Zehntes Kapitel. Der Salomonismus.
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Gobby’s Einsiedelei war so anmuthig, sein Ton so herzlich und einladend, die Gesellschaft, welche er um sich versammelt hatte, so intressant, der Wind zum Zurückschiffen den Luftgondeln so wenig günstig, daß der Commendant mit seinen Gefährten sich sehr bald entschloß, mehrere Tage bei dem wackern Gobby zu verweilen.
Florentinen war diese Verzögerung nichts weniger, als ungelegen. — Er blieb gern, denn fast alles, was ein Herz, wie das seinige, zu fesseln im Stande war, fesselt es in Gobbys lieblichen Bezirk. — Der Abentheurer des achtzehnten Jahrhunderts schwamm in einer niegefühlten Seligkeit — er sah die Nachwelt, sah die weissagenden Träume von ihr erfüllt, und sich unter den glückseligen Bewohnern einer gebildeten Welt.
Noch hatt’ er nirgends einem melancholischen Gesicht begegnet, worauf Gram und Verzweiflung, Hunger und Bettlersorgen ihren Empfehlungsbrief geschrieben; noch hatt’ er keiner weinenden Unschuld Thränen gesehn, noch keines Unterthanen Flüche gehört unter den Druck eiserner Gesetze — aber noch hatt’ er auch nur wenige Menschen erblickt, und wenige beobachtet.
Hier in Gobby’s fröhlichem Cirkel, wo man Unzufriedenheit und Kummer zulezt gesucht hatte, erblickte Duur den ersten Mann des glücklichen Zeitalters, der unglücklich, und wie es sich anließ, durch sein Zeitalter unglücklich zu seyn schien. — Josselin war sein Name, und die Erscheinung viel zu fremdartig, als daß sie nicht von unserm philosophischen Kundschafter aufs genauste hätte beobachtet werden sollen.
Josselin war ein junger Mann von fünf und zwanzig Jahren, der, wenn er sich gleich keiner apollonischen Schönheit rühmen konnte, doch durch gewisse, intressante Züge seines Gesichts, den vielsagenden Blick seines Auges, das Angenehme seines Betragens und das Geistvolle seiner Unterhaltung allen Kennerinnen das Geständniß ablockte, er sey ein liebenswürdiger Mann. Der auffallendste Beweis seiner Gewalt über daß weibliche Herz war für Florentinen dieser, daß Rosalia von ihm bezaubert wurde, ehe sie es selbst wußte, so daß ihr ganzes Wesen an jedem Tage deutlicher von gewissen Empfindungen predigte, die ganz verschieden von denen waren, welche sie bisher für Florentinen hatte.
Josselin wurde geliebt von allen Weibern, geliebt von allen Männern, und nur er schien es nicht zu wissen, sondern stand ernst und melancholisch da, wie ein Verbannter aus dem Lande des Glücks.
Florentin konnte bei diesem Anblick sich nicht einer unwillkührlichen Erinnrung an Holder, den Jüngling im achtzehnten Jahrhunderte erwehren. Er drängte sich näher an den Schwermüthigen; Josselin selbst kam ihm immer entgegen — beide sympathisirten, ehe sie sich kannten.
„Aber wer ist Josselin?“ fragte Duur den edeln Gobby in einer vertraulichen Stunde.
„Er war Lehrer der Weltweisheit an einer Akademie, hatte einen ausserordentlichen Anhang und Beifall, näherte sich aber endlich dem Salomonismus und legte eben deswegen sein Amt nieder.“
„Und er scheint sehr unglücklich.“
„Haben Sie je einen Salomonisten gesehn, der sich ganz glücklich fühlte?“
„Sie sprechen immer von Salomonisten und Salomonismus — — — verzeihn Sie, wenn ich meine Unwissenheit gestehe — was soll ich mir darunter denken?“
„Sind Sie in der Geschichte der Philosophie so unbewandert?“
„Ich reiche, wie Sie schon wissen, nicht weiter mit meinen Kenntnissen herunter, als zum achtzehnten Jahrhundert. Damals ward die kritische Schule von Kant gestiftet, und die größten Denker jener Zeit gingen aus ihr hervor. Hat die Welt seitdem einen neuen Kant gehabt?“
„Ich bekenn’ es Ihnen frei, daß ich selbst nur Dilettant in der Philosophie und ihrer Geschichte bin. Ich wag es also auch nicht über Kants Geist zu urtheilen, und ob die Welt schon wieder einen Mann seines Gleichen gehabt. Aber dies weiß ich Ihnen zu sagen, daß Kant einer der merkwürdigsten Reformatoren in der Geisterwelt gewesen, der zwar selbst zu der großen Reformation nichts mehr, als das erste Signal gab, aber durch seine Schüler auf das kultivirte Europa und Amerika einen seltnen Einfluß gewann. Selbst die Wissenschaften, welche außer dem Gebiet der eigentlichen Philosophie gelegen sind, empfingen neues Licht und eine gewisse Vollendung, die ihnen vorher mangelte; die edeln Künste wurden erhabnern Zielen entgegengeführt.“
„Deutschland hatte schon glänzende Fortschritte auf der Bahn gemacht, welche Kants Genie vorzeichnete, als man außer seinem Namen im Auslande noch wenig von ihm wußte, und von seiner ehrenvollen Revolution. Erst im neunzehnten Jahrhundert breiteten sich die Grundsätze der kritischen Schule in England und bald darauf in der Republik Frankreich aus. Früher zwar als in beiden Staaten war der Kantianismus unter den Dänen aufgenommen, aber wenig gepflegt worden.“
„Erhielt sich die kritische Schule lange in ihrer Oberherrschaft?“ fragte Duur.
