Jean Paul
Reading edition
O du seliger, ewig jugendlicher Jean Paul, der du jetzt auf den Asphodeloswiesen im Elysio unter den Schatten einherwandelst und am Abend die grauen Flockenblumen abzupfst und in die Luft fortpustest, ihnen nachschauend wie Kinder den Seifenblasen im Sonnenschein, siehst du dich noch in jenem Zimmer der derben kreuzbraven Wirtin Rollwenzel vor dem Städtchen Bayreuth sitzen, an dem Federhalter kauen, hin und wieder einen Gedanken oder ein Bild aus deinen Nackenhaaren hinter deinem kahlen Scheitel herausziehen und das große weiße Papier, das vor dir liegt, langsam mit deinen schönen Buchstaben zumalen? Siehst du dich noch schmunzeln vor Behagen, wenn dir ein besonders eigenartiger Einfall übers Papier lief, und du ihm zwei Seiten lang nacheiltest und dabei vom Hundertsten ins Tausendste und Hunderttausendste kamst, oder wenn die Wirtin mit einem Krug voll Kulmbacher Bier zu dir trat und du dich zurückbeugtest und die dicke braune deutsche Ambrosia hinunterspültest und dabei drüberhin dankbar in den Himmel sahst wie ein trinkendes Huhn? Wenn du dann noch eine Prise Borkauer Schnupftabaks in die breiten Nasenlöcher geschoben hattest, wie konntest du dann auf dem Papier mit den Flügeln schlagen und über die Hecken und Zäune der Menschen fortfliegen und vor Vergnügen krähen! Über dreißig deutsche Kleinstaaten flogst du an einem solchen Vormittag, vor Bayreuth schreibend, hinüber und picktest alles, was dir lächerlich schien, von den Wegen auf und brachtest es zu Papier, allerlei schnurriges und monströses Zeug, das sonderbar aussah wie Spinnen oder Meertiere im Spiritus. Vor dir, wenn du vom Schreiben aufschautest, lagen die Höhen des Fichtelgebirges oder Frankenwaldes; und du ließt deine großen, sanften, blauen Augen an ihren stillen Linien so zufrieden vorbeirollen, wie der Herr von Goethe in Weimar hinter den Bergen die Rückenformen schöner Menschen in Stein oder Fleisch betrachtete. Nie fiel es dir ein, das Land Italia, von dem die von der Griechheit befallenen damaligen Deutschen wie junge Mädchen von ihren Erziehern schwärmten, zu betreten. Höchstens deine Helden führtest du an ihrem Schopf auf den Palatin oder den Posilipp oder ließest sie ihre Schwermut in dem Lago Maggiore widerspiegeln. Dir selbst wäre es nicht wohl gewesen in Ländern, wo man kein Bier trinkt, wo keine Wälder duften, keine Serenissimi reden und regieren, damit ihre Untertanen etwas zu lachen und zu erzählen haben, und wo keine deutsche Musik geblasen, gegeigt, gespielt, getrommelt oder gesungen wird. Du mußtest im Frühling Aurikeln und Veilchen, im Sommer Rosen und Gelbveiglein und im Herbst Astern und Stiefmütterchen um dich haben und mußtest im Winter dicke Eisblumen an den Fenstern sehen: sonst wärst du gestorben vor Heimweh. Wenn die anderen von Welschland sprachen, hieltest du dir die Ohren zu und pfiffst Beethoven vor dich hin; und nachts, wenn die Sterne am Himmel aufzogen, sagtest du: „Nun ist alles auf Erden gleich.“
Drum saßest du alle Morgen allein im offnen Zimmer neben der Gaststube der kreuzbraven Wirtin Rollwenzel vor dem Städtchen Bayreuth, die Perlmutterdose voll Tabak und den Steinkrug voll Bier neben dir und Oberfranken im Fenster eingerahmt vor dir, und schriebst ganz gemächlich deine zehn bis fünfzehn Seiten deutsche Prosa tagtäglich in deine Kladde. Und warst dabei nicht minder des Gottes voll als Dante, da er in der Pineta dichtend umherging, oder als der blinde Milton, als er seiner Tochter die Beschreibung des Satanas und der weinenden Eva in die Feder diktierte. Und warst dabei nicht weniger behutsam und dachtest ebensoviel über deine Kunst nach wie Lessing, Herder und Schiller, die sich beim Dichten oft den Puls zählten wie ein Kranker im Fieber. Du stütztest die Stirn in die Hand vor jedem neuen Kapitel (oder Summula oder Jobelperiode oder Station oder Hundsposttag oder Nummer oder Zettelkasten, oder wie du sonst noch deine Abschnitte nanntest) und sannst dann lang und breit über das Romantische, über den Humor, über den Stil, über die deutsche Sprache nach, bis du auf einmal den Faden deiner Erzählung ganz verloren hattest. Dann galt es, schnell übers Garn zu schlagen und mit ein paar Rückzügen, die nicht ungeschickter, wenn auch unberühmter waren als die Friedrichs des Großen nach der Schlacht bei Hochkirch oder die Napoleons von Leipzig nach Paris, zu deinem Thema zurückzugelangen. Freilich verlorst du oft eine Schar Leser bei solchen Exkursionen; Leute, die sagten: „Wir kommen auf der Straße nicht mehr mit. Der Kerl gerät uns zu sehr auf Abwege und Seitensprünge.