Vierzehntes Kapitel. Traumwunder.
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In allem Ernst hätte unser Abentheurer izt böse werden mögen, wenn er nur irgend gewußt, sich damit aus seinen Verwirrungen zu retten. Offenbar trieb, wie er glaubte, Josselin sein Spiel mit ihm; er gedachte izt des sonderbaten, räthselhaften Betragens, welches Gobby und der biedre Silberot am vorigen Tage gegen ihn so unwillkührlich annahmen, und er zweifelte keineswegs daran, daß nicht auch sie ihren gewissen Antheil an diesen Spiegelfechtereien hätten, von welchen sich nur kein Zweck einsehn ließ.
Das Geräusch um ihn her verlor sich. Er tappte durch die Dunkelheit, um ans Fenster zu treten, und sich wenigstens durch den Mond einige Erleuchtung zu verschaffen. Aber sein Erstaunen vermehrte sich, als er die Fenster von dieser Seite verschwunden, und auf der ganz entgegenliegenden Seite des Zimmers erschienen sah. Es ging alles mit ihm im Ringe herum; alles war ihm verdreht.
Plötzlich gossen die Krystallsonnen ihr blendendes Licht wieder herab — er erkannte wieder alles um sich her — aber das war nicht mehr dasselbe Zimmer, worin er sich vor eingen Minuten befand, und doch hatte er kaum ein Paar Schritt von seiner Stelle gethan.
Dies Kabinet war beinah um die Hälfte größer, als das vorige; das vorige war dunkelroth, dieses blaßgelb; Spiegel und Fenster ließen sich in einer ganz andern Gegend sehn — der Diener war verschwunden.
Unmöglich konnte er sich bei dieser Zauberei des Lächelns erwehren. Er drehte sich rings herum und erblickte hinter sich — hinter sich — o, izt hätt’ er zu Boden sinken mögen; es flirrten alle sieben Farben des Regenbogens um seine Augen; sein Odem stockte; seine Knien zitterten; seine ganze Besinnung verlor sich; er sah nichts, als hinter sich — Imada, wie sie leibte und lebte.
„Mein Gott!“ — mehr konnte er nicht stammeln.
Wie eine Ueberirrdische schwebte das Phantom seines Herzens, der Abgott seiner Träume, ihm entgegen, in der emporgehobnen Hand eine Schaale dampfenden Weines tragend.
„Was ist aus mir geworden?“ lallte er in halber Ohnmacht.
„Trinken Sie!“ lispelte der weibliche Engel mit einem unbeschreiblich süßen Ton.
„Wo bin ich?“
„Wohl aufgehoben!“
„O gewiß! — ist hier nicht Elysium? Ich möchte izt an die Wunder berauschter Dichter, an die Fabelwelt Griechenlands glauben lernen.“
„Glauben Sie!“
„Ich wandre in Plutons schönsten Hallen, und Imada ist die Unsterbliche, welche mir den Lethebecher bringt.“
Imada lächelte des Schwärmers. Er nahm zitternd die Schaale aus ihrer schönen Hand, sein Auge verlor sich trunken in ihren Blick.
„Geben Sie mir Vergessenheit? — Vergessenheit für all die tausend Jammerstunden meines elenden Lebens; Vergessenheit für meine tausend Seufzer und Thränen?“
„Wünschen Sie Vergessenheit? Es ist Ihr Ernst nicht.“
„Gewiß! gewiß! — wen freut das Ueberlebte noch, wenn man Imada sieht?“
„Trinken Sie! die Schaale giebt Vergessenheit — zur Strafe soll nun alles Gut und Böse von Ihres Gedächtnisses Tafel gewischt werden — auch die Erinnrung an Louisen!“
„An Louisen?“ lallte Duur mit starrer Verwunderung, von Imada’s Lippen diesen Namen zu hören. „Welche Louise?“
Imada. (lächelnd.) Die Sie zum leztenmal in Dosa sahn.
Florentin. (sie anstarrend.) Sagen Sie — ich bitte Sie, — glauben Sie, daß ein Gott sey — um Gotteswillen bitt’ ich, beschwör’ ich Sie: wie kommen Sie darauf? — wie wissen Sie — — —? Wo bin ich?
Imada. In Mont-Rousseau.
Florentin. Soll ich von Sinnen kommen?
Imada. Gefällt es Ihnen nicht bei uns?
Florentin. Imada — nein, izt ist der Scherz zu weit getrieben — ach, und daß auch Sie, auch Sie Vergnügen daran finden, mich zu quälen.
Imada. Behüte Gott — Vergnügen, Sie zu quälen? — O, wenn Sie mich kennten!
Florentin. Ach, daß — ich sie kenne! wohler wäre mir, ich hätte solche reizende Gestalt — ein solch Gesicht nie wieder gesehn.
Imada. Das klingt nicht schmeichelhaft — — —
Florentin. Vielleicht dann mehr, wenn Sie mit dieses Wunsches Gründen vertrauter wären. (heiter.) Und sey es, wie es sey. Gefällt es meinen Freunden, sich an meinen Bestürzungen zu weiden, und mich mit Seltsamkeiten zu überraschen, wie die Einbildungskraft sie kaum in unsern Träumen zusammenschleppt: so mögen sie es immer thun. Ich bin zufrieden, daß auch Imada — Imada zu den seltnen Dingen gehört, die ich in diesem Traum mit offnen Augen sehe.