„Ein Paar Jahrhunderte;“ antwortete Gobby: „sie verdrängte allmählig alle übrige Schulen und Systeme, so heftig man sie auch, bald mit den Waffen des Dogmatismus, bald mit denen des Skepticismus bekriegte. In England ward der spekulative, in Frankreich besondere der praktische Theil der Philosophie nach Kantischen Grundsätzen bearbeitet. — Deutschland blieb inzwischen immer die Mutterschule der kritischen Philosophie, bis diese endlich allmählig von ihrem gefährlichsten Feinde, dem Salomonismus, größtentheils zerstört ward.“
„Sie machen mich neugierig! Im achtzehnten Jahrhundert glaubte man durch die Kantische Philosophie das Nonplusultra aller menschlichen Weisheit erreicht zu haben. Wär es möglich, daß auch Kant seinen Ueberwinder gefunden?“
„Sehn Sie nur, dies nahm einen sehr natürlichen Gang. Die Verbreitung der kritischen Philosophie regte bald allenthalben einen allgemeinen Skepticismus auf, der zulezt so weit um sich griff, daß die Sekte der Skeptiker im zwei und zwanzigsten Jahrhundert mächtiger, als jemals auf Erden war. Aus den Skeptikern entwickelte sich zu Ende des vorigen Seculums eine neue Parthei, welche allen übrigen den Krieg ankündigte, und wirklich nicht ohne Glück kämpfte; spottweise nannte man diese Schule die Salomonische, welchen Namen die Sekte zulezt, als ihr Eigenthum, beibehielt. Herr Josselin könnte Sie mit den Grundsätzen der Salomonisten vertrauter machen, inzwischen, da wir einmal im Gespräch sind, geb’ ich Ihnen soviel, als ich selbst habe. Es kann Ihnen dies um so willkommner seyn, weil Sie dadurch Gelegenheit erhalten, selbst Josselins Charakter näher zu kennen.“
„Dies wäre mir sehr lieb, denn ich läugne es nicht, daß mir der liebenswürdige Mann seit meiner ersten Unterhaltung mit ihm das Herz abgenommen habe. Es ist mein Vorsatz, mich dichter an ihn zu schließen, wenn er mich anders nicht zurückstoßen wird.“
„Seyn Sie ruhig. Er liebt Sie — er hats mir gestanden. Doch, lassen Sie uns mit einander in die Laube drüben am Kanal treten. Die Sonne ist heut brennend; wir wollen im Schatten weiter philosophiren.“
Sie wanderten Arm in Arm mit einander durch den Garten, der Laube entgegen. Die Hitze war drückend; kein Lüftchen kühlte den Wandrer und das Laub hing welk und schmachtend von Zweigen und Blumen und Stauden.
