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Die schwarzen Brüder

Siebentes Kapitel. Die Spazierfahrt.

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„O mein Oheim! mein guter, lieber Oheim, wenn Du izt lebtest — wenn Du nun so herrlich verwandelt sähest Deine Träume von der glücklichen Nachwelt in Wirklichkeit!“ rief der ehmalige Graf, als er nach Mitternacht in sein Quartier ankam, wo ihn der treue Pudel nach so langer Trennung mit freundlichem Gebell empfing.

Matthias schlief süß und fest.

„Holder, was werd’ ich Dir alles zu erzählen haben, was werd’ ich noch alles erleben! Ich war in meinem Jahrhundert keiner der unvollkommensten, und gleiche in der neuen Welt einem unwissenden Schüler, der allenthalben lernen muß. Ach, könnt’ ich sie aus ihren Gräbern rufen, die begeisterten Apologeten und Lobredner meines Zeitalters, könnten sie hören das Urtheil der Nachwelt über unser hochgepriesenes, aufgeklärtes Jahrhundert!“

Mit solchen Apostrophen entschlief er, und erwachte er wieder.

Einige Juwelen von bedeutendem Werth wurden sogleich am andern Tage in die Welt gesandt und in klingende Münze verwandelt. Duur kleidete sich dem damaligen Geschmack gemäs vom Kopf bis zu den Füßen neu; wer ihn izt sah, hätte nicht vermuthet, daß dieser Elegant ein Sohn der frühern Vorwelt war.

Rosalia sah ihn einige Tage später, und bemerkte mit einem gutmüthigen Lächeln, daß der Professor der Alterthumskunde schlechterdings für sein antikes Fach nicht geschaffen sey.

„Wissen Sie was Neues, Freundchen?“ rief ihm eins Morgens der Commendant entgegen, welcher ihn hatte zu sich bitten lassen: „wir haben so viel von Edelleuten gesprochen, aber noch haben Sie keinen gesehn. Hier in der Stadt ist kein einziger — aber drei Meilen von hier auf dem Lande wohnt ein Edler; er ist mein guter Freund, wir wollen ihn besuchen. Der Wind ist trefflich, in einer halben Stunde können wir da sehn.“

Florentin war willig.

„Es ist ein simpler, schlichter Biedermann; Sie müssen ihm keine Complimente machen. Vielleicht kennen Sie ihn schon, es ist der brave Gobby.“

„Ich kenn’ ihn nicht.“

„Als Gelehrter müßten Sie ihn doch kennen.“

„Ich versichre, er ist mir durchaus unbekannt.“

„Hm! nun seine Geschichte ist kürzlich folgende, denn die müssen Sie wissen, um ihn schätzen zu können. Er ist der einzige Sohn und Erbe des reichsten und filzigsten Bankiers; sein Vater starb und hinterließ ihm ein ungeheures Vermögen, von welchem er gemächlich, wie ein Fürst leben konnte. Statt das Gold in den Kisten und Kasten gefangen zu halten, wie sein Vater, verschwendete ers auf die wohlthätigste Weise. In fünf deutschen Städten legte er fünf gleich große Kapitalien nieder, von welchen der Arbeit unfähige Greise, Krüppel, arme Wittwen, Waisen, Findelkinder und andre Unglückliche, so lange sie der Unterstützung bedürftig sind, erhalten werden sollten. Für sich selbst behielt er nur so viel, daß er ein mässiges Auskommen hatte und eine Reise vollenden konnte, die schon längst projectirt ward. — Nämlich, er ging nach Amsterdam, kaufte ein batavisches Schiff, warb auf eigne Unkosten Freiwillige und segelte nach den Sandwichsländern. Von hier aus steuerte er dem Südpol zu, so weit er konnte, versorgte sich mit Proviant und andern Bedürfnissen, und segelte mit zwanzig Luftgondeln und fünf geschickten Matrosen über den unbekannten Südpol, von welchem er uns die erste gute Karte geliefert hat. — Seine Reisebeschreibung läßt sich nicht ohne Schaudern lesen; drei von seinen Gefährten erfroren am Pol, weil sie im Genuß des Feuergeistes zu nachlässig waren.“

„Des Feuergeistes? was verstehn Sie darunter?“

„Was ich darunter verstehe? haben Sie noch keinen Feuergeist gesehn in den Apotheken?“ Der Commendant klingelte, ein Bedienter erschien und brachte nach einger Zeit auf dessen Befehl ein Fläschchen, welches, ins Dunkele gehalten, phosphorisch schimmerte.

