Theodor Fontane
Reading edition
Eine einzige Eigenschaft hat den alten Fontane groß gemacht, eine Eigenschaft, die man, ich weiß nicht, ob auf das Konto seiner Klugheit oder seines Herzens setzen muß, nämlich die, daß er nicht alt wurde mit den Alten, sondern jung mit der Jugend geblieben ist. Und während die, welche mit ihm grau geworden waren, auf ihr Alter und ihre Erfahrung pochend, die Jungen ausschalten und höhnten, die sie von ihrem Platz verdrängen wollten, da hat er fröhlich der Jugend seine alten Hände gereicht und sie gebeten, bei ihnen stehen und mit ihnen leben zu dürfen. Das war sein Eigentümliches, daß er nicht alt und nicht feierlich werden konnte. Er fühlte das schon als Dreißigjähriger, wo er einmal sein kleines zweijähriges Söhnchen, das, wie er voraussah, bald viel älter und würdiger sein würde als sein Herr Papa, andichtete:
„Ach, wenn du dann in Prima sitzt Und unter den Sextaknaben Gewahrest, wie dein Vater schwitzt — So wolle Mitleid haben.“
Und als er plötzlich später Großvater geworden war, fing er gleich wieder an, mit seiner Enkelwelt jung zu sein und mit ihnen Sorgen und Freuden zu teilen, wie mit dem Enkelkind von ihm, das „vorschulpflichtig“ geworden ist:
„Löschblätter will ich ins Heft ihm kleben Ja, das möcht’ ich noch erleben.“
Sie ist sehr selten gewesen, die sokratische Tugend des alten Fontane, jung zu bleiben mit der Jugend, in der Generation in Deutschland, in der er gelebt hat, der wir 1870 und alles, was wir heute bedeuten, zu verdanken haben. Gerade dies Gefühl des eigenen Verdienstes, das diese Generation haben durfte, mußte sie den Jungen gegenüber, die nach ihr kamen, so überlegen und zäh im Bewahren ihrer Macht und ihrer Stellung machen. Denken wir nur an den Gewaltigsten aus der Zeit, an Bismarck zurück, wie er Wutanfälle und Weinkrämpfe bekam und die Stühle und die Materie um sich zertrümmerte, als er den Abschied nehmen und der Jugend das Feld räumen mußte. Und wie er bis zu seinem Tode noch darunter stöhnte und seine Seele zerquälte, daß er andere an seinem Werke schaffen sah: Die ergreifendste Tragödie, die das Theater der Welt unsern Augen zu schauen gegeben hat. — Oder, wer entsinnt sich nicht, um die komische Seite dieser alterstolzen Zeit zu nehmen, wie die Dichter von damals und auch die besten unter ihnen, wie Heyse, Geibel und Freytag, immerfort über „den Kot“ zeterten, der durch die modernen Schriftsteller in die Kunst gebracht würde, und dabei stets ihre ästhetischen Forderungen, vor allem die Definition des „Schönen“, herumpräsentierten, ohne daß sich die Menge und Mode drum kümmern wollte. Dagegen war es wieder Fontane unter den Alten, der einsah, daß sich die neue Zeit und die neue Kunst nicht wegräsonieren ließen, der Zola las, den er „scheußlich“ fand, „aber mit verflucht viel Talent“, und der noch in Gerhart Hauptmann den Naturalismus auf unserer deutschen Bühne begrüßte. So ist es gekommen, daß er als Sechzig- oder besser noch als Siebenzigjähriger, denn so alt war er, als er seine bedeutendsten Romane schrieb, während alle seine Jugendgenossen in Apoll längst vertrocknet waren, auf einmal wie ein alter Birnbaum in schöner, rührender Blüte stand.
