Bismarck
Reading edition
Preußen und damit das neue Deutschland verdankt das, was es in der Welt bedeutet hat, Friedrich dem Großen und Bismarck. Diese beiden Genies, die wie durch ein Wunder ganz kurz hintereinander aus dem dürren märkischen Boden hervorwuchsen, haben das Deutschland unserer Tage geschaffen. Sie haben sehr viel Verschiedenes in sich gehabt, diese beiden Preußen, und es ist ein Glück gewesen, daß sie nicht zu gleicher Zeit in und um Berlin lebten, denn sie hätten sich sicherlich nicht er- und vertragen können. Der Alte Fritz war ein Freidenker und hat im ganzen Siebenjährigen Kriege kein einziges Mal gebetet. Bismarck nahm, hundert Jahre später, die Bibel mit nach Sedan und Paris und wechselte mit seiner puritanischen Braut Briefe über das Wesen der Erbsünde und darüber, ob sein Vater, der ein leichtlebiger Rittmeister gewesen, in den Himmel gekommen sei. Bismarck verstand im Gegensatz zu dem Sieger von Leuthen blutwenig von der Kriegskunst, und es ist eine ganz verkehrte Gewohnheit unserer Maler und Bildhauer, ihn, der seiner Profession nach Jurist war und bei jeder Parade oder Feier die Uniformstücke verwechselte, stets im Soldatenrock darzustellen. Schließlich hatte Bismarck, ganz anders wie jener große Monarch, der die Kunst und Kultur seiner Zeit kannte und genoß und alle Musen zu sich nach Sanssouci lud, kein Verständnis für die Kunst. (Gegen diese Behauptung spricht natürlich nicht, daß er die Klassiker zu zitieren wußte oder gelegentlich Beethoven pries.) Wenn der Alte Fritz noch im späteren Alter Rousseau zu verstehen suchte und ihn allnächtlich nach dem Tagewerk noch studierte, blätterte Bismarck, wenn er abends erschöpft heimkam und nach dem Essen mit Frau und Kindern und Hunden um den Kamin saß, zu müde zu sprechen, in Stindes harmlosen Geschichten von der Berlinerin Buchholz oder bestenfalls im Fritz Reuter herum, oder ließ sich, wenn er sich zu sehr geärgert hatte, ein paar Lieder aus dem „Trompeter von Säckingen“ vorsingen. Richard Wagners Bedeutung sah er nicht, Zola war ihm ein Greuel, und daß zu seiner Zeit eine Persönlichkeit wie Nietzsche gelebt hatte, erfuhr er ohne Erregung und ohne Interesse erst in Friedrichsruh. Das Theater war ihm gleichgültig, wenn nicht verhaßt, und die Malerei seiner Zeit war ihm, wenn nicht „Lenbach“ darunter stand, ebenfalls „Wurscht“, um seinen Ausdruck zu gebrauchen.
So nebensächlich vor dem Riesenlebenswerk des großen Mannes dies auch erscheint, so traurig ist es doch, daß er in keiner einzigen Kunst mitreden konnte, außer in der Staatskunst, wo er alles verstand; daß kein Haus, kein Stein aus seiner Zeit einen heute gewaltig oder lieblich an ihn in Berlin erinnert, wo er doch mehr als dreißig Jahre lang wie ein ungekrönter König gewirkt hat. Er hätte niemals dort hausen und herrschen brauchen, so weniges erinnert noch in Berlin an Bismarck. Nicht einmal den Leichnam des Mannes, der für Preußen das Leben von Millionen Menschen mehr wert war als Napoleon der Erste für Frankreich, hat man dorthin gebracht, und nachts fühlt man heute am Brandenburger Tor eher noch den Geist Friedrichs des Großen, als den Bismarcks herumspuken.
Es ist darum eigentlich sehr seltsam, daß Bismarck so wenig Verständnis und Liebe für die Kunst seiner Zeit, für die Kunst überhaupt gehabt hat, weil er im Grunde selbst aus dem Stoff, aus dem man Künstler bildet, zusammengemischt war und, nach einem Wort Hardens, aus „Goethes Geschlecht“ stammte. Vielleicht war nur die fehlende halbe Flasche Champagner, die — er selbst hat es gesagt! — jedem Märker und Berliner im Blute mangelt, schuld daran, daß er sich, blind und taub gegen die Musen, ganz von seiner gewaltigen Aufgabe verschlingen ließ. Wer ihn draußen in Freiluft sah, dem fiel immer gleich das Künstlerische, Sensible an ihm auf, der merkte, daß dieser Realpolitiker eigentlich die Augen eines Träumers im Kopfe hatte. Die Natur um sich herum sah er mit den Gefühlen eines Malers oder Poeten an, der weiß, daß er diese Schönheit um sich nur auf kurze Zeit in Pacht hat und sie darum dreifach mehr als die anderen Sterblichen genießt. Die graue Herbst- und Winterschönheit seines Nebelheims an der Elbe wußte er prachtvoll wie ein Balladendichter zu schildern.