„Ich wollte Ihnen einen ohngefähren Begriff von dem Lehrgebäude der Salomonisten geben,“ — hub der sanfte Gobby an: „nehmen Sie also mit meinen kleinen Notizen vorlieb, wie sie mir beifallen. Das System dieser neuen, herrschendwerdenden philosophischen Parthei ist ein sonderbares Gewebe von Dogmatismus und Skepticismus, daß man glauben sollte, es könne unmöglich von Festigkeit seyn; und doch ist dies nicht nur der Fall, sondern, wie mirs scheint, auch die Ursach an dem wunderbar schnellen Wachsthum der Sekte, indem Dogmatiker und Skeptiker zu ihr übertreten, weil sie zwischen beiden Faktionen mitten inne liegt.“
„Die Salomonisten behaupten, wiewohl es nützlich seyn könne, im gemeinen Leben Wahrscheinlichkeiten, Hypothesen, Meinungen, Glauben und dergl. mehr zu hegen: so müßten diese doch gänzlich aus dem Gebiet der Philosophie verwiesen werden, und man dürfe und könne, als vernünftiges Wesen, durchaus nichts anders glauben, als was für uns den Stämpel der apodiktischen Gewißheit trüge — oder Wahrheit.“ —
„Das Gebiet der Wahrheit, sagen sie, ist sehr klein und in sich selbst unsicher, weil das, was der Mensch für Wahrheit halten muß, nur eine nothwendige Folge seiner ihm eigenthümlichen feinern Nervenorganisation, oder Produkt seiner Gemüthseinrichtung ist. Dazu kömmt noch, daß die Kenntniß dieser wenigen Wahrheiten nicht einmal etwas zu seiner Glückseligkeit beiträgt.“
„Der Mensch kennt die Aussenwelt an sich nicht, er weiß nichts von dem da draussen, und die Erscheinungen, welche ihm durch den Kanal der Sinne zugeführt werden, beweisen von der Beschaffenheit der Aussenwelt nichts, weil sie nur Zeugungen der Sinne, berührt durch äussere Gegenstände, seyn können. Eine andre Construktion der Sinnorgane würde eine andre Welt vors Gemüth führen.“
„Der Mensch kennt sich nicht. Die Lehren vom Materialismus und Immaterialismus, Substanz, Kraft, Einfachheit u. s. f. sind lächerliche Hirngespinnste. Wir kennen die sogenannte Materie nicht und das Immaterielle gar nicht.“
„Die Vernunft lebt mit sich selber in einem unaufhörlichen Widerstreit, besonders wo sie sich auf das Praktische bezieht. So lange z. B. die Lehren von der Freiheit, von Gott, der Seelenunsterblichkeit und der moralischen Welteinrichtung zu einem Moralsystem nothwendig sind, werden wir nie die Moral zu einem festen System erheben, denn wir wissen nicht, ob wirklich so etwas existirt, als wir uns unter Gott, Unsterblichkeit und moralischer Welteinrichtung vorträumen.“
„Die Philosophie stößt alles, was Religion heißt, von sich aus, betrachtet aber Religion und Moral als ein nothwendiges Gängelband für die Menschheit, damit sie unter einander in Frieden beisammen lebe.“
„Was von Vervollkommnerung des Menschen und der Menschheit gelehrt wird, ist nichts als eine liebliche Schwärmerei. Der erleuchtete Philosoph spielt im achtzigsten Jahre wiederum kindisch mit seinen Windeln; die aufgeklärtesten Nationen morden sich wechselsweise um leere Chimären, die nichts zur Seligkeit des Einzelnen und des Ganzen beitragen.“
„Mit einem Worte: es ist alles eitel unterm Monde! wie Salomo bei den Juden sagte. Wir wissen nichts von der Aussenwelt, noch weniger von uns selbst. Wir wissen nicht, was wir sind, noch warum wir sind, noch seitwann wir waren, noch wie lange wir seyn werden; ob wir als Zwecke, oder als Mittel hier umherirren in der räthselhaften Dämmerung. — Der Mensch bildet sich aber ein, mehr zu seyn, als er wirklich ist; er läßt die Welt für sich geschaffen, und einen Gott für sich gekreuzigt seyn. Der Mensch bildet sich ein, mehr zu wissen, als er weiß, und zu den bisherigen Systemen der Philosophie hat die Phantasie mehr Materialien geliefert, als die Vernunft. Weil die Menschheit aber sich in den kindischen Träumereien von ihrer Hoheit glücklich fühlt so lasse man ihr den seligmachenden Eigendünkel.“
„Das ist ein gefährliches System!“ tief Duur: „Religion und Moral, bürgerliche Glückseligkeit, Ruhe der Seelen — alles wird von diesem Ungeheuer verschlungen. Wird der Salomonismus geduldet vom Staate?“
„Er wird geduldet, weil er wirklich keinen offenbaren Schaden stiftet und immer nur das Eigenthum der hellsten und scharfsinnigsten Köpfe ist. Zudem ist er noch nicht widerlegt; ja man hat die Beispiele erlebt, daß zwei der berühmtesten Philosophen und eifrigsten Antisalomonisten, durch das Gefühl ihrer Ohnmacht beim Widerlegen bewogen, zur Gegenparthei übergegangen sind.“
„Die Sekte lehrt an sich wenig neues; einzelne Sätze sind längst schon behauptet worden — nur daß hier alles in einer so fürchterlichen Verbindung zusammengedrängt ist. Es ist eine Philosophie, die zur Verzweiflung führt.“
„Das ist sie, sagen die Salomonisten, so lange man noch nicht von der Ammenmilch der bisherigen Phantasiephilosophie entwöhnt ist.“
„Aber man fühlt sich glücklicher bei dieser Ammenmilch.“
„Dies gestehn die Philosophen selber ein, und erklären auch dies für einen der vielen unauflöslichen Widersprüche in unsrer Natur, daß wir den drängenden Trieb in uns fühlen, so weit, als möglich, vorwärts zu eilen, und dann doch dreimal elender, als vorher, werden.“