Wie Ibsen, der gleich ihm sein Eigentliches und Größtes erst in hohem Alter zu sagen hatte, war er in seiner Jugend zunächst auf den Wunsch seiner Eltern Apotheker geworden. Aber er bekam die „Giftbude“ bald satt und faßte nun die „unglaubliche Idee“, wie er sagte, die damals noch sehr selten war, ein Schriftsteller zu werden. Und da die paar Gedichte und Balladen, die er schrieb, ihn und seine Familie nicht nähren konnten, war er gezwungen, Zeitungskorrespondent und Kritiker zu werden, und hat als solcher sein Leben lang vom dreißigsten bis zum siebzigsten Jahre sich abgeplagt und gemüht und auf das Glück gewartet. Er fühlte, er hatte kein Recht, sein Leben ganz an die Sache zu setzen: „Ich bin keine große und keine reiche Dichternatur,“ gestand er, bescheiden wie Lessing, sich selbst, „es drippelt nur so.“ Und darum hielt er den schweren Beruf des Journalisten aus, solange er konnte, und resignierte schließlich an seinem Lebensabend, nachdem er dreihundertmal vergeblich gehofft und gewartet hatte, wie er es mit hübschem Humor in Verse gefaßt hat:
„Dreihundertmal hab’ ich gedacht: Heute hast du’s gut gemacht, Dreihundertmal durchfuhr mich das Hoffen: Heute hast du ins Schwarze getroffen, Und dreihundertmal vernahm ich den Schrei Des Scheibenwärters: „Es ging vorbei.“ Schmerzlich war’s mir dreihundertmal; — Heute ist es mir egal.“
Das war schließlich das, was bei seinem langen Leben herausgekommen war, eine stille lächelnde Ergebung in sein Schicksal: Nur nicht sich den Hals abjagen nach dem Glück: „Es muß sich dir von selber geben — Man hat es oder hat es nicht.“ Nur nicht denken, man hätte das Leben besser führen können, wenn man sieht, daß man die Partie verloren hat. Die, die darüber klagten oder stöhnten, pflegte er wie sein alter Briest zu trösten: „Laßt, laßt ... das ist ein zu weites Feld!“ Darum konnte er wie kein anderer mit denen, die ihr Leben für verpfuscht hielten, — und wie die Welt steht und geht, müssen dies drei Viertel aller Menschen glauben — leise mitweinen. Und man sieht, namentlich bei seinen schönsten Romanen „Effie Briest“ und „Irrungen, Wirrungen“, den alten Mann vor sich, wie er von seinem Berliner Pult still ans Fenster tritt und hinausblinzelt und tapfer die Tränen verschluckt, die ihm in die blauen Augen getreten sind, die nach Hardens Ausspruch über seinem soliden Gesicht „wie ein Band Goethe in einer Feldwebelstube“ standen.
Seine Natur weist manche Ähnlichkeiten mit Bismarck auf. Er war doch mehr Märker als Gascogner, wenn er sich auch das Gegenteil weismachen wollte. Namentlich in seinen prächtigen Briefen an seine Frau, mit der er fast fünfzig Jahre lang Krieg und Frieden hatte, kann man ihn oft mit Bismarck verwechseln: Familiensinn, Heimatliebe, Nüchternheit im Beobachten und Handeln, unbedingte Zuverlässigkeit gegen Freund und Feind, das sind ein paar märkische Eigenschaften, die beiden gemeinsam waren. Es ist ein Typ, der langsam ausstirbt. Der alte Märker ist tot, und wir haben den modernen Berliner dafür bekommen, was ein recht schlechter Tausch gewesen ist. Der alte Fontane hat diese Wandlung noch miterlebt und hat sie wiederum gefaßt ertragen und gelitten, wie alles, was ihm sein langes Leben gebracht hatte. Zu seinem siebenzigsten Geburtstag war’s, als er auf ein Bankett ging, das man ihm zu Ehren gab. Wen hoffte er da nicht alles zu finden, die von Zitzewitz und von Platen und von Stechlin und von Rammin und wie die märkischen Adelsfamilien sonst noch heißen, die er in seinen Romanen gekonterfeit und gefeiert hatte. Aber nichts von alledem war dort zu sehen; lauter fremde, nichtarische Gesichter umdrängen ihn schreiend und jubelnd, als er eintritt. Da nimmt der Alte resigniert den Arm eines von ihnen, den er kennt und der ihm zunächst steht, und mit den Worten: „Kommen Sie, Cohn!“ läßt er sich von ihm an seinen Ehrenplatz geleiten.
Seine Balladen und noch mehr als diese, seine Romane werden den alten Fontane der Nachwelt bewahren. Wie sein Freund und Nachbar Menzel alles, die ganze Arche Noä, malen konnte, so konnte er, Fontane, alles bedichten: den sterbenden Cromwell, den jungen Bismarck, die schöne Rosamunde, aber auch die Flamingos im Zoologischen Garten, die Müggelberge und die Gegend um Potsdam, so gut wie Chinesen, schottische Könige, Spreewälder Ammen und den Backfisch mit dem Mozartzopf. Die beiden, der Maler und der Dichter, werden bleiben von dem, was Berlin uns zwischen 1870 und 1900 an Kunst beschert hat. Und die Werke des alten Fontane werden über seinem Grabe stehen wie der Birnbaum über dem Sarge des alten Herrn von Ribbeck im Havelland, den er besungen hat, und noch viele Jahre jeden, der davon pflückt, erfreuen und erfrischen.