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Die schwarzen Brüder

Erstes Kapitel. Die Auferstehung.

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Wie das Gras auf dem Felde duftet und verdorret zu seiner Zeit: so veraltern und verschwinden die Geschlechter der Menschen. Knaben spielen mit den Hirnschädeln ihrer Ahnen, und nach hundert Jahren tanzt ein neues Geschlecht über ihren Gräbern.

Mit rüstiger Schwinge stürmen Jahrhunderte an Jahrhunderten unserm Erdstern vorbei. Wer hört ihr Sausen? wer mißt ihre Schnelle? Unter ihrem zerstörenden Flügelschlage fallen Gebürge und Maulwurfshügel, Pyramiden und Gräberkreuze; Strohhütten und Königsstädte vernichtet zusammen; die schönsten Geburten der Natur zerstieben und der fruchtbare Schoos dieser Allmutter gebiert aufs neue, um von neuem ihre Schöpfungen sterben zu sehn.

Dies ist der alte, einförmige Lauf der Dinge während des gegenwärtigen Augenblicks und durch Jahrhunderte hinab und durch Jahrtausende.

Auch das achtzehnte Jahrhundert war nun hineingegangen in den stillen Pallast der Vergangenheit; seines Gewandes Saum trof vom Blute der Edeln, die für und wider Barbarei und Menschheitswürde fochten. Eine Republik war untergesunken eine neue erstanden!

Vier bis fünf Secula folgten, und waren gewesen; Könige und Kaiser hatten regiert, Bettler gebettelt, Schriftsteller sich müde geschrieben, und Vergessenheit war ihr Loos; denn die Nachkommen lassen sich so wenig, als ihre Vorfahren den schönen Wahn rauben, daß sie am besten regieren, betteln und schreiben.

Aber auch nach einem halben Jahrtausend blühte noch ein herrlicher Morgen auf; so herrlich ihn nur immer die Bürger des achtzehnten Jahrhunderts sahn. Noch standen die Alpen, noch grünten die Fluren, noch dufteten die Blumen, noch hörte man die Vöglein singen — alles schien noch immer die alte Welt zu seyn und doch schrieben die christlichen Calender schon das Jahr 2222 nach unsers Herrn Geburt.

„O, mein Gott!“ — — rief Florentin plötzlich in der Alpenhöhle aus; „ich erwache — zu früh!“

Es schwebte seinem Gedächtniß das Bild der lezten Scene in dieser Höhle aus dem achtzehnten Jahrhundert, wie eine Geschichte von Gestern, vor; er gedachte des Holderschen Gelübdes erst nach fünfhundert Jahren zu erwachen, und fand zwischen izt und der Vergangenheit das ohngefähre Intermezzo einer Nacht.

„Wahrscheinlich zur rechten Zeit!“ entgegnete ihm eine Stimme. Holder war erwacht und lächelnd rieb er sich den Tod von den Wimpern.

„Wie Du mich getäuscht hast!“ sagte Florentin mit unzufriednem Tone.

„Getäuscht?“ stammelte Holder, und tappte wie in einem dumpfen Traume um sich: „getäuscht? — getäuscht? Nein, nein, es ist überstanden: nein das achtzehnte Jahrhundert ist vorüber — wir haben lange — lange hier gelegen; das fühl’ ich.“

„Eine Nacht!“

„Eine Nacht freilich für uns, aber sie muß wenigstens, ich sage wenigstens, die Dauer eines halben Jahrtausends gehabt haben.“

„Wollte Gott, mein Holder, dem wäre so. Wollte Gott, ich trät hinaus aus dem Gebürg in eine neue Welt! — o, die Schwärmerei gefällt mir, und noch izt, da ich ihre Unmöglichkeiten, ihre Widersprüche lebendiger, als je, erblicke.“

„Wie befindest Du Dich?“

„Matt, sehr matt, Freund, und Fieberfrost in allen Gebeinen.“

„Oheim! Oheim!“ rief Karlchen.

„Mein Sohn!“ schrie Florentin und raffte sich mühsam auf. Er wollte seinen Karl umarmen, und fühlte schaudernd sein Gewand rein abgemodert vom Körper; die Nägel ausgewachsen, wie Greifenklauen, und den langen Bart hinunterfliessen bis zum Nabel.

Ein kalter Schauder belief ihn.

„Holder! lieber Holder!“

„Was ist Dir?“

„Verwandlung! — Holder, wenn Du recht hättest! Beinah möcht’ ich an Deine Wunder glauben lernen.“ —

„Laß uns aufbrechen. Jezt ist jede Minute unsers Lebens kostbar! — Freilich, Bruder, haben wir nun eine kleine Ungemächlichkeit zu bestehn. Wir werden ein ganzes Weilchen die Rolle des Rousseauschen Favoritmenschen spielen, oder uns mit Feigenblättern bekleiden müssen, als weiland unsre Stammeltern. Doch wenn die Genossen dieses Zeitalters noch mit eben der Lüsternheit an Gold und Juwelen hangen; so haben wir nicht Ursach die Zukunft zu fürchten; Hier steht ja noch das eiserne Kästlein, zerfressen vom Rost.“