Imada. Wer weiß, ob alles hier wohl mehr, als Traum ist!
Florentin. Das wäre schrecklich, wäre boshaft! das verzieh ich meiner Phantasie in diesem Leben nicht. — Von ohngefähr, beinahe ists ein Jahr, verirrt’ ich mich in einem Walde — mir träumte, oder träumte nicht — mir wars — ach Gott, Imada, Sie erschienen mir, und ich, in Ohnmacht, Seligkeit und Bangigkeit versunken — Imada, liebe, schöne Imada — träumte Ihnen nie von einem lächerlichen Abentheur, als auf der Reise nach Mont-Rousseau ein Gondler Ihnen entwischt war?
Imada. (mit schalkhaftem Lächeln) Beinahe ist mirs so.
Florentin. Ists Ihnen so? — Wars Ihnen auch wie mir? — Doch welche Frage! Sagen Sie, soll alles dies Traum seyn, und nicht mehr?
Imada. Es kömmt darauf an, wie Sie zufrieden sind mit diesem Traum.
Florentin. O dann, dann träum’ ich ewig; Dann erwach ich in dieser Welt nicht wieder; dann lege man mit meinem Traum mich in das Grab, ich werde den Himmel nicht vermissen.
Imada. Schwärmer!
Florentin. Dann geb ich mein ganzes Leben, und noch zehn Leben, wie das meinige, dazu für solchen Traum. Gute Nacht, Vergangenheit — (er sezt die Schaale an den Mund) Imada, ich trinke Vergessenheit! — Sie können, wollen mich doch schadlos halten für das, was ich vergessen will?
Imada. Wenn ich denn auch das Wollen hätte, kann ich auch
Florentin. Wenns daran nur allein liegt — — (er trinkt.)
Imada. Auch für Louisen schadlos?
Florentin, (mit Schwärmerei) Sie sind Louise; nein, mehr, als Louise!
Imada. Und — für Holdern?
Florentin. (läßt bestürzt die Hand mit der Schaale sinken) Gott im Himmel! was ist das? — Wie kommen Sie zur Kenntniß aller derer, die meinem Herzen am nächsten wohnen? — Sie sind mit mir, mit meinen schönsten Geheimnissen vertraut, wie ich es bin. O Imada, izt wird die schöne Täuschung mir zur Last — es ist mir zu viel Unbegreifliches darin — Imada, fühlen Sie, wie ich — Imada, wenn Sie mich nur ein wenig lieben: so zerreissen Sie den Schleier, welcher mir vor den Dingen dieser sonderbaren Nacht hängt. —
Imada. (lächelnd) Sie sind des Traums so früh schon satt und müde? wollen Sie so bald, so gern erwachen?
Florentin. Nur Sie nicht mit dem Traum verlieren. (Indem er ihre Hand ergreift und sie an seine Lippen drückt) So schön — so schön bin ich noch nie gefoltert worden!
Imada. Noch nie? Ich dächte doch, vor alten. Zeiten schon einmal.
Florentin. Noch nie!
Imada. (lächelnd) Besinnen Sie sich nur, Vinzenz!
Florentin. (läßt erschrocken ihre Hand fahren) Was war das? Imada, noch einmal — wie nannten Sie mich da?
Imada. Ist Ihnen in diesem Traum Ihr eigner Name fremd geworden? — Vinzenz!
Florentin. (nachlallend) Vinzenz! — Jezt sind die Räthsel mir gelöst. So streckt sich euer Arm durch alle Jahrhunderte hinab, ihr sonderbaren Weltregierer! Imada — mein Traum ist hin — nun alles hin! — Ach Gott, so werd’ ich göttlich noch belohnt — Imada, eine goldne Hoffnung geht mir auf; die Macht, die uns zusammenführte, kann noch mehr. Ich glaub an ihre Wunder. — Verzeihn Sie, ich rede etwas verwirrt —
Imada. Und doch versteh ich Sie.
Florentin. Verstehen Sie auch das, was ich nicht sage, was mein Herz nur im Geheimen sich von Ihnen plaudert?
Imada. (verwirrt) Von mir?
Florentin. Kann izt mein Herz von etwas anderm plaudern? —
Imada. Die Antwort — auf ein andermal.
Florentin hatte eine Wiederholung seiner Frage auf den Lippen — er ergriff Imada’s Hand — und die Sonnen verschwanden von oben — die alte Finsterniß war zurückgekehrt.
„Folgen Sie mir nur nach!“ flüsterte Imada, indem sie ihm an der Hand mit sich führte.
Er ging. Der Weg führte durch eitel Nacht, Trepp auf, Trepp ab, bis zu einem schmalen Gang.
„Gehn Sie nur getrost voran,“ lispelte Imada, und wollte sich von seiner Hand losmachen, weil zwei Personen neben einander nicht gehen konnten. — Sie blieben stehn. — Ein leiser Kuß streifte über Florentins Wange. „Still!“ flüsterte Imada, und sie gingen weiter.
Florentins Herz befand sich in einem Gedränge wunderbarer Empfindungen. Er war glücklich — so glücklich, daß er hätte laut aufjubeln mögen, und doch — unterdrückte er alles. Seine Hand zitterte ihm in Imada’s Hand.
Der Weg erweiterte sich — einige Zimmersonnen strahlten urplözlich herab — Florentin stand still, und fand an seiner Hand — einen schwarzen Bruder.