Neuntes Kapitel. Hoffnungen. — Die Todtenfeier.
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Solch’ ein Wiederfinden, dem einen sowohl als dem andern unvermuthet und überraschend, mußte sie Beide auf einige Augenblicke entgeistern.
Er näherte sich der schönen Erscheinung, begrüßte sie schüchtern und erinnerte sich seines schändlichen Sündenfalls in der Laube. Er freute sich, die „Theure, Liebe,“ so bald, so unerwartet wiedergefunden zu haben — und doch war ihm die plötzliche Erscheinung so demüthigend in diesem Augenblick, daß er vieles darum gegeben hätte, seinem Herzen die unangenehme Empfindung zu sparen.
„Ich suche meinen Oheim,“ sagte Imada, indem sie sich an seinen Arm lehnte: „er befindet sich drüben, in jenem Lusthause. Wollen Sie mich begleiten?“
Duur gehorchte gern.
„Mein Oheim will sich einen ruhigen Winter in Mont-Rousseau bereiten; deswegen hat er einige Reisen zu machen, auf welchen ich ihm Gesellschaft leiste. Wir fahren in einer Stunde wieder ab. — Wo haben Sie Ihren Freund Josselin?“
„Er hat mich schon heut früh verlassen; Gott weiß, wo er umherschwärmen mag.“
„Und Sie riefen meinen Namen? — galt er mir, oder einem andern Frauenzimmer?“
„Liebe Imada!“
„Sie waren so eilig — so, ich weiß nicht wie? — hatten Sie mich erkannt, wußten Sie — — —“
„Nein — ich wußte nichts — ich vermuthete Ihre Nähe nicht — — — ich war im Begriff, eine Sünde wieder gut zu machen.“
„Eine Sünde?“
Florentin wurde feuerroth; — aber die Dunkelheit verhinderte Imaden, es zu bemerken.
„Eine Sünde?“ fragte sie nochmals.
Florentin ward immer verlegener. Er wußte nicht, ob er bekennen oder schweigen sollte. Er übersann die ganze Begebenheit mit seiner Tänzerin; es lag izt viele Wahrscheinlichkeit darin, daß Gabonnens Nichte selbst bei dem verdrüßlichen Handel eine Rolle mitgespielt, wohl gar die Imada in der Laube instruirt habe, um ihn — auf die Probe zu stellen.
Auf die Probe? sehr unwahrscheinlich, da Gabonnens schöne Nichte schon die versprochne Braut eines andern war. — Aber wie wäre die unbekannte Tänzerin darauf gekommen, sich in der Nähe eines kritischen Augenblicks Imada zu nennen? — und dann, bei aller möglichen Nachgiebigkeit, zulezt so rasch zu entfliehn, und ihn auf diese Weise der eigentlichen Imada in die Hände zu liefern? — Beantworten ließ sich die Frage wohl; Imada war ein Vorname, welcher mehrern Frauenzimmern angehörte; — und daß Imada die Geliebte grade da stand, wohin die Unbekannte entfloh, konnte ja ein Spiel des Zusalls seyn.
Um sich auf jeden Fall zu sichern, beschloß Duur ein reuiges Geständniß seiner Sünde abzulegen, und Imada’s Richterspruch abzuwarten. Er beichtete also die ganze Begebenheit, und kleidete sie so behutsam, als möglich, in seine Worte, daß die ganze Begebenheit zulezt den Schein gewann, als sey er der Prüfende, die Unbekannte aber die Geprüfte gewesen.
„Man muß sich vor Ihnen in Acht nehmen,“ sagte Imada: „wer bürgt mir dafür, daß Sie mich nicht auch in Gobby’s Garten auf die Probe stellten?“ —
Die Sache, welche anfangs von schweren Folgen zu seyn schien, wurde nun vergessen; Florentin fühlte sich wieder beglückt in der Nähe der Louise des drei und zwanzigsten Jahrhunderts. Was hätt’ er darum gegeben, so Arm in Arm mit ihr durch das ganze Leben wandern zu können?
Er bat sie, nebst ihrem Oheim nur noch einige Tage in dieser Gegend zu verweilen. Imada gestand es gern, daß sie mit Vergnügen seinen Wunsch, der zugleich der ihrige wäre, erfüllen möchte, wenn die Geschäfte des alten Grafen von Gabonne nicht jeden stündlichen Verzug unerlaubt machten.
Indem sie sich so dem Lusthause näherten, bemerkten sie, ohngefähr tausend Schritt von sich, ein großes helles Feuer, von unzähligen Menschen umringt.