„Meinst Du, Holder, wir werden durch unsre Juwelen auch in dieser Welt die Herzen der Menschen unterthan machen? — Wie, wenn — — —“

„Närrchen! — versezte Holder: — so lange der Erdball von Menschenkindern bewohnt wird, bleibt Geld das große Losungswort; welches man unter allen Zonen verstehe, der Schlüssel zum Paradiese gesellschaftlicher Freuden, die Leiter zur Unsterblichkeit, der Talisman, mit welchem wir Oberherrschaften erringen, das Centnergewicht in der Waagschale des Verdienstes! — und Armuth? ach, sie ist und bleibt die gefährlichste Klippe, woran die ehrwürdigsten Bündnisse scheitern, sie ist das Schwerdt, welches die Eisenbanden der Freundschaft, wie einen losen Zwirn zerschneidet, ist der Riese, welcher die natürliche Freiheit und Gleichheit der Menschen zerstöhrte und die alte Ordnung aus ihren Fugen schlug!“

So redeten sie noch manches unter einander. Endlich machten sie ernsthafte Anstalten zum Aufbruch aus der Höhle. Mühsam erhoben sich die Männer des achtzehnten Jahrhunderts; mühsam schlichen sie an den Felsenwänden in der Finsterniß hin, und der holde Sohn Louisens taumelte wie ein Schlaftrunkner zwischen ihnen.

Sie mußten öfters stille stehn; theils um auszuruhn, theils um nach und nach ihr Auge an die beginnende Dämmerung zu gewöhnen.

„Siehe!“ rief Holder in einer solchen Pause: „wenn unsre Seele unsterblich ist, und diese Seele Bewußtsein und Gedächtnis und Empfindungsvermögen behält, so wird es uns dann seyn, wie izt, wenn wir den Todeskampf bestanden haben und einer neuen Welt entgegen reisen. — Gestorben sind wir vor fünfhundert Jahren, hinter uns liegt unser Grab, vor uns nun die neue Welt mit ihren neuen Leiden und Freuden. Vielleicht erwartet uns eine Hölle dort, vielleicht ein Elysium!“

„Vielleicht — — — Elysium!“ seufzte Duur!

„Verstorben sind für uns alle Freunde, alle Bekannte der ehmaligen Welt; zerrissen sind alle seeligen und unseeligen Verhältnisse, worin Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz, Eitelkeit, Nervenkützel und Ohngefähr uns versponnen; es hängt von uns ab, andre einzufädeln!“

„Und so werd’ ich Louisen nicht wiedersehn? keine Spur von den Ruinen meines väterlichen Schlosses mehr finden? — Fünfhundert Jahre schlummerte nun sanft die Asche meines Onkels, meiner guten Schwester? Ich werde nicht mehr Rikchens Grab entdecken; von Louisens Schönheit nicht mehr reden und Herzog Adolfs Lob nicht mehr singen hören?“

„Es ist nun alles vorüber, Florentin, alles. Du bist der Bürger einer fremden Erde. Der Strom der Zeit, der über uns hinwegrauschte, hat allen meinen Kummer fortgespült, aber Dir scheint er Deine Schwärmerei gelassen zu haben.“

„Ich bin ruhig, Holder, sehr ruhig. Vielleicht geht in dieser neuen Welt der Stern meines Glückes ungetrübter auf. Ich will Dir dann mit Thränen danken.“ —

„Nun vorwärts!“

„Glück zu!“ murmelte Florentin und zog seinen Sohn mit heimlichem Grauen näher an sich.

Schon dämmerte es durch die Felsengänge von der Oberwelt herunter; schon athmeten die unterirrdischen Pilger eine andre Luftart; schon hörten sie aus der Ferne das süße Zwitschern der Bergschwalben und das Herz verdoppelte seine Schläge in allen.

Nach langem Tappen und Schleichen gewannen sie der Grotte Ausgang — — das helle Tageslicht strömte ihnen entgegen — — — entgegen scholl ihnen der Vögel liebliche Melodei aus dem drei und zwanzigsten Jahrhundert; entgegen ihnen der Eichenzweiche Lispeln im Morgenhauche. Schwelgend hing ihr Blick am grünen Teppich des Erdbodens, schwelgend an den Gruppen der leichten Gebüsche und Felsen, schimmernd in Aurorens Herrlichkeit — — — Alles, alles war den Bürgern dieser Welt neu, und und alles, alles so schön!

„Elysium!“ schrie Florentin, übermannt von unaussprechlicher Seeligkeit, hintaumelnd in das hohe duftige Gras, und abküssend den Thau vom zitternden Halme.

„Elysium!“ jauchzte Holder und sank auf seine Knieen, und der Mann weinte, wie ein Kind, der sonst von keiner Thräne zu sagen wuste. Gefaltet streckte er seine Hände gen Himmel; sein Blick, seine Miene, sein Seufzer, seine Thräne war Gebet — heisses, glühndes Gebet zum ewiglebenden, ewigsorgenden Schöpfer des Schönen und Guten.

„Elysium!“ rief der Knabe und tauchte sich in das wogende Gras unter. Er verstand das fremde Wort nicht, aber den Ton der Wonne darin.

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