Siebentes Kapitel. Das Abentheuer im Walde.
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Erst am Abend des folgenden Tages kam Duur von seiner Jagd heim. Aengstlich und bekümmert hatten Holder und Idalla den ganzen Tag vergebens seine Zurückkunft gehofft.
Wie heiter lachte ihm Holder nun entgegen; wie freundlich drückt’ ihm Idalla die Hand! Er kam aber nicht allein, sondern ein fremder Mann mit ihm.
Florentin war finster. Er warf die Flinte in einen Winkel nieder und bat für den Fremdling um Speis’ und Trank und Nachtlager.
Gastfreundlich trug die liebe Wirthin ihr Bestes auf. Florentin warf sich in einen Sessel, und lachte bald und knirschte bald mit den Zähnen.
Holder lehnte sich ihm gegenüber an die Wand, und betrachtete das seltsame Mienenspiel seines Freundes mit Verwunderung.
Alles schwieg. Holder wollte doch ein Gespräch anknüpfen, und fragte, um etwas zu fragen, den Fremden: „was giebts neues in der Welt?“
„Neues?“ entgegnete der Gast: „Das Neuste wäre nun wohl, daß der deutsche Kaiser in der vorgen Woche zu Berlin gestorben ist.“
„Wie? sind Preußen und Oesterreich so gute Freunde und Nachbarn?“
„Ich verstehe Sie nicht?“
„Ihr sagtet, der Kaiser sey in Berlin gestorben.“
„Freilich — in der Residenz.“
„In der Residenz? residiren die Kaiser in der preußischen Residenz?“ fragte Holder und sah den Gast mit verdächtigem Lächeln an.
„Nun ja, wo denn anders? Ach, Sie scherzen — ja, ja, ich besinne mich. Vor dreihundert Jahren sollen sie noch in Wien gewohnt haben. Ich weiß das noch von der Schule her, wenn wir das dürre Namenregister der deutschen Kaiser auswendig lernen mußten.“
Holdern schoß bei diesen Worten das Blut ins Gesicht — er erinnerte sich der Alpen, und das, woran er unterweilen selbst noch zu zweifeln gewohnt war, bestätigte sich ihm immer mehr und auf neue Art zur sonderbaren Gewißheit.
Aber Florentin saß da, starr und unbeweglich, sah und hörte nicht. Sein räthselhaftes Betragen ward mit jedem Augenblick auffallender.
Es war ein langweiliger Abend. Der Fremde sehnte sich endlich zur Ruhe. Idalla wies ihm sein Lager.
„Was fehlt Dir, Florentin?“ fragte Holder endlich in einem herzlichen Tone, indem er die Hand des Sonderlings ergriff: „Du bist niedergeschlagen!“
„Laß mich!“
„Nein, ich kann unmöglich länger ein verlegner Zuschauer deines Mißmuths seyn. Erkläre Dich. Sey offenherzig. Was hast Du vor?“
Florentin antwortete nicht, sondern ein tiefer Seufzer drängte sich aus seiner Brust auf. Holder schüttelte den Kopf. Idalla warf den Arm um ihren Liebling, und sah, das Haupt traulich an seine Achsel gelehnt, der ungewohnten Szene zu.
„Bruder!“ rief Florentin endlich, stand auf und ergriff Holders Hand mit Ungestüm: „Hast Du mich betrogen? — Bei dem ewigen Gott, bei unsrer Freundschaft, bei der Asche meiner Schwester, die Du einst so sehr liebtest, bei allem was dir theuer war und noch ist, sei beschworen: hast Du mich betrogen?“
Holder. (kalt.) Ich Dich betrogen?
Florentin. (mit glühndem Gesicht.) Hast Du mich betrogen?
Holder. Ich verstehe Dich nicht.
Florentin. Triebst Du Gaukelei mit mir in der Alpenhöhle? wirkte Dein Schlaftrunk auf fünf Jahrhunderte oder fünf Tage?
Holder. Wie kömmst Du erst jezt auf die Frage?
Florentin. (wilder.) Antworte mir! es liegt mir alles daran — mein Leben, meine Seligkeit; antworte!
Holder. Nach meinem Willen auf fünf Jahrhunderte.
Florentin. So hintergehn mich Verstand und Sinne. Denn, Holder, — Holder! ich, habe sie gesehn!
Holder. Wen hast Du gesehn?
Florentin. O, daß Du so fragen kannst; ich habe Louisen, — Louisen, Adolphs Schwester — gesehn! Wir leben noch im achtzehnten Jahrhundert! Ich habe sie gesehn!
Holder. (verwirrt.) Du die Prinzessin?
Florentin. Eben die, welche mich an Adolphs Hofe liebte, eben die, welche ich im Garten von Dosa gesehn!
Holder. Das ist unnatürlich! —
Florentin. Meinst Du? — O, ich war beinahe zufrieden, hatte das achtzehnte Jahrhundert mit seinen Leiden und Freuden schon halb vergessen; mein Onkel, mein Rikchen, mein Badner, Louise, Adolph, Kanella, — alles hing nur noch in verbleichten Farben vor meiner Seele. Ich glaubte die Wunden meines Herzens schon zugeheilt; kein Gram nagte mehr an meiner Ruhe — o, mein Gott, und das alles hatt’ ich mir nur vorgelogen. — Louise lebt noch, und ich mit ihr in einem Jahrhundert.
Holder. Dich betrügt ein Traumbild.
Florentin. Sprich lieber, es hatte mich betrogen, und daß ich so — so, davon erwachen mußte! — —
Idalla. (mitleidig.) Du bist unglücklich?
Florentin. Ja, liebe Idalla, ich bin sehr unglücklich.
Idalla. Armer Florentin!
Florentin. Ja wohl, ärmer bin ich zu keiner Zeit gewesen!
Holder. Es bleibt mir alles ein Räthsel, ehe Du mir nicht umständlich Dein Abentheuer im Walde erzählst.
Florentin. Ich wills erzählen — vielleicht machts mich ruhiger. O, klaube aus meiner Erzählung jedes Mögliche heraus, um mir nur zu beweisen, ich habe Louisen nicht gesehn. Hörst Du? — Ach, ich liebe sie noch, ich muß sie lieben, trotz ihrer Untreue!
Holder wußte nicht, was er glauben sollte, und sah seinem Freunde mit einer unbeschreiblichen Verlegenheit ins Gesicht.