Zehntes Kapitel. Die Fußtapfen der schwarzen Brüder.
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Wie konnte Florentin müde werden, immer weiter zu fragen und zu forschen unter den Bürgern dieses Jahrhunderts? — Schon einmal, nun von einem günstigen Vorurtheil bestochen, sah er allenthalben das Gute nur und drückte gefällig das Auge zu, wenn er den Scenen des menschlichen Elendes begegnete. — Ihm wars, als wandelt’ er auf einer neuen Erde, als wölbte sich über ihn ein neuer Himmel.
Unter allem was er sah und hörte, intressirte ihn bald nichts mehr so sehr, als die Religion dieses Zeitalters. Ueberzeugt vom wechselseitigen Einfluß religiöser Meinungen auf den Charakter des Volks, und des Charakters auf die Meinungen, vertraut mit dem Geiste des Christenthums, der Geschichte und den mannigfaltigen Verwandlungen desselben, beschloß er auch hier, einen unermüdeten Forscher abzugeben. —
„Wird Jesus Christus noch verehrt in Euern Tempeln?“ — fragte er eines Tages seinen Freund und Gefährten.
„Es ist wahr, wir haben auch noch nicht einmal die Kirchen besucht;“ antwortete dieser: „Ich verwechsle noch immer mein Interesse mit dem Deinigen. Er wird verehrt!“
„Es gab eine Zeit, da der Stand der Prediger in denjenigen Provinzen, welche sich der Aufklärung rühmten, immer tiefer und tiefer in der öffentlichen Achtung sank. Wer für einen Wizling gelten wollte, mußte gewisse Waidsprüche und Anekdoten über Pfaffen auftischen können.“ —
„Wie?“ rief Josselin erstaunt: „in Euerm Zeitalter, da die römischen Fürsten sich noch Christi Statthalter nannten und als geistliche Regenten angesehn seyn wollten, in Euerm Zeitalter, da — — —“
„Halt! Du sprachst von Römerfürsten — meinst Du — —“
„Die sonst Päbste hiessen.“
„Ist es möglich?“
„Was ich Dir sage. Die Römer haben ihre Oberherrn aus eben dem Grunde secularisirt, aus welchem das Volk Gottes weiland die Theokratie in eine Monarchie verwandelte. Das Licht der Wahrheit brannte längst auch in den Klosterzellen Italiens, wenn gleich versteckt; eine starke politische Erschüttrung brachte dies Licht zur öffentlichen Erscheinung. Vor ohngefähr neunzig Jahren war das falsche Verhältniß des Reichthunis bis aufs äusserste getrieben; der Bürger war ärmer, als weiland ein Leibeigner, Adel und Geistlichkeit besaßen alles. Hier durfte nun kein neuer Cola di Rienzo wider die Colonna’s auferstehn — es erstand das ganze Volk und die Revolution war begonnen und vollendet. Eine Folge der Begebenheit, welche den witzigen Köpfen vielen Spas machte, war die Secularisirung der Pabstheit.“
„Das ist mehr, als ich erwartete.“
„Ich hoffte, Du würdest sagen: weniger.“
„Und die christliche Religion?“
„Dauert ewig fort. Freilich giebt es noch immer Partheien und Sekten ohne Zahl, denn dies liegt einmal in der Natur des Menschen und seiner Religion, aber man kennt keine Ketzer mehr.“
„Herrlich!“
„Die herrschende oder die zahlreichste Kirchparthei ist anizt die, welche sich ohne Zusatz die christliche nennt. Wir haben übrigens noch Lutheraner, Calvinisten, Katholiken und andre kleine Sekten, welche aber sämmtlich im Aussterben begriffen sind.“
„Führe mich in eine christliche Kirche.“
Sie gingen. — Es war Sonntag, und öffentliche Versammlung zum Gottesdienste.
Voll stiller Neugier trat Duur in den Tempel der Christen, welche weder Lutheraner noch Calvinisten, weder Catholiken noch Socinianer, weder Orthodoxe noch Dissenters seyn wollten, welche, wie Josselin sagte, sich von allen übrigen Sekten schelten und verdammen liessen, ohne wieder zu schelten und zu verdammen.
Ihr Tempel war einfach, ungeziert, rein, ohne Spielwerk für Aug’ und Phantasie, ohne dämmernde Tiefen und gothische Winkel — ein Symbol ihres Glaubens.
Ein kurzer, rührender Gesang ging der Predigt voran; die Predigt selbst beschäftigte sich mit der Entwickelung einer Christenpflicht, und deutete besonderes auf die verschiednen Abwege, welche sich die Menschen bei Erfüllung dieser Pflicht so gern zu erlauben pflegen. —
Man sah, man hörte, daß der Prediger vor einem Auditorium des drei und zwanzigsten Jahrhunderte stand. Eine scharfsinnige Absonderung und Verbindung der Vorstellungen und Theile der Rede; ein schönes Gewand von Seiten der Einbildungskraft über das Ganze; studirtes Mienenspiel, schwesterliche Harmonie unter Tönen und Geberden — alles verrieth die hohe Stufe der Polizirung, von welcher den Bürgern der Vorwelt kaum eine Möglichkeit im Traume anschwebte.
