Lessing
Reading edition
Man kann an das Leben Lessings wie an das Mozarts nicht denken, ohne dabei vor Scham sich zu wünschen, lieber Botokude als ein Deutscher zu sein. Auf seinem Denkmal zu Braunschweig steht mit großen Buchstaben: „Dem großen Denker und Dichter das deutsche Vaterland“. Auf seinem Antlitz stand, da er noch lebte, mit kleinen Falten geschrieben: Undank, Verbitterung, Ekel, Ingrimm, Wehmut und Verachtung. Und wenn er gleich Mozart, dem er mit seinem Humor in den Augen ähnlich sah, über die Menschen, wie der Mond über die Hunde, lachen konnte, wenn er auch in seltenen lichten Momenten vor seinem inneren Auge das bewußte Denkmal in Braunschweig mit der pompösen Inschrift erschaut hat: Dies Lachen Lessings und Mozarts tut mir weher, als wenn ich von dem Elend Deutschlands nach dem Dreißigjährigen Krieg oder unserer Niederlage bei Jena lese.
Lessing hatte von vornherein ein schwarzes Los gezogen, da er sein Leben in der Hauptsache dem deutschen Theater widmete. Schon als Student von achtzehn Jahren studierte er zu Leipzig für Theologie lieber Theatrologie und verkehrte statt mit dem heiligen Paulus mit Madame Neuberin, die dort zum erstenmal den deutschen Thespiskarren festgebunden hatte, und mit den verwegensten und besten Mitgliedern ihrer Truppe. Damals waren die Schauspieler noch nicht wie heute gute, solide Bürgersleute mit reinen Stehkragen, biederen Manieren, kleineren Orden, bezahlten Rechnungen, großen Gagen, die gleich nach dem Theater zu Bett gehen, in Gesellschaften nach dem Pudding ein paar Gedichtchen vortragen, und die man, wenn sie sich die Bärte wachsen ließen, ruhig mit Gerichtsassessoren verwechseln könnte. Nein, zu jener Zeit waren meist Kerle dabei, mit denen man nicht gern allein bei Nacht eine Stunde Wegs gegangen wäre, Kerle, die, wenn sie sich gezankt hatten, nicht zum Richter liefen, sondern sich ein paar um die Ohren schlugen und dann gerührt einander in die Arme fielen, die den Karl Moor aus innerer Erfahrung spielten und einen Umweg um jeden Polizisten machten, die es für ein Verbrechen hielten, Schulden zu zahlen, und darum gar kein Geld nötig hatten, die eine heisere Kehle mit Branntwein und nicht mit chlorsaurem Kali heilten, und deren Leben schnell und prasselnd wie eine Pechfackel, nicht ruhig und musterhaft wie eine Kirchenkerze, zu Ende brannte.
Man kann sich vorstellen, was aus dem würdigen Gesicht des Vaters Lessing, des ehrwürdigen Pastor Primarius und Diakonus zu Kamentz wurde, als er von diesem ruchlosen Umgang seines Sohnes erfuhr. Er sah aus wie der fünfte Akt eines Trauerspiels, wenn die Katastrophe heranbricht. Er hielt seinen Sohn schon für so radikal böse, daß er glaubte, er würde kaum mehr aus des Satans Klauen zu reißen sein. Gleichwohl wollte der fromme Vater alles noch mögliche versuchen und ersann eine — wie man in solchem Falle zu seinem Gewissen sagt! — Notlüge. Er schrieb dem Sohne, die Mutter sei schwer erkrankt, und wenn er ihr noch einmal, bevor sie ins Himmelreich käme, und so weiter. Drei Tage darauf, mitten im eiskalten Januar 1748, erschien der gehorsame Sohn, Stipendiat und Student der Gottesgelahrtheit vor seinem Vater.
Der war ganz erstaunt, daß dem Jungen bei seinem Verkehr mit der Theaterwelt noch kein Pferdefuß und keine Hörner angewachsen waren, und lachte dann den vor Schrecken und Frost Halbtoten tüchtig aus. Zum Abschied aber gab er dem jungen Theaterdichter folgende gute Lehre mit nach Leipzig: „Häng er sein Herz nicht an die Bühne, mein Sohn! Es wird ihm nimmerdar zum Segen gereichen. Wenn es ihn nach einem Spiegel gelüstet, darinnen er sich beschauen möchte, so blick er in die Bibel hinein, oder schließe sich in sein Kämmerlein und halte dort eine stille Parade ab über sein Herz. Finito, und zur Hauptsache: Geh er nicht mit Komödianten um, mein Sohn! Man wird es ihm niemals Dank wissen, und er wird dessen nimmer froh werden! Der kleinste Schauspieler dünkt sich mehr, als er, Gotthold Ephraim Lessing, in seinen besten Stunden. Wenn er durchaus reimen und auf dem Pegasus traben muß, so verfertige er Lieder wie dieser Gleim, oder Hexameter, wie der fromme Klopstock, oder hübsche Fabeln, wie jener Gellert zu Leipzig sie machen soll, oder meinethalber auch ein paar gute Sinnsprüche nach der Weise des seligen Logau. Aber um seiner Seele willen fang er keinen Handel mit Schauspielern an! Ich möchte ihn lieber — Gott verzeih’ mir! — nicht auf die Erde gesetzet haben, wenn ich dies wüßte. Oder ich möchte lieber — Gott, verzeih’ mir noch mehr! — itzt einen Knüppel nehmen und ihn damit so lange vor den Kopf schlagen, bis er tot wäre, um ihm den Ärger zu ersparen, der ihn sonst vor der Zeit gelb färben wird. Eher möchte ich unsern Schweinen Lateinisch beibringen, als meine Verse den Schauspielern, und es dünkt mich ehrenvoller, Türklinke an einem schlechten Hause als deutscher Theaterdichter zu sein!“