Das war ja die Tragödie seines Körpers und seines Lebens, daß er, statt unter Blättern und Bäumen zu atmen, zwischen gelbem Papier und Menschen sein Dasein versitzen mußte, unter Ministern die einzig fühlende Brust, daß er, statt den Staren und Hirschen lauschen zu können, mit Windthorst und Richter und Bebel sich herumzanken mußte. Er hätte ja längst abgedankt und dies Amt, das er sich für sich selbst geschaffen hatte, verlassen, wenn er nur einen gesehen hätte, der es besser verstanden als er. Er hätte niemals den schmachvollen Tag seiner Entlassung abgewartet, wenn er nicht bestimmt voraus gewußt hätte, daß ein Caprivi nach ihm Dummheiten machen werde. So hielt ihn die Pflichttreue, diese heilige preußische Tugend, die er mit Kant, mit Friedrich dem Großen gemeinsam hatte, in den Sielen und an der Spitze bis zu jenem Tage, da er, ganz allein, eine gelbe Rose in der Hand vom Schloß in Berlin Unter den Linden ging, um den Möbelwagen vor das Kanzlerpalais zu bestellen. Er gehorchte wie eine Schildwache, nicht ein Tropfen vom Blut eines Wallenstein war in ihm, und wenn er auch daheim in der ersten Wut Spiegel zertrümmerte, wenn er auch gelegentlich in Zeitungsartikeln seinem Ärger, seiner Verbitterung Luft machte, eine Auflehnung gegen den Willen des Monarchen wäre ihm als Preußen ganz unmöglich gewesen. Denn jener unbedingte Gehorsam gegen den Vorgesetzten, das stumme Sichfügen in die Bestimmungen über einen, ist eben das Ideal, das aus Brandenburg Deutschland gemacht hat.
Neben dieser Pflichttreue, die Bismarck veranlaßte, sich für Wilhelm I. täglich müde zu arbeiten, wie sie ihn ebenso dazu zwang, sich von Wilhelm II. wortlos abdanken zu lassen, ist es vor allem der Mut, in dem er dem Alten Fritzen um nichts nachstand. Er sprang selbst auf den Attentäter Kullmann zu, der ihn angeschossen hatte, und hielt ihn am Gelenk über dem Ärmel fest — denn die Haut eines solchen Menschen berührt man nicht —, bis die Polizei kam, den Mörder zu verhaften. Er ritt ganz allein Anno 71 in seinem allbekannten Kürassierrock durch den Triumphbogen nach Paris hinein, wo täglich Tausende Tod und Pest für ihn herunterbeteten, und rauchte ruhig seine Zigarre dabei, während die wütenden Weiber und Damen der Halle seinen Schimmel anspuckten. Er hatte schließlich den höchsten moralischen Mut, daß er stolz darauf war, am meisten gehaßt zu werden in Europa, allen Deutschen damit ein Beispiel gebend, Unbeliebtheit und Hohn zu überwinden.
Durch diese Eigenschaften, die er im Krieg und Frieden, in der Diplomatie wie im Parlament tagtäglich angesichts Deutschlands vormachte und vorlebte, ist er der größte Erzieher unseres Volkes gewesen, den die Geschichte kennt. Ja, man kann sagen, daß er wie ein Prometheus ganz neue Deutsche geschaffen, und daß seit ihm unser Volk überhaupt ein ander Gesicht bekommen hat. Jeder, der Bismarck als Gesandten in den sechziger Jahren im Ausland kennenlernte, war erstaunt darüber, in ihm einen praktischen, klaren, entschlossenen Deutschen kennenzulernen. „Er ist gar nicht sentimental“, schrieb Mérimée ganz enttäuscht in Biarritz über ihn in sein Tagebuch. Namentlich die Franzosen, die seit Hoffmann und Heine die Deutschen immer als Träumer und Sterngucker angesehen hatten, die auch tagsüber noch die Schlafmütze über die Ohren trugen, waren ganz entsetzt, daß auf einmal einer kam, der rechnen konnte wie sie, und nach der fünften Flasche Sekt noch keine Träne vergossen hatte, ja noch genau wußte, was er bei der ersten gewollt hatte. Das unterschied Bismarck völlig von dem Freiherrn vom Stein, seinem geistigen Vorfahren in Preußen, daß er seinen Willen durchsetzen konnte. Früher war es Deutschland lange ergangen wie dem schüchternen Gast, der vor Bescheidenheit immer wartet, bis er auf einmal verdutzt sieht, daß alle Plätze besetzt sind. Bismarck setzte sich auf den ersten besten leeren Stuhl und erklärte dann laut: „Wo ich sitze, ist immer obenan.“ So hob er den deutschen Michel in den Sattel und führte jene gewaltige Metamorphose der Deutschen herbei, der das Ausland seit Jahren mit Staunen und mit Grollen zuschaut.
Daß dieser Mann, der, wie er selbst sagte, „dem teutonischen Teufel verschrieben war“, ein Genie gewesen, das sahen selbst die Windthorst und Richter ein, als sein gewaltiges Bild plötzlich wie ein Spuk verschwand und ihnen angesichts des neuen Reichstages war, als hätten sie diesen Riesen nur geträumt. Sein Staatswerk hat ihn dank der völligen Unfähigkeit seiner Nachfolger nicht lange überlebt. Aber seine Persönlichkeit ist geblieben und wird wachsen ins Sagenhafte.