„Hier wirst Du nicht viel Neues erblickt haben; unser Gottesdienst ist ohne Aufwand, ohne Ceremoniel, einfach und belehrend!“ sagte Josselin.
„Eben dies ist das Neue.“
„Die Illustration der Christen durch die Taufe und die schöne Feier des Abendmahls sind allein noch üblich.“
„Desto ehrenvoller für Euch. Ceremonien und Symbole sind zur Unterstützung der sinnlichen Menschheit, ein Leitband für die noch schwache Vernunft, nothwendig in der Kindheit, überflüssig und wohl belästigend im reifern Alter des menschlichen Geistes. Ihr seid des Gängelbandes nicht mehr bedürftig, aber für die Christen des achtzehnten Jahrhunderts war es durchaus nothwendig. — Nichts fiel mir in Euern Tempel von den Zuhörern mehr auf, als daß ich unter ihnen keine Kinder entdeckte. Sind diese vom öffentlichen Gottesdienst ausgeschlossen, oder war ihre sämmtliche Abwesenheit ein Zufall?“
„Nichts weniger, denn Zufall. Wen ich mich recht erinnre: so ward einmal eine Preisfrage über die Ursachen am Verfall des öffentlichen Gottesdienstes gegeben. Sonderbar stimmten ohne Ausnahme alle Antworten auch darin überein, daß ein zu früher, gezwungner Besuch der Kirche in den Kinderjahren einen gewissen Widerwillen, eine schädliche Gleichgültigkeit gegen den öffentlichen Gottesdienst erzeuge. — Seit dieser Zeit wurden die Kinder allmählig, bis zu ihrem reifern Alter, ausgeschlossen.“
„Das gefällt mit nicht ganz. Ich fürchte, daß auch diese Sitte die Liebe und Achtung für den Gottesdienst schwäche.“
„Gewiß nicht. Die Erfahrung überzeugt uns vom Gegentheil. Eltern und Erzieher reden nur in den ehrfurchtsvollsten Ausdrücken von der öffentlichen Gottesverehrung, und flössen dadurch ihren Zöglingen eine gleiche Ehrfurcht ein, welche theils durch die Neugier und das Verlangen, endlich in das Allerheiligste eintreten zu dürfen, theils durch einen gewissen Stolz, nun dem feierlichen Schritte näher zu seyn, vergrößert wird. — Der Tag, an welchem der junge Christ zum erstenmal am Genuß des Abendmahls Theil nimmt, ist der erste Tag, an welchem er dem öffentlichen Gottesdienst beiwohnt. Eingeweiht mit den Thränen seiner Eltern, eingesegnet von seinen Lehrern, umringt von einer andachtsvollen Menge, welche einstimmig singt und betet, einmüthig höret und lernet, wird ihm dieser Tag einer der rührendsten und feierlichsten seinen Lebens. Er erinnert sich seiner nie ohne ein Wiedererwachen aller damaligen Empfindungen; er erneuert dieses Fest, so oft neue Mitglieder in die Versammlung eingeweiht werden. Er prägt seinen Kindern nachmals eben dieselben Vorstellungen ein und spannt ihr Verlangen zur Gemeinschaft und Theilnahme an der feierlichen Verehrung Gottes.“
„Ich selbst“ fuhr Josselin fort: „bin jenes heiligen Tages noch immer nicht ohne Rührung eingedenk; unauslöschlich währen jene Eindrücke in mir fort, welche damals das Ungewöhnliche erzeugte. — Und wie läßt es sich auch wohl denken, daß Kinder, welche gequält von heimlicher Langeweile, vielleicht wohl umringt von plaudernden, lachenden oder schlafenden Gefährten, Achtung und Liebe für den öffentlichen Gottesdienst erhalten sollten? Man hat Gelegenheit, hin und wieder, besonders in den lutherischen und den weiland auch sogenannten reformirten Kirchen lehrreiche Bemerkungen über diesen leztern Punkt zu machen.“
Duur wollte nicht widerstreiten, denn im Gebiet der Erfahrung ist nur die Erfahrung Schiedsrichterin; er erkundigte sich statt dessen mit brennender Neugier nach dem Lehrbegriff der Christen.
