Fünftes Kapitel. Fortsetzung, oder: der Commendant plaudert.
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Nach aufgehobner Tafel zog der brave Commendant (dessen Namen ich nicht länger verschweigen will) Silberot den Mann des achtzehnten Jahrhunderts zu sich auf einen elastischen Divan.
Die Damen, deren Geist durch Wein und geselligen Scherz zur Freude gestimmt war, spielten, plauderten und tändelten unter einander; eine von ihnen behauptete immer den Sitz am Euphon; nur Rosalia entwischte öfter ihren Freundinnen und dem Euphon, um dem sonderbaren Fremdling etwas näher zu kommen.
Der alte Commendant verwickelte sich aber bald mit seinem Gaste in ein neues Gespräch, wozu besonders Florentins Abentheuer am Schlagbaum den meisten Anlas gab.
„Zwar bin ich kein Gelehrter,“ sagte er: „aber ich habe doch sonst gern, besonders in meinen jüngern Jahren, von alten Geschichten gelesen, und besonders von einem preussischen König Friedrich, den seine Zeitgenossen den Einzigen nannten. Wahrhaftig, der Mann war zu früh in die Welt gekommen. Man muß erstaunen, nicht sowohl über das, was er gethan hat, sondern was er, wenn er in einem polizirtern Zeitalter gelebt hätte, gewiß gethan haben würde, und was sein ganzes Wesen auch ahnden ließ. Fürwahr! dieser Einzige hat den Beinahmen des Großen in den Annalen der Weltgeschichte theuer gemacht, da man ihn vorher an jedem Menschenschlächter und bigotten Narren zu verschwenden gewohnt war.“
Duur. Sie haben recht. Aber Sie sagten, er sey zu früh geboren worden. Ich möchte behaupten: grade zur rechten Zeit.
Commendant. Nun ja. Christus und Luther kamen auch zur rechten Zeit, wenn sie gleich unter blinden Barbaren leben mußten. Das Licht brennt dann immer zur rechten Zeit, wenns dunkel umher ist. Ich gebs zu.
Duur. Halten Sie denn das Zeitalter jenes preussischen Königs für so dunkel?
Commendant. Für hell wenigstens nicht. Sie haben heut an unserm Thore sich selbst den Beweis geliefert, als Sie von Ihrer — nehmen Sie’s mir nicht übel, wenn ich lache, denn der Spas war einzig in seiner Art! — als Sie von Ihrer adlichen Geburt sprachen, ha, ha, ha!
Duur. Ich räum es ein, daß — — — allein — —
Commendant. Ich bitte Sie um des Himmels willen, liebster bester Schatz, die gesunde Vernunft giebts ja an die Hand, daß wir alle, groß und klein, arm und reich, wie wir da sind — allzumal als elende Krüppelchen in die Welt treten! — Freilich auf die grausamen, finstern, barbarischen Zeiten der Vorwelt müssen wir nicht sehn, denn damals wußte die liebe Menschheit noch blutwenig von der Vernunft; ja, die Menschen sind damals so toll gewesen und haben die Vernunft verschrien, wie wir heutiges Tages die Verrücktheit. — Nun freilich, da gings denn unter den Sterblichen nicht viel besser, als unter den wilden Thieren; wer die schärfsten Zähne und derbsten Fäuste besas, der hatte das Recht immer zur Seite.
Duur. Sie sprechen von den Ritterzeiten.
Commendant. Nun ja. Damals gabs Freie und Sklaven; pfui, Blut und Galle möchte man speien, wenn man daran denkt, daß der Mensch vorzeiten ein Thier war! — Die Freien bildeten sich ein, sie wären bessere Menschen, wie die armen Unterjochten, und nannten sich Edle. Die Könige und Fürsten machten diese Leute zu ihren Freunden, Räthen und Unterbefehlshabern. Das konnte man den Fürsten gar nicht verargen, denn der gemeine Mann, der sogenannte Unedle, war abgeschnitten von aller guten Erziehung und Bildung. — Als aber endlich die Aufklärung allmählig zum Durchbruch kam, fingen auch die Unedeln an sich in Künsten und Wissenschaften hervorzuthun, und im Durchschnitt genommen waren am Ende die Bürgerlichen reicher, klüger, gelehrter als die Edeln, noch mehr, sie waren auch biederer, als diese. Trotz dem allen behauptete sich dass alte barbarische Herkommen noch lange. Die Edelleute erhielten sich, trotz ihres auffallenden Minderwerths, oben an, und hatten den spashaften Einfall, den sie auch männiglich verfochten: daß sie mit mehrern Rechten geboren würden, als die Unedeln. — Nun fragte man freilich: Wie könnt ihr denn, ohne Verdienst, blos durch Geburt, mehr Rechte haben, als andre ehrliche Menschen, eure Brüder? Aber darauf hörte man nicht. — Kurz, man behielt die barbarische, vernunftwidrige Grille der Vorwelt bei.
