Fünftes Kapitel. Zuerst ins Tollhaus!
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Die Reise hatte für den Bürger des achtzehnten Jahrhunderts kein gemeines Intresse, denn, wo Josselin nichts, als alltägliche Dinge, erblickte, fand Duur bewundernswürdige Neuigkeiten. Jener mußte es sich daher oft gefallen lassen, bei den unbedeutendsten Quisquilien, wie vor ausgemachten Seltenheiten stehn zu bleiben.
Florentin lebte ganz auf; er vergaß beinah seines eignen Leidens über den Reichthum an Glückseligkeit, welchen sich vorzugsweise selbst der ärmste Landmann vor den Zeitgenossen des achtzehnten Jahrhunderts zu freuen hatte; er wünschte tausendmal, daß sein ehrwürdiger Oheim izt ihn unsichtbar begleiten, und die Wunderdinge dieses Zeitalters mit ihm betrachten möchte; er bildete sich ein, auf dem Boden einer idealischen Republik zu wandern.
Von allen Seiten her lachte von den schönbepflanzten Weinbergen, von den unermeßlichen Saatfeldern, von den schiffreichen Flüssen ihm Freude entgegen; wohin er sah, fand er die goldnen Spuren der dankbaren Industrie — und zwar das alles in einer Gegend des deutschen Vaterlandes, wo vor fünf Jahrhunderten noch kein Geist herrschte, wie er damals schon in der preussischen Monarchie sich regte.
Die Dörfer waren zierlich gebaut; sie glichen kleinen Städten. Auf den Gesichtern der Einwohner las man Zufriedenheit und Lust. Ländliche Einfalt und städtische Wohlhabenheit paarten sich freundlich in jedem Hause; wohin sie kamen, fanden sie, selbst in den Hütten der Armuth, einen großen Schatz — Reinlichkeit.
„Wie sich das alles so schön verändert hat!“ tief Duur in einer frohen Ekstase seinem Gefährten zu: „um wie viel glücklicher ist doch, bei allen ihren Mängeln, dennoch diese Nachwelt! — Zu meiner Zeit hätt’ ichs nicht einmal wagen mögen, in die Hütten armer Landleute zu treten. Ich glaube, die Gefängnisse sind izt Palläste gegen die meisten Dorfhütten des achtzehnten Jahrhunderts.“ —
„Nun wahrhaftig,“ entgegnete Josselin: „schilderst Du doch das Vaterland Deiner Zeit wie ein Kamschatka.“
„Es ist die Frage, ob ich daran Unrecht thäte? — Denke Dir einen Haufen unordentlich durch einander geworfner Hütten, als hätte sie ein Sturm zusammengeführt und ein Wirbelwind geordnet — diesen Haufen nannte man sonst ein Dorf. Denke Dir eine alte, kothige Cajütte, mit Schmuz austapeziert, mit einem Fenster, zwei Spannen lang und breit; ein niedriges, enges, dumpfes Gemach, worin drei Odemzüge die Luft verpesten konnten — dazu Kinder und Eltern im Schmuz erzogen, mit Schmuz bekleidet — und Du hast das anschauliche Bild von den meisten Bauerwohnungen jener Zeit.“
„Dann hast Du Recht. So sind unsre Kerker wahre Palläste.“
„Der Bauer meiner Zeit war in vielen Gegenden nichts mehr, als das nützlichste Vieh der Gutsherrschaft. Er mußte für die Ueppigkeiten seines Herrn im blutigen Schweiß seines Angesichts arbeiten, und hatte nichts — gar nichts davon, als einen kümmerlichen Unterhalt — Kartoffeln, und Lumpen.“
„Warum duldete es der Bauer?“
„Weil er mußte. Es kam freilich hin und wieder zu Aufständen und Tumulten; die Sklaven rüttelten an ihren Ketten, und foderten Entlassung von dem grausamen Frohndienst, der Ursach daran war, daß sie nie ihrer Tage froh, und ihrer Arbeit Früchte mächtig wurden — allein selten halfs. Die Edelleute und Gutsbesitzer hatten Geld, Gönner und einen Schein des Rechts.“
„Was? einen Schein des Rechts? willst Du mir von Deinem Jahrhundert Märchen aufbinden? einen Schein des Rechts Menschen für sich, die ihre Mitmenschen statt des Lastviehs gebrauchten und sie nothdürftig dafür mit Kartoffeln und Lumpen bezahlten?“
