Zwölftes Kapitel Brüderschaft.
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Duur bemerkte am folgenden Tage eine sonderbare Veränderung in Gobbys und Josselins Mienen. Es schien, als drücke irgend ein schönes Geheimniß ihr Herz; auch der brave Commendant, stimmte in den wunderlichen Ton jener Beiden ein.
Demungeachtet war diese Verwandlung so auffallend nicht, daß Duur mit guter Art nach den Ursachen derselben kundschaften konnte. Er wars zufrieden, daß man ihn nicht nur nicht kälter oder fremder, sondern weit liebkosender behandelte, denn sonst. Gobby trat zuweilen schweigend vor ihm hin, starrte ihn mit einem Blick voller Liebe und Bewunderung an und schloß ihn in seine Arme. — Josselin drückte ihm öfter die Hand, und küßte ihn öfter. Silberot lächelte, so oft er ihn erblickte.
Am Nachmittage fuhren einige Karossen vor — die Gesellschaft wollte einen benachbarten Freund des edeln Gobbys besuchen. Nur Josselin schloß sich aus, unter dem Vorwand einer Unpäßlichkeit, und ersuchte Florentinen ihm zur Gesellschaft ebenfalls zurück zu bleiben.
Wer willigte lieber in Josselins Wunsch ein, als Duur, der diesem einnehmenden Mann unmöglich etwas abschlagen konnte.
„Laß uns Bruderschaft trinken, du Lieber!“ rief Josselin am Abend dieses Tages, als sich Beide in einer schönen Jelängerjelieberlaube befanden, wohin ein Diener zwei Flaschen Weins brachte.
„Ach, es ist doch so schön, sich in dem Feenarm der Sinnlichkeit zu wiegen und zu entsagen dem Hinblick auf die schauerlichen Wüsteneien, welche die Vernunft entschleiert! Was haben wir vom Leben, wenn wir nicht pflücken die sparsam blühnden Rosen, und in dem Götterrausche der Lieb’ oder Freundschaft vergessen, welche erbärmliche, elende Wesen wir sind!“
Josselin schwang bei diesen Worten den Becher seinem Freunde entgegen. Sie tranken. Das Abendroth schimmerte durch die Fugen der Laube über ihre Wangen; ein kühles Lüftchen flüsterte unter den Blumen herüber, und im benachbarten Gesträuch schlug eine Nachtigall.
„Wenn der Mensch auf Erden elend ist, so klag’ er nicht den Himmel, sondern sich selber an!“ rief Duur: „Wohlauf! Brüderschaft, Josselin — verdammt sey die schwarze Philosophie des Salomonismus, es leben die schönen Träume der Phantasie!“
Josselin. (düster.) Wohl dem, ders rufen kann vom Herzen.
Duur. Jede Blume hat hienieden ihren Honig, jede ihren Gift — ich nenne, den weise, welcher nur vom Honig zu naschen weiß.
Josselin. Hast recht!
Duur. O Josselin, Du bist so unglücklich — Du, und Du ein Bürger des drei und zwanzigsten Jahrhunderts?
Josselin. Eben darum, Duur! hätt’ ich gelebt in der barbarischen Vorwelt, als die Wissenschaften kaum noch der Wiege entschlüpft waren, so wär’ ich glücklicher. Die Wissenschaften ziehn den Menschen ab von der Welt und auf sich zurück — ach, und je mehr er abläßt von jener, je enger er mit sich vertraut wird, je elender er wird; denn er erkennt dann, daß die Gottheit seines Wesens ein disharmonisches Nervenspiel, sein Himmel ein eitler Traum sey. Glaube nicht, Duur, daß die Menschheit vollkommner werde, je länger sie auf dem Stern dieser Erde lebet und webet. Sie bleibt ewig, die sie von Anbeginn war. Ihre Gränzen sind unabänderlich festgesezt von der strengen Hand der Nothwendigkeit. Sie kann ihr Gebiet nicht erweitern, Seligkeit und Elend liegen ihr immer auf beiden Seiten; sie gewinnt nie ohne Verlust, verliert nie ohne Gewinnst. Wir vertauschen nur die Namen und Moden, aber behalten die Sache.
Duur. Du salomonisirst!
Josselin. Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit ist eine elende Flickerei, lieber Duur — und doch flickt und bessert man immer so gern daran. Sieh Dich um, Duur, und Du wirst allenthalben mit Entsetzen die Spuren des Elendes finden, wo Du es am wenigsten suchest. — Doch ich will Deine frohen Einbildungen Dir nicht zerstören — sey, wer Du willst, glaube, was Du willst — nur hüte Dich vor dem Einfall, die Hoheit und Seligkeit der menschlichen Natur zu anatomiren. — Trink!
Duur. Ich glaube Dir nicht, Josselin. So weit ich die Welt izt gesehn habe, hab’ ich auch allenthalben die herrlichen Fortschritte der Menschheit bemerkt.
Josselin. Du hast die Welt nur eine kleine Weile gesehn.
Duur. Die Sterblichen haben sich ihrer thierischen Natur mit Glück entwunden — Gefühle und Empfindungen sind gereinigter, sind verfeinerter — — —
Josselin. Ist damit gewonnen?
Duur. Die dichterischen Träume vom schönen grichischen Sinn und Geist verwandeln sich in Wirklichkeit.
