Achtes Kapitel. Gobby.
Reading edition
„Wie gefällts Ihnen im Himmel?“ rief unserm Luftfahrer der alte Commendant mit herzlichem Lachen entgegen.
„Besser noch, als mirs die Bibel versprochen hat;“ antwortete Florentin, indem er auf Rosalien hinblickte.
„O Väterchen!“ sezte diese hinzu: „unser Alterthumsprofessor sündigt oben, wie unten. Schicken Sie ihn nur erst ins Fegefeuer.“
Bei diesen Worten öffneten sich die Pforten — ein blasser, hagrer Mann, mehr klein, als groß, einfach gekleidet, trat heraus. Hinter ihm zeigte sich im festlichen Kleide, von Goldstickereien blitzend, der wahrscheinliche Herr des Gebiets, mit einem ernsten, feierlichen Wesen.
Florentin freute sich wirklich, den Umflieger und Bewandler des Südpols, den Freund und Schutzgeist der leidenden Armuth kennen zu lernen, als er bemerkte, daß der kleine, hagre Mann die Umarmung des Commendanten verließ, um Rosalien zu küssen.
„Dieser also?“ lächelte Florentin, dem die Phantasie ihr gewöhnliches Späschen gespielt hatte, die nur große Geister in großen Gestalten und schöne Seelen in schönen Körpern sucht.
Gobby — er wars — näherte sich endlich auch ihm, mit einem Blick voll gastfreundlicher Liebe und Vertraulichkeit; — der Commendant war im Begriff, seinen Gast zu präsentiren, als Gobby, wie mit Entsetzen, einen Schritt zurückprallte.
„Herr Duur, ein neuer Bekannter und Freund!“ rief der Commendant.
„Und unser ehrenfester Professor der Antiquitäten“ — sezte Rosalia hinzu, und, indem sie Florentinen argwöhnisch anlächelte: „unser — Freund?“
„Sie sind mir bekannt, Herr Duur — — wir haben uns irgendwo gesehn, gesprochen — ich weiß nicht wo? und nicht wie?“ sagte Gobby: „seyn Sie mir willkommen!“
Man trat in einen Saal, der vom Geschmack und Reichthum des Besitzers zeugte.
Die Wände waren Spiegel, und jede Wand, wie ein einziger Guß, ohne Reifen und Fugen; oben hingen sich an goldnen Stäben und Ringen Blumenguirlanden, so täuschend, so frisch, als wären sie erst vor einem Augenblick den Beeten geraubt. Ausser den nothwendigsten Meublen erblickte man vier Nischen in den vier Wänden; in jeder einen Marmoraltar, worauf sich paarweise Gobby’s Penaten befanden — Bronzebüsten. Ein Sokrates- und Christuskopf standen vertraulich beisammen, ein Aristoteles und Kant, ein Friedrich der Große und ein Unbekannter, ein Rousseau und ein Unbekannter.
Es war schon mehrere Gesellschaft gegenwärtig; man mischte sich freundlich durch einander und sprach von diesem und jenen — Gobby aber entfernte sich mit dem Commendanten.
Am meisten unterhielt eine Note des verstorbnen Kaisers an seine Unterthanen, welche wenige Monate vor seinem Tode ans Licht getreten war. Man debattirte lange darüber, und schien sich nicht vereinigen zu können, ob der Kaiser billig gedacht habe, oder nicht. Florentin mischte sich in die kleine Fehde, und, um richtig zu urtheilen, las man ihm die Note vor:
„An meine Unterthanen.“
„Da die vorliegenden nördlichen Provinzen durch den langen Krieg fast gänzlich verwüstet sind, und ich, ohne Noth, Euch durch keine Auflagen drücken wollte, um den Flor jener Provinzen wieder herzustellen: so entschlos ich mich, die kostbaren Feierlichkeiten, Opern, Feuerwerke und dergleichen an meinem Hofe einzustellen, auch die Gehalte der Prinzen und Prinzessinnen um die Hälfte zu verringern, bis die verwüsteten Dörfer und Städte wieder erbauet und die verarmten Familien gerettet seyn werden. Es war dies von meiner Seite ein freiwilliger Beitrag zur Linderung der allgemeinen Noth — Aber daß man mich wegen meiner erfüllten Pflicht so unaufhörlich mit öffentlichen Lobreden und Lobgedichten heimsucht, find’ ich von meinen Unterthanen nicht schön, weil damit nichts gesagt zu seyn scheint, als: es ist sehr ungewöhnlich, daß Fürsten auch Menschenpflichten erfüllen! — Wie viel Elogen und Hymnen hätt’ ich auf diejenigen von meinen Unterthanen zu verfertigen, die so viel nach Verhältniß ihrer Kräfte thaten, als ich?“ —
„Nun sagen Sie Ihre Meinung!“ rief man, nach Durchlesung der Note, dem bestürzten Florentin zu.
