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Die schwarzen Brüder

Dreizehntes Kapitel. Erscheinungen.

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Der Exgraf erwachte erst spät — es war schon so hell rings herum; die schönste Sommernacht, war ungenossen verschlafen. Er wollte nach Josselin greifen, als er bemerkte, daß man ihn, um ihn nicht der kühlen, feuchten Nachtluft preiß zu geben, in ein Zimmer und Bett gebracht habe.

Aber welches Zimmer? welches Bette? er erinnerte sich nie, ein solches Zimmer im Gobbyschen Pallaste gesehn zu haben. — Er sprang lächelnd und bestürzt vom Bett’ auf, fand sich noch vollkommen angekleidet, nur daß sein Ueberrock auf eine Ottomanne hingeworfen lag.

Er trat in die Schuhe, hüllte sich in den Ueberrock. — Der Nebel seiner Schlaftrunkenheit verlor sich immer mehr, und seine Verwunderung wuchs mit jedem Augenblick. Es war nicht Tageslicht, was ihn so hell umleuchtete, sondern der Schimmer einger Krystallsonnen oben an der Decke des Zimmers.

Mit dieser Entdeckung eilte er zu den Fenstern, riß die Gardinen zurück und sah hinaus. Es war Nacht — der Vollmond schwebte in freundlicher Majestät durchs Gewölk — die Sterne funkelten am dunkeln Gewölbe des Himmels — und die ganze Gegend unten, vom Mond verklärt, war still und fremd.

Ein kleiner See dehnte sich zwischen einigen Hügeln aus, und spielte mit den Schatten überhangender Maien und dem Silberglanz des Mondes — und überall, zur Rechten und zur Linken, dichter, hoher Wald, dann und wann aufbrausend durch die feierliche Stille.

Florentin stand bestürzt da, wie in ein Feenland bezaubert. Er begriff die Wahrnehmungen seiner Sinne nicht — er hätte sich gern eingebildet, in einem Traum zu leben, wenn ihn nicht jede Kleinigkeit laut und unwiderstehlich von seinem Wachen überredet hätte.

„Josselin! Josselin! treibst Du Gaukelspielerei mit Deinem Freunde?“ tief der Graf verdrüßlich, und fühlte sich immer muntrer und überzeugter, daß man sich mit ihm einen Scherz vorgenommen haben müsse.

Er stand lange an, welchen Entschluß zu ergreifen izt am schicklichsten wäre, ob er Lärmen machen, oder den anbrechenden Morgen erwarten solle?

In diesen Ueberlegungen machte er einige Gänge durchs Zimmer. Mit verbissnen Lippen, gerunzelter Stirn, verschränkten Armen blieb er endlich in der Nähe eines Spiegels stehn — er sah sich selbst, und erschrak, ohne zu wissen warum? — Er machte eine Wendung, um sich vom Spiegel abzudrehn, als er in eben dem Augenblick unter demselben das Bildniß eines Frauenzimmers erblickte. Sein Auge haftete unveränderlich an dem Gemälde; er fand gewisse Aehnlichleiten — bekannte Züge — überraschende Spuren von — — —

Er trat näher — immer näher — es war Louisens Bild! — er streckte die Hände nach dem kostbaren Bilde und blieb unwillkührlich eine Weile in dieser Stellung. Sein Herz schlug lauter; seine Arme zitterten; sein Blick verdunkelte sich.

„Schönes Gespenst!“ — sprach er leise bei sich: „schönes Gespenst, verfolgst Du mich allenthalben durch die Irrgänge meines verworrnen Schicksals? — Sind es fünf Jahrhunderte, die sich zwischen dieser und der Götternacht im Dosanischen Garten lagern, wie kommst Du dann hieher? — Louise! Imada! — es wird mir immer unerträglicher dieses Blendwerk. Länger darfs nicht anhalten. O Josselin! Josselin! — aber ich hab’ ihm ja nie von einer Imada erzählt; nur der alte Silberot weiß darum — er ist ausser mir und Matthias hier der Einzige!“ —

Er nahm das Gemälde von der Wand und betrachtete es genauer mit scharfem Blick; alle Freuden der seligen Vergangenheit wachten mit diesem Blicke von neuem in seinem Busen auf. Louise an Adolfs Hofe — wie das erste bange Gefühl der Liebe in ihm aufkeimte — wie er einstmals zu ihren Füßen sas im Schloßgarten, und die reizende Fürstin auf der alten, hölzernen Bank; unter seinen Füßen das stille Thal, zur Rechten die Eremitage mit dem schimmernden Kreuze im Mondschein — über ihm der Himmel, und mehr, als Himmel, in Louisens schönen, liebereichen Augen; — wie er sie sah, sie hörte im Walde von Riedelsheim, einer Erscheinung ähnlich aus der Oberwelt; — wie er sie wiederfand im romantischen Paradiese von Dosa, und dann — dann wieder im Haine in der Nachbarschaft von Idalla’s Insel! — das alles gaukelte izt vor seinem Geiste in verschöntem Farbenspiele — er fing an seinen Verstand zu bezweifeln, zu fürchten, er rase in einem lieblichen Wahnsinn.