„Gewiß die lezte Feierlichkeit über einen Verstorbnen!“ sagte schaudernd Imada und blieb stehn: „lassen Sie uns einen Augenblick von dieser Todtenfeier einen Zuschauer abgeben.“
„Gern, sehr gern — es ist ein Trauerfest für mein eignes Herz — so werd’ ich nie wieder stehn dürfen in dieser Welt neben Imada. Ein eifersüchtiges Auge Wird sie bewachen, und mich und meine Schritte hüten, meine Blicke belauern, meine Worte auf Wagschaalen legen.“
Imada lächelte ihn schalkhaft an; ihr leiser Händedruck, der feurige Spruch ihres Auges ließ ihm alles Schöne dieses Lebens für sich sehn und hoffen, — „Nun“ — flüsterte sie: „den ersten September nicht zu vergessen!“ —
„Vergessen? — so leicht vergißt man den Sterbetag seiner Freuden nicht.“
„Nennen Sie ihn nicht so. Ich hab es beschlossen; Sie sollen ihn vergnügt feiern, und wenn sich die ganze Welt sich dawider auflehnte. Aber Sie kommen doch gewiß mit Josselin!“
„Gewiß!“
„Dann will ich Sie dreimal mehr, als heut lieben, und — — — doch ich verspreche gern weniger, um doppelt mehr zu leisten.“
„Imada!“ tief Duur und schlang seinen Arm mit Entzücken um das holde Weib: „wie dürft’ ich in meinen frechsten Träumereien wohl bis da hinausschwindeln!“ —
Es erfolgte eine Pause.
Der Mond sank in ein düstres Meer von Wolken — hin und wieder schimmerte das zitternde Licht einer verglimmenden Lampe; in der Ferne das Todtenfeuer — sonst tiefe Dunkelheit um die beiden, deren Lippen schwiegen, deren Seelen feierlich zu einander sprachen.
Vertraulicher durch Nacht, verheelte Lieb’ und das goldne Ohngefähr, welches, sonderbar genug, sie hier zusammenführte, schlossen sie sich dichter an einander, und überliessen sie sich fessellos dem sanften Drange ihrer Empfindungen.
„Du naschest von verbotner Frucht!“ lispelte Imada.
„Und sie ist so süß!“ erwiederte Duur. Er stammelte ihr dass heiligste und theuerste Wort jeder Sprache, das Wort: Liebe vor, ungeachtet er sein Unglück voraussah, wenn ein andrer dereinst Imaden vor dem Altar an sich fesseln würde. Aber eben der Gedanke an diesen möglichen Augenblick erfüllte ihn mit Muth; er wollte einen Raub begehn; er fühlte es tröstlich für sein eignes Herz Imada’s Herz zu überwinden; — „vielleicht,“ dacht’ er: „wenn ich sie abwendig mache von dem glücklichen Gegner, und das Ohngefähr einst ihren Oheim sanfter gegen mich stimmt — vielleicht giebt sie mir dann meine verwegensten Wünsche erfüllt zurück.“
Imada, viel zu schlau, nicht den glücklichen Moment zu benutzen in der Gesellschaft eines Mannes, der in ihrem schönen Herzen schon eine Stelle erobert hatte, ehe er seine Siege selber wußte, Imada stammelte „Liebe,“ und verbarg ihr Angesicht schaamhaft an seine Brust.
