Andreas Gryphius
Reading edition
Im Herbste 1667, vor mehr als 250 Jahren also, da am Pegel zu Köln, wenn es hoch kam, sechs Schiffe lagen und das Pfund Fleisch auf dem Markte noch ½ Silbergroschen kostete, setzte sich ein Trupp von schauspielernden Studenten zu Frankfurt an der Oder auf ein Treidelschiff, um sich den Fluß hinauf gen Glogau in Schlesien ziehen zu lassen. Sie waren von einem hochwohllöblichen Magistrat zu Glogau für insgesamt einen Taler, vier Neugroschen gemietet worden, um den 45. Geburtstag des hochgeachteten Bürgers und Syndikus der Stadt, Andreas Gryphius, durch Aufführung und Wiedergabe eines seiner Schaustücke zu honorieren, zu illuminieren und zu personifizieren. Als sich das Schiff in Bewegung setzen wollte, kam noch der Komödiantenmeister mit einem großen Sack auf dem Rücken angekeucht, enthaltend niederländische Koller und ein paar verrostete Stoßdegen, so er alles bei einem Althändler zusammengeramscht hatte. Man zog ihn und die Theatergarderobe auf das Schiff, und sobald man die Schnupftücher der Nachwinkenden aus den Augen verloren hatte, begann man die Getreidesäcke, die als stummes Gut mit nach Glogau verfrachtet waren, beiseite zu schieben und auf dem Verdeck des Schiffes unter freiem Himmel Probe abzuhalten. Der Mensch, zumal wenn er Student und Schauspieler ist, hat im allgemeinen die Eigenschaft, erst kurz vor dem Examen oder der Aufführung zu lernen anzufangen. Von diesem Brauch wich auch unsere Frankfurter Studententruppe um keines Haares Breite ab, und es stellte sich bald heraus, daß keiner von ihnen, um nicht die andern etwa zu beschämen, mehr als gar nichts gelernt hatte. So begann man denn mit Feuereifer von früh bis spät an dem Stück „Horribilicribrifax“, einem Scherzspiel in fünf Begebenheiten, das der Glogauer Magistrat aus den Stücken des Meisters zur Aufführung auserkoren hatte, zu probieren: Die Wolken am Himmel und die Weiden an den Flußufern sahen ihrem tollen Treiben lachend zu, die Getreidesäcke als stumme Passagiere gähnten und dachten bei sich: „Mit welch dummem Zeug die Menschen doch ihr Leben hinbringen!“, und die Matrosen, die anfangs vermeinten, einen Haufen Affen an Bord zu haben, verstanden nach und nach, um was es sich handelte, stahlen sich nach Möglichkeit von ihrer Arbeit fort und hielten sich den Bauch vor Lachen beim Zusehen. Die Treidelpferde aber zogen mit gesenkten Ohren auf dem Leinpfad das Schiff stromaufwärts und bedauerten sehr, daß sie nicht Menschen geworden waren.
Drei Tage und vier Nächte dauerte die Fahrt, zu der man heute drei Stunden braucht. Um die Abenddämmerung kam man endlich vor der alten, mit verwitterten Türmen umstandenen Stadt Glogau an. Die schwarzen Festungsmauern, die wie alte bärbeißige Polizisten rund um die Stadt herumliefen, guckten verschlafen aus dem Herbstnebel heraus. Eine einzige bunte, den Schweden abgenommene Fahne hing aus einer Schießscharte und sagte den Komödianten: „Guten Abend!“ Die kehrten in die Herberge zum „König von Polen“ gleich am Hafen ein, die ihnen von den Schiffern als wohlfeil empfohlen war, und in der je drei in einer Bettstelle schlafen mußten. Aber da die Wanzen schon ihre Winterquartiere bezogen hatten, gab es für sie alle eine friedliche Nacht.
Am andern Morgen in der Frühe besichtigten unsere Spieler zunächst das Zelt und die Bühne, auf der sie vor dem Magistrat und Volk zu Glogau ein Zeugnis ihrer Kunst ablegen sollten. Sie machten flugs einen alten Leiterwagen zur Garderobe zurecht, schnitten denen unter ihnen, die Frauen darstellen mußten, die Bärte, die während der Schiffahrt lang gewachsen waren, aus dem Gesicht und borgten sich aus der Festung eine dicke Trommel, um hinter der Szene donnern zu können.
Dann machte sich der Prinzipal der Truppe in seinem besten französischen Rocke auf, um zunächst den Magistrat und hernach den hochachtbaren Syndikus Andreas Gryphius selber aufzusuchen. Sein Weg führte ihn mitten durch die Stadt, wo es gar elend und erbärmlich aussah. Die Kriegsfurie, die dreißig Jahre lang in Deutschland geschaltet hatte, war auch mit Glogau nicht anders denn wie ein roher Viehtreiber umgegangen. Die meisten Häuser standen noch heute, neunzehn Jahre nach dem Friedensschluß, leer, und man hörte am hellen Mittag die Ratten drin rumoren. Schutt lag auf den Straßen, die Kirchen waren kahl und ausgeraubt, und der Pfarrer hätte alle Sonntage über den Text: „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe!“ predigen können. Die paar Menschen aber gingen zwischen den verfallenen Häusern stumm und ernst herum wie Statisten, die Trauer, Armut und Verzweiflung darstellen sollen.