„Warum nicht? die Gutsbesitzer beriefen sich zum Beispiel auf alte Verträge, und sagten: unsre Vorfahren luden vorzeiten diesen und jenen ein, ihr Land zu bauen. Dafür wollten sie eine Hütte, und soviel Acker geben, daß man sich davon nähren konnte. Der Vertrag war geschlossen, und erbte auf Kinder und Kindeslinder fort. Daher schwelgte der Gutsbesitzer immer in Ueberfluß und sein armer Unterthan mußte sich bei Wasser und Brodrinden quid iuris lehren lassen, wenn es ihm zur unrechten Zeit beifiel, daß er doch auch ein Mensch sey. Ja, der Gutsbesitzer ließ sich wohl gar noch einen Menschenfreund und Wohlthäter schelten, wenn er bei schlechten Erndten seinen armen Unterthanen aushalf, damit sie nicht — verhungerten. Im Grunde that er ihnen nicht mehr Gutes, als seinem Vieh, welches er füttern mußte, wenn er seine Felder in der Zukunft damit bestellen wollte.“
„Das ist traurig!“
„Wenn nun so ein armer Schelm vier saure Tage in der Woche für seinen Herrn, und einen, oder zwei für sich gearbeitet hatte, so war der siebente Tag — Ruhetag. Dann ging er in die Kirche, und ließ sich von seinem oft herzlich unwissenden Pfarrer etwas über die Leiden der Gerechten in diesem Jammerthal, oder einige Geheimnisse der Dogmatik vorpredigen. — Du kannst leicht denken, wie es da um die Bildung des Geistes und des Herzens der Bedauernswürdigen stand. Die wenigsten konnten lesen und schreiben.“
„Schändlich! und doch haben die Genossen jenes Zeitalters ihr Jahrhundert das philosophische nennen können?“
„Scherz! es gab damals noch Philosophen, die sogar in Barbara und Ferio bewiesen, daß es höchst schädlich seyn würde, dem größten Theil derselben vernünftige Begriffe beizubringen, behaupteten: der Landmann müsse in seiner dumpfen Unwissenheit gelassen werden; die Frohndienste wären das fruchtbarste Befördrungsmittel der ländlichen Industrie, besonders da man dann und wann fände, daß freie Bauern weit armer und lüderlicher wären, als die frohnenden.“
„Ich mag nichts weiter hören von der Barbarei Deiner Philosophen — so was kömmt mir in bösen Träumen wieder vor!“ rief Josselin bewegt: „so dank ich dem Schicksal, welches mich ein halbes Jahrtausend später in die Welt warf.“
Mit solchen Gesprächen verkürzten sich unsre Pilger den Weg. Josselin fühlte sich dann jedesmal einen Grad trauriger, Florentin einen Grad fröhlicher.
Sie kehrten unterwegs gewöhnlich bei den Pfarrern auf dem Lande ein, welche im Durchschnitt Männer von Kenntniß und Erfahrung waren, die so viel Gehalt besaßen, daß sie ohne Nahrungssorgen gemächlich leben und sich ihrem wichtigen Amte ganz widmen konnten.
Die Wichtigkeit ihres Amtes bestand aber nicht darin, daß sie ihre Catechismusschüler zu Papageichristen bildeten, sich magre Predigten und fette Aecker besorgten, auf Beichtgroschen lauschten oder in träger Muße ihre Tage gedankenlos hinhungerten: sondern sie waren die Sittenrichter, die Lehrer, die Seelenärzte ihrer Gemeinde, und ausserdem die leiblichen Aerzte derselben. Jeder Landprediger mußte Medicin studirt, und so gründlich studirt haben, daß er im Collegio medico der Hauptstadt reif befunden wurde. Dies gab den guten Pfarrern in ihren Bezirken einen doppelten Werth und doppeltes Verdienst. — Statt der Septuaginta, Concordanz und hebräischen Bibel fand man in ihren Zimmern ein Arzneischränkchen, welches auf Unkosten der Gemeinde immer im Stande gehalten ward.
Aber unsre Wandrer entdeckten auch auf ihrer ganzen Reise kein Dorf, in welchem der Leib- und Seelenarzt nicht der Liebling, der Allgemeinverehrte war; wo nicht mit Freundlichkeit und kindlichen Vertrauen sich ihm jechlicher nahte. Mit welchem Gefühl mußte so ein Mann auf der Kanzel stehn, wenn er die um sich versammelt sah, welche ihm oft die Rettung des Lebens, oft die Rettung der Seele zu danken hatten!
