Erstes Kapitel. Auswanderung in die neue Welt.
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So verlor sich der Winter unter Lust und Arbeit. Die Flocken des leuchtenden Schnees zerschmolzen am milden Hauch des Aprils, und die erwachenden Gesträuch’ und Bäume trieben Knospen an Knospen und Blüten an Blüten. Der Grund der Wiesen und Anhöhn und Thäler vertauschte das falbe, veraltete Kleid mit einem duftigen Grün, und die Lerchen schwangen sich mit süßem Wirbelton dem mildern Himmel entgegen.
„Das war ein Jahr!“ rief Holder an einem schönen Maitage: „Ein schönes, einförmiges Jahr, ohne Sturm und Drang, und doch so üppig reich an stiller Lust! — Gewährt der Himmel mir eines Wunsches Erfüllung: so sey der Rest meines Lebens dieser kleinen Vergangenheit gleich.“
„Ich will werden, wie Du“ — lächelte Duur: „darum will ich hinaus und mir eine Idalla suchen.“
„Und ich will auch nicht müssig bleiben während Deiner Entfernung,“ entgegnete Holder: „eine Hütte will ich Dir und Deiner Idalla inzwischen bauen, und wenn Du heimkömmst sollst Du alles vollendet finden, um ein patriarchalisches Leben zu führen.“
Die Anstalten und Zurüstungen zum Ausfluge in die neue Welt wurden gemacht; Florentin belud sich mit einem Theil der Juwelen und Steine des achtzehnten Jahrhunderts; Matthias der Luftgondler ließ sich von der geschäftigen Idalla den Renzel füllen mit Speis’ und Trank; jeder nahm seinen Wanderstab zur Hand und der treue Pudel sprang hoch und freundlich an dem Grafen auf.
„Lebt wohl!“ tief Florentin, und preßte Holdern und Idallen in einer langen Umarmung an seine Brust und seine Augen funkelten von einer Thräne, als er den weinenden Karl zu sich empor hob.
Holder geleitete die Wandrer bis zum jenseitigen Ufer des Sees, und schied dann von ihnen mitWehmuth. Idalla und Karlchen standen am Inselufer und riefen tausendmal Lebewohl und warfen tausend Küßchen hinüber, bis die Theuren unter dem Laube der Gebüsche ihnen aus den Augen verschwanden.
Der Graf kannte dies Revier meilenweit umher durch seine Jagden. Er wanderte gen Nordost, wo er am ehsten Weg und Steg und Menschen zu finden hoffte.
Gegen Abend trafen sie wirklich in der Wildniß eine Spur von befahrnem Wege, und ohne Zögern ward die glückliche Entdeckung benuzt. Die Waldung schien sich allmählig zu verdünnen; die Gegend wurde unebner, felsichter. Auf dem Gipfel eins Berges hielten sie zulezt an, um auszuruhn, denn die Nacht war schon eingebrochen.
Matthias schnürte den Renzel auf und that sich gütlich; nur Florentin konnte noch nicht rasten. Er kletterte von einem Fels zum andern in die Höhe, um wo möglich noch eine frohe Entdeckung zu machen.
Allein die wilden Berg und Klippen Stehn, wie ein Lanzenheer vor ihm gedrängt; Kein Moos, kein Laub; nur daß an Felsenrippen Noch hie und da ein ödes Strauchwerk hängt. Geborstne Schlünde, schrofe Mauern, Kühnhangende Stücke drohnde Last, Untiefen den dem Tag gehaßt, Des Stralen matt zurücke schauern. —
Dies war seine ganze Aussicht. Traurig schlich er zurück zum Reisegefährten, der neben dem treuen Pudel und offnen Renzel in süßer Ruhe schlief. Der Graf betrachtete Beide mit wohlgefälligem Lächeln, und warf sich in ihre Mitte nieder.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen am folgenden Tage, als die kleine Caravane schon ihre Straße weiter zog im Gebürge; allein mit ziemlich übeln Humor, weil sie den Weg verloren hatte, der zu Menschen zu führen versprach.
Eine Stunde mochten sie schon zurückgelegt haben, als sie den Gipfel eines benachbarten Berges erstiegen hatten. Müd’ und odemlos langten sie oben an — aber ihre Mühseligkeit wurd’ ihnen überraschend vergolten, als sie den Blick von der andern Seite des Gebürgs hinunterwarfen.
Ein junges Eden lag hier ausgegossen, Vom Arm der Felsen eingeschlossen, Die mit dem tiefsten Schwarz das helle Grün Der Landschaft hoben. Her und hin Sahn sie ein fliessend Silber unter Bäumen Sich schlängeln; dort von schrofen Höhn Kaskaden brausend niederschäumen, Die unten sich in weiten Wirbeln drehn. Um jeden Baum, um Strauch und Hügel, Um jeden kleinen Blütenwald, Weit über stiller Seen Spiegel, Der dann und wann im Lüftchen wallt; Tief über Blumenschwangern Gründen, Sanft über hangende Gebüsch’, Die ihr Gebild in reinen Wellen finden, Schwamm, allverklärend, lächelnd frisch Aurorens Schleier ausgebreitet, Von Glanz und Rosenlicht bereitet.
Doch reizender als alles war den Pilgern der Prospekt eines fernen Dörfchens, welches im Hintergrunde aus dem Duft des Morgens hervorstieg.
„Frisch auf!“ rief der Graf, in einer Art von Begeisterung, wie damals, als er mit Badner einst beim Sonnenuntergang auf dem Felsen an der Gränze des deutschen Vaterlandes lag.
Der Pudel ging voran und zeigte den Weg. Gegen Abend war das Dorf erreicht. — Nun hatte Duur überwunden. Er erkundigte sich nach dem Namen der Gegend und der Herrschaft, kaufte dem Gutsbesitzer einen bequemen Reisewagen nebst zwei prächtigen Wallachen ab und Matthias, der Luftkutscher, machte von nun an den Fuhrmann auf Erden.