„Die Religion,“ sezte Duur hinzu: „ist wirklich für das menschliche Gemüth alles das, und mehr, als Gold und Lorbeerkränze nur jemals für die Sinnlichkeit seyn und werden können. Der heisse Trieb zum Leben, das unvergängliche, mit jedem Jahre anwachsende Verlangen unsterblich fortzudauern nach der Todesstunde; das falsche quälende Verhältniß, in welcher oft auf Erden die Tugend und das irrdische Wohlseyn stehn; die nie gerächten Thränen der Unschuld, die ungestraften, glänzenden Triumpfe der Bosheit, — alles treibet hin zum Glauben an die hohen Lehren von Gottheit, Ewigkeit, Vergeltung, — zur Umarmung einer Religion.“
„Und doch, was hat nicht oft den schönen Namen tragen müssen? der Pfaffen schlauer Witz, der Laien blinde Thorheit hieß oft Jahrhunderte hinab Religion. — Wie viele tausend glückliche Erdensöhne bluteten ihr Leben aus für ihre Religion? Wo sind noch Foltern, Todesmartern, die nicht für die Religion von Pfaffen in Requisition gesezt sind?“
Josselin hörte ihm lächelnd zu: „Wie, Mann des philosophischen Jahrhunderts, sprichst Du von Deiner Zeit?“
„Nein und Ja!“ antwortete Florentin: „Wenn selbst in protestantischen Staaten die freien Protestanten nicht von neuen in die alten Ketten der Symbole geschlagen, Inquisitionen und ew’ge Kerker, Scheiterhaufen und dergleichen eingeführt, und das Volk in seine halbverlassne Finsterniß zurückgetrieben wurde, so lag die Schuld wahrhaftig nicht am Willen der Pfaffen. Versuche sind gemacht, ob sie gelungen sind — — —“
„Wie kannst Du dieses fürchten?“ fiel Josselin ihm ins Wort: „Der Gang der Menschheit zur Vollendung ist nicht Plan, nicht freie Ausführung von Menschen selber, sondern Nothwendigkeit, Vollstreckung eines dunkeln Plans, den eine höhere Hand entwarf. Der Menschheit Gang ist Wogenbruch durch neue Ufer; mag sich hie und da doch immerhin ein Strauch, ein Baum dem Laufe widerstämmen, er hindert nichts, er macht den Strom, wenns viel ist, etwas lauter.“
„Du fragst mich nach dem Lehrbegrif der Christen? Ein fester Lehrbegrif ist hier nicht geltend. Ein jeder glaubt und meint uneingeschränkt, was nach der Disposition und Stärke oder Schwäche seines Geistes ihm das beste scheint. Glaubensformen gelten nicht mehr, denn endlich hat die Welt gelernt, daß über Glaubenssachen kein fremder Spruch entscheidend gilt, und daß der Zepter eines Herrn der halben Welt sich auch nicht über das unbedeutendste Produkt im Geisterreich erstreckt.“
„Allein ich sollte glauben, die Christen würden doch gewisse Lehren unter sich gemeinschaftlich hegen, wodurch sie sich von andern Sekten trennen.“
„Nun ja, die haben sie. Sie glauben einen Gott, der unaussprechlich, unbeschreiblich ist, das höchste Ideal der reinsten Sittlichkeit, der sich nur matt im Wesen der Vernunft und in den Wundern der Natur nach eingen Eigenschaften offenbart. Sie nennen ihn den Weltgeist, der Dinge Urkraft; in ihm leben, weben und sind wir.“
„Die Menschheit weiter in des Lebens grosser Schule zu führen, sandt’ er Lehrer, welche unter glücklichen Verhältnissen von ihm und unsern Pflichten predigten. Der Erste, Einzige und Unnachahmliche ist Jesus Christus. — Nur was er lehrte ist den Christen heilig; sie sehen nur auf ihn, als ihren Führer, sie glauben seinen Worten nur. Was andre von ihm zu andern, unter anderen Convenienzen in anderen Verbindungen predigten, das entkleiden sie vom Ausserwesentlichen, welches die Verhältnisse liehen. — Vernunft und Christenthum, Vernunft und Glauben haben unter sich die alte Zwietracht aufgehoben. Wer die Vernunft verehrt, ist heut zu Tag ein Christ, wer Christ seyn will, huldigt die Vernunft.“
„Auch hier ein großer Schritt zur allgemeinen Seligkeit, zur wahren Menschenwürde!“
„Beinah ist die Religion in unsern Tagen, was sie seyn soll — werden kann. Im Ganzen fühlt die menschliche Gesellschaft sich in ihrem Schutze sicher und getröstet. Wir haben wenigstens so viel gewonnen, daß kein blutiger Partheigeist, keine Proselytenmacherei, kein Verdammen, kein Verketzern unter uns mehr gilt. — Uebrigens haben wir noch immer Narren, Schwärmer, Seher unter uns; allein die meisten wandern endlich den Weg ins Irrenhaus. Es kränkeln freilich auch noch izt so manche Pfaffen, vom Egoismus verführt, und von den Begebenheiten der Vorwelt aufgehezt, am Hierarchenfieber; doch ihre Pfeile, auf das Herz der Menschheit gerichtet, fallen kraftlos an der vorgestreckten Aegide der Vernunft zurück.“
Josselin schwieg. Duur pries die Menschen dieser Tage glücklich, und jammerte bei der Erinnrung an die traurige Vorwelt.