„Ja, meine Herrn,“ sagte einstmals ein Landgeistlicher im Gefühl seines Werths zu unsern Abentheurern: „ich gesteh es gern, daß der Stand, in welchem ich lebe, ein beneidenswürdiges Glück mit sich führt für jedes gute Herz. Wer in der Welt kann sich der Freude rühmen, so täglich mit eignen Augen die Saat reifen zu sehn, welche er auswarf? Meine Gemeinde ist meine Familie; ich bin ihr Vater, ihr Vertrauter zu dem sie in Verlegenheit flieht, der Schöpfer ihres guten Herzens, der Beschirmer ihrer Gesundheit.“
„Ein schönes Loos!“ rief Florentin: „vorzeiten wars nicht so. Da mußte der Landgeistliche hebräisch und grichisch verstehn; man hätte ihn ausgelacht, wenn er statt dessen seine medicinischen Kenntnisse zeigen wollte.“
„Das war vorzeiten! Gott seys gedankt, wir leben in einem vernünftigern Jahrhundert, wo die Lehrer des Volks den ersten Lehrern des Christenthums ähnlicher werden. Waren nicht auch Christus und die meisten seiner Apostel Leib- und Seelenärzte? — So lange man in den Kirchen noch hölzerne Kelche besaß, hatte man noch goldene Priester; seitdem die Christen sich goldner Kelche freuten, hatten sie hölzerne Priester. — Sehn Sie, es wäre ja traurig wenn mir uns nicht endlich wieder über das barbarische Alterthum emporschwingen wollten.“
Nicht genug, sich nur mit den Honoratioren in den Dörfern vertrauter zu machen, besuchte Florentin auch die glücklichen Landleute in ihren Wohnungen. — Ueberall ward er mit Höflichkeit und patriarchalischer Gastfreundschaft empfangen; niemand fragte auch nur mit einem scheelen Blick: wer bist du? was willst du? — Selbst der Aermste sezte ihm ein reinliches Butterbrod, ein klares Glas Wassers vor.
„Gott! welch ein herrliches Volk ist das!“ rief Duur mehr, als einmal: „und Du, Josselin, kannst da so ruhig, so gefühllos stehn, — auch nicht einmal eine Spur von Freude äussern?“
„Ich sehe nicht ein, warum ich immer, wie Du, den Entzückten spielen soll?“ entgegnete Josselin: „ists denn so was Wunderbares, daß der Bauer kein Vieh, sondern ein Mensch ist?“
Einigemal hatten unsre Pilger das Vergnügen, einem Bauernexamen beizuwohnen, einer Sitte, welche Josselinen selbst neu war, weil sie erst auf landesherrlichen Befehl seit Kurzem eingeführt war.
Jeder Bauer nämlich, welcher sich in einem Dorfe häuslich niederlassen, oder sich verheurathen wollte, mußte sich vorher einer gewissen Prüfung unterwerfen, die der Prediger und der Oberbauer des Dorfes führten. Er mußte beweisen, daß er Kenntnisse genug habe, um ein guter Mensch, ein guter Unterthan, ein guter Gatte, ein guter Landmann zu seyn.
Diese Kenntnisse konnten leicht erworben werden, theils durch den Schulunterricht, theils durch das Lesen nützlicher Bücher, welche für den Landmann geschrieben waren.
In den Schulen lehrten nun freilich keine Invaliden, keine verlaufne Schneidergesellen, wie im philosophischen, achtzehnten Jahrhundert, sondern zu diesem Unterricht gebildete Männer. Ihre Schüler lernten nicht nur lesen, schreiben, rechnen, Religions- und Sittenlehren, sondern auch allerlei nützliche Haus- und Wirthschaftsregeln, und andre im gemeinen Leben heilsame Dinge.
Dazu kam noch, daß jeder Hausvater für seine Familie einige vom Landesherrn vorgeschriebne Bücher halten mußte, die deutlich und faßlich über allerlei Gegenstände der Natur und des häuslichen Lebens, vom Benehmen bei Feuer- und Wassergefahr, bei Gewittern, bei Kranken und Sterbenden, u. s. w. handelten. Ohne diese Bücher konnte kein Bauer so wenig ein Hausvater, als vordem ohne Bibel, Catechismus und Gesangbuch ein Christ werden.
„Schmäle, so viel Du willst,“ sagte Duur: „meine Freude ist eben so gränzenlos, als meine Verwunderung! Ich begreif es in Ewigkeit nicht, wie man den Landmann zu einer solchen Stufe der Polizirung hinanbringen konnte.“
Josselin. (lächelnd.) Das find ich nicht unbegreiflich. Kann man doch Bären tanzen und Hunde exerziren lehren.
Duur. An der Fähigkeit des Bauern, ein Mensch zu werden, zweifle ich nicht. Ich wundre mich nur über den Willen, — daß man ihn zum Menschen zu machen gewollt habe.
