Maupassant
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So war der Mensch Maupassant: Ein gut gewachsener, breitbrüstiger, muskulöser Kerl mit schönem, starkem braunen Haar, einem gewöhnlichen Schnurrbart und ein Paar großen ernsten Augen. Nichts fiel auf in seinem Gesicht, das dutzendweise vorkam und vorkommt, und hätte sein Name nicht einen so großen literarischen Schatten hinter ihm hergeworfen, kein Mensch hätte sich auf der Straße nach ihm umgeblickt. Seine braunrote Hautfarbe sagte einem, daß dies ein Sportsmann sei, und den kräftigen Armen sah man an, daß er tage- und nächtelang mit seinem Ruderboot auf der Seine verbracht hatte. Das war die schönste Zeit seines Lebens, als er noch im Marineministerium herumfaulenzte, als er noch nicht „schreiben“ konnte und an den Fingern nur Schwielen von der Ruderstange, nicht von der Feder hatte, und mit lustigen Freunden und Freundinnen zwischen sechzehn und dreißig die Umgegend von Paris auf dem Fluß von Charenton bis Argenteuil fröhlich machte. „Wir waren meist zu fünf Strauchdieben“, erzählt er später selbst mit der Wehmut und dem Stolz, die einem im Alter überkommt, wenn man von seiner verflogenen Jugend spricht. „Ich erinnere mich an so seltsame Abenteuer, so unwahrscheinliche Späße, daß sie heute niemand glauben würde. Man lebt heute so nicht mehr, selbst nicht auf der Seine, denn die tolle Phantasie, die uns beständig in Atem hielt, ist in den gegenwärtigen Seelen erloschen. Wir fünf besaßen einen einzigen Kahn, den wir mit großer Mühe erstanden hatten, und in dem wir gelacht haben, gelacht haben, wie wir nie wieder lachen werden.“ Das verlernte er immer mehr, das Lachen, mit jedem Tag, da er älter und reicher wurde. Aus dem jungen Burschen, bei dessen Liebesabenteuern ernste Männer wie Flaubert und Zola vom bloßen Zuhören Seitenstiche vor Lachen bekamen, kroch ein wohlbeleibter, ernster, blasierter Mann heraus, dem die Havannazigarre traurig wie ein Wurm im Munde hing, der „für keinen Groschen Poesie“ hatte, und aus dem das Lachen kurz und vertrocknet klang, wie aus einem, der den Witz schon kennt, dem er zuhören muß. Sein Geld machte ihm nicht die Freude, die er von ihm erhofft hatte. Er war als Schriftsteller ein größerer Geschäftsmann als Beaumarchais. „Ich schreibe keine Zeile unter einem Franc“, war seine Losung, und wenn er von Verlegern sprach, geschah es nie, ohne ein „diese Hunde!“ hinzuzufügen, und sein größter Ehrgeiz war, möglichst viele von ihnen zugrunde zu richten. Als Normanne schätzte er das Geld und konnte besser rechnen als drei Juden. So hatte er es in wenigen Jahren zu einem bedeutenden Vermögen gebracht; konnte sich eine Segeljacht, zwei Häuser, eines in der Normandie und ein anderes in Cannes und vierzehn Frauen in Paris halten. Konnte seiner Mutter Brillanten zu Weihnachten schenken und seinem Vater, der stets mindestens dreißig Meilen von ihr entfernt war, Zigarren schicken, wie sie die Königin von England nicht teurer rauchte, und hätte mit alldem glücklich sein können gleich Fortunatus mit seinem Glückssäckel.
Aber sein Reichtum machte ihn ebensowenig fröhlich wie Schopenhauer und weiland König Midas: die Ärzte und seine Fettsucht verdarben ihm den Appetit, indem sie ihm, dem Feinschmecker und Vielesser, eine strenge Diät auferlegten. Das Rosenwasser, in dem er, ein Liebhaber von Wohlgerüchen, täglich badete, roch er schließlich gar nicht mehr. Von den Frauen war er übersättigt, sein Ruhm machte ihm auf die Dauer keinen Spaß mehr, und die Arbeit, die Zola jung erhielt, machte Maupassant, der stets sehr schnell und mit zwölf Atmosphären Druck schrieb und schaffte, nur nervös. Dazu kam ein vermutlich schon ererbter Hang zur Melancholie, der von Jahr zu Jahr wuchs und ihn immer mehr überschattete. Aus ihm entstand seine große Verehrung für Schopenhauer, in dessen Pessimismus er die ihm passende Weltanschauung fand, aus ihm seine Liebe zur Einsamkeit und zur Schweigsamkeit, sein Menschenhaß und seine Lieblingsbeschäftigung, den Spießbürger, ohne „Pardon!“ zu sagen, auf die Zehen zu treten. So erschien er in den letzten Jahren seines kranken Lebens als der dekadente Sproß eines französischen Adelsgeschlechtes nach der Revolution, dessen brutale Herreninstinkte sich statt in Hofintrigen oder gefährlichen Liebesabenteuern oder Feldzügen damit befriedigen mußten, Verleger um Geld zu pressen oder dem Herrn Meier und Schulze das schmutzige Hemd aus der Hose zu ziehen oder sich über die schiefgetretenen Absätze des Fräulein Soundso zu mokieren: als der blasierte, sich ewig langweilende, verlebte, reiche junge Herr, für den alles, was über der Materie war, Phrase hieß und abgedroschen war, wie er an Maria Bashkirtseff schrieb, und gegen den Lord Byron wie ein Naturbursche wirkt. So traf ihn sein Geschick, das noch viel grausiger war als das von Oskar Wilde. Am Tisch seiner Mutter in Nizza brach der Irrsinn in ihm aus, und Ibsens „Gespenster“ wurden lebendig. Er hatte noch die geistige Kraft zu einem Selbstmordversuch, aber die Dummheit seiner Diener verhinderte dies. Nach anderthalbjähriger Passionszeit starb er in der Zwangsjacke im Irrenhaus bei Paris. Seine letzten Worte kurz vor dem Tode — und man muß hierbei unwillkürlich an Goethes letzte vernehmlichen Worte: „Mehr Licht!“ denken — waren: „Finster, ach wie finster!“ Kein Geistlicher hat ihn begleitet. Zola, der Mutige, hielt an seinem Grabe die Leichenrede.
