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Die schwarzen Brüder

Zweites Kapitel. Verzweiflung.

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ES war ein prächtiger Abend; frisch duftete das Grün der Gebüsche und Halmen rings umher; die Lerchen wirbelten ihr leztes Lied der halbversunknen Sonne nach, und die Wipfel der Bäume strahlten in feuriger Verklärung des Abendroths.

Imada sas im Garten am Teiche.

Ein wildes Pflaumengebüsch, durchwachsen vom freundlichen Epheu, hatte sich um und über dem schönen Weibe zu einer natürlichen Laube gebildet; zu Füßen plätscherten die kleinen Wellen am Blumenufer, und spielten die Fische sorglos ihr Spiel. — Buchfinken und Meisen sangen von allen Zweigen herab; Schmetterlinge verfolgten sich in weiten tändelnden Ringen umher, und im tiefsten Dunkel eines alten Nußbaums girrte ein Turteltaubenpaar.

Imada sas in sich selbst geschmiegt, tief in Betrachtungen verloren da, die weissen Arme nachlässig auf den blumigten Rasen hingeworfen, die Augen unverwandt auf die schimmernden Furchen des Wassers.

Florentin sah sie — kaum hundert Schritt stand er entfernt von ihr. Es war ihm vor den Augen, wie ein prächtiges Sommerstück von West. Sein Odem verengte sich; er hätte die schöne Imada, umgeben von allen Schönheiten der ländlichen Natur, hinzeichnen mögen auf ein Blatt zum ewigen Andenken dieser kostbaren Minute.

Er ging einige Schritte vor. Die Sonne verlor sich hinter dem Hügel; Imada schlug die Augen auf.

„Duur!“ rief sie mit einer sanften Stimme, die Löwen und Tyger gebändigt hätte.

Duur stand dicht vor ihr.

„Wo schwärmen Sie umher, Schmetterling?“ fragte Imada und reichte ihm lächelnd die Hand.

„Ich schwärmte nach meiner Lieblingsblume und fand sie nicht.“

„Hat ein Schmetterling auch eine Lieblingsblume? — mir ists, als nascht der Luftprinz gern von allen.“

„Von allen, wenn er naschen will; von einer, wenn er geniessen, schwelgen will.“

„Schmetterlinge können nur naschen.“

„Dann bin ich kein Schmetterling — ich sehne mich nach einem bleibenden Genuß.“

„Man sagt, dies sey nicht Männerart. — Sie werden doch nun nicht behaupten: dann bin ich kein Mann?“

„Wenn die Männer Schmetterlingsnatur haben, so liegt die Schuld an den Weibern und ihrer Blumennatur, die sich jedem öffnet, und keinen verstößt.“

„Wir sind das schwächere Geschlecht — die armen Blumen müssen ja wohl geduldig jeden Räuber leiden.“

„Das ist eben das Unglück der Männer!“

„Sie werden boshaft.“

„Gewiß nicht. Gestehen Sie nur ein, daß wir so wenig Aehnlichkeit mit den Schmetterlingen, als die Damen mit den Blumen haben.“

„Das lezte gern, das erste nie.“

„Wohlan, ich schwärmte nach meiner Lieblingsblume — und nun hab ich sie gefunden — nun bleib ich — hier! (indem er ihre Hand an seine Lippen drückt.) hier!“

„Ob wohl auch die Blume gewinnt, wenn der Schmetterling wirklich bei ihr bleibt und an ihren Zweigen sein Wohnhaus zusammenspinnt? Was wird aus dem schönen, kosenden Liebhaber? — eine häßliche, giftige Raupe — ich wollte sagen, — ein Ehemann.“

„Wer hat nun Ursach, über Bosheit zu klagen?“

„Ach wie manche Blume hat schon mit Entsetzen die Verwandlung ihres Liebhabers erlebt!“

„Imada! — Bosheit um Bosheit, so wünsch’ ich Ihnen nie einen treuen Freund, einen treuen Liebhaber!“