Josselin. Es ist wahr, das Empfindungsvermögen ist zärter, und durch den Fleiß der edeln Künste verfeinerter; die groben Belustigungen der Vorwelt sind uns ein Greuel; wir schwelgen izt da in Seligkeiten, wo man vorzeiten kaum ihr Daseyn ahndetet. Aber eben diese gebildetere Empfindsamkeit läßt uns auch doppelt fühlen jedes Leiden; wir empfinden izt da einen namenlosen Schmerz, wo die Männer der Vorwelt nicht einmal die Möglichkeit eines Uebels vermuthen konnten. Wo man sonst lächelte, in glücklicher Taubheit der Sinne, da weint man izt; wo man sonst weinte, verzweifelt man heutiges Tages.
Duur. Dafür hat aber auch die Vernunft an Stärke und Bildung gewonnen — sie giebt dem duldenden Wandrer izt einen sichern Eisenstab, worauf er sich lehnen kann im Ungewitter des Lebens; die schändlichen Ketten der Priesterherrschaft und des Aberglaubens sind zerbrochen, in welchen der größte Theil der Sterblichen noch vor einem halben Jahrtausend keuchte.
Josselin. Freund, Du redest wie ein Mann, der die Welt nur aus Romanen kennt. Wo ist der Eisenstab der Vernunft? welchen Stab kann die Vernunft gewähren? Wenn sie sich selber nur aufrecht erhalten will, muß sie sich demüthig auf ihren verkrüppelten Bruder, den Glauben, stützen. — Geh hin, und wo Du die Vernunft am gebildetsten findest, siehst Du trostlose Atheisten, die nicht wissen, warum sie sich in dieser Welt herumplagen sollen, die verzweiflungsvoll hinausstarren in die Gegend jenseits des Grabes, wo es nur immer dunkler wird, je länger ihr Auge dort verweilt. (Indem er die Gläser füllt) Trink, die Flaschen müssen leer werden! die Sonne geht unter — einst, Bruder, wir, wie sie!
Duur. Du bist sehr verstimmt.
Josselin. Nein, Lieber, wohlgestimmt bin ich, wie ichs lange nicht war. — Man hat viel darüber gefochten, wie weit in der Kultur und Aufklärung der Nationen gegangen werden müsse. Einige behaupteten, hier dürfe, keine Gränze bestimmt werden; man könne ein Volk nie genug aufklären, nie genug kultiviren; man müsse nie still stehn, sondern unermüdet vorwärts eilen. — Andre stritten für das Gegentheil, meinten, daß Aufklärung und Kultur zulezt der Glückseligkeit des Ganzen Gift werde, daß Religionen und Staatsverfassungen an diesen Klippen nothwendig scheitern müßten und jeder Reformator daher als ein Friedensstörer anzusehn sey. — Beide Partheien hatten recht und unrecht, aber wie überall in der empyrischen Welt, wo die Vernunft a priori durchaus nichts zu sagen hat, mußte auch hier die Erfahrung die beste Schiedsrichterin seyn.
Duur. Und wie hat sie entschieden?
Josselin. Der Mensch ohne Kultur ist ein erbärmliches, freudenloses Geschöpf, und immer um einen halben Grad elender, wie das vernunftlose Thier. Die Menschheit konnte sich, der ihr beiwohnenden, ewig regen Triebe willen, nicht lange in der Finsterniß erhalten — sie strebte nach einem Ausgang, nach Licht. — Allzuweitgetriebne Verfeinerung, höchste Kultur der Vernunft, besonders im speculativen Gebrauch, bewirkt aber einen furchtbaren Indifferentismus, Erschlaffung der wichtigsten Triebfedern zum moralischen Handeln, Verleihung der süssesten Lebensfreuden, allzufrühen Ueberdruß und Ekel der Welt — oder stürzte den Menschen wieder hinab zum Hang nach gröberer Sinnenlust und thierischen Dumpfheit. — Dies lehrt die Erfahrung. Betrachte die Menschen, und Du wirst entweder hypochondrische Gerippe erblicken, welche mit der Naturnothwendigkeit wegen ihres Daseyns hadern möchten, oder — Thierseelen in Menschenhaut.
Nein, Duur, es ist und bleibt gewißlich wahr, der Mensch ward nicht geboren für die Nacht der blinden Sinnlichkeit, nicht für das blendende Licht der Vernunft, durch welches wir uns in einer schrecklichen Lage zwischen Abgründen und Felsenmauern gewahren — sondern für eine wohlthätige, sanfte Dämmerung, zusammengeschmolzen aus den Schatten der Sinnlichkeit und den Lichtstrahlen der Vernunft, wo wir mehr ahnden, als sehn, mehr hoffen, als besitzen, mehr träumen, als wissen.
Duur versank in ein tiefes Schweigen; Josselin lächelte — er füllte die Gläser von neuem und trank auf das Wohl der glücklichen Nachwelt!
„Immer der glücklichen Nachwelt, und immer der Nachwelt!“ rief Duur mit einem Seufzer und erinnerte sich seines längstverwesten Oheims und seiner Favoritgrille.
Es ward still um sie her. Sie plauderten noch vieles, und verloren sich in schwermüthige Betrachtungen.
Duur schwieg. Josselin klagte über Schläfrigkeit, und Florentin hatte schon längst mit einer unnatürlichen Müdigkeit gekämpft. Es ward immer stiller, immer dunkler. Sie sanken Arm in Arm auf eine Rasenbank nieder, um sich dem Schlummer zu überlassen und dann mit einander in Gesellschaft eine schöne Sommernacht zu durchwachen.