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Die schwarzen Brüder

Achtes Kapitel. Ach!

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Nahe vor der Laube erhob sich unter einer Anzahl mehrerer Statüen eine, als einzig und vorzüglich über alle empor; beschirmt von dem gewaltigen Arm einer alten Eiche, überflossen vom Licht des Mondes. — Duur hatte sie schon, vor dem Eintritt in die Laube näher betrachtet, und die Gestalt Friedrichs des Einzigen erkannt.

Wovon sollt’ er mit der ermüdeten Führerin plaudern im heimlichen Dunkel der Laube?

„Sie heissen?“ fragte das schwarzäugigte Mädchen, indem es die düstern Haarlocken von Stirn und Nacken sich zurückwarf, und bei der Gelegenheit einen weissen, sanft gerundeten Arm an den Strahl der Lampe sichtbarer werden ließ.

„Duur!“ Antwortete der Befragte, und drückte der Fragerin die Hand: — „und Sie?“

„Imada.“

„Imada? — Imada?“ fuhr Florentin auf, als wenn vom klaren wolkenlosen Himmel ein schwerer Blitz herabstürzte.

„Sie erschrecken mich!“ sagte Imada: „warum springen Sie so auf?“

„Warum? — ich — ich liebe den Namen — ich liebe alles, was ihn führt — der Name hat etwas Magisches für mein Ohr und mein Herz.“

„Dann sind Sie sehr unglücklich. Wie viele Mädchen tragen den gefährlichen Namen, wie viele Mädchen müssen Sie nicht lieben!“

„Ich hörte ihn nirgends und nirgends so oft, als in dieser Gegend, worin ich ein Fremdling bin.“

„Ein Fremdling? — So muß ich denn wohl natürlich fragen: wie Sie sich diesen Tag über bei uns gefallen haben?“ —

„Wie im Himmel.“

„Sind Sie denn schon mit dem Himmel so vertraut?“

„Seit ich bei Ihnen bin, kann ich ja sagen.“

„So haben Sie ein gnügsames Herz, wenn Sie vom Himmel nicht mehr erwarten, als von meiner Gesellschaft.“

„Sie können die Grade meiner Seligkeit versteigern, können mich weit über meine Erwartungen hinausführen.“

„Ich versteh Sie nicht. Wohin führen?“

„Wohin Gefühl und Einsamkeit in einer nächtlichen Laube führen können.“ Antwortete Duur und sah dabei dem liebenswürdigen Mädchen tief ins Auge.

Ihre Hände verstrickten sich von beiden Seiten fester in einander, ihre Blicke verloren sich in einander. — Das Mädchen lächelte ihn unbefangen an, und schüttelte den Kopf zu seinen Worten.

Duur fand sich in einer kleinen Verlegenheit; er kannte seine Gegnerin zu wenig, und zu wenig den Charakter der itzigen Zeitgenossinnen.

Er nahm sichs vor, diese Gelegenheit zur Bereicherung seiner Erfahrung zu benutzen, obwohl schüchtern; denn er wußte nicht, wer zulezt in der gefährlichen Prüfung mehr verlieren könnte, er, oder das Mädchen.

Das Umhertreiben seiner Gedanken machte ihn ein Weilchen stumm. Gott weiß, womit sich inzwischen des Mädchens Geist beschäftigte; es maß und musterte den sonderbaren Fremdling, und schien doch dabei immer mehr, mit sich, als mit ihm zu schaffen zu haben.

Beide wurden der unartigen Pause inne; beide hatten den Faden des Gesprächs verloren; beide suchten ihn ängstlich auf und keiner wußte ihn zu finden.

„Wem mag die hohe Statue vorstellen sollen unter der Eiche?“ sagte er, indem er mit der Hand auf Friedrichs Bild hinauszeigte, und nicht bemerkte, daß in eben dem Augenblick ein junger Mann und ein Mädchen, an die Bildsäule gelehnt, sich schweigend umarmten.

„Wahrscheinlich einen weissen Raben;“ antwortete Imada, und schlug die Augen nieder.

„Einen weissen Raben?“ entgegnete Duur.

„Nun ja, einen guten König aus der barbarischen Vorwelt. Das Gute muß damals, und besonders unter den Königen, äusserst selten gewesen seyn, daß man es in steinernen Denkmahlen verewigte.“

„Ist die Gruppe darunter auch ein Bild der Barbarei?“ lächelte Duur.

