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Schattenbilder

Rückert

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„Nein! Der richtige Ausdruck ist noch nicht da. Verflixt!“ seufzte der Kunstmaler, den der Magistrat der Bezirksstadt Schweinfurt in Unterfranken zur Verfertigung eines Bildes von dem größten Sohn der Stadt, ihrem Ehrenbürger Friedrich Rückert, nach seinem Gut Neuseß bei Koburg entsandt hatte. Zum Gedächtnis des demnächstigen fünfundsiebenzigsten Dichter-Geburtstages sollte dies Bild im Rathaussaal zu Schweinfurt aufgehängt werden. Fast wütend sah der Maler auf die Staffelei, auf der die Leinwand stand. Schon sechs Sitzungen waren ihm von dem greisen Dichter bewilligt worden. Aber der richtige Ausdruck und das Geheimnis der Ähnlichkeit fehlte noch dem aus bunten Ölfarben gemischten begonnenen Entwurf.

Es war ein goldener trächtiger Herbsttag. Ein paar weiße Wolken zogen am blauen Pantheon des Himmels über das Dach des Dichterhauses, wie die großen Gedanken der Menschheit: Gott, Liebe, Leben und Vergehen über die Stirn des Poeten darin gezogen waren. Er selbst hielt gerade seinen gewohnten einstündigen Nachmittagschlaf. Nach ihm erwartete er den Maler zum Kaffee in der Gartenlaube, um ihm vor dem Abend noch einmal zu sitzen. Der Künstler hatte sich inzwischen vor das angefangene Bild gestohlen. Es stand in der Glasveranda des Hauses, weil hier das beste Licht zum Malen war. Mißvergnügt über sein Werk, das ihn noch nicht mit dem warmen Blick des Lebens anschaute, pinselte und strichelte er ein wenig daran herum.

„Könnte man doch dem alten Dichter leibhaftig den Kopf abnehmen an seinen langen schlichten eisgrauen Haaren, die ihm bis auf die Schultern reichen, und ihn dort in den Rahmen für Schweinfurt hineinsetzen!“ grübelte der Maler in seinen unglücklichen Geburtswehen. „Er trägt ohnedies schwer an seinem gewaltigen Schädel, seitdem ihn seine angebetete Frau Luise verlassen hat. Und wenn er keine so starken Knochen hätte, wär’ er wohl schon unter dem Schmerz der Witwerschaft zusammengebrochen, der seinen greisen Pastorenkopf zerknittert hat, wie ein Gewitter ein reifes Ährenfeld. Ein komisches knorriges Gesicht! Zu den ewig gerunzelten Augenbrauen, die ständig auf schlecht Wetter stehen und keins der genossenen Lebensjahre zurückwünschen, will der liebenswürdige ausdrucksvolle Mund nicht passen, der von Weisheiten und Versen überläuft wie ein Brunnen, den das schmelzende Eis des Parnasses nährt. Könnt’ ich nur den richtigen Ausdruck erwischen“, ächzte der Maler, an seinem Handwerk verzweifelnd. Er wandte sich, die neue Sitzung herbeisehnend ins Haus. Das breite sogenannte „Gute Zimmer“ neben der Veranda war von der verstorbenen Frau ganz den Bildern und Andenken ihres Friedrichs vorbehalten. Und der Dichter achtete scharf wie ein kleinstaatlicher Zollvisitator darauf, daß nicht das geringste hier verschoben oder anders eingerichtet würde, wie es seine selige Luise angeordnet hatte. Da hing an der Wand des von den Linden draußen verdunkelten Zimmers des Dichters Silhouette als Würzburger Student der Philologie. Und dort auf dem Nähkästchen seiner Frau über der von ihr fein gehäkelten Decke lagen seine ersten Verse. Seine „Deutschen Gedichte“, die er noch unter dem bescheidenen Namen „Freimund Reimer“ veröffentlicht hatte. Darunter waren seine 46 geharnischten Sonette, in denen er mit papierenem Schwerte Napoleon bekämpft und ihm zweimal die 23 Stiche, mit denen einst die Verschwörer den Cäsar trafen, versetzt hatte, der sonst so friedfertige Jüngling, der zu zart war, um mit in die wirklichen Schlachten hinauszuziehen. Das Hauptzierstück des Zimmers aber war ein großer Kupferstich nach dem Stielerschen Gemälde von Goethe. Mit seinen sonnenhaften Augen schwebte der olympische Vater des ganzen neuen deutschen Dichterhimmels über diesem Raum wie sein Genius über der Poesie Rückerts. Bescheiden wie der Mond, der sein mattes Licht einer stärkeren Leuchtkraft entlehnt, hing darunter die bekannte Zeichnung, die Carl Barth, der Kupferstecher, von seinem geliebten „Rückerto“ gemacht hatte. Sie stammte aus Rückerts römischer Zeit Anno 1817 nach den großen Kriegen, da dort unter dem Vorsitz des für Teutschland erglühenden bayrischen Kronprinzen Ludwig ein geistiges Coenaculum bestand, dem die Nazarener ihr Öl und die Historiker Niebuhr und Bunsen ihr Salz beimischten. Ein Gedicht in Faksimile hing eingerahmt darunter. Das begann:

