Siebentes Kapitel. Das Fest der Menschheit.
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Die Wandrer kamen in die Stadt zurück. Es war schon spät. Traurig und verstimmt legten sie sich zu Bett. — „Hier ist Wohlseyn!“ rief Duur.
„Ja wohl,“ entgegnete Josselin: „Nichts haben, nichts empfinden, nichts wissen, ist auch ein Reichthum, auch ein Glück!“
„Unser ewiger Reichthum im Grabe!“ sezte Florentin hinzu.
Unter dem lärmenden Schall der Trompeten und Pauken erwachten sie am andern Morgen. Die Sonne war schon hoch herauf. Man brachte das Frühstück; Florentin und Josselin warfen sich ins Fenster um sich am bunten Getümmel der Menschen in den Straßen unten zu weiden.
„Es scheint heut ein wichtiger Tag dieser Stadt zu seyn!“ sagte Duur, indem er mit Verwundrung und Vergnügen die vielen fröhlichen Gesichter zählte.
„Das Fest der Menschheit!“ erwiederte mit lachender Miene der Aufwärter.
„Ein herrliches Volksfest!“ intonirte Josselin: „Heut wollen wir wieder selig seyn, und die düstre Jammerburg vergessen.“
„Wie so?“
„Es ist ein Tag der allgemeinen Freude, ein Festtag der Liebe, der Barmherzigkeit und jeder gesellschaftlichen Tugend! Hurtig, wir wollen uns ankleiden, und unsre Börsen füllen, um den Armen wohl zu thun.“
„Du bist ja einem Entzückten gleich.“
„Und Du einem Erstaunten. Es ist wahr, ich dachte nicht daran, daß Du ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts seyst; aber wer kann sich auch immer daran erinnern? — Ich muß Dir nun wohl erst eine umständliche Vorbereitung geben, wenn Du den heutigen Tag recht schmecken sollst. Aber wahrhaftig, ich bin grade izt zu den Vorbereitungen wenig aufgelegt.“
„Nur kurz und bündig den Inhalt und die Ursach des Festes!“
„Das ists eben, wovor ich mich fürchte; da muß ich Dir ja eine besondre Rede über unsre Feste halten.“
„Nur Skizze!“
„Wahrhaftig, mehr sollst Du auch heut nicht von mir fodern dürfen. — Also Ursach und Inhalt des Fests? — Ursachen kann ich Dir von dieser Feierlichkeit nicht mehr und nicht weniger angeben, als von jeder andern. Man will dadurch Herz und Geist des Volks erfreun, den Umlauf des Geldes rascher befördern, Gemeingeist und Brudersinn erwecken und was man nun von solchen Gelegenheiten mehr anzugeben pflegt. — Vor Zeiten wurden mehr Kirchen- als Nationalfeste gefeiert; seit anderthalbhundert Jahren sind mehr National- als Kirchenfeste. Vor Zeiten war fast jeder Sonntag ein christlicher Festtag, izt ist der Sonntag nur Ruhetag und großer Volksfeste haben wir in jedem Jahresviertel nur ein einziges.“
„Und die christlichen Kirchenfeste?“
„Sind beinah sammt und sonders secularisirt. Die Welt hat an ihnen nichts verloren; gewiß aber mit ihrem Verlust gewonnen.“
„Das möcht’ ich nicht behaupten. Die Religion der Christen hat unstreitig durch die Aufhebung oder Secularisirung der Feste von ihrer Autorität und Wirksamkeit vieles eingebüßt.“ —
„Laß doch die Religion einbüßen, wenn die Menschheit nur Vortheile erringt.“
„Ist eins ohne das andre möglich?“
„Gewiß; nur ehrlich Nach- und Vortheile gegen einander abgewogen! — Wozu wurden die Kirchenfeste angeordnet? Wir wollen den Stiftern den edelsten Zweck beimessen, wollen nicht daran denken, daß der hierarchische Sinn der ersten Anordner vielen Antheil daran hatte, sondern glauben: daß man sie einsezte, um durch die Feier der wichtigsten Begebenheiten des ersten Christenthums einen Enthusiasmus für die Religion selbst zu befördern.“
„Ich bin mit dem Zweck zufrieden.“
„Wurd’ er erreicht? — Selten war darunter ein Fest der Freude — es waren mehrentheils Buß- und Bettage, welche den durch tausend Widerwärtigkeiten niedergebeugten Geist nicht im Stande waren aufzurichten und zu erquicken für die folgenden Schicksale. Das alte Sündenregister ward unaufhörlich revidirt und in der Nachbarschaft des Himmels der höllische Flammenpfuhl gewiesen. Eine schwermüthige, düstre Schwärmerei war gewöhnlich die ganze Frucht des Festes für den, welcher es mit ganzer Seele, nach der jedesmaligen Anlage der Tagesfeier, begangen hatte.“ —
„Aber wie viele begingen es so?“
„Desto schlimmer; so ward die ganze Absicht der Stiftung verfehlt. Der Reichere, oder sich aufgeklärt Dünkende, erinnerte sich nicht an den Sinn des Festes, sondern machte dieses zu einer Gelegenheit größerer Lustbarkeiten. Man verpraßte den kostbaren Tag in dem Ringe seiner Tisch- und Kellerfreunde, und des Nothleidenden gedachte man grade dann am seltensten. Der Stolz des gemeinen Mannes feierte das Fest wieder auf eine besondre Weise; neue Kleider mußten an diesem Tage figuriren, und ein Wein- oder Brannteweinsrausch Leib und Gemüth erquicken. — Was gewann dabei die Religion, was die Menschheit?“