„Vielleicht!“ antwortete verschämt das Mädchen.

„So wünscht’ ich unaufhörlich unter Barbaren zu leben.“

„Dann würd’ ich Ihren barbarischen Geschmack bemitleiden.“

„Bemitleiden?“

„Gehn Sie hin, Sie werden noch viele Weiber, viele Mädchen Ihres Sinnes finden, die die öffentliche Tugend zum Toilettenstück machen, und sie Abends, oder in der Einsamkeit wo der Putz lästig ist, mit dem übrigen Schmuck ablegen.“

„Ich liebe die Damen nicht, welche die Schminkdose und die Tugend neben einander liegen haben.“

„Sie scheinen sich izt auch zu schminken.“

„Gewiß nicht — nie gern — bei Ihnen am aller wenigsten.“

„Ich möchte den Versuch nicht machen, Ihnen die Schminke abzublasen!“

„Ich würde bei der Prüfung nicht verlieren.“

„Held!“ antwortete das Mädchen mit ironischem Lächeln und klopfte ihm schalkhaft auf die Wangen.

Sie schwiegen.

Aus den fernen Gebüschen herüber tönte lieblich die Musik durch die Nacht; das Getümmel der Menschen ward leiser; nur hin und wieder schlich verloren durch die einsamen Gänge ein liebendes Pärchen. Wie Sterne aus schwarzen Wolken funkelten die Lampen in der Ferne aus Bäumen und hohen Gesträuchen.

„Die Tänze haben mich ermüdet!“ seufzte Imada, und lehnte sich an den Fröhlichen, der mit Sehnsucht und Schüchternheit seinen Arm um das Mädchen warf. Imada’s Stirn berührte seine Wange. Er schwieg, und ward immer unruhiger. Heiß glühten alle Adern in ihm auf, sein Odem flog schneller, denn ach, die er im Arme hielt, war wirklich schön, und wurde schöner vor seinen Augen in jeder Minute, und — Imada war ihr Name.

Draussen wards immer stiller und stiller — hier und da erstarb die Musik — aber in ihm wards immer lauter, immer stürmischer.

„Sie wagen viel, schöne Imada!“ stotterte er.

„Wagen? was wag ich?“

„Tanz, Wein und Gesang und leichtes Blut, Einsamkeit, halbe Ermüdung und Nacht, welche gefährliche Feinde unsrer Tugend!“

„Wir haben von Wein, Tanz, Gesang und Einsamkeit nichts zu fürchten — sie sind keine Feinde der Tugend — nur die Männer sinds!“ lispelte sie und lächelte mit schelmischem Blick zu ihm hinauf.

„Das war bitter! dafür verdient dieser lose Mund die härteste Strafe!“ entgegnete Duur und küßte des Mädchens Lippen. — Sie küßte zurück — wie brennendes Feuer durchliefs ihm Adern und Nerven.

Man schwieg; wie konnte in so süßen Beschäftigungen der Mund zum Plaudern gemißbraucht werden? Duur ward ungestümer — matten Widerstand leistete die Müde. Man zankte flüsternd und versöhnte sich küssend.

„Eva’s Töchter bleiben sich gleich durch alle Jahrhunderte!“ dachte Duur, und sank berauscht mit seinen Lippen auf ihren schönen Busen.

Plötzlich brach die — Unbesiegte in ein helles Gelächter aus: „Sie sind geschminkt; geschminkt! ich hab’ Ihnen abgeblasen Ihre Tugend!“ rief sie lachend, stand auf, entschlüpfte aus seinem Arm, aus der Hütte und verschwand im Gebüsch.

Tiefbeschämt und erröthend verweilte Duur einen Augenblick auf der Stelle — bald sammelte er sich wieder, flog der Fliehenden nach und rief ihren Namen.

„Imada!“

Er sah sie nicht; statt ihrer erblickte er ein andres Frauenzimmer, welches, aufmerksam durch sein Rufen sich zu ihm hindrehte. Im hellen Mondenschein erkannt’ er das Gesicht der Fremden — sie war ihm sehr bekannt — sie war — Imada, Gabonnens Nichte!

„Ach!“ rief Florentin, und blieb wie festgewurzelt stehn.

„Ach!“ rief Imada, indem sie bei Florentins Anblick einen Schritt rücklings bebte.

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