Mitten in dieser Illustration zu einer Prophezeiung des Jeremias sah das alte schiefe Patrizierhaus des Syndikus Gryphius fast fürstlich aus. Unser Komödiantenmeister klopfte denn auch unter einem feierlichen Gefühl mit dem Türringe an und ließ sich stumm wie eine Seele über den Acheron durch den finstern Flur zum Studierzimmer des gelehrten Poeten geleiten. „Introite!“ rief eine feine Stimme. Aber es dauerte lange Zeit, ehe der Komödiant den Kopf, der zu dieser Stimme gehörte, erblicken konnte. Hinter einem hohen Haufen von Folianten und Pergamenten und Quadranten unter einer schweren, riesigen weißlockigen Perücke saß der hochgelehrte Andreas Gryphius, eine Hornbrille auf der Nase und eine Gänsefeder in der Hand, und sann über einen Reim auf „Menschen“ nach. Sein Gesicht war ganz gelb, denn die Leber drückte ihn heute noch mehr als sonst. Seine schneeweißen Hände zitterten vor Frost trotz der Pelzstauchen, die er über den Pulsen trug. Aber seine Augen blickten den Hereinkommenden fest und tief an, wie die Augen eines Mannes, der viele Länder und viele Leiden gesehen hat, und der weiß, daß er nicht mehr lange Zeit zu leben hat.
Es war dem Syndikus gar nicht recht, daß der Magistrat gerade dies lustige Stück von ihm zur Repräsentation gewählt hatte. Viel lieber wäre es ihm gewesen, man hätte eines seiner Trauerspiele inszeniert, in denen die Menschen in Alexandrinern sprachen und es zum Schluß auf ein paar Leichen mehr oder weniger nicht ankam, wenn nur die Moral siegreich blieb, Trauerspiele, in denen das Blut dick über die Bühne floß, in denen die Helden noch im Sterben reimen konnten, und in denen „die Parzen“ — so nannte er die Chöre — in edler und erhabener Sprache Verse über die Vergänglichkeit wie diesen deklamierten:
„Sterbliche: was ist diß Leben, Als ein ganz vermischter Traum? diß, was Fleiß und Schweiß uns geben, Schwindet als der Wellen Schaum.“
Aber der schlaue Magistrat von Glogau hatte folgendermaßen kalkuliert: „Ein Hanswurst oder Pickelhering kommt in keinem Stück von Andreas Gryphius vor. Ergo fällt die Hauptattraktion für das Publiko von vorneherein fort. Lassen wir nun gar ein trauriges Stück unsers Syndikus agieren, so kommt uns nicht einmal ein Jude herein, und wir müssen unser Stadtsäckel öffnen, in dem nicht mehr denn etliche lumpige Dukaten miteinander Verstecken spielen. So wir aber ein Scherzspiel des Poeten, etwa den ‚Horribilicribrifax‘ figurieren lassen, werden mehr als hundert zahlende Leute kommen, und wir können von etwaigem Überschuß sogar unser Ratszimmer neu kälken lassen.“
So ward denn der „Horribilicribrifax“ zum Jubel der halben Stadt — denn die Frauen durften damals nicht mehr zu solchen Spielen gehen — angesetzt, und Gryphius selber sagte schließlich dem Komödiantenmeister, nachdem dieser ihm feierlich versprochen hatte, ein paar ernste Lieder des Dichters vor dem Theaterspiel sprechen zu lassen, sein Erscheinen zu. Und er kam pünktlich um die Stunde, da es beginnen sollte, und ward mit vielen Zeremonien, während das Volk „Vivat“ schrie, oben auf die Bühne geleitet. Dort saß schon der ganze Magistrat versammelt. Der Bürgermeister hielt eine lateinische Rede auf den „divus Andreas“, in der Gryphius trotz seiner Rührung leise 14 Fehler konstatierte, und das Spiel begann. Und wie nun der gelahrte Dichtersmann seine bunten Geschöpfe auf den Brettern herumspringen und -stelzen sah, da vergaß er auf einmal seine Leberschmerzen und seine Feierlichkeit und lachte mit den andern um die Wette, daß ihm die runden Tränen aus seinen meist ins Papier vergrabenen Augen schossen.
Und wenn wir ihm heute wie damals seine Mitbürger am Schlusse der Feier einen Lorbeerkranz auf die Perücke setzen, so wird er uns wie seinen Glogauern nicht verargen, wenn wir nicht mehr mit ihm weinen, sondern nur noch mit ihm lachen können. Das aber soll ihm nie vergessen werden, daß dieser Schlesier überhaupt der einzige gebildete Mensch und Dichter von bleibender Bedeutung gewesen ist, der sich zwischen Hans Sachs und Lessing mit dem deutschen Theater und damit mit unserer Kultur befaßt hat.