„Ich kann Dir nicht widersprechen.“
„So lange die Deutschen mehr Kirchen- als Volksfeste hatten, war an keinen Gemeingeist zu denken; nicht einmal an Gemeingeist in einzelnen Städten; ich will nicht von Staaten sprechen. Man ließ die bequemste Gelegenheit ungenüzt entschlüpfen, das schöne Band der Eintracht um die Herzen der Bürger zu schlingen und für Tugend und Vaterland zu begeistern. Nie wurde ein Versuch gemacht, die Menschen einander, als Brüder und Schwestern, näher zu führen; nie wurde ein Versuch gemacht, den schneidenden Unterschied der Stände zu mildern, Stolz und Neid, Egoismus und Kabale, und alle tausend Wurzeln oder Nebenzweige des Partheigeistes, trotz seiner Verderblichkeit für das gemeine Wesen, zu vernichten. Es fehlte daher den Deutschen Deiner Zeit an dem, was allein Nationen, so wie einzelne Familien, liebenswürdig macht, — Geselligkeit, Humanität! Der Vorwurf, welcher ihnen von jeher gemacht ward, gebührte ihnen rechtens; sie waren im Durchschnitt, halbpolizirte, steife, träge Thiere, unter sich selbst nie Freunde, sondern mit hündischem Geiz nur das eigne Intresse bewachend.“
Unter diesem Gespräch hatten sie sich beide angekleidet.
„Vom Inhalt des heutigen Festes magst Du Dich mit Deinen eignen Sinnen belehren!“ sagte Josselin und führte seinen Freund hinaus auf die Straße, wo alles von Fußgängern, Reutern und Wagen wimmelte.
Florentin konnte sich des Lächelns nicht erwehren beim nähern Anblick dieses bunten Getümmels — es war ihm die größte Maskerade, welche er je erlebt hatte, wenigstens einer Maskerade nicht ungleich.
Greise und Kinder, Männer und Weiber, Hohe und Niedre, Arme und Reiche tummelten sich freundlich durch einander. Jeder prangte, (so brachte es die Ordnung des Festes mit sich) mit dem besten Theil seiner Garderobe; alles erhielt dadurch einen glänzenden Anstrich von Wohlhabenheit und Feierlichkeit, und der Contrast des Reichthums und der Armuth ungemein viel Auffallendes.
Aber alles dies war das Unbedeutendste in der ganzen Erscheinung; nein die sonderbare Verbindung der Wandelnden machte das Schauspiel einer Maskerade ähnlich. Hier führte ein biedrer Handwerksbursch eine stattlich geschmückte Dame; dort führte ein junges, blühndes Mädchen einen alten, blinden Mann. Drüben schlenderte Hand in Hand ein christlicher Prediger mit einem jüdischen Lehrer; ein kraftvoller, schöner Jüngling stüzte dort einen schwachen, halbgenesenen Kranken.
„Wo bin ich?“ rief Florentin lachend.
„Unter Menschen!“ entgegnete Josselin.
„Wohin solls gehn?“
„Wohin Du willst. Hinaus zur Stadt, ins Feld, in die Gärten. Allenthalben wirst Du Gesellschaft finden. Aber izt wollen wir uns den Gesetzen dieses schönen Tages unterwerfen: wir müssen uns trennen. Bekannte und Freunde dürfen heut nicht beisammen bleiben, Familien dürfen nicht an einanderhalten, sondern müssen sich unter die Fremden zerstreuen, sich den Unbekannten nähern, Freundschaften stiften und Bekanntschaften; Freude verbreiten, wo sie können; die Armen freigebig bewirthen; Krüppel, Lahme und Blinde das Ungemach ihres traurigen Geschicks vergessen machen.“ —
„Träumst Du, oder träum’ ich?“
„Keiner von uns. Ich verspreche Dir viel Vergnügen; wer ein reines Herz und einen gesunden Menschenverstand zu diesem Feste bringt, kann hier nicht anders denn glücklich seyn. Denke doch nicht ewig an die grauen, läppischen Thorheiten Deines Jahrhunderts, wo man sichs nicht einbilden konnte, daß die Menschen, wie Brüder und Schwestern, wie Glieder einer und derselben Familie unter einander zu wohnen im Stande wären. Siehe hier ist der allgemeine Pickenick, wo jeder sein freiwilliges Contingent zur Freude des Ganzen liefert, hier sind die Agapen des ersten Christenthumes wieder, wo der Reiche dem Armen seine Noth, der Frohe dem Weinenden die Thränen vergessen macht; hier ist wahre Polizirung des Volks und eben darum natürliche Einfalt, Wegwerfung des künstlichen und natürlichen Unterschiedes — denn die lezte Sprosse auf der Leiter der Menschencultur ist wieder Natur. — Geh hin, und werde froh, indem Du andre fröhlich machst. Heut Abend, oder morgen früh finden wir uns wieder zusammen.“
Mit einem herzlichen Kusse entfernte sich Josselin, und ergriff die Hand eines vorübergehnden Bürgers, welcher sich so freundlich mit ihm unterhielt, als hätt’ er einen alten Bekannten wiedergefunden.
