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Schattenbilder

Geibel

Reading edition

„Das soll mir einmal einer nachmachen von diesen Jungen, die sich heute auf der deutschen Schaubühne herumlümmeln und der anständigen Kunst die Luft wegnehmen, die wenige, die ihr die seichte, zuchtlose, französische Schwankliteratur übrig läßt, Gott sei’s geklagt!“ Der Mann, der das sagte, war ein bleicher Sechziger. „Unser Geibel“ nannten ihn seine Lübecker. Er trug eine violette Samtjacke und ein schwarzes Samtkäppchen, unter dem sich zu beiden Seiten und nach hinten schöne Reste kühn geschwungener weißer Locken hervortaten. Er saß auf einem roten Plüschstuhl. In der einen Hand hielt er ein Manuskript, dessen Goldschnitteinband in dem Licht der roten Ampel glänzte, die auf dem Sekretär neben ihm brannte. Mit der andern Hand schlug er zuweilen zur rhythmischen Begleitung der Verse, die er vortrug, oder auch zur Bekräftigung seiner Ansichten auf die mit zwei Löwenköpfen aus Messing geschmückte Armlehne seines Plüschstuhles. Jetzt fuhr er fort, aus dem sauber und deutlich wie ein hanseatisches Konossement geschriebenen Manuskript in seiner Linken vorzulesen, in das er freilich kaum hineinzublicken brauchte, so geläufig waren ihm die Verse.

Brunhild: Nieder in den Staub, du Schlange, die mit gift’ger Zunge sticht! Lügnerin!

Kriemhild: Die Wahrheit sprach ich und dein Grimm verlöscht sie nicht!

Brunhild: Schweig! Wie Flaumen in die Lüfte blas’ ich deiner Märchen Bau.

Kriemhild: Glauben willst du nicht dem Worte, rasend Weib, wohlan, so schau! Kennst du diese Doppelspange: Dir vom Gürtel kam sie nie! Bis der Held dich unterjochte — — —

Die Jungfrauen: Wehe! Wehe!

Kriemhild: Kennst du sie?

Brunhild: Gaukelspiel der finstern Mächte!

Kriemhild: Antwort gib!

Brunhild: Wie Rabenflug Schwirrt es düster mir vor Augen. Aber nein! Es ist ein Trug Du entwandest sie!

Kriemhild: Du wagst es?

Brunhild: Räuberin!

Sigrun: Laßt ab vom Streit! Dort vom Schlosse naht der König.

Kriemhild: Wohl! Er kommt zur rechten Zeit.

„Das soll mir einmal einer nachmachen von diesen Dichterlingen und modernen Schmierfinken, die unser Theater schänden!“ unterbrach der Dichter seine Vorlesung. „Das ist echt dramatisch. Nicht zum Einschlafen langweilig wie das Stabgereime eines Richard Wagners, bei dem einem übel werden kann wie Gunthers Weibe in seiner verblasenen Götterdämmerung! Vermutlich weil sie das endlose Vorspiel der drei Nornen auf dem Walkürenfelsen mitanhören mußte. Die ganze hehre Edda ist uns durch diesen unsittlichen Sudelmusikanten verzerrt und in den Kot gezogen worden.

Auch meine Szene ist gewagt, ich geb’ es zu. Aber der gewaltige Dichter des Nibelungenliedes hat sie nun einmal überliefert. Und ich glaube, daß ich nicht gestrauchelt noch ausgeglitten bin, wie es leider einem Hebbel an solchen schlüpfrigen Stellen zuweilen widerfahren ist. Selbst den Gürtel, den er, dem Liede folgend, die rasende Kriemhild der Nebenbuhlerin vor dem Münster zeigen läßt, hab’ ich als anstößig vermieden und geb’ ihr nur seine Doppelspange. Was auch nur im kleinsten über die Grenzen des Sittlichen hinausschweift, ist nicht mehr ‚schön‘ nach den ewigen Grundbegriffen der Ästhetik. Irret euch nicht, ihr herumvagierenden Ritter der Moderne! Gott läßt seiner nicht spotten. Hab’ ich nicht recht, meine Lieben?“

Sein kleines Auditorium, das wie gewöhnlich aus seiner einzigen Tochter Marie, ihrem Manne, dem soliden Rechtsanwalt Doktor Fehling, und seiner rührend um ihn besorgten Nichte Bertha bestand, beteuerten mit Kopfnicken, Brummen und Zärtlichkeiten die Richtigkeit seiner Behauptungen und Befürchtungen. „Item, ich fahre fort“, kündigte der Alte jetzt als sein eigener Heroldsruf mit erhobener Stimme an: „Gunther tritt auf im königlichen Schmucke.

Gunther: Welch ein Zwist! Wer ist’s, der frevelnd unsrer Hofburg Frieden brach?

Brunhild: Schütze, räche mich mein Gatte, räche deines Weibes Schmach!

Gunther: Was geschah?