„Können Sie denn wirklich ein Mädchen lieben, welches dem einstigen Gemahl schon treulos wird, ehe einmal der Frühling der Ehe begonnen ist?“
„War der Frühling nicht von jeher dem Winter treulos? Sollen Sie allein die Ausnahme machen? Sie sollen einen Mann lieben, der wie Sie mir selbst sagten, an Gold und Jahren reich ist, aber von dessen Herz Sie nicht die mindeste Kundschaft besässen, wie kann man da Ihrem Herzen verargen, wenn es sich nach den goldnen Abwegen der Freiheit sehnt?“
„Duur! Duur! Sie sind ein Bösewicht, ein fürchterlicher Bösewicht, der seine Beredtsamkeit nie mit besserm Glück, als bei den Weibern verwendet. Duur ist das Recht? — Was würden Sie sagen, wenn Sie sich ein Mädchen gewählt hätten, um mit ihm das Erdenleben himmlisch hinzubringen; wenn Sie wirklich von diesem Mädchen nicht gehaßt, sondern geschäzt, wenn auch noch nicht geliebt, würden, und ein andrer käme und schwazte mit süßem Munde ihm Herz und Liebe ab — Duur, und Sie müßten eine Treulose zum Altar führen!“
„Imada!“
„Was würden Sie sagen, wenn die Gattin in Ihrem Arm entschlummerte, um von einem Geliebtern zu träumen? wenn sie sich, beim heissesten Kusse, bei der glühendsten Umarmung einen andern dächte? wenn sie in der Einsamkeit nach einem Fremdling seufzte und ihre Thränen nicht Ihnen flössen? — Und Sie spürten die traurige Verrätherei, sahen sich um die Paradiese betrogen, welche Ihnen die Liebe des Mädchens aufzuschliessen versprach.“ —
„Imada — ich fühl’ es — ich bekenne es.“ —
„Duur, Duur, es ist grausam, es ist gottlos, einen Feuerbrand in die friedliche Wohnung glücklicher Menschen zu werfen, und doch ihn nicht löschen können und wollen. Aber es ist noch unendlich grausamer, ein Herz um seinen Frieden zu betrügen, das stille Glück einer Ehe zu vergiften, ohne dafür etwas wieder geben zu können. Niedergebrannte Städte können endlich wieder erbaut werden, aber Hymens Rosenbande, einmal zerrissen, können nie wieder so innig, als vorher, zusammen geflochten werden.“
Duur war durch diese Rede bis in sein Innerstes erschüttert — er drückte wehmüthig Imada’s Hand.
„Ist wirklich Ihr einstiger Gatte zweimal und dreimal Ihnen an Jahren überlegen?“
„Er ists.“
„Sind Sie gezwungen, sich mit ihm zu vermählen?“
„Ich bins. Noch mehr, ich hab’ ihm meine Hand angetragen, selbst angetragen, und will sie ihn nicht wieder rauben.“
„Dann leben Sie wohl, Imada! — dann verzeihn Sie, daß ich die Ruhe Ihres Herzens anzugreifen wagte. — Ach, ich bin zu entschuldigen, sehr zu entschuldigen; Sie sollten meine Schicksale, und den wunderbaren Gang derselben kennen, und Sie würden mir Ihr Mitleid nicht verweigern.“
„Nur Mitleid?“ rief lachend Imada: „ich verweigre Ihnen ja meine Liebe nicht.“
„Leben Sie wohl!“ rief Duur, als sie ganz in der Nähe des Lusthauses sich befanden: „Leben Sie wohl, Imada!“
Imada wollte ihn festhalten; er aber drückte einen Kuß auf ihre Wangen und entfloh.
Jezt war ihm durch das traumhafte Abentheuer alle Lust, alle Freude dieses Tages wieder vergällt. Mismüthig schlich er vor sich hin, um Menschen zu finden, in deren Gesellschaft er zur Stadt kommen konnte.
Er erreichte den flammenden Scheiterhaufen, um welchen Tausende versammelt standen, und in ernster feierlicher Stille, bei den dumpfen Tönen einer schönen Klagemusik, dem Spiel der Flammen zusahn.
Die Scene, so grell sie auch neben den heitern Bildern des vergangnen Tages abstach, war izt seinem Herzen willkommen. Seine Seele schwelgte in den traurigen Accorden der Musik. Er fand Beruhigung und Zerstreuung, ohne sie zu suchen.
Je länger er über Imada’s Betragen nachsann, je verwickelter erschien ihm der Charakter dieses Mädchens. Imada lächelte, wo sie weinen sollte, und ihre Klagen, ihre Vorwürfe, welche sie ihm hören ließ, waren immer in einem Ton gesprochen, als triebe sie Scherz. — Unwillkührlich verband sich mit diesen Gedanken die Erinnerung an den Abschied auf Gobbys Landhause, wo ebenfalls das räthselhafte Lachen, die Stelle der Thränen ersetzen mußte.
Beinah hätt’ er an die Verwandlung der menschlichen Natur und ihre Freuden- und Schmerzäusserungen glauben mögen, um sich das Widersprechende in den sonderbaren Erfahrungen aufzulösen.
Eben so viel Widersprechendes fand er auch in diesem Augenblick bei dem gegenwärtigen Auftritt am Scheiterhaufen. Er sah in seiner Nachbarschaft betrübte Gesichter, und wer bringt diese wohl zu einem Scheiterhaufen. Er hörte Trauermusik, welche man sonst nur geliebten Verstorbnen, aber keinen bestraften Missethätern brachte.
„Er ist doch nicht lebendig verbrannt?“ sagte er zu seinem Nachbar, um ein Gespräch anzuzetteln.