Duur. Im achtzehnten Jahrhundert?
Commendant. Im achtzehnten und neunzehnten.
Duur. Verzeihn Sie, Herr Commendant, daß ich das achtzehnte im Schutz nehme. Schon damals beschnitt man die alten Vorrechte des Erbadels sehr, und der Bürgerliche genoß, wenn er Verdienste besaß, mit dem Adlichen gleiche Achtung, nur mit dem Unterschiede, wie Sie selbst schon bemerkt haben, daß der Adliche die höchsten Würden und Aemter des Staats allein besezte.
Commendant. Sie sind diesmal ein nachgiebiger Advokat von der Lieblingsperiode Ihres Vaters. Eben dies, daß man zu der Zeit schon einsah, die Natur oder Gottheit habe einen Menschen mit so vielen Anrechten ausgestattet, als den andern; daß man einsah, des Vaters Genie erbe nicht auf die Kinder, macht jene Zeit noch lächerlicher. Dem besten Kopf und dem besten Herzen, nicht dem besten Stammbaum gehören die ersten Posten des Reichs. — Unter uns gesagt, liebster Mann, ich war in meinem Leben immer ein elender Wortfechter, aber bei diesem Streit würd’ ich siegen, wenn ich Ihre Einwürfe auch gar nicht widerlegte.
Duur. Sie meinen, die Sache spräche für sich.
Commendant. Meinen Sie anders? — Apropos, lebte nicht der alte Balladendichter Bürger so ungefähr in jenen Zeiten? Wie mirs deuchtet, so ums neunzehnte oder zwanzigste Seculum.
Duur. Ich bitt’ um Verzeihung, im achtzehnten schon.
Commendant. Er schrieb eine Ballade: des Pfarrers Tochter von Taubenhain. Ein sogenannter Edelmann verführt und verläßt um seines Standes willen ein Mädchen, welches in der Verzweiflung das Kind ermordet und selbst nachher aufs Rad geflochten wird. — Wahrhaftig, heutiges Tages, wenn wir noch Räder hätten, würde der Kerl und nicht das Mädchen aufs Rad geflochten seyn. — Gabs wirklich im achtzehnten Jahrhundert solche unmenschliche Szenen und Verhältnisse?
Duur. (stockend) Sehr viel.
Commendant. Gabs wirklich edle Leute, die einem armen Mädchen alles — alles nahmen, um Ruhe, Ehr’ und Liebe der Menschen brachten, und dann satanisch genug waren, sich hinter ihren Stammbaum zu verstecken?
Duur. O viel! viel!
Commendant. Viel? — nun mein Gott, so dank ich Dir, daß ich nicht geboren ward unter den Barbaren, die edel genannt wurden, und schändlich sich wälzten in Lastern, deren Geburt Adel, deren Leben Unadel war. Hätt’ ich damals gelebt — beim Himmel, ich hätte Mordthaten begehn müssen! —
Duur. Und izt?
Commendant. O, ich möchte den Bösewicht sehn, der ein Mädchen entehren, und dann es nicht wieder zu Ehren bringen wollte, weil er — edler wäre, als die Unglückliche! — Doch lassen Sie sich erzählen, wie’s späterhin ward.
Duur. Ich bin sehr begierig.
Commendant. Der Bürger stieg immer mehr durch seine Verdienste, der Erbadel sank. Er sank, weil die gesunde Vernunft siegreicher wurde. In Frankreich war er schon im achtzehnten Jahrhundert vernichtet — weit später in Deutschland. Hier schien er sogar wieder zu steigen im neunzehnten Jahrhundert, denn die Könige und Fürsten adelten in solcher Menge, und so ohne Unterschied, daß es zulezt eine Ehre war — unadlich zu seyn. Ich erinnre mich, in einem alten Historienbuche gelesen zu haben, daß die Könige sogar ihren Köchen und Leibschustern, wegen einer guten Suppe, oder eines schönen Stiefelschnitts, die erblichen, unnatürlichen Vorrechte verliehen haben.