„Sehn Sie,“ fuhr er fort: „dies chemische Produkt ist ausser dem gröbern Feuer das einzige, welches die Wirkungen der Kälte besiegt. Es erhält das Blut im warmen Kreislauf beim höchsten Grad der Kälte, und ein Tropfen davon in einen Becher voll Wassers, bewahrt dieses mitten im Winter auf dem höchsten Gebürge vor dem Frost.“

Florentin starrte bald das Fläschchen, bald den Commendanten mit einer Miene an, wie sie im achtzehnten Jahrhundert die Einwohner Australiens hatten, als sie zum erstenmal der Explosion einer Flinte beiwohnten.

„Ist es möglich!“ rief er.

„Kurz!“ fuhr der alte Silberot mit einem sanften Lächeln in seiner Erzählung fort: „Gobby kam glücklich mit seinen beiden Reisegefährten zurück zu dem Schiffe. Ein Jahr nachher theilte er den Europäern seine Entdeckungen mit. Ganz Europa zollte dem kühnen Mann den wärmsten Dank, und daß man ihn unter die verdienstvollen Edeln des Landes sezte, war Schuldigkeit.“

Rosalia, heut schöner, als je, trat in diesem Augenblick mit einer ihrer Freundinnen ins Zimmer. Florentin hätte gern noch Stundenlang dem gastfreundlichen Lehrer zugehört. Aber er mußte auch nur so in seiner Unterhaltung gestört werden, um freundlich zu bleiben.

„Es ist alles bereit!“ rief Rosalia ihrem Vater entgegen. Der Commendant nahm die fremde Dame und führte sie in den Hof hinunter; Rosalia bot lächelnd dem träumenden Duur ihren Arm.

In einem geräumigen, mit Quadersteinen gepflasterten Hof standen zwei Gondeln, mit Segeln von rosenfarbner Seide, und Fischbeinrudern von Taffent, die viele Aehnlichkeit mit Flosfedern des Wallfisches hatten.

Rosalia sprang in einen dieser Kähne, und winkte dem versteinerten Duur, der nun wohl merkte, wohin es mit ihm sollte. — Er betrachtete das leichte, magische Gebäu mit einer sonderbaren Aengstlichkeit, und würde alles darum gegeben haben, wenn man ihn mit dieser Promenade verschont hätte.

„Kommen Sie, kommen Sie, lieber Duur!“ rief Rosalia, und streckte die Hand ihm entgegen. Ein leichter Schauer überlief ihn; zitternd faßte er des Fräuleins Hand und — hätte ein herzliches ex profundis beten mögen — und sezte sich. Der Gondelier stieg ein. Der Kahn schwoll auf allen Seiten an. Florentin sah sich verlegen nach allen Seiten um und preßte sich dichter an Rosalien.

In diesem Augenblick sanken vor seinen erstaunten Augen die hohen, massiven Mauern und Gebäude rechte und links neben ihm nieder, wie auf der Bühne beim Klingeln des Soufleurs die gemalten Straßen; schon dampften, in gleicher Richtung mit ihm, die Schornsteine; bald verloren sie sich unter ihm, und die hohen Kuppeln der Kirchthürme näherten sich ihm vertraulich. Der Kahn gaukelte izt noch um die funkelnde Spitze des Thurmgipfels, wie ein Schmetterling um die Blume, und die aufgescheuchten Dohlen flatterten mit ängstlichem Geschrei an den Wimpeln der Gondel vorüber. Aber bald verloren sich auch die Thürme unter ihm hinab und wurden wie kleine Stäbe, und die Dohlen darum wie Fliegen.

„Mein Gott!“ rief Duur: „wohin mit uns?“

„In den Himmel!“ antwortete Rosalia mit einem schalkhaften Blick.

„Sie haben Recht, denn ich habe ja schon einen Engel an meiner Seite,“ erwiederte er und drückte Rosaliens Hand fester an sich.

