinnen wollte, das Volk, die breite Masse, das große Theaterpublikum, die ganze Gesellschaft unserer Zeit. Um die will ich die dreißig letzten Jahre meines Lebens werben mit aller Kraft und Kunst, die mir verliehen ist, werde mich ihren Launen und Nerven mit meinen Stücken äußerlich in der Technik, wie auch innerlich in der Weltanschauung fügen. Ich werde mein Thema — und schließlich ist jedem Künstler nur ein Thema gegeben — nach allen möglichen Seiten variieren und den Leuten immer wieder anders zu kommen versuchen. ‚Anders und doch derselbe!‘ wie ein Sprichwort im Norden heißt. Namentlich die Invaliden des Lebens um mich herum will ich mir aufs Korn nehmen und einen nach dem andern abschießen, und wenn mir selber das Herz dabei weh tut.“

„Sehen Sie nur zu,“ warf Martin Greif dazwischen, „daß Ihnen einer nicht dabei verlorengeht, wenn Sie dem Publikum nachlaufen oder meinetwegen, wie Sie meinen, voranmarschieren: der bessere Teil von Ihnen, der Dichter Ibsen!“

„Den hoffe ich gerade auf meinem neuen Wege immer mehr zu finden. Wissen Sie, früher in meiner ‚ersten Periode‘, wie Ihr Schiller gesagt hätte, kam ich mir stets wie auf einem Maskenball vor, einmal als Wiking oder als Römer, oder als Sören Kierkegard verkleidet. Und das war mir sehr ungemütlich. Und wenn ich mich aus Verlegenheit ganz phantastisch gebärden wollte, dann mußte ich immer an einem Untier vorbei, das vor dem Parnaß lag, wie einstmals die Sphinx vor den Toren von Theben. Dies scheußliche Ungeheuer hieß — Shakespeare und stürzte jeden Dichter, der das Rätsel vom Menschen nicht raten konnte, in den Abgrund hinunter. Und wenn ich die vielen Dichterknochen sah, die da unten bleichten oder wie alte vergessene vermoderte Bücher verfaulten, da wurde mir noch ungemütlicher zumute. Und darum beschloß ich, meinen Ehrgeiz darin zu suchen, möglichst ohne Maske auf dem Theater zu erscheinen und nicht ängstlich darauf zu passen, ob ich auch Dichter genug bliebe und die Schönheit und Poesie nicht dabei in Lumpen und Fetzen und Motten ginge, wie alte aus der Mode gekommene Kostüme. Wenn unsere Zeit, wenn unsere Bühne keinen Dichter verlangt und erzeugt, gut, so gebe ich ihn, wie eine Schlafmütze oder einen Haarbeutel oder einen Vatermörder oder sonst etwas Altes, was wir nicht mehr tragen, hinter den Kulissen ab und komme als Richter, als Arzt, als Pastor, als Lehrer auf die Bühne heraus. Und die Gesinnung, die mich dazu treibt, helfen, raten, klären zu wollen, und meiner Zeit den Spiegel vorzuhalten: ‚Wohl euch oder weh euch! So seid ihr!‘, die wird jedes meiner Worte dann draußen auf der Szene adeln, so gut, als hätt’ ich es mir von Apollo und der tragischen oder komischen Muse selbst soufflieren lassen.“

So sprach der Mann, den wir in die Zukunft mitnehmen wollen, wie eine alte Standarte, mit der und unter der viele Siege gegen die Masse als „kompakte Majorität“ erkämpft worden sind. Und wenn man uns Anno 1950 fragt: „Was tragt ihr da für eine alte zerschossene und verstaubte Scharteke auf dem Rücken?“ so wollen wir antworten: „Es war der, den seine Zeit verlangte und der sie erfüllte, und darum trotz alledem: Ecce poeta!“

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