„Ist es nicht hart, wenn der Vater seiner Kinder Dank nicht hören will?“ riefen einige.
„Ist es nicht billig und vernünftig vom Kaiser?“ schrie die Gegenfaction.
Florentin las das Blatt noch einmal und wollte seinen Augen nicht trauen. „Meine Herrn und Damen,“ sagte, er endlich: „ich muß gestehn, solche Denkart eines Fürsten, solche Aeusserung des feinsten moralischen Gefühls ist nur allein dem drei und zwanzigsten Jahrhundert eigen.“
„Dies Urtheil konnt’ ich voraussehn!“ sagte Rosalia lachend: „der Herr wird uns so gleich mit einen Beispiel vom Gegentheil aus der Vorwelt aufwarten.“
„Mit mehr, als einem!“ erwiederte Duur: „ich erstaune izt weder über die Billigkeit noch Härte des kaiserlichen Wunsches, sondern darüber, daß Sie noch getheilte Meinungen hegen können.“
„Bravo!“ rief eine Parthei.
„Welch ein edler Ton herrscht in der Sprache. Schon daß er von allen Curialwust abläßt, und seine Person mit dem simpeln Ich bezeichnet, schildert den Kaiser“ — — —
Ein verworrnes Gelächter unterbrach ihn. „Wie soll er denn von sich anders reden?“
„Es wird Ihnen bekannt seyn, daß sonst große und kleine Fürsten nie anders ihre Vielheit bezeichneten, als durch ein großes Wir.“
„O!“ rief einer aus der Gesellschaft lachend: „das war in dem finstern Zeitalter guter Ton, als die Fürsten noch böse wurden, wenn man sie nicht die allergnädigsten, großmächtigsten, unüberwindlichsten nannte. Seitdem aber diese unüberwindlichsten Herrn mehr als einmal überwunden wurden, und die allergnädigsten sich mehr als einmal sehr ungnädig fanden: waren sie selbst so billig, ihre Titel in mildere zu verwandeln, um die Suppliken der Unterthanen für keine Satyre zu halten.“
„Erlauben Sie,“ fiel dem Redner ein andrer ins Wort: „ich weiß nicht, ob die itzigen Titel: — unser guter, menschenfreundlicher König, oder Kaiser, oder Fürst und Herr — nicht weit schmeichelnder sind, als die vorzeiten gebräuchlichen, welche man noch in alten Chroniken und Urkundensammlungen findet: denn unsre bestimmen den fürstlichen Charakter sehr deutlich, zwar nicht immer als das, was er ist, sondern als das, was er eigentlich seyn sollte; allein die alten waren oft ganz unverständlich, wobei sich weder der Unterthan, welcher sie schrieb, noch der Fürst, welcher sie las, etwas denken konnte — zum Beispiel, wenn es hieß: allerdurchlauchtigster — — —“
„Dagegen bemerk ich“ erwiederte der Gegner: „daß es die Alten verstanden, aber wir freilich nicht, da unsre Sprache sich unterdessen sehr verändert hat.“
„Ich bitte um Verzeihung, daß ich Ihnen widersprechen muß,“ entgegnete Duur: „auch die Alten wußten von solchen Ausdrücken keinen Sinn — schon im achtzehnten Jahrhundert nicht.“
„Und dieser Herr“ rief Rosalia, indem sie muthwillig auf Florentinen deutete: „hat Autorität; er ist in der Vorwelt zu Hause, wie bei uns.“
„Ich geb es zu,“ antwortete der Widerlegte: „allein dann wär es ja wunderlich gewesen von unsern Ur-Großvätern, wenn sie sich Redensarten bedient hätten, welche weder die verstanden, so sie gaben, noch die, welche sie nahmen?“
„Was erwiedern Sie darauf, lieber Professor?“ fragte Rosalia?
Duur wischte sich leise über die Stirn.