„Als wir an der Ponte Molle saßen Und das Leid der Welt im Wein vergaßen ...“

Der Dichter selbst aber sah finster aus seiner Zeichnung herab. Mit dunklen stechenden Augen in schwarzer altdeutscher Burschentracht und mit offenem Kragen, das kriegerische Schnurrbärtchen der Befreiungskämpfer und Sänger um die Lippen. Düster wie Simon Magus war er einst so durch Rom gewandelt, dem er innerlich fremd geblieben war. Ihn hatte es viel mehr nach dem Orient gezogen. Und in Wien, wo dieser beginnt, war ihm weit heimischer zumute gewesen, als an der Tiber, die Goethen beseligte. „Zur Erinnerung an den Winter in Wien“ stand unter der Zeichnung, die an der Wand gegenüber hing. Es war Joseph von Hammer-Purgstall, der erste und größte Orientalist, der den einstigen Freund aus seinem Rahmen anschaute, mit dem Einverständnis aus der gleichen Liebe zum Osten, die sie verbunden hatte, bis sie über die Aussprache einiger persischer Wörter sich nach Professorenweise miteinander verkrachten.

Der Maler, der sich die Vergangenheit seines Dichters an den Wänden seiner guten Stube betrachtet hatte, stöhnte: „Das gibt mir alles nicht mehr den richtigen Ausdruck für ihn“ und begab sich zu der Laube, wo er sein lebendes Modell erwarten sollte. Leise schritt er durch den Garten unter den Bäumen, die der Dichter, der sich nach seinem eigenen Geständnis weit besser darauf verstand, Bäume zu züchten und zu veredeln als Studenten der Philologie und zünftige Orientalisten heranzubilden, meist selbst gepflanzt hatte. Da, wie der Maler in den Seitenpfad zur Laube biegen wollte, sah er den greisen Poeten schon dort liegen. In edler Verdrossenheit und Ungeselligkeit, zwischen den türkischen Bohnenblüten, mit denen die Laube eingefaßt war. Sie nickten ihm freundlich zu, wie die mit weißem Turban oder rotem Fes geschmückten Häupter der morgenländischen Dichter, die er übersetzt hatte, ein Dschami, ein Saadi, ein Dschelaledin Rumi, ein Hariri und Firdusi im Geist ihn grüßen mochten.

Lang ausgestreckt auf seinem Rücken lag er da, des Dorfamtmanns Sohn aus Frankenland, seiner liebsten Gewohnheit gemäß ins Anschauen Gottes versunken, und lauschte auf das Klirren des Bächleins, das an seinem Haus vorübersprang. Die lange Pfeife lehnte neben ihm und mischte ihren Duft mit dem Kaffee, den man ihm gebracht hatte, dem würzigen Getränk Arabiens, wie er sein reines Deutsch mit dem Indischen, Hebräischen, Persischen und Chinesischen vermählt hatte. Auf seinem Schoß lag ein Notizbuch. Darein schrieb der Alte ab und zu mit seiner klaren zierlichen Handschrift, mit der er die gesamte Literatur des Ostens exzerpiert hatte, einen Vers, den er sich leise vorsprach, indes die Hummeln seinen glatten Mund umsummten. Wieviel hunderttausend Reime waren ihm nicht entflogen seit seinem ersten Kindergedicht! Es gab nichts in der Welt für ihn, das sich nicht bedichten ließ: Der Tod eines Kindes so gut wie die Ablehnung einer Einladung oder das Ausfliegen eines Kanarienvogels oder das Heldenmädchen Prohaska oder der Abschied eines Dienstboten oder die Württemberger Verfassung oder ein verstauchter Fuß oder das Frankfurter Rumpfparlament. Auf alles fand er einen Reim. Hatte er doch zum Spaß ihrer sechsundzwanzig allein auf das Wort: „Märchen“ aufgestöbert.

