Erstes Kapitel. Mont-Rousseau.
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„So sey es denn! Ich bin des Wanderns müde. Die Reise war der Mühe werth; die kleine Mühe ist mir herrlich belohnt. — Ich bins zufrieden, Josselin, laß uns eilen nach Mont-Rousseau. Der erste September liegt nahe vor der Thür; Du sehnest Dich nach Deiner Rosalia, und ich mich endlich nach Ruhe!“ —
Herzlich stimmte Josselin in den Willen seines Reisegefährten; sie kehrten um, und zogen graden Wegs nach Mont-Rousseau.
„Die wengen bittern Stunden dort werd’ ich ja auch noch überleben, und dann weg von der Welt, aus welcher ich nichts mitnahm, als ein blutendes Herz, auf ewig in den Schoos der Einsamkeit!“
Josselin lachte bei diesen Seufzern seines Freundes. Duur sah ihn verlegen an; das Lachen war ihm räthselhaft, so räthselhaft wie einst beim Abschiede von Gobby.
Er konnte länger nicht seine Verwundrung verheelen. Er bat den Lacher um Aufschluß; aber statt dessen erhielt er eine Menge Worte mit unbedeutendem Sinn.
In der nächsten Stadt ward zur mehrern Bequemlichkeit ein Reisewagen angeschafft, und nun gings ohne Rast dem Ziel entgegen.
Glücklich trafen sie am lezten Tage des Augusts an dem erwünschten Orte ein, Schon war es gegen Abend, als ihnen die Kuppeln und Söller eines prächtigen Schlosses, hinter hohen Eichbäumen halb versteckt, entgegenfunkelten.
Sie stiegen ab vom Wagen, als sie eben aus einem kleinen Birkenwalde hervortraten. Der Wagen blieb zurück; sie wanderten zu Fuß voran, um ihre Freunde unverhofft zu überfallen, allein sie hatten sich verrechnet. —
Kaum waren sie einige Schritte vorwärts geeilt, als ein Pistolenschuß in ihrer Nähe fiel. Auf diesen Schuß folgten mehrere. Dies Signal machte bald die hohe Kastanienallee, die sie zu durchwandern hatten, lebendig von allerlei Spaziergängern.
„Wir sind verrathen!“ sagte Josselin: „der Lärmen gilt uns!“
Duur schwieg. Eine sonderbare Empfindung bemächtigte sich seiner — es waren Schmerz und Vergnügen, welche mit jedem Schlage des Pulses in ihm abwechselten. — Er sollte wiedersehn, zum leztenmale wiedersehn die Holde, welche er über alles liebte, und deren Miene, Blicke, Sprache, Kuß und Händedruck ihm Gegenliebe verheissen hatte; er sollte sie wiedersehn, an welcher sein ganzes Seyn, die ganze Seligkeit seiner Erdentage hing — um sie auf immer wieder zu verlieren.
Er ging, und jeder Schritt ward ihm ein Schritt zum unaussprechlichen Unglück. Er blieb stehn, schwankte wieder vor, blieb abermals stehn, inzwischen Josselin ihm schon weit vorausgeeilt war, und sich in einer jauchzenden Versammlung, in unaufhörlichen Umarmungen, von Brust zu Brust, von Mund zu Mund stürzte.
„Ach, es ist peinlich, dazustehn, wie ein Verwiesener aus dem Lande der Freude, und arm an aller Lust unter Glücklichen zu wohnen!“ seufzte er: „es ist peinlich, unter den Frohen mitzulächeln, inzwischen das Herz blutet und die Augen ihre Thränen mühsam verbergen müssen.“
Er schlenderte langsam weiter. Schon hörte er näher und lauter das Geräusch der Kommenden, ihr Frohlocken, ihr lustiges Geschwätz, ihr Entgegenjauchzen. — Er rieb sich hurtig von den Wimpern eine Thräne, und eilte ihnen mit verstellter Lust zu.