Aber der junge Lessing war schon so von dem Theaterfieber besessen, daß die Warnungen seines Vaters von einem Ohr zum anderen spazierten, ohne daß ein Wort in seinem Kopfe kleben blieb. Er fuhr nach Leipzig zurück und opferte sein Blut und sein ganzes Genie, das er hatte, dem deutschen Theater. Er schrieb „Minna von Barnhelm“, „Emilia Galotti“ und „Nathan den Weisen“. Er wurde der erste deutsche Dramaturg und widmete ein ganzes Jahr seines kurzen Lebens dem Hamburger Theater. Er wollte ein Gleiches für Mannheim tun, wenn er dort nicht schlechter als der Portier bezahlt werden sollte. Er vertrieb die Franzosen von der deutschen Schaubühne mit derselben Tapferkeit und Unerschrockenheit, wie sie Blücher fünfzig Jahre später an der Katzbach bewies, und Corneille war kein schwächerer Gegner als Napoleon. Er öffnete das deutsche Theater für Shakespeare und war damit Anlaß, daß über hundert Jahre lang bis heute dieser größte Dichter bei uns häufiger als in England aufgeführt wurde. Er bewies schließlich mit seinen eigenen Stücken, daß man nicht durchaus ein Ausländer sein muß, um in Deutschland aufgeführt werden zu können, und kam nach allem Schaffen und Ärger, wie der Alte prophezeit hatte, zu der sauren Erkenntnis, daß das deutsche Theater ihm immer fatal gewesen, und daß er sich nie, es sei auch noch so wenig, habe damit bemengen können, ohne Verdruß und Unkosten davon zu haben.
So mußte er, der Freiesten einer, die je gelebt haben, einer, der eher seine Zunge aufgegessen als eine Schmeichelei gesagt hätte, Fürstendiener werden, und ward für 600 Taler im Jahr als Bibliothekar des Erbprinzen von Braunschweig angestellt, während die Mätresse des alten Herzogs 60000 Taler pro Anno verschlang. „Arm wie Lessing“ heißt es noch heute in Wolfenbüttel von einem, der drei Fastentage in der Woche feiert, und dessen Hosenböden glänzen. Dazu kam, daß Lessing nicht weniger Unglück in seinem Leben wie im Spiel hatte und mehr als Hiob und Lazarus zusammen. Er hatte einen Freund, Ewald von Kleist: der ward ihm in der Schlacht von Kunersdorf erschossen. Er hatte einen Monarchen, den er verehren mußte, Friedrich den Großen: er ward von ihm völlig ignoriert und jedem hergelaufenen Franzosen nachgesetzt. Er hatte eine Frau, die er liebte wie Tellheim seine Minna: er besaß sie nur ein Jahr. Er hatte einen Sohn, auf den er sich unbändig gefreut hatte: der lebte nur ein paar Stunden und riß die Mutter mit ins Grab. Schließlich war er in die Wahrheit vernarrt und verdarb es dadurch mit den meisten Menschen, denen mehr an einem guten Frühstück als an der Wahrheit gelegen ist. Die Professoren konnten ihm nicht verzeihen, daß er die alten Sprachen besser als sie verstand, und die Pastores grollten ihm, weil er Christen, Juden und Mohammedaner gleich selig pries und vor nunmehr hundertunddreißig Jahren erklärte, daß Gott alle Konfessionen gleich liebhabe. Man war daher allgemein froh als Lessing starb und nicht älter als einundfünfzig Jahre wurde, denn er hätte schließlich alles gutgemacht, was Fanatiker bis damals Übles angerichtet hatten. In den Armen eines dankbaren Juden, für den er, als man ihn wie üblich malträtieren wollte, sich beim Herzog verwandt hatte, und der ihn hielt, als der Todeskrampf ihn schüttelte, ist Lessing gestorben. Er war der erste, der ausging, den Deutschen ein Nationaltheater zu schaffen, und nur Juden an seinem Wege fand.
Er starb so arm, daß der Herzog von Braunschweig ihn auf Staatskosten bestatten lassen mußte. Die Pferde, die bis dato nur dumme Prinzen zu Grabe gefahren hatten, waren ganz stolz über die Ehre, die ihnen widerfuhr. Die Erben Lessings bekamen zehn Tage später ein Reskript von der herzoglichen Kasse, daß Lessing, der im Vorschuß gewesen sei, durch seinen Tod einschließlich der Beerdigungskosten dem Herzog einen Verlust von 361 Talern verursacht habe, die allergnädigst nachgelassen würden.
Auf allen deutschen Bühnen wurden Trauerfestlichkeiten um ihn abgehalten, und der große Schröder in Hamburg sagte schluchzend zu seinen Schauspielern: „Lessing ist tot. Laßt euch begraben, Kinder!“ Goethe und Schiller aber, deren besonderer Gläubiger er war, schrieben ihm auf den Leichenstein:
„Vormals im Leben ehrten wir dich wie einen der Götter. Nun du gestorben, so herrscht über die Geister dein Geist.“