„Lebendig?“ gegenfragte dieser, und schüttelte den Kopf und zuckte mitleidig die Achsel: „wer wird denn Menschen lebendig verbrennen?“
Florentin wollte weiter reden, aber der Befragte wandte sich unwillig von ihm, und wollte nichts mehr hören. — Duur verließ die Stelle, und suchte einen gefälligern Mann auf.
„Was hat der Verbrannte verbrochen?“ fragte er einen andern, der ihm freundlicher aussah.
„Verbrochen?“ antwortete dieser und machte große Augen: „Bei Gott, es war ein würdiger Mann, der Liebling unsrer Stadt, der Wohlthäter aller Unglücklichen.“
„Ich bin hier ein Fremdling.“
„Das verrieth Ihre seltsame Frage.“
„Nun sagen Sie mir nur, warum läßt ihn denn die Obrigkeit nach seinem Tode noch — —“
„Nicht die Obrigkeit — seine Erben erweisen sich den Liebesdienst.“
„Das ist sonderbar.“
„Ich find’ es nicht.“
„Bei mir zu Lande pflegt man Missethäter nur auf den Scheiterhaufen zu legen und sie in Asche zu verwandeln, um — — —“
„Wo sind Sie denn zu Hause?“
Florentin gerieth in Verlegenheit und blieb die Antwort schuldig, indem er sich davonschlich.
Ein glückliches Ohngefähr leitete ihn zu seinem Freunde Josselin, welcher mitten unter den Zuschauern stand. Dieser gab ihm nun mit willigem Herzen über alles eine befriedigende Aufklärung.
„Zu Deiner Zeit,“ sagte er: „warf man nur die Leichname der gröbern Verbrecher auf den Scheiterhaufen — izt behält man diese Art der Auflösung nur den Leichnamen reicher und würdiger Personen auf. Das Verbrennen der Körper ist ein besondrer Zweig des tragischen Luxus. So verändern Schand’ und Ehre ihre willkührlichen Trachten und Beziehungen!“ —
„Ich erstaune.“
„Warum? ich gestehe, mir selbst gefällt dieser Luxus, der, wie immer, seine besondern Abstufungen hat. Das Verbrennen auf dem Scheiterhaufen ist kostbar, und darum selten, unsre Verfahren haben, ihrem Egoismus zufolge, uns Nachkommen herzlich schlecht mir Holz bedacht. Sie haben ganze Wälder zerstört und in Aecker verwandelt, das Holz üppig vergeudet und selten an Ersatz gedacht. Deswegen ist der Gebrauch des Brennholzes, besonders zu den Werken des Luxus, nach den Landesgesetzen, sehr kostspielig. — Auf eine wohlfeilere und gewöhnlichere Weise werden daher die Leichname durch einen chemischen Proceß in Staub verwandelt; nur die Armen werden noch unter die Erde begraben, so auch Missethäter und Menschen, welche ihrer Familie nicht theuer genug gewesen sind, um ihre Asche aufzubewahren.“
„Das ist nun freilich einerlei, wie wie verwesen, ob im Grabe, oder in der Flamme.“
„Nein, Freund, den hinterlassnen Freunden ist es nicht so ganz gleichgültig. Ich muß bekennen, daß der heiligste Schatz für mich zwei Urnen sind, welche den Staub meines Vaters und meiner Mutter umfassen. Ich finde ein Glück darin, von diesen beiden Theuern noch die köstlichen Ueberbleibsel zu besitzen, und zu wissen, daß ihre faulenden Cadaver nach dem Tode nichts zur Verpestung der Luft beigetragen haben.“
„Wie? die Asche der Verstorbenen wird aufbewahrt?“
„Das wird sie; und ich wette hundert gegen eins, daß das Verbrennen der Leichname in der physischen und moralischen Welt ungleich mehr Vortheile bringt, als das Vergraben der Todten.“ —
„Ich kanns zwar dunkel beahnden — aber, Du thätest wohl daran, mir diese Vortheile einleuchtender zu machen. Denn unter uns gesagt, es schaudert mich, wenn ich daran denke, daß mein Leichnam — —“
„Schaudert? pfui! was ist schauderlicher und ekelhafter, durch die Flamme in reine Theile aufgelöst zu werden und als Staub in Urnen verwahrt zu ruhn — oder, mit Fleisch und Blut unter der Erde zu faulen, von schwelgenden Würmern durchwühlt zu werden, und nach funfzig Jahren nackte Knochen und hohle Schädel für den Muthwillen der Kinder zu liefern, die auf den Gräbern mit den Gebeinen ihrer gottseligen Ahnen zu spielen gekommen sind? — Antworte!“