Duur. Ich erstaune.
Commendant. Aber so mußt’ es kommen, wenn die Deutschen ihre Thorheit endlich einsehn sollten. Man konnte sich zulezt vor allen Edelleuten nicht mehr retten. Man hatte nicht mehr Aemter genug für sie. Die Aermern bequemten sich zu äusserst bürgerlichen Handthierungen; verdienstvolle Bürger betraten, ohne Adel, die erhabensten Ehrenstufen im Militair- und Civilwesen, und da man endlich bemerkte, wie sich das Land dabei sehr wohl befand, so — — —
Duur. Und das ging ohne Gährungen und Revolten ab?
Commendant. Ohne Geräusch. Freilich, die Edelleute schrien wohl dagegen und prophezeihten, daß mit ihrem Untergang alle Monarchien einstürzen würden, aber dies war eben so lächerlich, als da die Mönche in den uralten katholischen Zeiten, bei Schmälerung ihrer Rechte, schrien: die Welt würde untergehn und der Antichrist sich von seinen Ketten losrütteln und die Erde verwüsten.
Duur. Sonderdar!
Commendant. Nein, sagen Sie lieber, sehr natürlich. Dännemark machte endlich den Anfang zur Reformation des Adels. Der Erbadel ward durchgängig aufgehoben, und statt dessen der Verdienstadel eingeführt. — Das deutsche Reich, um allen Verwirrungen abzuhelfen, bequemte sich endlich auch zu dieser Reforme.
Duur. Also giebts noch einen Adel?
Commendant. Freilich. Machen Sie sich um das Vaterland durch eine große That, durch Lebensrettung des Monarchen, durch Erhebung und sichtbare Vermehrung der Wissenschaft und Kunst, durch wohlthätige, große Erfindungen, die der Menschheit willkommen sind, um den Staat, um die Menschheit verdient: so werden Sie in die Reihe der Edeln des Volks versezt; ganz Deutschland wird Sie schätzen, und im Ein- und Auslande erhalten Sie Freundschaft und Ehrenbezeugungen, als wären Sie der Sohn eines Fürsten.
Duur. (mit Rührung) Ich erstaune.
Commendant. Der Adel ist daher selten, und jeder strebt nach ihm — aber Kinder erben ihn nicht vom Vater, so wenig, als sein Verdienst, wodurch er ihn gewann. Sollte auch nun ja einmal bei Ertheilung des Adels menschlich verfahren werden, so hat dies doch für die Nachwelt keinen Schaden. Es giebt izt unadliche Feldherrn und adliche Künstler. Zudem würde man den, der seinen Adel erschlichen hätte, leicht und auffallend bemerken, da erwiesen werden müßte, daß er allgemein bekannte, öffentliche Verdienste errungen habe; auf geheime Verdienste bei den Königen wird nicht reflektirt.
Duur. Wer erhebt denn aber in den Adelstand?
Commendant. Ich sehe, Sie sind in allen ziemlich unwissend — verzeihn Sie mir diese Bemerkung, denn Sie sind mir das auffallendste Räthsel, was ich kenne. — Das Land und der allgemeine Ruf schlägt den Candidaten vor; das Collegium der Edeln wählt und der Landesherr bestätigt. —
Duur. Man hat auch Grafen und — — —
Commendant. O ja, allein diese sind in Würden nicht mehr, als andre Edle. Der Landesherr hat das Recht, einen verdienstvollen Adlichen — blos auf seine Lebenszeit — mit Gütern, kleinen Grafschaften zu belehnen. Daher denn der Name. Nach dem Tode des Adlichen fällt das Gut einem andern zu.
Duur. Glückseliges Zeitalter!
Commendant. Glückselig möcht’ ichs nun wohl nicht nennen. Aber freilich, wenn Sie an Ihr achtzehntes Jahrhundert denken: so muß ich Ihnen Recht geben. Allein wie können Sie auch zwischen diesen Zeitaltern eine Paralelle ziehn?
Duur. Ich fühls beinah, die Paralelle würde sehr gedehnt ausfallen. — So kann ich mir nun auch das Betragen derer erklären, die mich am Thore empfingen.
Commendant. Ha, ha, ha! —
Duur. Ich glaubte nicht, daß die Ehrenbezeugungen mir gelten könnten; ich bildete mir ein, man verwechsle mich.
Commendant. Ha, ha, ha, ha!
Duur. Ich wills mir nie wieder beikommen lassen, mich Graf zu nennen.