Sechstes Kapitel. Was ist der Mensch!
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Am folgenden Tage, als sie sich von den Ermüdungen der Reise etwas erholt hatten, wanderten sie wirklich, Josselins Vorschlag gemäß, den Behausungen des Elendes zu.
Abgesondert von der Stadt, auf einer Anhöhe lag, umgeben von hohen, unübersteiglichen Mauern, der Ort, welcher von den Einwohnern des Landes die Jammerburg genannt wurde — ein charakteristischer Name für das Aeussre und Innre dieser Stätte.
Der Weg führte über eine schmale Zugbrücke zum Eingang durch die Ringmauer. Ueber dem Thore lag, in Stein gehauen, der trauernde Genius der Menschheit, mit erloschner Fackel, die er an dem Altarfeuer, bei welchem die Tugend und Vernunft wachen, wieder anzünden zu wollen scheint. — Darunter stand die goldne Inschrift: Eingang zum Siechenhause des menschlichen Verstandes.
„Du darfst aber nicht glauben,“ sagte Josselin: „daß hier nur der Aufenthalt der Wahnsinnigen und Rasenden sey; nein, hier werden auch Verbrecher jeder Art aufbewahrt, die, abgesondert von der glücklichen Menschheit, ihre Sünden mit dem Verlust der Freiheit und bitter schwerer Arbeit büßen müssen. — Man rechnet also auch die unmoralischen Handlungen und Gesinnungen zu den Krankheiten des Verstandes.“
Der Aufseher der Jammerburg, ein dem Anscheine nach sehr menschenfreundlicher Mann, führte unsre Pilger, so lange sie wollten, durch alle Zimmer der Unglücklichen, die nach den verschiednen Arten ihrer Krankheiten in verschiednen Revieren wohnten.
Am auffallendsten waren unserm Duur zwei Erscheinungen, nämlich, das der größte Theil der Wahnwitzigen in der Jammerburg die Rolle der Philosophen spielte, und daß die meisten von denen, welche in theologische Narrheiten verfallen waren, entweder Schuster oder Mediciner gewesen.
Unter den philosophischen Narren zeichnete sich vorzüglich ein gewisses Faulthier aus, welches nichts anders that, als as und trank, schlief und träumte, und auch mit den größten Martern zu keiner nützlichen Arbeit bewogen werden konnte. Es war ein Mann in den besten Jahren, reich an Kenntnissen, aber ohne Gefühl für Ehr und Schande, für Tugend und Laster — und das sonderbarste von allem, er war, was er war, aus Grundsätzen.
Wenn er sich ja noch einer Beschäftigung unterzog, so war es die, zu schriftstellern, nicht aber damit der Welt, sondern nur der Ausbildung seines eignen Ichs zu nützen, wie er vorgab. Seine Gedanken waren schön gesagt, zusammengreifend, oft sehr scharfsinnig. Er duldete es auch, daß sie gedruckt wurden, aber bald duldete es die Landesregierung nicht mehr. Denn sein philosophisches System, welches er aus den Systemen des Idealismus und Salomonismus zusammengeflickt hatte, machte Proselyten, und ein Dutzend Narren mehr, von seinem Schlage.
Er bildete sich ein, daß er ein höheres Etwas, ein Lieblingswesen des unbekannten Welturhebers sey, welcher ihn dazu bestimmt habe, ihn zu sich und zur seligen Theilnahme an seinen Vollkommenheiten zu erheben. Zu diesem Zwecke führe das höchste Wesen ihn durch die Schule des Universums, um ihn zu der großen Stufe auszubilden, welche er dereinst betreten solle. Er behauptete, schon früher existirt zu haben, als auf dem Wandelstern, welchen wir Erde nennen; allein von dieser Präexistenz seines Ichs sey nur eine dumpfe Ahndung in dem Gedächtniß heimgeblieben.