Ein falber Nebel umfing sie. Die Nebengondel, worin sich der Commendant mit der Fremden befand, verschwand vor ihren Blicken. Sie schwebten allein über der stillen, furchtbaren Tiefe im unendlichen Raum.

Plötzlich scholl aus den Nebeln herüber eine Stimme: „Rosalia, versieh Deine Pflicht! Duur passirt die Linie zum erstenmal!“ — Es war die Stimme des Commendanten.

„Hören Sie wohl, was mein Vater sagt? Sie befahren diese Gegenden zum erstenmal; und wissen Sie wohl, was da Sitte ist?“

„Ich weiß wahrhaftig nichts.“

„Wenn ein Reisender zur See zum erstenmal die Linie passirt, wird er von den Schiffern nach Schifferbrauch getauft — das heißt, nur ein paarmal ins kühle Meer untergetaucht.“ —

„Das war schon vor alten Zeiten ein grausamer — — —“

„Kommen Sie mir schon wieder mit Ihren alten Zeiten? Ich will davon gar nichts mehr wissen. — Mit einem Worte, Sie müssen sich alles gefallen lassen, was ich hier mit Ihnen vorzunehmen das Recht habe.“

„Nur — Liebe — nur nicht tauchen!“

„O Scherz, es ist noch dreimal ärger!“

„Noch dreimal ärger? Sie wollen mich doch nicht hinauswerfen? — es ist verdammt tief unten, und ich kann für meinen Hals nicht bürgen.“

„Alles Protestiren hilft Ihnen nichts. Sie müssens sich nun einmal schlechterdings gefallen lassen — — —“

„Was denn?“

„Von mir — —“

„Haben Sie Erbarmen!“

„Drei — Küsse anzunehmen.“

„Milder Genius dieses Jahrhunderts, ich erkenne Dich!“ rief Duur, und hing an Rosaliens Lippen.

„Duur!“ rief sie endlich halbböse: „wissen Sie nicht mehr, wie viel drei ist? Oder bedeutete drei in Ihrem achtzehnten Jahrhundert mehr, wie bei uns? — Sie haben nun wohl zehnmal geküßt.“

„Ich bin im Himmel!“ rief er: „und im Himmel soll ja Seligkeit seyn ohne Aufhören!“

„So werden sich dereinst die zehntausend Jungfraun vor Ihnen in Acht zu nehmen haben.“

„Nur eine, und die wären Sie!“

Sie wollte antworten, aber — die Sylben erstarben in einem langen Kusse.

Die Gondel schwebte langsam über eine unabsehbare wellenförmigte Ebne falben Dufts, und des Aethers reines Ultramarin wölbte sich oberwärts herab.

Duur wähnte sich in die Zauberwelt der Träume verirrt zu haben.

Majestätisch tauchte sich der Kahn wieder hinunter in die zerfliehenden Wollen — ha! und mit niegesehner Pracht zeigte sich in tiefer Ferne unten ein Weltkörper, welchen Duur nicht für die Erde anerkennen wollte.

„Wir sind nach dem Mond hin verschlagen!“ jauchzte er an Rosaliens Seite, die den naiven Mann und sein anhaltendes Erstaunen mit stiller Freude beobachtete.

Reglos, wie eine buntilluminirte Landcharte mit ihren Meeren und Provinzen, lags unter ihm ausgespannt. Wald und Wiese, Gebürg und Bach schwammen einförmig in einander verschmolzen in der Tiefe.

Mit jedem Augenblick aber dehnten sich die kleinen Gestalten immer weiter und größer aus einander, wie unterm Vergrößerungsglase; aus grünen Flecken entfalteten sich Wälder, das schimmernde Pünktchen rollte sich aus und ward ein Landsee; der schwarze Stumpf verlängerte sich zum Dorfthurm und aus den Maulwurfshügeln erstanden Häuser. —

Schon begrüßten die Vögel in der Luft die fremde Erscheinung in ihren Revieren; schon rührte den Geruchssinn ein aromatischer Duft, welcher die Nähe junger Blüten verrieth; schon rauschten seitwärts an den Gondelrudern die Wipfel der Fichten und Eichen — ein prächtiges, regelmäßiges Landschloß stieg in der Mitte eines Gartens auf — sie waren zur Stelle. —

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