Neuntes Kapitel. Imada.
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Das ganze Räthsel löste sich zum Theil am folgenden Tage, als die kleine arkadische Familie beim Frühstück versammelt sas. —
Der Fremde nemlich, welcher sich Matthias nennen ließ, erzählte seinen neugierigen Zuhörern auf Holders Verlangen die Begebenheit, durch welche er in das benachbarte Gehölz und zu Florentin gekommen sey.
„Meiner Kunst und Profession nach“ sagte er: „bin ich eigentlich ein Luftgondler. Mein Vater und Großvater, und deren Ahnen, so weit sie mir bekannt sind, trieben dies Geschäft. Ich lebte dabei sehr gemächlich, bis der unselige Krieg ausbrach, welcher izt einen Theil meines Vaterlandes verwüstet. Wider meinen Willen ward ich bei der Armee als Luftgondler angeworben. Ich mußte mich in mein Geschick ergeben, und konnt’ es um so leichter, da ich zu Hause weder Weib noch Kind zu ernähren hatte.“
„Eines Tags wurd’ ich mit meiner Gondel zur Recognoscirung des feindlichen Lagers commandirt. In meiner Barke befand sich der General nebst mehrern Offizieren. Zwei Nebengondeln waren mit uns zur Beschützung. Es war ein trüber, neblichter Morgen. Das Wetter kam uns zu Statten, um unvermerkt aufsteigen, und beim fallenden Nebel das ganze Lager den Norder überschaun zu können. Allein, wie erschraken wir, als wir in den höhern Revieren der wolkigten Luft auf feindliche Segel stießen, die in gleicher Absicht dort schwebten und an Zahl uns beiweiten überlegen waren. Wir hatten uns noch kaum besonnen: so umzingelten sie uns, und der Luftscharmützel begann.“ —
„Von allem, was Ihr da saget, versteh ich kein Wort, Herr Luftgondler!“ rief Holder mit Lächeln des Erstaunens: „führt man denn izt Kriege in der Luft, wie die Vögel?“
„Sie scheinen auf Ihrer Insel hier in einer glücklichen Unwissenheit zu leben, mein Herr!“ entgegnete der Luftschiffer: „eine Unwissenheit, die mir ans Unbegreifliche gränzt, da Sie doch übrigens so viel Kenntnisse zu verrathen scheinen.“ —
„Wir leben hier“ erwiederte Holder mit lustiger Verlegenheit: „wir leben hier zu Lande ohne Umgang mit andern Menschen, ohne Bücher, ohne Zeitungen. Kurz und gut, ich glaubs Euch. Die Europäer bekriegen sich nicht nur auf Erden, auf dem Wasser, sondern auch in der Luft.“
„Ich sagte vorhin,“ fuhr der Gondler fort: „daß wir von den Nordern umzingelt wurden; wir schossen tapfer auf einander, allein die Uebermacht war zu groß. Zum Unglück hatten wir uns nicht einmal mit Lärmgeschütz versehn, um ein Nothzeichen zu geben. Unten hörte man und wußte man von nichts.“
„Erlaubet,“ fiel Holder ein: „unten hörte man nichts? War man denn so weit von der Erde entfernt, daß der Flintendonner unten nicht mehr hörbar war?“
Der Gondler lächelte: „Sie müssen wissen, mein Herr, daß zu geheimen Expeditionen, Ueberfällen, Recognoscirungen u. s. f. im Kriege die Patronen mit stillem Pulver gefüllt werden. Der Schuß ist ohne Lärmen, und am Tage kaum sichtbar. Vor Zeiten, da die Kriegskunst noch in der Wiege lag, wußte man von den schrecklichen Wirkungen und Vortheilen des stillen Pulvers nichts. — Doch zur Sache. Meine Barke verlor die Luft. Der General warf sich in den Nothschirm, und stürzte auf gut Glück hinunter — einige Offiziere folgten. Wir übrigen ergaben uns.“
„Ich ward als Kriegsgefangner einem nordischen Heerführer, dem Grafen von Gabonne, zu Theil. Dieser behandelte mich sehr menschlich — allein ich schmachtete doch nach Freiheit und Vaterland. Und die Gelegenheit erschien endlich vor kurzem. Der Friede ist izt so gut, als unterzeichnet — Preussens Adler ist diesmal Deutschlands Genius geworden. Der Waffenstillstand war schon längst geschlossen zwischen beiden Herren. Mein Herr, der Graf von Gabonne, konnte es also vom Oberfeldherrn um so leichter erhalten, die Armee auf einige Zeit zu verlassen. Er benuzte diese, um seine Beute in Sicherheit zu bringen.“
„Diese Beute war ein schönes, liebenswürdiges Mädchen, von welchem ich nicht mehr, als den Namen, Imada, weiß. Daß diese Imada von bedeutender Herkunft war, konnte man gar nicht bezweifeln. Sie soll dem Gabonne durch einen seltsamen Zufall in die Hände gerathen seyn; man erzählte sich im Lager davon allerlei Anekdoten. Kurz, er beschloß, sein Liebchen in Verwahrung zu bringen; es wurden einige Luftgondeln ausgerüstet und unsre Fahrt ging anfangs nach der Lombardei; von da wieder, warum? ward mir nicht gesagt, zurück nach Mont-Rousseau, an den Gränzen der fränkischen Republik. Als wir uns eines Tages in jenem Walde niederliessen, entschlüpft’ ich meinen Feinden und entkam glücklich. Aber gewiß hätt’ ich meinen Tod in jenen Wildnissen gefunden, wenn dieser Herr nicht das Werk der Barmherzigkeit gethan, und mich hieher geführt hätte.“
Florentin, der diese Erzählung anhörte, sas unbeweglich da, wie ein Marmorbild. — „Nicht Louise also wars, sondern eine unbekannte Imada!“ rief er, und sank Holdern in die Arme.
