Zweites Kapitel. Das Willkommen.
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„Willkommen!“ rief der ehrwürdige Graf von Gabonne indem er unserm Betrübten entgegenwankte, und ihn mit Jünglingskraft an seine Brust drückte. „Fast verzweifelten wir an Ihrer Heimkunft; aber — so ists recht! — nun ist die Reihe an uns, Ihre Liebe zu vergelten. Was Wetter — mir ists, als hätten Sie eine Thräne in den Augen. — Was will der ungebetne Gast in diesen Wohnungen der Freude? Weg mit ihm, wenn Freude nicht seine Mutter heißt!“
„Gewiß heißt Freude seine Mutter — ich bin ja wieder unter den Meinigen; ich sehe ja meine Lieblinge in der Welt alle wieder beisammen, und Sie an der Spitze derselben!“
„Seyn Sie uns gegrüßt, Wandersmann!“ jauchzte der wackre Commendant Silberot, und schüttelte Florentinem herzlich die Hand: „haben Sie sich endlich müde geschwärmt? — Nach der Arbeit ist die Ruhe süß! — Ich will nun auch ruhn, von meiner Arbeit. Mein Haar ist weiß worden; meine Kräfte erlahmen. — Wie gefällt Ihnen hier die Gegend?“
„Sie ist romantisch!“ antwortete Florentin.
„O, da sollten Sie sie nur erst näher kennen lernen. Ein irrdisches Paradies blüht hier. Da sind Wälder, Felsen, Thäler, Seen, Wiesen, Bäche in einer prächtigen Mischung durcheinander geworfen, daß es eine Lust ist, anzuschaun; und nun, wissen Sie was neues? Hier werd’ ich mir eine Hütte baun, und mich ansiedeln, und wohnen darin mein Lebelang. Commendant bin ich nicht mehr!“
„Ich wünsche Glück!“ lächelte Duur.
„Ihm nicht allein!“ unterbrach ihn der sanfte Gobby. „Mein Wohnhaus lehnt sich dicht an meines Silberots Hütte. Ich wohne mit ihm hier, bis er mit meiner Asche eine Urne füllt. Willkommen indessen, Herr Revolutionair, haben Sie nicht auch Kanella besucht, um die Eitelkeit des menschlichen Dichtens und Trachtens zu bejammern?“
„Nein, nimmermehr wär ich dahin gegangen! Es ist ja nichts mehr daran gelegen, ob die Staaten einen Freiheitshut, oder eine Fürstenkrone im Wapen führen; die Bürger dieser Welt sind von den Tändeleien längst zurückgekommen, und ich mit ihnen!“ sagte Florentin, und schloß den liebenswürdigen Greis in seinen Arm.
Indem er ihn küßte, hatten sich die Damen allmählig rings umher versammelt. Eine derselben hielt ihm die Augen zu. Errathen sollt’ er ihren Namen, er rieth her und hin und errieth ihren Namen nicht. — Sie ließ los.
„Ach, Gott, Idalla! Idalla!“ rief Florentin mit lebhafter Freude, und drückte das liebe Weib an sein Herz, als wär es seine Schwester.
„Endlich hat man Dich wieder, Du lieber Irrgeist, endlich!“ stammelte Idalla, voll herzlicher Rührung, und ein helles, schönes Thränenpaar funkelte in ihren Augen.
„Sieh mich nur an, Du Irrgeist, und sage mir, wie hast Du so lange fern leben können von Deinem Karlchen, von Holder und mir. Ach, tausendmal haben wir Dein gedacht an jedem Tage, und tausendmal heim Dich gewünscht zu unsrer Insel! Und Du bist nicht gekommen.“
„Nun bleib ich ewig bei Dir; nun will ich Dich nicht wieder verlassen, bis der Tod einen von uns abruft.“ Antwortete Duur und sank ihr von neuem in die Arme.
Karlchen umklammerte izt seinen Leib, und rief „Vater! Vater!“ ihm zu.
„O das ist der Seligkeit zu viel auf einmal!“ jauchzte Duur, und hob den lieblichen Knaben zu sich empor und hielt ihn Minutenlang und konnte sich an ihm nicht satt sehn, satt küssen, satt freuen.