„Der Wunsch kann leicht erfüllt werden; weil treue Freunde und treue Liebhaber ohnedem zu den Seltenheiten unterm Monde gehören?“

„Salomonisiren Sie auch schon?“

„Nichts weniger, als dies. Und doch möchte manche Blume ihren Favoritschmetterling gern aufnehmen und beherbergen, wenn sie gleich voraussähe, daß er dereinst ihr Mörder werden würde, denn es soll ja süs seyn, zu sterben von geliebter Hand — aber wie, wenn sich nun ein häßlicher Nachtvogel bei ihr einnistet, und sie wider ihren Willen seine Beute wird?“ —

„Wenn mir ein Nachtvogel meine Blume stehlen wollte, bei Gott, so verwandelt’ ich mich aus dem Schmetterling in eine Wespe.“

„Das war eine lächerliche Hyperbel! — Kann der Schmetterling seine Natur vertauschen? Sie würden traurig umherflattern und sich ein andres Blümchen suchen.“

„Das könnt’ ich nicht; bei Gott das könnt’ ich nicht! — Zum Beispiel — liebe, theure Imada — zum Beispiel — Sie, Sie wären meine Lieblingsblume — — —?“

„So würden Sie ein fremdes Eigenthum verletzen.“

„Fremdes Eigenthum?“ stammelte Florentin und wurde todtenblas.

„Was fehlt Ihnen, Duur? Sie verwandeln die Farbe?“ fragte Imada, und schloß mit zärtlicher Bekümmerniß seine kalte Hand in die ihre: „Reden Sie doch! was fehlt Ihnen?“

„O, fragen Sie mich nicht! — Es fehlt mir alles! Imada — liebe, einzige Imada — fremdes Eigenthum, Sie?“

„Bekümmert Sie das so sehr?“

„O mein Gott, wie sollts nicht! — Imada, war das Ernst? — Imada! Gehören Sie schon einem andern an?“

„Ja.“

„Entsetzlich! — dies Ja schlägt meine Hoffnungen auf immer zernichtet zu Boden, und stößt mich aus dem Paradiese, wo ich schon so sicher zu wohnen glaubte.“

Das Mädchen sah ihn lange und schweigend an; sah den Sturm seiner Seele sich wiedermalen in dem düstern Spiel seiner Mienen und Blicke, sah wie er so gern sich verstellen, wie seine Lippe so gern Entschuldigungen seines sonderbaren Betragens hervorbringen wollte, aber nicht einen Laut ertönen ließ. —

„Das ist entsetzlich!“ rief er endlich mit beklemmter Brust, und seine Augen funkelten feucht.

Imada zitterte neben ihm. Unwillkührlich drückte sie seine Hand fester an sich, unwillkührlich stürzte eine Thräne aus ihren schönen Augen über die Wange herab.

„Was soll ichs Ihnen verheelen,“ sagte Florentin nach einer langen Pause mit verhaltner Wehmuth: „was soll ichs Ihnen verheelen, Imada, daß ich — Sie unaussprechlich liebgewonnen habe? warum soll ichs Ihnen nicht gestehn, daß ich mir eine goldne Zukunft durch Ihre Gegenliebe vorschmeichelte? — Ach, ja, Imada, Sie — Sie waren mein lezter Wunsch in dieser Welt, weiter hatt’ ich keinen, dann hätt’ ich ruhig Grab und Tod erwartet. — Morgen reisen Sie ab — morgen will ich auch zurück von der Welt, und mich flüchten in Holders Einsiedelei — — — O, Imada, was haben Sie aus mir gemacht!“

„Lieber Duur — beruhigen Sie sich. Ich hätte geglaubt, Sie wären mehr Mann. Ich habe gehört, Sie sollen schon der Leiden so viel getragen haben, — wie, und Sie sind noch so schwach, so hinfällig?“