Am liebsten freilich waren ihm die Reime „Mein“ und „Dein“, so wie er als Mann auch stets den Gleichklang auf sein Ich und die Hälfte, die ihm zum Ganzen fehlte, gesucht hatte. Von Agnes Müller, der frühverstorbenen, angefangen über Marielies, die Thüringer Wirtstochter, die er unter dem Blumennamen „Amaryllis“ besang, trotzdem sie ihn verschmähte und seine Gedichte — o Tod jeder Dichterliebe! — zerriß, bis zu Luise, der Braut und Gattin, der er seinen vollen Liebesfrühling in den Schoß geschüttet hatte.

„Du bist die Ruh, Der Friede mild, Die Sehnsucht du Und was sie stillt.“

Selbst die weißgestrichenen Pfosten der Laube waren mit Reimen gefüllt, mit versus memoriales, die der Dichter, der außer seinen Briefen keine Prosa schrieb, und der seinem eigenen Geständnis nach nur in Versen denken und fassen konnte, dort hingekritzelt hatte. Neben der Kaffeekanne auf dem Tischchen lagen drei Bände seiner Dramen, die kein Mensch las, außer ihm selber. Im Banne Calderons, der ihm wie der Dämon dem heiligen Cyprian mit magischer Gewalt im Nacken saß, hatte er in ihnen den König Arsak von Armenien, Saul und David, Herodes den Großen, Kaiser Heinrich den IV. und Cristoforo Colombo bedichtet und sich fast krank geärgert, als keine Bühne gierig danach griff. Doch, um den alten Poeten über diese nie vernarbte Wunde zu trösten, stand dicht neben diesen totgeborenen Werken eine Vase voll hundertblättriger Rosen die seine sorgliche Tochter dorthin gerückt hatte und duftete ihm wie die sechs Liedersträuße zu, die er einst im Liebeslenz gewunden hatte.

So lag er dort auf seiner Gartenbank zwischen seinen Blumen, seinen Versen und seinen dramatischen Schmerzenskindern, der ungesellige greise Dichter. Wie ein morgenländischer Zauberer sah er im Schmuck seiner langen Haare aus, indes seine knochigen Wangen noch von dem Wein, den er beim Mittagsmahl genossen hatte, wie die des Hafis gerötet waren. „Könnt’ ich ihn so aus der Natur wegstehlen“, dachte der Maler, der ihn lange von ferne betrachtete, den weisen Brahmanen, der Verse fangend in den Himmel schaute. Um das ländliche Bild des Stillebens eines deutschen Dichters zu vollenden, spielte sein Enkeltöchterchen, ein kleiner Blondkopf, um ihn herum. Sie wartete darauf, daß er ihr ein Märlein von dem Bäumchen, das andere Blätter gewollt, oder vom Büblein, das überall hat mitgenommen sein wollen, erzählte. Jetzt reizte das goldene Medaillon an der Uhrkette des Großvaters besonders ihre Neugier. Listig und leise machte sie sich an ihn heran, der mit den poetischen Geistern der Luft zu sprechen schien. Vorsichtig öffnete sie das Schlößchen, das die beiden Goldkapseln zusammenhielt. „Wer ist das, Großväterchen?“ rief sie, erstaunt auf die beiden Bildchen blickend, die darin waren. Sanft erschrocken, schaute der greise Dichter zur Seite. Er sah seine über alles geliebte Luise als Braut und als Silberbraut in den Händchen der Kleinen und einen Schimmer der Ähnlichkeit mit seiner Frau auf dem Gesichtchen der Enkelin leuchten. Die Tränen traten ihm in die Augen. Und jetzt — das war der richtige Ausdruck für den greisen Dichterkopf, wie der Maler ihn suchte — jetzt legte der Gottesfürchtige seine morsche Hand zum Segen auf den blonden Scheitel der Kleinen und flüsterte mit seiner immer leisen Stimme:

„O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, Was mein einst war!“

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