Eilftes Kapitel. Josselin.
Reading edition
Ein muthwilliger Schwarm junger Damen umringte mit lautem Gelächter die heimliche Laube und führte den sanften Gobby und Duur gefangen, wie im Triumphe zum Schlosse zurück, wo die übrigen versammelten Männer dasselbe Schicksal erfahren hatten.
Auch Josselin war unter den Gefangnen. Er schien nur für die frohsten Scherze in der Welt zu seyn; er war die Seele der Gesellschaft; alle Weiber horchten auf ihn und die Männer bewunderten lächelnd seine Gewandtheit, sich als Gefangner mitten unter den Weibern aus der Sklaverei zur Souverainetät über dieselben zu heben.
Der Abend nahte sich mit lieblicher Kühlung; man floh die Zimmer, um sich im Freien unterm blauen Himmel zu belustigen; Gesellschaftliche Spiele von allerlei Art wurden angegeben und ausgeführt — keine Kinderspiele des achtzehnten Jahrhunderts!
Duur hatte anfangs im Sinn, auch ein Spielchen aus seinem Zeitalter vorzuschlagen — etwa ein unterhaltendes Pfandspiel, wo zulezt Küsse, gegeben und geraubt, die Würze der Unterhaltung seyn mußten. Aber beschämt zog er sich zurück, als er wahrnahm, wie auch in gesellschaftlichen Vergnügungen der gebildete Geist dieses Jahrhunderts webte.
Man entlehnte Süjets aus der Geschichte der Vorwelt, und gab sie aus dem Stegreif in dramatischen Darstellungen wieder, oder drückte in Pantomimen und charakteristischen Tänzen eine liebliche Reihe von Empfindungen aus. Ermüdet von der schönen Arbeit ruhten dann die Spieler, und das Chor der Zuschauer bezahlte das genossne Vergnügen mit Absingung einiger Hymnen auf die großen Männer des Alterthums. Barmherzigkeit und Liebe, Großmuth, heldenmüthige Selbstaufopferung, und andre bewundernswürdige Tugenden waren der Gesänge Inhalt. Dann wurden extemporirte Melodramen aufgetischt — Rosalia entwickelte die Empfindungen der Charlotte Corday unter dem reifenden Entschluß, Marats Ermordung zu wagen für das Vaterland. Rosalia’s Deklamation war Gesang; in den Pausen phantasirte Josselin auf einer Art von Harfe durch Moll und Dur in reizenden Tönen den Empfindungen Rosaliens nach.
Gesang und Freude stimmten alle Seelen zu einem zärtlichen Verein. Josselin ergriff einen vollen Becher Weins, mit lebendigen Rosen umkränzt, eilte Florentinen entgegen und rief: „Freundschaft! Freundschaft!“ Er trank den Becher zur Hälfte leer. Begierig nahm Duur ihn von Josselins Hand und trank und rief mit einem unnennbaren Entzücken: „Freundschaft! Freundschaft!“
Beide sanken einander in die Arme. Duur fühlte eine Thräne in seinem Auge zittern und Josselin küsste ihn. „O laß uns einen Gott glauben! es ist so schön!“ schrie Josselin in einer begeistrungsvollen Ekstase.
„Laß uns einen Gott glauben!“ rief der liebenswürdige Gobby, indem er sich, einen Becher Weins in der emporgehobnen Hand, den beiden Freunden näherte und sie beide küßte.
„O!“ entgegnete Josselin schluchzend: „könnt’ ich mich ewig so vertiefen in den schönen Rausch der Sinnlichkeit — könnt’ ich einen Schleier ziehn vor den unseligen Offenbarungen der vorwitzigen Vernunft — könnt’ ich werden wieder ein Kind und arglos spielen im Schoos meiner Mutter Natur!“
Die Gesellschaft sah, schweigend um diese Gruppe versammelt, dem Spiele dieses Auftrittes zu, und, wie von einem Geist ergriffen, von einem Gefühl gerührt, ertönte plötzlich von allen Lippen der Gesang eines uralten deutschen Volksliedes: „Freude schöner Götterfunken!“
Eine liebliche Schwärmerei verbreitete sich über die Versammelten. — „Den heiligen Manen des alten Dichters dieses Glas!“ rief Gobby: „ihm, der nach Jahrhunderten noch erfreut und tröstet!“
„Schiller!“ rief Duur. Alles rief ihm den Namen nach — eine große Thräne stürzte aus Florentins Augen.