Unaufhörlich schwebte ihm nun Imada’s und Louisens Bildniß vor der Seele. Imada und Louise waren eins; die Erscheinung trug nur einen doppelten Namen.
Diese Imada wich nicht an Reizen der Louise des achtzehnten Jahrhunderts. Ihr Hervorschweben aus dem Gebüsch war das Hervorschweben einer Göttin, den ätherischen Hallen der Oberwelt entschlüpft. Zwar ihren Lippen war kein Laut entflossen, aber welche Sprache ging nicht aus ihren Mienen, ihren Blicken? Mit welcher Theilnehmung fand er die Seltne nicht über sich hingebogen, und was verrieth ihm ihr lezter Blick, ihr Händedruck?
„Sie ists wohl werth, solch eine Körperform, wie die Louisens war,“ dachte der gute Graf bei sich selber: „daß die Natur sie der Welt mehr als einmal vorzeigt. Und mein Herz ist geschaffen, solche Form zu lieben.“
Freilich war der Gang der Geschichte, und noch mehr der Gang seiner Empfindungen etwas abentheuerlich — allein er lebte nun einmal in einer Welt von Unbegreiflichkeiten, und es fiel ihm daher um so weniger bei, sein Empfinden, Denken und Wollen systematisch zu ordnen.
Es ward beschlossen, die Louise dieses Zeitalters aufzusuchen, in welchem Winkel der Welt sie auch versteckt leben möchte. Es war ihm überdem noch immer so unwahrscheinlich die Begebenheit in der Alpenhöhle — und räumte er Holdern viele Kunst ein: so glaubte er höchstens an den widernatürlichen Schlaf einger Jahre, aber nicht einger Jahrhunderte.
Auch im Verlauf einger Jahre konnten die Gewänder abmodern, und die Schicksale der Welt ungehoffte Veränderungen erleiden — aber Louise konnte auch noch leben! — konnte noch! und neugeboren fühlte sich Duur bei diesem Gedanken. Er athmete dann freier und tiefer, als wär er von einem dumpfen Traum erwacht, worin eine despotische Einbildungskraft ihn an wüste, menschenlose Inseln warf, und er kämpfen mußte mit wüthenden Brandungen und schrofen Klippen, getrennt durch einen unermeßlichen Ocean auf ewig von seinen Geliebten. — Es ward ihm dann wieder so wohl, so heimisch. Das Zeitalter hatte nichts Fremdes, Entlegnes mehr; er schmeichelte sich noch, bald hie und da, auf seinen Wanderungen durchs Vaterland, einen Freund, ein altes, bekanntes Gesicht wieder zu finden. — Ungern ließ er sich aus diesen Träumereien aufstören.
Daß sich Duur von nun an mit dem Luftgondler in öftere Plaudereien vertiefte; daß Imada-Louise, Gabonne und Mont-Rousseau allein ihrer Gespräche ewiger Text war; daß er jede Kleinigkeit, welche die Unbekannte betraf, genau und mit kritischer Aengstlichkeit erforschte; daß ihm Idalla’s schöne, einsiedlerische Insel immer trauriger, wüstenhaftiger, unerträglicher wurde — alles dies läßt sich errathen. Ich darf davon nichts erzählen.
Kaum nur, und mit ungeheurer Ueberwindung, gab er Holders und Idalla’s zärtlichen Bitten nach, seine Reise bis zum künftigen Frühling zu verschieben und den Winter über in ihrer Gesellschaft zu bleiben.
Herr Matthias, der Luftgondler, fing an, sich in diesem schönen Cirkel zu gefallen. Man behielt ihn auch gern bei, weil er ein guter, ehrlicher Schlag von Menschen war, der weiter keinen Fehler hatte, als daß er gar zu gern philosophirte und docirte, wozu ihn wahrscheinlich die Unwissenheit der Insulaner verführte. Er versprach auch, den Grafen auf seinen Reisen als ein getreuer Sancho zu begleiten, und, wo möglich, den Badner des achtzehnten Jahrhunderts vergessen zu machen.