Brunhild (weist auf Kriemhild): Es spricht die Stolze — meine Lippe bebt vor Scham, Daß nicht deine Kraft, daß Siegfried mir zur Nacht den Gürtel nahm.

Gunther: Wort des Unheils! Wehe!

Sigrun: Wehe, daß du diesen Zwist begannst!

Brunhild: Brich die Lästrung! Richte! Räche!

Kriemhild: Straf’ mich Lügen, so du kannst!

Brunhild: Ha! Du schweigst? Du zögerst? Rede! Bei der Hölle Pforten, sprich! War es Siegfried?

(Gunther schweigt)

Die Jungfrauen: Wehe! Wehe!

Kriemhild: Sein Verstummen richtet dich.“

Der Dichter hatte seine Stimme, so sehr er konnte, entfaltet. Wie Theater-Donnerrollen dröhnte es durch die niedrige Lübecker Wohnstube. Aber plötzlich brach er ab und heftete seine funkelnden blauen Augen angstvoll ins Leere. Die Krankheit, die ihn allnächtlich um die elfte Stunde wie ein stygischer Schatten heimzusuchen pflegte, trat heischend hinter ihn und nahm ihm die Kraft, weiter zu deklamieren. Nur ein paar Bekräftigungen seiner selbst ließ er, den das Glück überall, nur nicht auf dem Theater angelächelt hatte, noch gegen die Dämonen der Zweifelsucht los: „Was! das ist dialektisch gebaut! Ein Äschylus würde sein Ergötzen daran haben. Traun! In der Form steh’ ich hinter keinem zurück. Wie knapp Rede und Gegenrede aufeinander folgen! Meist nur in einem Vers! ‚Stichomythie‘ nannten das die Griechen. Schade, daß ich nicht mein eigener Kommentator sein kann! Ich könnte mehr aus meinen Werken herauslesen als Bulthaupt von Bremen und dieser naseweise Freytag. Ja, ja! man muß scharf zusehen bei mir, meine Herren Kritiker! Die Stelle, die ich euch vorlas, bedeutet die Peripetie des Dramas, den vorgeschriebenen Wendepunkt im Schicksal der Heldin, das von nun an der Katastrophe zueilt. Ihr könnt euch den Aufbau meiner Stücke an einer Pyramide klarmachen.“ Er zeichnete mit zitternder Hand eine solche Figur in die Luft. „Seht ihr! Das war die Spitze, zu der ich meine Brunhild führte. Jetzt geht’s bergab mit ihr. ‚Αὖτις ἔπειτα πέδονδε κνλίνδετο λᾶας ἀναιδής‘, wie Allvater Homer singt, was unser plumper alter Voß, vergröbernd wie immer mit: ‚Hurtig wie Donnergepolter entrollte der tückische Marmor‘ übersetzt hat. Ich hätte ihm gerne die Hand führen mögen bei manchen Versen des Joniers, meinem Nachbarn, dem etwas grobschichtigen Alten von Eutin.

Hab ich’s euch recht gemacht mit meinem Vorlesen? Ich sag’ euch, die Ziegler selbst ist zu matt an dieser Stelle, die freilich die Kraft einer Göttin verlangt. Wahrlich! stellt das nicht alles in den Schatten, womit sich dieser wabernde, wollustwühlende, wahnwitzige Wagner an den Nibelungen versündigt hat?“

Die Nichte gab heimlich über seinem Kopf den beiden andern das Zeichen zum Aufbruch. Allzu große Aufregung verschlimmerte die nächtlichen Leiden des Onkels. Das wußte sie aus peinlicher Erfahrung. Tochter und Schwiegersohn verabschiedeten sich denn auch unter den üblichen Beifallsbestätigungen. „Nun? Bin ich wieder einmal zu heftig gewesen, mein Nichtchen?“ meinte der greise Dichter, als sie beide allein waren, schelmisch lächelnd. „Hab’ ich diesen Wagner wieder ad posteriora vorgenommen? Schon recht, Mimosa pudica! Reich’ mir nur die Büchse her. Ich verurteile mich selbst zu dem üblichen Strafschilling.“

Er ließ, noch immer neckisch, eine Mark in die von der Nichte ihm vorgehaltene Sparbüchse fallen. Es war dies das Strafgeld, das er für jede in Gegenwart von Damen gemachte gewagte Äußerung in seinem Hause eingeführt hatte. „Da ist mein Obolus“, fügte er hinzu, und sein Gesicht bekam plötzlich einen sinnenden Ausdruck, als wäre ihm bei dem harten Fall des Geldstückes zu Bewußtsein gekommen, wie bald er so dem Charon das letzte Fährgeld über den Totenstrom zahlen müßte.

„Umsonst entziehn dem blutigen Mars wir uns, Dem Wogensturz der heulenden Adria, Umsonst zur Herbstzeit ängstlich meiden Wir den verderblichen Hauch des Südwinds. Wir sehn trotzdem durchs Dunkel den stockenden Kocyt einst schweifen — — — —“

wie sein geliebter Horaz, dessen fünfzig schönste Oden er übersetzt hatte, seinem Postumus klagt.