„Freilich, es ist zulezt wohl einerlei, ob — — —“
„Nicht einerlei! um Gotteswillen nicht. — Nutzen, Nutzen! Dies ist die ewiggeltende Foderung aller Lebendigen; auch die Todten müssen mehr noch nützen, als mit ihrem Fette einen unbesäeten Strich Landes düngen. — Keiner, der verbrannt oder chemisch aufgelöst seyn will, hat zu fürchten, im Grabe lebendig, von einem Scheintode wieder zu erwachen — schreckliche Fälle, die man in der Vorwelt zu oft erlebt hat. Nach den Landesgesetzen darf kein Leichnam, ohne Erlaubniß und vorherige Besichtigungen vom Land- oder Stadtphysikus zur Auflösung abgeliefert werden. Ist er einmal aufgelöst worden: so darf niemand das Wiedererwachen auch nur als eine bloße Möglichkeit fürchten.“
„Es läßt sich hören.“
„Da ich einmal die Apologie meines Zeitalters übernommen habe, so höre mich geduldig weiter an. Ehmals, in den Tagen des Aberglaubens und der Bigotterie, ließ man die Todten in der Stadt, in den Kirchen und bei den Kirchen, närrischer Hoffnungen, lächerlicher Meinungen willen beerdigen. Späterhin, als mit der fortschreitenden Kultur sich auch die Nasen zu verfeinern schienen, quartirte man die Todten ausser der Stadt, wo mans der Laune des Windes überließ, die pestilenzialischen Ausdünstungen der Aeser nach Süden oder Norden zu führen. Jezt, da die Sitte der chemischen Auflösung so allgemein geworden, und wirklich wohlfeiler ist, als das ehmalige Beerdigen mit unnützem Sang und Klang, izt, sag ich, da der gemeinste Mann seinen Erben so viel Scheidemünze hinterläßt, um ihn dafür veraschen zu lassen, izt hat man von der giftigen Athmosphäre der Leichname nichts zu befürchten. Noch mehr — — —“
„Vergiß Dich nicht; Du erwähntest auch gewisser moralischen Vortheile. Ich bin sehr neugierig, sie zu kennen; denn ich fürchte grade, vom Verbrennen zum Beispiel, das Gegentheil.“
„Unmoralische Erfolge?“
„Natürlich. Denn wenn sich die bravsten Bürger als Leichname verbrennen lassen: so ist der Scheiterhaufen für die Missethäter weder Strafe noch Schande.“
„Sonderbarer Mensch, Du wirst doch nicht glauben, daß man in unsern Tagen noch lebendige Menschen „von Gottes- und Rechtswegen“ verbrenne? Aus der Barbarei sind wir endlich heraus. — Und überdem, war der Scheiterhaufen wohl noch für den todten Verbrecher eine Strafe, oder für ihn eine Schande? — Doch, ich will Dirs auch angeben, wie die Asche der Verstorbnen noch einen, wiewohl immer nur zufälligen, moralischen Nutzen stiften könne.“
„Welches Kind liebt nicht seine Eltern? ich führe dies Beispiel an, weil es mir das rührendste und ehrwürdigste ist. Kann nach dem Tode eines zärtlichgeliebten Vaters der Sohn wohl ein köstlicheres Denkmal von ihm übrig behalten, als den Staub des Leibes, welcher ihn zeugte, und in dessen Bezirk einst ein wohlthätiger menschenfreundlicher Geist wohnte?“
„Wir haben Erfahrungen, daß der Anblick der väterlichen Asche verführte Jünglinge von ihren Irrwegen zurückgebracht habe; wir haben Erfahrungen, daß manches Mädchen ihre Unschuld gerettet hat, wenn die Stauburne ihrer Mutter und das Bild der Vergänglichkeit sie zu ernstern Vorstellungen necessitirte. — Die Vasen, welche Du fast in allen Wohnungen, mit Blumen bestreut, unter den Spiegeln findest, sind mehrentheils heilige Todtenurnen; Kann man einen bessern Prediger wider die Eitelkeit, einen beredsamern Ermahner zur Tugend dahinstellen, wohin jeden Morgen Jünglinge und Mädchen eilen?“
„Von dem Eindruck eines solchen Gegenstandes überzeugt, werden in den Gerichtshöfen die Todtenurnen auch beim Eide gebraucht. Der Sohn muß über der Asche seines Vaters schwören, der Bruder über der Asche seiner Schwester, die Gattin über den Staub ihres Geliebten, oder ihrer Kinder u. s. f. — Der muß ein verstockter, arger Bösewicht seyn, welcher ohne Gefühl die Asche seiner Lieblinge zum Spiel seiner Meineide macht!“ —