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Die schwarzen Brüder

Sechstes Kapitel. Rosalia medisirt.

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Die schöne Tochter des Commendanten konnt’s unmöglich länger dulden, daß der Fremde auf dem Divan wie geschmiedet sas. Sie mischte sich ins Gespräch, wiegelte auch die andern Damen auf, und der ehrliche Commendant mußte in dieser allgemeinen Revolution seinen aufmerksamen Schüler fahren lassen.

Die Unterhaltung ward mit diesem Augenblick gemeinschaftlicher und lebhafter; Florentin mischte sich unter die lieben Schwätzerinnen, und ohne daß er es wußte, drängte er sich Rosalien näher.

„Um Verzeihung, mein Herr!“ fing das Fräulein an, mit einem ironischen Lächeln, worin doch noch so viel Seelengüte wohnte:

„Sie sind wohl gar Professor der Alterthumskunde auf einer Akademie?“

„Beinah errathen, mein Fräulein.“

„Wirklich? Sie sehn doch aber so jung? Ich dachte mir unter solchen Alterthumsprofessoren wenigstens Graubärte von sechzig Jahren.“

„Sie wissen mein Alter nicht.“

„Aber sagen Sie offenherzig, gehören Sie denn wirklich zu den sonderbaren Leuten, die in der Vorwelt alles besser finden, als in der Iztwelt?“

„Wer könnte bei Ihnen die Vorwelt schöner finden?“

„Das kam nicht von Herzen.“ —

„Gewiß. Darin war die Vorwelt besser, daß sie nicht halb so mißtrauisch war.“

„O ja, sie war gläubig — leichtgläubig, abergläubig, übergläubig, wie Sie wollen, dafür ist sie bekannt.“

„Sie sind eine bittre Spötterin, und grade die Damen sollten die Vorwelt am meisten lieben, weil sie von ihr am meisten vergöttert wurden.“

„Sie haben recht; allein ich weiß nicht, ob unser Geschlecht Ursach hat, auf solche Vergötterung stolz zu seyn. Ein Weib, das mit Schönheit und List das schwache Gehirn unter einem fürstlichen Schädel in Gährung brachte, konnte im Ueberfluß schwelgen, und würdige, verdienstvolle Männer mußten unterdessen in Armuth darben und umkommen.“

„Man schäzte auch damals schon das Verdienst.“

„O ja, aber immer zu spät, wie die Narren gewöhnlich pflegen. Nach ihrem Tode erbaute man den braven Männern Ehrensäulen und Statüen, denen man, so lange sie lebten, kaum ein abgelegtes Kleid und ein Stück Brod zuwarf.“

„Die Ehrensäulen waren nicht — —“

„O ich weiß, was Sie sagen wollen, aber damit entwischen Sie nicht, Herr Professor. — Waren die Monumente und Statüen für die Todten? O Himmel, wer konnte sich denn einbilden, daß sich die Schlummernden im Grabe über diese kahlen Ehrenbezeugungen freun würden? Sie ruhn und wissen nicht, ob über ihren Aschenhügel ein Schandpfahl, oder ein Triumpfbogen errichtet steht. Sie werden damit nicht mehr gereizt, nicht bestraft, nicht belohnt. — Oder sorgte man mit solchen Ehrenbezeugungen für die Lebendigen? Ach, mein lieber Herr Professor, so sorgte man schlecht; die Lebendigen verlangten gewiß nicht Steine nach dem Tode, sondern Brod im Leben; sie rangen nicht nach jenem, sondern nach diesem, und mit diesem hätte man sie belohnen müssen. — Was hilfts, wenn ich meinen Kanarienvogel, trotz seinem süßen Gesang, verhungern und verdursten lasse, und ihm, wenn er tod ist, von einem Gelegenheitsdichter lobpreisen lasse? Wäre das nicht närrisch? Nun, mein Herr, was waren nun die dankbaren Menschen in Ihrem beliebten Alterthum?“

„Ich würde besiegt seyn, wenn ich wider Sie hätte zu Felde ziehn wollen, mein Fräulein. Ich bin Ihr treuer Bundesgenosse. Aber baut man nicht auch in unsern Zeiten den Todten noch Ehrensäulen und Obelisken?“

„Gewiß, aber sie werden gebaut, nicht den Todten, sondern den Lebendigen zur Nacheiferung; und heutiges Tages Verdienst ums Vaterland zu haben, ist wahrlich der Mühe werther, als vor fünf, sechshundert Jahren.“

„Ständ es in meiner Macht, so sollte auch Ihnen ein Denkmal gesezt werden, um recht viel so schöne Vertheidigerinnen dieses Zeitalters zu erwecken.“

„Ich bin Ihnen sehr verbunden; der Ruhm gehört Ihnen, weil Sie allenthalben zur Vertheidigung Anlaß geben.“

So stritten Beide noch ein Weilchen hin, unter Scherz und Lachen. Die Gesellschaft theilte sich in Partheien und söhnte sich erst mit Anbruch der Mitternacht aus.

„Wir sehn uns doch wieder?“ rief Rosalia beim Abschiede, und der alte, biederbe Silberot drückte dem entzückten Duur freundlich die Hand.

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