Die Welt, mit allen ihren Theilen, sagte er ferner, sey — nicht für das höchste Wesen, denn dieses bedarf keiner Schule, keiner elenden Sinnenlust für sich, sondern — für ihn erschaffen. Alle Gegenstände, ausser ihm, wären nur Erscheinungen, und für ihn da, um seinen Verstand daran zu üben. Diese vergänglichen Erscheinungen — welche bei seinen Uebergang in eine höhere Schule auf immer verschwinden, wie die belustigenden Bilder einer Laterna magica, nachdem sie nicht mehr nöthig sind — wären ein Spiel der Nothwendigkeit, nach dem Plan des höchsten Wesens, zu seiner Bildung; es habe daher eigentlich nichts einer wirklichen Freiheit sich zu rühmen — Tugend und Laster, Ehr’ und Schande sehen nichts als Begriffe, an deren Bearbeitung und Pflegung sein Ich nichts, als mehr subjektive Fertigkeit des Denkvermögens in ihm, gewönne. Die Begebenheiten der Vorwelt seyen nicht wirklich geschehn, sondern gehörten mit zu dem Schein, zu den Bildern, welche zur Veredlung seines Ichs aufgestellt, und in andern Mittelwesen eingepflanzt wären, um sie ihm vorzuhalten. — Der Zweck seines Daseyns sey daher, nicht etwa zu arbeiten und mit dem ihm umgebenden Schein sich, als mit Realitäten, einzulassen, sondern nur in contemplativer Ruhe das für ihn aufgeführte Schauspiel zu betrachten, und darüber weiter nachzugrübeln. — Was man ihm vom Tode sagte, sey nichts anders, als ein Wink, welchen ihm das höchste Wesen geben wolle über den Hintritt in eine andre Schule. Der Tod, oder die Vernichtung des gegenwärtigen Schauspiels, sey daher nichts weniger, als furchtbar, sondern ihm willkommen. Er müßte aber geduldig warten, bis ihn das große Weltwesen abrufen würde, mittelbar oder unmittelbar. — Die Schmerzen und Einschränkungen, die er in seiner gegenwärtigen Lage zu erdulden habe, müßten mit in den großen, für ihn izt noch unbegreiflichen Plan des ersten Urhebers der Dinge liegen, sonst begriffe er nicht, wie er dazu käme, noch wozu sie ihm nüzten. Die Anstalten, welche man getroffen habe, ihn von seinen Ideen zurückzubringen, seyen von seinem Erzieher angeordnet, ihn darin fester zu machen, weil er dadurch Gelegenheit gewönne, noch mehr über die Täuschung und den Schein der Dinge nachzudenken, und seine Kraft beim Widerstande zu üben.
Stellte man diesem Philosophen vor, was aus der menschlichen Gesellschaft werden würde, wenn jeder einen ähnlichen Egoismus in sich nährte, so antwortete er: die mir scheinbar ähnlichen Gestalten hängen so wenig von ihrer, als meiner Willkühr ab; sie müssen sich so bewegen, so handeln, so zu wollen scheinen, als es dem Plan des höchsten Bildners entsprechend ist. Sie können folglich nichts, können auch nicht einmal wollen.
Duur fragte ihn: „womit er sich denn bewiese, daß alles ausser ihm nur Spiel und Schein, er allein nur das Lieblingswesen des höchsten Urhebers sey? — und womit er diesen ausschliessenden Vorzug verdient habe?“
„Womit ichs verdient habe?“ antwortete der Philosoph: „da müßtest Du nicht mich, sondern das höchste Wesen fragen, wenn Du könntest. Ich bin ohne Verdienst; es ist aber nun so der Wille des grossen Weltwesens, mein Ich zu schaffen und zu bilden. — Womit ich beweise daß außer mir nur alles Spiel und Schein sey? — Dies sagt mir erstlich mein innres, vom Weltwesen mir gegebnes, leitendes Gefühl, zweitens weil ich wirklich von der Außenwelt auch durchaus nichts anders weiß, als daß sie eine Reihe vorübergehnder Erscheinungen sey, die sich auf mich bezieht. Noch hat mir das Gegentheil keiner bewiesen.“
„Warum aber sollte das Urwesen sich nur einen Liebling geschaffen haben, warum nicht mehrere glücklich machen wollen?“
„Warum sollte das Urwesen mehrere Lieblinge sich erkoren, und nicht an einem sich begnügt haben?“
„Stimmt jenes nicht harmonischer mit dem großen Ideal, welches der menschliche Geist sich von der Gottheit entwerfen muß?“
„Freilich muß! — Du kannst nicht anders, als so denken, wie Du denkest. Hast Du aber Deines Ideales reelles Objekt jemals kennen gelernt? Hast Du dem verborgnen Weltwesen in den ewigen, willkührlichen Plan geschaut?“ —
Bei diesen Worten wandte sich der Philosoph mit vieler Ruhe und Selbstzufriedenheit von dem Frager ab, wahrscheinlich, um über diese Unterredung weiter zu speculiren.
Duur konnte sich einer Verwundrung über die sonderbare Mischung von Scharfsinn und Narrheit nicht erwehren.
„O,“ rief Josselin lächelnd: „wundre Dich nicht. Es giebt der philosophischen Narren in Deutschland heuer so viele, daß nicht diese Jammerburg, und wäre sie dreimal größer, sie beherbergen könnte, wenn sie versammelt würden. Aber man läßt sie frei unter den Menschen umherwandern, wohl gar von den Cathedern predigen, weil sie zum Glück ihre Theorien nicht im gemeinen Leben anwendbar machen.“
„Sie haben recht,“ sagte der Aufseher, indem er ein andres Gemach eröffnete: „auch dieser Mensch hier hat in der Theorie noch viele seines Gleichen. Er ist ein theologischer Narr, dem die Schriften des Bischofs von Hippo den Kopf verrückt haben. Er glaubt und, lehrt, daß Gott, ohne Rücksicht auf die Handlungen der Menschen, einen Theil der Erdbürger zur ewigen Lust, den andern zur ewigen Quaal verdammt habe, und eben darum nahm ers sich nicht übel, seinen einzigen Sohn tödtlich zu verwunden, weil dieser das Gegentheil behauptet hatte.“
Duur seufzte: „treibt das Augustinische Gespenst auch noch im drei und zwanzigsten Jahrhundert seine Spuckerei?“
„Weißt Du nicht, daß von tiefen Wunden wenigstens tiefe Narben bleiben?“ entgegnete Josselin.
