Eilftes Kapitel. Sie wandern weiter.
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Der erste September näherte sich immer mehr; unsre Pilger fingen an, öftrer an Mont-Rousseau zu denken, Josselin mit Vergnügen, Duur mit heimlichen Grauen.
Zwar hatte Duur von der neuen Welt nur immer noch sehr wenig gesehn und erfahren; aber was er gesehn und gehört, machte ihn nur noch lüsterner auf das Uebrige.
„Begnüge Dich mit diesem,“ rief dann Josselin oft: „ehe Du mehr siehest und Du zu Reue Ursachen erhältst, in diesem Zeitalter zu leben. — Komm nach Mont-Rousseau, da wohnt für uns der Himmel.“
„Für mich nicht!“ seufzte Duur.
„Kannst Du der Zukunft ins Herz sehn? Damit Du inzwischen doch noch einen Deiner Wünsche stillest, so wollen wir die Gegenden aufsuchen, in welchen weiland die Sorbenburg stand, und wo Du so glücklich Deine Kinderjahre vertändelt hast.“
„Das Grab meinen Oheims! — Das Grab meines Rikchens!“ rief Duur und die Abreise war beschlossen.
Sie zogen von dannen, durch Dorf und Stadt, und allenthalben erblickte der Sohn des achtzehnten Jahrhunderts den schönsten Kontrast zwischen dieser Zeit und der Vergangenheit.
„Hier laß uns ausruhn!“ rief eines Tages Josselin, und warf sich am Fuße eines grünen Hügels nieder, auf dessen Rücken alt und baufällig Galgen und Rad standen.
„Hier? — die Aussicht ist nicht intressant.“
„Sehr!“
„Galgen und Rad über uns.“
„Eben deswegen. Weißt Du was das Merkwürdigste von jenem Gerüste ist? — betrachte es genau.“
Duur sah hinauf, aber er erblickte überall nichts, was seinen Blick fesseln konnte.
„Was denkst Du Dir dabei?“ fragte Josselin.
„Wahrhaftig wenig!“
„Es ist, was Du siehest, eine Reliquie der Vorwelt, der lezte Galgen in Deutschland und das lezte Rad!“
„Da ists der Mühe werth noch einmal hinaufzusehn. — Aber wie? Sind die Todesstrafen durchgängig aufgehoben?“
„Die Todesstrafen nicht, aber diese Arten der Todesstrafen.“
„Damit ist wenig gewonnen.“
„Immer genug für die Menschlichkeit; Muß es nicht ein abscheulicher, empörender Anblick gewesen seyn, wenn man verwesende Knochen und faules Menschenfleisch auf solchen Gerüsten, umringt von hungrigen Raben und Krähen, erblickte? — Es ist wirklich ein redender Beweis von Rohheit und Barbarei, wo solch ein grausames Schauspiel noch Beifall finden konnte.“
„Gefallen hatte gewiß niemand daran.“
„Desto schlimmer. Der Tod war für den Verbrecher genug, und hart genug. Ob sein Leichnam nachher von den Vögeln des Himmels beschmaußt, zum Ekel und Entsetzen aller Vorübergehnden dalag, oder unter der Erde verborgen ruhte, konnte ihm gleichviel gelten. Nach dem Tode sind uns Ehrensäulen und Schandpfähle gleich theuer. — Dies weiß jeder, auch jeder Bösewicht wußte es, so gut, wie ein andrer. Die ekelhafte Ansicht war folglich ganz zwecklos. Ja, die Erfahrung hat es gelehrt, daß, so wie ehmals in Italien, wo die Statthalter Christi unaufhörlich fulminirten, die meisten Freigeister lebten, eben so auch in denjenigen Staaten die meisten Verbrechen begangen wurden, wo Galgen und Rad am gewöhnlichsten waren.“
„Daran hatten Galgen und Rad wenigstens die geringste Schuld.“
„Und ich möchte sagen: die meiste. Ein Volk muß noch sehr verwildert seyn, wenn die Glieder desselben dass Landesgesetz nur aus Furcht vor Rad und Galgen respektiren. Je seltner überhaupt die Todesstrafe in einem Lande wird, jemehr kann man darauf rechnen, daß der Geist der Nation veredelter und die Gesetzgebung vernünftiger geworden seh. Wenn endlich die Todesstrafen sich ganz verlieren im Codex des Criminalwesens; wenn der Staat mehr dahinstrebt das Volk zur Tugend selbst hinzulenken statt es nur von Lastern abzuhalten, so hat die Gesetzgebung sich dort den lezten und herrlichsten Lorbeer gepflückt.“
„Ich verstehe Dich nicht ganz.“
„Daran hat vielleicht nur die Dir vom achtzehnten Jahrhundert eigenthümlich gewordne Denkart schuld. Ich will mich aber deutlicher erklären und Dir bei dieser Gelegenheit zeigen, wie weit wir wirklich das philosophische Jahrhundert hinter uns zurückgelassen haben.“
„Zu Deiner Zeit bildete man sich etwas Großes darauf ein, daß die Foltern abgeschaft wurden, nannte sie eine Erfindung der Barbarei und Grausamkeit, fand es übrigens gar nicht anstössig, an den öffentlichen Landstrassen stinkende Menschenkörper auf dem Rade geflochten zu sehn; fand es nicht anstössig, wenn Kindermörderinnen und andere Verbrecher, die den Gang ihres Verbrechens selten in kalter Ueberlegung entwarfen und vollendeten, sondern entweder in betäubender Verzweiflung oder verdorbner Erziehung sündigten, kurz und bündig vom Leben zum Tode gebracht wurden.“