„Aber mich wirst Du doch nicht ganz übersehn und vergessen wollen?“ tönte eine andre Stimme seitwärts. Holder, der alte treue Reisegefährte durch Leben und Tod, Holder eilte ihm mit weit ausgebreiteten Armen entgegen. —
„Nein!“ rief Duur: „wie sollt’ ich Dich übersehen, Dich meinen Genius in zweien Welten, meinen ältesten und zärtlichsten Freund! — O Holder, Holder, wieviel hab’ ich Dir zu erzählen; die Wunder dieses Zeitalters sind es werth, daß man ihrentwillen fünf Jahrhunderte verschläft; sie müssen selbst gesehn und erfahren werden, denn in der besten Beschreibung verlieren sie an Glanz, und bleiben dennoch unglaublich.“
„Desto besser, daß Du mein Referent seyn wirst, denn Dir glaub’ ich mehr, als zehn beeidigten Zeugen.“
„Auch, Bruder, auch Rikchens, Deines Rikchens Grab, — auch meines theuern Oheims Burg und Grab, den Schauplatz meiner Jugendspiele habe ich aufgesucht; und in seiner wilden Verwandlung kaum wieder entdeckt. Das alte Duursche Schloß ist izt ein kleiner Hügel verwitterten Gesteins vom Fundament; die Gräber, ihre Spuren, sind verweht.“
„Dies wäre grade noch für mich das Sehenswürdigste gewesen.“
Indem sie sprachen, und die drei biedern Greise, Gabonne, Gobby, Silberot sich in das trauliche Geschwätz mischten, erschien Idalla seitwärts, an ihrem schwesterlichen Arm gelehnt, verschämt und selig — Imada.
Duur erblaßte, als er seine Augen aufschlug und sie erkannte; ein brennendes Roth flog dann wieder über die Leichenfarbe seines Angesichts; er konnte kaum sich nur ermannen, kaum einge Höflichkeiten stammeln, kaum einen Kuß mit starren Lippen auf ihre Hand pressen.
Da stand sie nun vor ihm, die ihn allein zum Gott auf dieser Welt hätte machen können, und welche nicht die Seine werden konnte, und wollte; stand vor ihm, angethan mit allen Liebreiz, welche Jugend und Harmlosigkeit, Kunst und Natur verschwenden können; stand vor ihm, bebend und schweigend und erröthend, und sah ihn an mit einem Blick, der so unaussprechlich mild und verführerisch war und doch nicht das verheissen durfte, was Florentinen allein nur glücklich machen konnte.
Eingedenk der lezten, sonderbaren Unterredung in der Nacht, beim Schimmer des Todtenfeuers, wagte ers auch nicht, nur mit einem einzigen Blick, die quälenden Empfindungen verrathen zu geben, welche in seinem Innern tobten.
„Und so kalt?“ fragte Gabonne, der lächelnd ihnen beiden zur Seite stand: „Pflückt Rosen, so lange Ihr dürfet! — hurtig, ich weiß, daß Ihr im Leben das Küssen nicht verschworen habt, gebt Euch Küsse, eh’ der Bräutigam kommt und dem Spiel ein Ende macht.“
Er schloß beide in seine Arme. Erröthend näherten sie sich einander unter dem sanften Zwange; ihre Lippen hingen unauflöslich in einem entseelenden Kusse zusammen.
„Es verdrießt mich doch, daß die Dinge solch’ einen Gang nahmen!“ brummte der silberlockigte Gabonne halb freundlich, halb böse: „würdet Ihr beiden Leutchen nicht das beneidenswürdigste Ehepaar auf Erden geworden seyn, wenn — — — Doch, vergangene Dinge sind nicht zu ändern. Aber lieb wär mirs doch gewesen, wenn Ihr Beide so eins geworden wäret!“
Florentin warf einen schwermüthigen Blick auf den plaudernden Alten. Imada lächelte. Duur seufzte.
An Josselins Arm erschien, blühend wie eine Frühlingsrose Rosalia. —
Mit schwesterlicher Unbefangenheit umarmte sie ihren Professor der Alterthumskunde, und half ihn, wie im Triumpf, sie auf der einen, Imada auf der andern Seite, einführen in die Burg des Grafen von Gabonne.
„Wo ist Ihr Bräutigam?“ flüsterte Duur unterwegs Imada’n ins Ohr.
„Noch ist er nicht hier,“ antwortete sie: „er kennt Sie sehr gut und liebet Sie herzlich. Aber hüten Sie sich doch etwas vor ihm, denn er soll sehr eifersüchtig seyn. Bis dahin wollen wir beide unter uns allen Zwang vergessen.“