„Eben darum. Ich bin ein junger Baum, den alle Stürme, alle Ungewitter zu ihrem schadenfrohen Spiel erwählt haben. Meine Blüte ist verwüstet; ich bin zerrissen, zerschmettert; wie soll ich noch stehn können, unter einem neuen Sturm.“

„Was gäb’ ich darum, Sie zu beruhigen!“

„Sie können nichts geben; Sie haben nichts, mir zu geben — Sie sind fremdes Eigenthum!“

„Würd’ es zu Ihrem Troste beitragen, wenn ich Ihnen gestände, daß ich Ihnen herzlich — herzlich gut sey? — Ihnen hold ward beim ersten Anblick, als ich Sie im Walde traf?“

„Das ist ein matter Abendschein auf zerknickte Saaten, die ein schwarzes Hagelwetter zu Boden schlug. Dies Abendlicht richtet die hingeworfnen Saaten nicht wieder auf, sondern macht höchstens durch seine Erleuchtung das Bild der Verwüstung noch lebhafter. — Nein, Imada, lassen Sie mich! — Es ist so gut! ich bin es schon gewohnt, daß immer meine theuersten Wünsche vernichtet wurden auf eine schreckliche Weise.“

„Aber, so — in dieser Stimmung lass’ ich Sie nicht von mir! Sie müssen wieder heitrer werden. Sehn Sie mich an — lächeln Sie einmal! — Nein, so mit dem starren Blick, mit der finstern Stirn sind Sie gar nicht hübsch. — Weg mit den Falten hier!“ —

„O Imada, Ihre Freundlichkeit ist grausam!“

„Warum lernten wir uns nicht früher kennen?“

„O warum mußten wir uns jemals kennen lernen?“

Ein neues Stillschweigen trat ein. Imada schien mit Wehmuth und heimlichem Vergnügen den Kummer des Unglücklichen in seinem Gesicht zu studiren.

Mit heimlichen Vergnügen? Nun warum nicht? Welcher Feldherr zählt nicht mit Vergnügen auf dem gewonnenem Schlachtfelde die Leichen seiner Feinde, sieht nicht mit heimlicher Wollust vor sich auflodern die feindlichen Städte unter den wirksamen Feuerkugeln, — und doch mag ihm das Herz bluten. — Welches Mädchen, welches Weib sieht nicht mit Lust auf die verheerenden Siege, welches seine Schönheit erwirbt, selbst dann, wann es die Siege nicht geniessen darf. Denn Weibern ist es genug, gesiegt zu haben; die liebe Eitelkeit ist mit dem Opfer zufrieden und der Stolz fodert nicht mehr noch.

Ich sehe — meine Leserinnen — Sie werden böse; ich lese den Wunsch in Ihrer Seele, daß Sie mich wohl mit eben den Waffen strafen möchten, die ich izt schalt. — Aber wahrhaftig, ich hätte diesen gelegentlichen Ausfall nicht gewagt, wenn ich vor Ihnen Allen nicht viel zu sicher wäre. — Ein Greis, der beinah siebzig Jahre zählt, und des Morgens sein Haupthaar, ohne Puder, weisser, als das Haar manches Stutzers, findet — der fürchtet sich nicht mehr vor schönen Augen, den locken nicht mehr blühnde Wangen, den führt kein stürmischer Busen irre. — Welche Rache wollen Sie nun an mir nehmen?

Es ist nicht artig, sagen die Kunstrichter, wenn ein Erzähler mitten im Text abbricht, und mit seinen Lesern von sich und ihnen spricht. Es ist eben so wenig fein, als wenn ein Prediger mitten in seinem Eifer wider die eitle Lust der Welt seinen Kragen in Ordnung zupft und den Locken eine bessre Richtung giebt.

Also still!