Josselin. Gewollt? ich verstehe Dich nicht.
Duur. Das glaub’ ich gern. Zu meiner Zeit hieß es noch: wozu hat der Bauer die Bildung des Herzens und des Verstandes nöthig? — das ist Ueberfluß. Es ist genug, wenn er sein Feld bestellen und zur gehörigen Zeit seine Abgaben entrichten kann. — Ob so ein wirklich unglückliches Wesen nicht eben so gut Ansprüche auf die höhern Freuden der Menschheit, auf die Freuden des Herzens und des Geistes, auf gewisse Bequemlichkeiten u. s. w. habe, als der Stadtbewohner, darauf ward gar nicht einmal Rücksicht genommen. Kurz, er war ein Bauer, ein gebornes Lastvieh in der Welt.
Josselin. Das ist schändlich gedacht.
Duur. Glaube mir, daß ich ausgelacht geworden wäre, wenn ich im achtzehnten Jahrhundert nur prophezeit und vorgeschlagen hätte, was izt Wirklichkeit ist.
Josselin. Das sieht dem achtzehnten Jahrhundert ähnlich.
Duur. Freilich entdeck’ ich nicht, woher die Kosten zur Besoldung der Schulmeister, Prediger, Anschaffung der Bücher und dergleichen mehr gewonnen sind.
Josselin. Ich bin zu unbewandert in der speciellen Geschichte der Staaten und ihrer Finanzveränderungen, um Dir das Räthsel zu lösen. So viel aber weiß ich, unsre Fürsten füttern an ihren Höfen keine Ceremonienmeister, Hofmarschälle und Castraten mehr, wie sonst; sie vertheilen das ungeheure Gehalt solcher unnützen Staatsfiguranten, und befördern damit die Cultur ihrer Unterthanen.
Duur. (ihn anstarrend.) Bist Du — — — ach, verzeih, ich lebe ja im dreiundzwanzigsten Jahrhundert! — So ist wirklich also die Polizirung der obern und niedern Glieder des Staatskörpers in gleichen Verhältnissen gewachsen.
Josselin. Ei nun, die Welt wird ja mit jeder Periode älter, sollte sie nicht auch klüger werden? Man hat ja traurige Erfahrungen genug erlebt; sollte man sie nicht benutzen? Der Staat wurde schon von den alten Politikern mit dem menschlichen Körper verglichen, aber sie umfaßten den großen Sinn des schönen Vergleichs nicht. — Wenn der Kopf alles Blut aus dem Leibe an sich ziehn will: so entsteht aus diesem falschen Verhältniß gewöhnlich Schwindel und Ohnmacht; die Füße schwanken und versagen beim besten Willen den Dienst — ein Schlagfluß zerstört dann am Ende wohl die ganze Maschine. So ists mit dem Staat. Der regierende Stand ist das Haupt; Bauer und Bürger tragen und erhalten den Körper; das cirkulirende Geld ist das Blut. Das Haupt muß freilich verhältnißmäßig immer das meiste Blut, der regierende Stand den meisten Reichthum haben. Zerstört dieser aber die Ordnung der Natur, zieht er den Reichthum allein an sich, schmachtet der erwerbende und ernährende Stand in Armuth: so verlieren die Füße ihre Kraft, und der Körper stürzt unter dem falschen Verhältniß ohnmächtig nieder. — Eine Reihe schrecklicher Revolutionen hat endlich im Catechismus der Politiker mit blutiger Schrift das richtige Verhältniß der verzehrenden und ernährenden Volksklasse bestimmt.
Duur. Es ist traurig, daß die Menschen keine andre Lehren lieben können, als solche, die unter Donner und Blitz von Sinai herab gegeben, oder von der Erfahrung mit blutigem Finger geschrieben wurden.
Josselin. Das ist Menschenloos bis an der Welt Ende! Die Sterblichen gebrauchen die Vernunft, wie ihre Taschenuhren, mehr um mit den Berloken derselben zu glänzen und zu spielen, als sich nach ihrem Weiser zu richten. Daher sind die wenigsten Uhren aufgezogen, noch weniger richtig gestellt. Mit der menschlichen Vernunft stehts nicht besser.
Florentin seufzte tief auf.
Sie erreichten endlich eine ansehnliche Stadt, worin Florentin für seine Wißbegierde keine gemeine Nahrung zu finden hoffte.
„Zuerst ins Tollhaus!“ rief Josselin: „damit Du Dich von Deinem Entzücken über die Menschheit etwas erholest.“