Die Nichte hatte behutsam die gestrickte Decke von den Knien des Onkels fortgezogen, der sich nun, von ihr gestützt, ächzend aus dem weichen Plüschstuhl erhob. „Eheu fugaces, Postume, Postume labuntur anni!“ sprach er, nachdenklich die langsam verblühenden Wangen der Nichte tätschelnd. Sie wandte sich etwas frierend von seiner kalten Hand zum Mahagoni-Büfett, einen silbernen Teelöffel aus dem Dutzendkästchen für den Grog des Onkels zu holen, der ihm vor der Nachtruhe an sein Bett gebracht werden mußte.

Langsam ging der greise Poet seinem Schlafzimmer zu. Vor dem lebensgroßen Ölbild seiner verstorbenen Frau Ada Geibel, geborenen Trummer, blieb er wie jeden Abend zu einer kurzen Andacht stehen. Im Reifrock der Mode von 1850 aus blauem Taft mit breiten Volants hing sie dort, wie ein Engel schon über ihm schwebend im Reichtum ihrer Locken, die, wenn sie losgeschürzt waren, wie ein schwarzer Wasserfall ihr bis an die Knie gereicht hatten. Sie schaute mit ihren braunen Rätselaugen an ihm vorüber in das Himmelreich, in das sie ihm vorangegangen war. Nur drei Jahre war sie sein gewesen. Aber er war ihr treu geblieben, er, der Pastorensohn. Über die Jahrzehnte hinaus, die sie jetzt von ihm trennten. „Anders wie jener französierte Heine, der aus seinem Herzen einen Rangierbahnhof gemacht hat!“ knurrte er in seinen geschweiften Knebelbart. Sein Fuß stieß an die Laute, die an die Palmen und Blattpflanzen vor ihrem Bilde gelehnt war. Sie klang wie das gebrochene Herz der Sappho auf Mytilene auf Lesbos. Seine müden Augen, die einst in seiner Jugend, da er noch Hauslehrer in Athen gewesen war, Marathons Ebene und das Felsengestade von Salamis und das goldrostige Marmorgebälk der Akropolis geschaut hatten, blieben an dem Ölgemälde Oswald Achenbachs: „Ein Abend in Sorrent“ haften, das neben der Tür zu seinem Schlafgemach hing. „Sonderbar! Daß ich niemals in Rom war!“ sagte er, halb zur Nichte gewandt. Und eine Feuerbachsche Sehnsucht nach dem Land voll Sonnenschein glomm in ihm auf. Aber er korrigierte sich alsbald: „Freilich fürwahr, wer die Antike aus erster Hand genossen hat, mag sie nicht mehr als Kopie aufgetischt bekommen.“ Die gemütvollen Straßenlampen der Marzipanstadt blinzelten ihrem Hofpoeten bestätigend durch das Fenster zu. Er schickte sich an, sich zur Ruhe zu begeben, soweit das schmerzvolle Darmleiden, das er seit seinem Aufenthalt in Griechenland hatte und das ihn regelmäßig außer den Mittags- und Abendstunden wie der Geier den Prometheus heimsuchte, sie ihm vergönnte. „Gute Nacht, Nichtchen!“

Aber sie hatte noch ein Anliegen: „Fräulein Froböse möchte wissen, wie dir der erste Aufzug ihres Trauerspiels gefallen hätte, und ob sie es weiterdichten sollte.“

„Richtig“, sagte er, schon in der Türe zu seinem Schlafzimmer stehend, und begann lächelnd, wie er es oft in jüngeren Jahren im Lübecker Ratskeller getan hatte, aus dem Stegreif in Versen zu sprechen:

„Beinah hätt’ ich’s schier vergessen, Deine Freundin zu erfreuen, Morgen werd’ ich es bereuen —“

Doch er war zu müde noch einen Reim zu suchen. Er dachte zitternd, daß bald der Tod ihn mit dem Wort „Zypressen“ finden und Dichter wie Gedicht damit zudecken würde. „Gott wird’s füglich fertig machen!“ sprach er unter einem halben Gähnen. „Gott wird alles fertig machen, sag’ ihr das, was von uns hier nicht vollendet und nicht gut gemacht worden ist. Alles, bis auf Bismarcks Werk!“ Er lüftete leise sein Samtkäppchen ihm zu Ehren, er, der Herold des neuen deutschen Kaiserreiches. „Denn das ist vortrefflich geraten und bedarf keiner Verbesserung! Ehre sei Gott in der Höhe! Gute Nacht!

Du magst mir noch etwas auf der Laute vorspielen, wie der Knabe dem Scipio vor seinem Zelt in meiner herrlichen ‚Sophonisbe‘. Ich werde dabei, soweit mein Darm es zuläßt, von Griechenland träumen.“

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