So aber war der Dichter Maupassant, der in diesem Menschen hauste: ein Schüler Flauberts, ohne jede Tendenz das Leben erfassend und beschreibend, wie es ist, nackt und nüchtern, nicht beschönigend, nicht verhäßlichend. Das Entsetzen über den Naturalismus hatte sich schon in Frankreich gelegt, als Maupassant zu schreiben anfing, so daß er es nicht mehr nötig hatte, ein Programm aufzustellen und zu verteidigen, was seiner Kunst nur zugute kam. Er war der größte Meister im Erzählen, den die Neuzeit kennt, und seine Lust zu fabulieren ist unerschöpflich gewesen. Vor allem im Beschreiben der Natur, die er mit dem scharfen Auge des Jägers aufs Korn nahm, ist er groß. Wenn er eine Landschaft betrachtete, die er schildern wollte, kniff er gern, ganz wie ein Jäger, ein Auge zu und brachte sie dann in ein paar Strichen, ein schreibender Impressionist, aufs Papier. Ein Stück Natur, an dem Flaubert und Zola noch drei Seiten vollmalten, zeichnete er in drei Zeilen, daß man es sah, roch, hörte und schmeckte. Vor allem die Normandie, seine Heimat, mit ihren Apfelbäumen und ihrer kräftigen salzigen Seeluft, und die Riviera, seine Nervenweide, mit ihren Palmen und ihrem lauen, sinnlichen Duft, traf er wie ein Photograph, und manche seiner Bilder daher wirken, wenn man sie liest, mit der Anschaulichkeit von Ansichtskarten. Unter den Menschen, die aus der Kamera seines Gehirns herauskommen, gelingen ihm die harmlosen Bürger und stumpfsinnigen Bauern am besten, und von den Frauen die mondänen, leichtfüßigen, parfümierten. „Du mußt den Kerl, den du beschreiben willst, an seiner Nase packen und hin und her biegen, bis du ihn in dir hast“, hatte ihn einst Flaubert gelehrt. Maupassant befolgte diese Regel so gut, daß man seine Menschen oft atmen zu hören glaubt. Gern allerdings versetzt er seinen Bürgern, wenn er fertig mit ihnen ist, zum Schluß mit seiner vornehmen Künstlerhand noch ein paar Maulschellen, wie Policinell alle Puppen herunterhaut, ehe sie in den Kasten kommen. Am sichersten ist Maupassant in der Wahl seiner Farben und Beiwörter. Während die Parnassiens zu seiner Zeit oft tage- und nächtelang nach einem passenden Adjektivum wie nach einem verlorenen Kragenknöpfchen herumsuchten, fand er ohne Federlesen schnell das richtige Epitheton. Wie er denn überhaupt ungeheuer rasch im Produzieren war und in zehn Jahren neunundzwanzig Bände zusammengeschrieben hat. Er hatte ebensolange dazu gebraucht, sich unter Flauberts täglichem Einfluß auf seinen Beruf vorzubereiten, und wenn er darum später die andern ganz langsam an ihren Büchern herumbauen und die Worte vorsichtig wie ein Apotheker prüfen und abwiegen sah, dann klimperte er wohl stolz mit seinen Goldstücken, blies den Rauch aus seiner kurzen Pfeife und sagte: „Seht ihr wohl, das kommt davon, daß ich mein Handwerk erst gelernt habe.“
Wenn er bei den Frauen, die er schildert, mehr das Sinnliche an diesen merkwürdigen Wesen betont, wie dies übrigens die Franzosen von jeher getan haben, so geschah dies keineswegs aus Frauenhaß, und Nietzsche hatte unrecht, wenn er ihn darum so klug wie die Kirchenväter nannte, die bekanntlich die Frauen noch als Bestien und nicht als Menschen ansahen. Gerade aus den letzten Werken seines Lebens, aus den Romanen „Fort comme la mort“ und „Notre cœur“ klingt eine so tiefe Verehrung für die Frau als die natürliche Gefährtin des Mannes seit dem Paradiese heraus, eine so edle und zarte Art der Hingabe an das andere Geschlecht, daß man sich verwundern muß, wie man diesen Künstler jemals neben Strindberg als Frauenfeind hat nennen können. Freilich — und hier rundet sich Maupassants nüchterner und darum grausamer Pessimismus — wird auch die Liebe nach seinem Bekenntnis keinen von der Einsamkeit befreien, in der ein jeder von uns lebt, leidet und stirbt. Diese trostlose Einsicht von dem Alleinsein des einzelnen, von dem Gefühl, daß wir alle einsame Feuer sind, kehrt stets als Refrain bei diesem Dichter wieder. Vor diesen großen, grauen Hintergrund sind fast alle seine Kreaturen gestellt, und vor ihm opfert ihr Schöpfer sie dem Leben oder dem Tode mit dem furchtlosen, verzweifelten, traurigen Mitleid des Pessimisten, indem er ihnen als einzigen Trost vor dem Ergrauen das große Wort des Buddhismus zuraunt: „Geh an der Welt vorüber, sie ist nichts!“