Unter dem Spiegel stand auf einem Tischchen eine silberne Klingel. Er hob sie auf — klingelte. Zur Rechten eröffnete sich eine Thür; ein Mensch erschien, dem mans an der demüthigen Stellung ansah, daß er zur Bedienung geschaffen sey.

Florentin gaffte ihn einige Augenblicke mit Verlegenheit an. Er erinnerte sich nicht, auch dieses Menschen Angesicht je gesehn zu haben.

„Befehlen Sie etwas?“ fragte der Diener.

„Wo ist Herr Josselin?“

„Herr Josselin? — Wen meinen Sie?“

„Kennest Du ihn nicht?“

„Der Name ist mir unbekannt. Erklären Sie sich nur deutlicher.“

„Wie soll ich mich deutlicher machen? — Wer hat mich in dies Zimmer bringen lassen?“

„Unser Herr. Sie lagen im Garten und schliefen; wir fürchteten, Sie würden sich erkälten.“

„Nun ja, und wo ist Josselin geblieben?“

„Ich habe schon gesagt, ich kenne keinen Josselin.“

Duur sah den Menschen mit einem Blick voll unaussprechlicher Verwirrung an.

„Nun was ist denn das? wo bin ich? wer ist Dein Herr?“

„Der Graf von Gabonne.“

„Der Graf von Gabonne?“ schrie Duur, und fing izt wirklich an, entweder sich, oder seinen Gegner für unsinnig zu halten.

„Bist Du auch gesund, Bursche?“ sagte Florentin, indem er dem bestürzten Diener näher trat und dessen Puls berührte.

„Wie Sie;“ antwortete jener.

„Nun wo bin ich denn? Ich bitte Dich, antworte mit ehrlich — ich bin erkenntlich. Wo bin ich?“

„Das sollten Sie nicht wissen? Sind Sie nicht schon seit eingen Tagen bei uns? Sehn Sie sich doch um!“

„Wo bin ich? frag ich!“ tief Florentin etwas aufgebracht.

„Sie befinden sich nicht wohl. Der Hausarzt ist noch wach in seinem Zimmer.“

„Mensch, ich flehe Dich an, um Gotteswillen, quäle mich nicht — antworte, wie ich frage, oder ich werde im ganzen Hause Lärmen machen.“

„Ei nun — Sie sind im Schlosse des Grafen von Gabonne, einen Spaziergang weit von Mont-Rousseau.“

„Wie bin ich hieher gekommen?“

Der Diener lächelte ihn schweigend mit einem verdachtvollen Blick an, ging endlich auf ihn zu, und sagte mit vertraulichem Tone:

„Gedulden Sie sich nur ein Augenblickchen, mein Herr, nur ein Augenblickchen. Ich bin sogleich wieder hier.“

„Wo willst Du hin?“

„Ich will den Herrn Charly herbeiholen.“

„Wer ist der Herr Charly?“

„Der Hausarzt. Er wacht noch. Ich habs Licht an seinem Fenster gesehn.“

„Mensch, ich bitte Dich, willst Du mich mit Gewalt um meine Geduld bringen, mich überreden, ich habe meinen Verstand eingebüßt! — Steh und rede, wie bin ich hieher gekommen?“

„In dies Zimmer?“

„Freilich.“

„Sie schliefen unten in der Jelängerjelieberlaube am Teiche — die Abendluft ist ungesund. Der Herr Graf befahl, Sie auf Ihr Zimmer zu tragen.“

Duur hörte dies und brach in ein lautes Gelächter aus. Montrousseau war von Gobbys Gute sechzig und etliche Meilen entfernt — dies wußte er: „Josselin, willst Du Scherz mit mir treiben: so mußt Du wenigstens das Gesetz des Wahrscheinlichen beobachten!“ dachte er bei sich, und sah das Portrait an, welches er noch immer in der Hand trug.

„Kennst Du dies Gemälde? weißt Du, wer dies seyn soll?“ fragte er.

„Sie ist zum Sprechen getroffen — das Fräulein Imada, des Grafen Nichte.“

„Wie hoch ists an der Zeit?“

„Ein Uhr mag es seyn.“

„Das ist mit unbegreiflich! — ich unten in der Jelängerjelieberlaube geschlafen, und wäre nicht bei Gobby, sondern in Mont-Rousseau gewesen — ich mögte die Laube sehn — — Höre, hast Du selber mich aus der Laube tragen helfen?“

„Freilich.“

„Was befand sich außer Mir drinnen?“

„Nichts. Auf dem Tische standen zwei Weinflaschen und zwei Becher.“

„Du lügst. — Es ist mir draussen alles fremd. — Hast Du das Herz, mich hinunter zu führen in den Garten und zur Laube?“

„Warum nicht?“

„Da wär’ ich neugierig!“ sagte Duur und drehte sich um, seinen Hut zu holen, der auf dem Stuhle lag.

In eben dem Augenblick wards stockfinster um ihn herum. Die Krystallsonnen an der Zimmerdecke waren verschwunden; Geräusch ließ sich rechts und links um ihn hören. Er rief dem Diener, aber ohne Antwort zu erhalten.

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