“ Aber dir lag nichts an solchen Lesern, die gegängelt werden wollen und mit Extrapost und stets frisch gewechselten Pferden, wie ein persischer Satrap durch seinen Bezirk, durch die Ereignisse hindurchreiten wollen bis zur Verlobung oder zum Begräbnis. Sacht wie ein Landomnibus zwischen zwei Marktflecken fährst du deine Insassen weiter; was tut’s, wenn der Pegasus unterwegs stehen bleibt, wo immer ein Vergißmeinnicht sich zeigt, um es mitzunehmen? „Nur Geduld!“ rufst du vom Bock hinunter, „wir kommen schon an;“ und verkaufst für die Tränen einer Liane oder das Grinsen eines Ironikers über eine schöne oder kluge Stelle tausend Seelen an Kotzebue. Davon rührt es, daß heute mancher so schwer dich liest wie einen Palimpsest, auf dem drei Texte übereinander geschrieben sind, und du in Bibliotheken oft hoch oben stehst, wo selbst keine langen Spinnfängerbesen mehr hinaufreichen, und das Subjekt, das alle Jahre einmal zum Staubwischen dort hinaufklettern muß, kopfschüttelnd deine seltsamen Titel liest, wie etwa diese: „Die Kunst, einzuschlafen“, „Dr. Fenks Leichenrede auf den Höchstseligen Magen des Fürsten von Scheerau“, „Über das Leben nach dem Tode oder der Geburtstag“, „Das Glück, auf dem linken Ohr taub zu sein“, „Verschiedene prophetische Gedanken, welche teils ich, teils hundert andere wahrscheinlich 1807 am einunddreißigsten Dezember haben werden“, „Ruhige Darlegung der Gründe, warum die jungen Leute jetzo mit Recht von dem Alter die Ehrfurcht erwarten, welche sonst selber dieses von ihnen fordert“, „Bitte, mich nicht durch Geschenke arm zu machen“, „Vollständige Mitteilung der schlechten, aberwitzigen unwahren und gottlosen überflüssigen Stellen, die ich in meinen noch ungedruckten Satiren aus Achtung für den Geschmack und das Publikum ausgestrichen habe“, „Einige gutgemeinte Erinnerungen gegen die noch immer fortdauernde Unart, nur dann zu Bette zu gehen, wenn es Nacht geworden.“
Wenn du täglich deine Hefte vollgeschrieben hattest, ewig wie das Fichtelgebirge lebender Jean Paul, schrittest du zufrieden wie ein Buchführer, dessen Saldos stimmen, nach Hause. Auf dem Marktplatz von Bayreuth verwickelte sich dein Fuß dann wohl in den geschnörkelten Schatten des vom Markgrafen Friedrich errichteten alten Barockschlosses, du stolpertest und ließest das Dreierlicht im Marienglas, das dir heimleuchtete, fallen und standest dann allein unter den Sternen in der Abendluft, die nach Wäldern roch. Dann fuhren wohl ein paar titanische Gedanken durch deine mächtige Stirn, daß sie mit dem Jupiter und dem Hesperus über dir um die Wette leuchtete und du sagen durftest: „Gefühlt habe ich es auch, Goethe!“
Aber dann kamen schon die Nachbarkinder und zupften und zogen dich hinein, mit ihnen um die Lampe „Schwarzer Peter“ zu spielen, und du folgtest ihnen willig, eingedenk deiner Worte: „Um wieviel leichter erkauft man den unmündigen Kindern arkadische Schäferwelten als den Erwachsenen nur ein Schaf daraus!“ Und du hieltest ganz still und ließest dir ruhig mit dem Korkstopfen einen dicken schwarzen Bart über dein breites, feistes Gesicht malen, daß du aussahst wie die Maske der Komödie bei den Griechen, und die Nachtwächter vor dir erschraken. Und wenn du deine Nachtsuppe mit Pflaumen heruntergelöffelt hattest (denn das viele Beißen verlernten deine Zähne sehr früh), dann gingst du noch einmal zu einem Schlaftrunk schon im Schlafrock in die Kneipe nebenan und schmunzeltest bis zu den Ohren hinauf, wenn der Apotheker, der Pfarrer und der Bürgermeister, drei abgefeimte Hasenfüße, sich zusammentaten, über Napoleon zu schimpfen, den sie durch ein Nadelöhr gejagt haben würden. Nachts aber, in deiner hölzernen Bettstelle, in der gewürfelten Flanelljacke, die dir den rundlichen Leib warmhielt, träumtest du von einer Reihe sonderbarer Geschöpfe, die dich umflogen: E. T. A. Hoffmann war darunter mit seinem Eulengesicht und Ludwig Börne mit seinen traurigen Augen, der Professor Fechner mit seiner Brille, Robert Schumann mit seinem edelsten Lächeln, Carlyle aus Schottland, Friedrich Vischer aus Schwaben, Wilhelm Raabe, die Feder in der Hand, und Gottfried Keller mit seinem Züricher Dialekt und viele, viele andere. Alle aber nannten dich „Vater“, als hätten sie dich über den Verlust deines einzigen Sohnes forttrösten wollen. Und einer unter ihnen (es war Ludwig Börne, wie sich zwanzig Jahre später herausstellte) trat hervor und redete dich an: „Eine Zeit wird kommen, da wirst du allen geboren. Du stehst geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartest lächelnd, bis dein schleichend Volk dir nachkomme.“