Florentin stand lange da, wie ein Träumer. „Mein Gott! mein Gott! welche Menschen leben izt, welch’ ein Jahrhundert ist dieses!“ sprach er bei sich, und zerdrückte mit den Augenwimpern eine Thräne, die sich unwillkührlich hervordrängte: „O, mein Oheim, könntest du mit mir feiern das Fest der Menschlichkeit und Menschheit!“
Indem er so vor sich hinstarrte, und sein Herz voll war von Rührung und Seligkeit, fühlte er den sanften Druck einer Hand auf seiner Achsel.
„So traurig?“ fragte ein wohlgekleideter, ältlicher Mann, mit biedrer Herzlichkeit.
„Nichts weniger, als das!“ antwortete Duur: „ich sah mich nach einem Gefährten um.“
„Kommen Sie mit mir.“
„Mit Vergnügen. Ich bin ein Fremdling in dieser Stadt; führen Sie mich, wohin Sie wollen.“
Der Fremde lehnte sich freundlich an ihn, und so wanderten sie durch die Stadt ins Freie hinaus, von Promenade zu Promenade, von Garten zu Garten, wo sie allenthalben Geselligkeit und Freude fanden.
„Ich wundre mich,“ sagte Duur: „daß alles in so guter Ordnung bei so gemischter Gesellschaft bleibt.“
„Vielleicht eben daher, weil die Gesellschaft zu gemischt ist; es finden keine Partheien, keine Faktionen statt. Der gemeine Mann mässigt sich und verfeinert sich selbst im Umgang mit den Vornehmern und Gebildetern; man erlaubt sich nicht so leicht auch nur die kleinsten Ausschweifungen, und vielleicht eben darum, weil man, alles Zwanges los, keine grössere Freiheit wünschen kann. — Zur Vorsicht für die Ruhestöhrer sind freilich allenthalben Wachen beordert, inzwischen hat man seit sechs Jahren keine Beschäftigung für diese gefunden.“ —
„Wird aber nicht mancher durch solche Gelegenheit zu einem übermässigen Aufwand verführt?“
„Ein Narr wäre, wer sich verführen liesse. Der Reiche giebt, der Arme empfängt. Jeder thut, so viel er kann, so weit seine Kräfte reichen. Der stockende Kreislauf des Geldes erhält hier einen neuen Anstoß; selbst der filzigste Kaufmann wird durch das allgemeine Beispiel der Humanität zur Freigebigkeit gereizt; Geldkasten, welche, sonst immer verschlossen, ihr goldnes Eingeweide sparten, öffnen sich an diesem Tage zur Wohlthätigkeit.“
In einem grossen, volkreichen Garten trennte sich im Getümmel der Fremde von unserm Pilger, welcher bald wieder neue Bekanntschaften anspann, und in der fröhlichen Gesellschaft von Männern und Frauenzimmern aus allen Ständen, Altern und Religionen sein Mittagsbrod verzehrte. Er genoß dabei das Vergnügen, einen armen Knaben, welcher in seiner Nähe war, auf eigne Kosten, zu speisen und zu tränken.
Von Wein und Freude berauscht, durchschwärmten sich die zahllosen Tausende izt wilder, welche hier allein das heilige Band der Menschheit und Menschlichkeit umschlang. —
Der braune Abend sank herab. Musik brach aus allen Gebüschen hervor; Tänze, um Mittag, beim hellen Sonnenlicht begonnen, wurden im Schimmer des Mondes, der Lampen und Fackeln fortgesezt.
Florentin, allenthalben und nirgends, ward von einer reizenden Bacchantin aus einem Cedernbüschchen entführt, worin er sich selbst überlassen, den schönen Göttergang des Menschengeschlechts übersinnend, umher lustwandelte.
Zu nahe an ihre zaubrischen Wirbel gelockt, überließ er sich der verführerischen Charybdis — tanzend verweilte er hier bis gegen Mitternacht. Dann entschlüpft er heimlich wieder um auszuruhn; aber seine Führerin verließ ihn nicht; schmachtend hing sie an seinem Arm, schmachtend sank sie neben ihm nieder auf das Rasenbänkchen einer matt erleuchteten Laube.