Unterdessen, daß wir hier mit einander schwazten, hatten Florentin und Imada ebenfalls nicht geschwiegen. Inzwischen was sie gesprochen haben, weiß ich wirklich nicht; nur izt, da wir sie wieder ansehn und anhören wollen, finden wir sie nicht mehr in der vorigen Lage, auf dem moosigten Erdboden sitzen, sondern sie stehn — und das sonderbarste ist, sie stehn so, wie ich ebenfalls in meinen jüngern Jahren oft gestanden habe, und mancher meiner Leser vielleicht in diesem Moment um alles in der Welt gern stehen möchte. — Nämlich? — Arm in Arm verschlungen, Aug in Auge gesenkt, Mund an Mund gepreßt — das heißt mit einem Worte: küssend. —

Wie sie zu dieser wirklich unvermutheten Stellung in allmähligen Uebergängen des Gesprächs gekommen seyn mögen, weiß ich selber nicht. An alle dem sind unsre episodischen, unzeitigen Plappereien Schuld gewesen. Künftig wollen wir uns besser in Acht nehmen.

Also: küssend — —

„Und nun ists gewiß?“ sagte Imada, indem sie den Traurigfrohen sanft zurückdrängte.

„Gewiß! ich komme zu Ihnen nach Mont-Rousseau, und zwar zu Ihrem Vermählungsfeste, und wenn mich der Schmerz beim Anblick des Glücklichen tödten sollte. — Ich komme!“

„Das soll mir die reinste, entscheidendste Probe Ihrer Freundschaft seyn. — Mein Vermählungstag ist der erste September!“

„Gott, so bald?“

„Schon wieder der alte Ton? — Mit einem Worte, Sie kommen. Dann wird doch der unglückselige Tag eine Freude für mich haben, und die ist — Sie zu sehn. O, Duur, lieber Duur — ich hätte Sie nicht so sehr liebgewinnen müssen, wenn meine einstige Ehe nur halbleidlich für mich seyn sollte — — — Duur, Sie lieben mich, ich Sie —, Freundschaft ist oft zur Liebe ausgeartet, lassen Sie bei uns izt die Liebe zur Freundschaft werden.“

„Freundschaft ist der schönsten Lebenslust erster Sprösling; der Sprösling treibt unter glücklichen Verhältnissen weiter auf, wird Blume, heißt Liebe. — Unsre Liebe in Freundschaft verwandeln, heißt der Blume ihre Krone abschlagen, und sie dem Sprösling ähnlich machen — ach sie wird nie Sprösling werden, sondern bleibt der traurige Stumpf — einer zerstörten Blume.“

„Und auch dann noch dem, der sie kennet, lieb und theuer!“

„Wie ein Schattenriß von verstorbnen Freunden!“

„Still davon — wir sehn uns wieder!“

„Wir sehn uns wieder!“ rief Duur mit Wehmuth und sank an Imada’s Herz.

Es war dunkler und kühler geworden. Man vermißte die Beiden schon längst in der Gesellschaft. — Es ließ sich ein Räuspern in der Nähe hören.

„Man sucht uns auf!“ lispelte Imada; und indem sie dies sagte, trat ihr Oheim, der Graf von Gabonne — ein alter, freundlicher Krieger mit narbenvoller Stirn und schneeweissem Haupte — aus dem Gebüsch am Teich hervor.

Imada flog ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen; sie warf sich an seinen Hals; ihre ganze Bewegung schien dem bestürzten Duur Ausbruch eines verhaltnen Entzückens, ihre Stimme ein seliges Jauchzen zu seyn.

Er rieb sich die Stirn — diese Verwandlung hatt’ er nicht erwartet; eine solche Freude verrieth mehr, als Liebe für den Oheim, oder Vergnügen an seinem Hieherkommen.

„Weiber! wer ergründet Euer Herz, wer studirt Eure Laune aus, wer die Falten Eures Charakters? Niemand in der Welt, auch der erfahrenste Menschenkenner nicht — und Ihr selbst? — am allerwenigsten!“ — rief Duur mit eingem Unwillen.

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