„Jezt kennt man die Folter nur den Namen nach, und mit dem Tode wird nur der bestraft, dessen Leben nothwendig mit der Ruhe und dem Glücke der menschlichen Gesellschaft im Zweikampf stehen müßte. Die härteste Strafe ist eine ewige Beraubung der Freiheit; sie ist härter, als der Tod selbst; eben darum schrecklicher, als er. Der Feind des öffentlichen Wohls wird dann gezwungen, den Schaden, welchen er stiftete, auf einge Art wieder zu vergüten.“
„Der Tod ist für manchen Bösewicht ein wünschenswerthes Gut; besonders wenn er so gegeben wird, wie ehmals, da noch Priester den Delinquenten zur Schädelstätt begleiteten, und seine Phantasie mit angenehmen Bildern von den nahen Freuden der Ewigkeit erhizten, um ihm die Schauer des Todes minder empfindlich zu machen. Folglich war der Tod kaum einmal eigentliche Strafe des Sünders, und durch den Verlust seines Lebens ersprang dem gemeinen Wesen wenig Heil.“
„Man begnügte sich in Deinem Zeitalter überhaupt nur die negativen Zwecke der Staatsverbindungen zu erfüllen; man dachte nicht daran, ein glückliches, sondern nur ein ruhiges, gesichertes Volk, nicht aufgeklärte Bürger, sondern nur keine Wilden; nicht Edle und Tugendhafte, sondern nur keine Bösewichte zu haben.“
„Die Gesetzbücher Deiner Zeit prangen daher gewöhnlich mit Galgen und Rad, Schwerd und Scheiterhaufen; sie drohen überall, verheissen aber nirgends.“
„In unsern Tagen sind im Gefolge der Gesetze nicht nur die öffentlichen Strafen für den Uebertreter, sondern auch die öffentlichen Belohnungen für den Erfüller. Unsre Bürger werden weit mehr zur Umarmung der Tugend gelockt, als vom Verbrechen zurückgeschreckt. Und es kömmt darauf an, in welcher Schule die besten Kinder gezogen werden? Da, wo die Ruthe ewiglich herrscht, oder wo am Ziel eine schönvergeltende Palme weht?“
Duur starrte verwundert, mit freudiger Seele, den Mann dieses Jahrhunderts an.
„Ich schwöre Dirs!“ rief er: „ich schwöre Dirs, Josselin, so weit strebte die Kühnheit unsrer verwegensten Politiker nicht; ich schwöre Dirs, daß solch ein großer Gedanke durch die Seele der wenigsten gegangen ist — daß man im achtzehnten Jahrhundert noch an der Möglichkeit verzweifelte, ob ein Staat jemals zu solch einer idealischen Höhe der Cultur gehoben werden könne. — Ja, ich bekenne es nun gern, ich habe gelebt unter Barbaren, für welche das Gesetz nur Zuchtruthen, aber keine Palmen hatte; die menschliche Gesellschaft erscheint mir von jenen Zeiten wie ein zusammengetriebener Haufe wilder Thiere, welcher nur gezähmt werden sollte, aber nicht beglückt.“
„Du bist schon wieder hoch entzückt, und doch seh ich überall keine durchgreifende Ursachen. Verdient es denn unser Entzücken, nicht unter wilden Bestien zu wohnen, verdient es unsre Freudenthräne, wenn die Menschen endlich sich selber ähnlicher werden, oder geworden sind?“
„Diese Vorwürfe sind Dein Ernst nicht, Josselin. Gedenke der Menschheit, was sie war vor einem halben Jahrtausend, wie sie damals noch schmachtete in ihrer Knechtschaft, und zitterte unter der Ruthe des Gesetzes, und gedenke ihrer izt, wo sie wahrhaftig frei ist, selbst in den souverainesten Monarchien! — Ich müßte ohne Gefühl seyn, wenn ich hier kalt bliebe. Ach, Gott! an Belohnung des guten Bürgers, des ausgezeichneten Biedermanns dachte man selten — zum Gefängniß und zum Schaffot schickte man öfters; die Obern fragten nicht nach der Tugend und Aufklärung ihrer Unterthanen, sondern nach deren Gehorsam und richtigen Abgaben nur. Die Hirten schüzten ihre Heerden und führten sie nur darum auf gute Weiden, um bessere Wolle scheeren zu können. Die genaue Verschwisterung der Politik und Moral waren Dichterschwärmereien, und izt? — — —“
„Nun ja, wir haben die Knechtschaft verloren, und den Geist der Kindschaft empfangen. Was sonst die Ruthe bewirkte, wirkt izt das vorgehaltne Zuckerplätzchen. Es ist nichts mehr, als eine Vertauschung der Mittel in der Erziehung. Aber Männer sind wir noch nicht, die die Tugend lieben, nicht aus Furcht vor der Strafe, nicht aus Lust zur Belohnung, sondern um ihres eignen Werths, den sie für die Vernunft besizt.“
„O, Josselin, es ist noch eine große Frage: ob wir Menschen in dieser Welt jemals mehr werden können, denn gute Kinder; ob wir jemals in dieser Schule männlichen Geist empfahen können?“