„O!“ fuhr dieser fort, als sie nach einigen Stunden die Jammerburg wieder verlassen, und noch immer die grausenhaften Bilder des Elendes vor der Seele schweben hatten: „wo bleibt hier des Menschen schönste Hoffnung, sein seligmachender Traum von Hoheit und Majestät der menschlichen Natur? — Worin gründet sich diese Majestät, oder der Traum von ihr? — gewißlich leider in unsre Unwissenheit über uns selbst, wo Eitelkeit und Phantasie das liebliche Lustschloß hinbauten, ohne den Boden zu prüfen! — Elend und gebrechlich erscheinen wir in der Welt, oft ohne Absicht unsrer Urheber. Wer dachte an uns in der fröhlichen Stunde, darin wir gezeugt wurden, wo nicht wir, sondern die Stillung eines wilden Nervenkützels lezter Zweck war? — daß wir erschienen, war die Folge einer Tändelei, wozu ein Gläschen Weins, Einsamkeit und Ohngefähr das Signal gaben.“
„Eben so gehn wir hinaus aus der Welt, und bleiben uns am Ende der kurzen und mühseligen Laufbahn selbst die Antwort zur Frage schuldig: wozu waren wir da? — Wir kamen, ohne unsern Willen, und müssen davon, ohne daß wirs wünschen. Wir haben im Leben kein Auge für den Tod; er wandelt uns immer zur Seite. Wir trinken seinen Gift aus Weinkelchen und Arzeneigläsern; im frohsten Tanze springt unsichtbar der Würger mit.“
„Das Beste hoffen wir freilich von unsrer unsterblichen Seele und ihrer Fortdauer in andern Welten. Aber es ist traurig, daß von den Gegenden jenseits des Grabes immer nur diejenigen erzählten, schrieben und, schwärmten, welche das goldne Eldorado selbst nur erst aus Büchern kannten. Niemand, welcher dahin wanderte, drehte sein Angesicht zu uns zurück und rief: Land! Land!“ —
„Wir schmeicheln uns unnennbare Vollkommenheiten vor, welche drüben das Eigenthum den Geistes werden sollen. Die gutwillige Einbildungskraft leiht zu dem Gemälde ihre schönsten Farben her, und unsre Philosophie behauptet mit weisem Ernst: Vervollkommnerung ist das hohe Ziel unsers Daseyns!“ —
„Aber wenn wir nun schon auf Erden abfallen sehn, nach einem gewissen Zeitpunkte, die Blüten und Früchte der Vollkommenheit? wenn wir nun sehn, wie der gereifte Mann allmählig wieder zum welken Greise abstirbt, und mit dem Körper zugleich der Geist? — Wenn wir den Mann, welcher die höchste Ausbildung in sich trug, der die Sterne und ihre Bahnen maß, die Wunder der Natur entschleierte, oder Welttheilen Gesetze schrieb, wenn wir ihn in einem Alter von siebzig, achtzig Jahren wieder entkleidet finden von seinen Vollkommenheiten, und sehn ihn wieder kindisch mit seinen Windeln spielen? — was sagen wir da? was sollen wir dann noch hoffen? Wohl dem, der dann die Augen wegdrehen kann; wehe dem, der mit dumpfen Erstaunen das Bild der Vergänglichkeit durchforscht!“
„Welch ein Bewandniß muß es mit unserm unsterblichen, zur ewigen Vervollkommnerung berufnen Geist haben, wenn eine Zerschellung des Hirnschädels seine Systeme zerrütten, sein Gedächtniß verwüsten, seine Einbildungskraft verwirren, seinen Verstand zertrümmern kann? Tödte einen Nerven in Deinem Hinterhaupte, wo man der unsterblichen Seele die Residenz anweiset, und Du tödtest mit dem Nerven eine Million Vorstellungen zugleich! — Wenn einst dieser Nerven Spiel erstarrt, und ihre Organisation im Grabe von der Fäulniß verwüstet liegt, wird dann noch dem mörderischen Arm der Verwesung etwas entrinnen, was einer Vorstellung ähnlich sieht? — Wird dann noch entfliehn, das was bis dahin in uns Kraft hieß? Wenn der Baum, welcher einst lachende Früchte trug, so lang er mit seinen Wurzeln unter der Erde sog, dieser Erde entrissen ist, hat er dann noch die Kraft zum Blütetreiben und Fruchtbringen?“
„Ach, Duur, lieber Duur, was ist der Mensch?“