ZEHNTES KAPITEL
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CACAO. — KAFFEE. — KIRCHWEIHFEST. — LEBEN IN DARAGA.
Ein herabspringender Stein hatte mich auf dem Mayon so erheblich am Fusse verletzt, dass ich über einen Monat nicht ausgehn konnte. Unter solchen Umständen war es sehr angenehm eine geräumige bequeme Wohnung zu haben. Mein Häuschen lag an einem klaren Bach von einem Garten umgeben, in welchem Kaffee, Cacao, Orangen, Bananen, Papayas in üppiger Fülle zwischen hohem Unkraut wuchsen. Viele überreife Cacaofrüchte waren unbenutzt abgefallen, ich liess die reifen sammeln, rösten und mit gleicher Menge Zucker zu Chocolade verarbeiten, eine Kunst, die hier in jeder grösseren Haushaltung verstanden wird; denn Chocolade vertritt bekanntlich bei den Spaniern die Stelle des Thee’s und Kaffee’s; auch die Mestizen und bemittelten Eingeborenen machen starken Gebrauch davon.
Der Cacaobaum stammt aus dem zentralen Amerika, reicht dort von 23° N. bis 20° S. (von 30° N. bis 30° S. Rappt. Jury XI, 268), gedeiht aber nur in den heissesten, feuchtesten Erdstrichen. Nach Karsten setzt er bei einer mittleren Temperatur von unter 23°.3 C. schon keine Frucht mehr an, von allen Kulturfrüchten verlangt er die grösste Wärmemenge.
Bis vor kurzem, als namentlich Franzosen sehr bedeutende Pflanzungen in Zentral-Amerika anlegten, hatte der Ertrag in den amerikanischen Produktionsländern seit Aufhebung der Sklaverei fast von Jahr zu Jahr abgenommen. Obgleich nach F. Engel eine gedeihende Cacaopflanzung bei geringer Mühe und Auslage mehr Ertrag giebt als jede andre tropische Kultur, so sind auch dort die Ernten, die überdies erst nach 5 oder 6 Jahren beginnen, wegen der vielen Feinde der Pflanze nicht sicher, die Kultur eignet sich daher nur für grössere Kapitalisten oder ganz kleine Bauern, die den Baum in ihren Gärten ziehen. Die grossen Pflanzungen sind aber nach Aufhebung der Sklaverei meist in Verfall gekommen und die frei gewordenen Sklaven sind zu unbetriebsam.
Was patriotische Bestrebungen vergeblich versucht, scheint jetzt die bedeutende Steigerung der Kaffeepreise bei gleichzeitiger Erleichterung des Verkehrs allmälig zu bewirken: 1856 betrug die Kaffeeausfuhr nicht über 7000 Picos, 1865: 37,588 P., 1871: 53,370 Picos. Diese Steigerung giebt aber noch nicht das Maass für die Zunahme der Pflanzungen, da diese in den ersten Jahren nach der Anlage keinen Ertrag liefern. In Kurzem darf wohl mit Zuversicht eine höhere Ausfuhr erwartet werden. Aber selbst diese dürfte nicht als Maassstab für die Leistungsfähigkeit der Kolonie gelten. Erst wenn europäisches Kapital grössere Pflanzungen an geeigneten Oertlichkeiten hervorruft, werden die Philippinen den gebührenden Rang unter den Kaffee erzeugenden Ländern einnehmen.
Den besten Kaffee liefern die Provinzen Lagúna, Batángas und Cavíte, den schlechtesten Mindanao; letzterer ist in Folge nachlässiger Behandlung sehr unrein, enthält viele schwarze Bohnen beigemischt. Die Mindanaobohnen sind gelblichweiss (pale), während die von Lagúna grünlich und fast um die Hälfte kleiner sind als jene.
Wie unbedeutend die oben angeführte Kaffeeproduktion im Verhältniss zur Produktionskraft der Kolonie ist, ergiebt sich am besten aus dem Vergleich mit der Ausfuhr anderer Länder. Nach Scherzer, Fachmännische Berichte, 71, betrug 1868 die Kaffeeausfuhr von Brasilien 4,262,000 Zoll-Ctr., Java und Sumatra 1,400,058, Ceylon 1,023,455 Zoll-Ctr.
Im benachbarten Puéblo, Tabaco, wurden aus demselben Stoff Zigarrentaschen geflochten. Sie kommen wohl kaum in den Handel, und werden nur auf vorherige Bestellung angefertigt. Um ein Dutzend zu erhalten, muss man sich an ebensoviele Individuen wenden, und es dauert günstigen Falles mehrere Monate, bis eine Tasche vollendet wird. Der Stiel des Farn hat die Dicke eines Schwefelholzes, man sucht möglichst lange Stücke zwischen zwei Blattansätzen aus, spaltet sie in 4 Theile und jedes Viertel durch Aufschlitzen und Zwischenklemmen des Fingers noch einmal; dann nimmt der Arbeiter ein Messer in die fest aufliegende linke Hand, den Daumen auf den Rücken, die Schärfe gegen den Zeigefinger gerichtet, und zieht die Streifen so oft unter der Klinge durch, bis sie von den innern, weniger zähen Theilen befreit und hinreichend fein sind, eine viel Geduld und Geschick erfordernde Arbeit. Geflochten wird über eine zwei Fuss lange zylindrische, nach unten spitz zulaufende Holzform. In der Mitte der geraden Endfläche steckt ein Stift um welchen das Geflecht beginnt; ist der dem Durchmesser der Walze entsprechende Boden der Tasche vollendet, so wird mittelst eines Stiftes eine kleine Holzscheibe auf den Boden der Tasche gepresst, die ihn während des Flechtens der Seitenwand festhält.

Meine erste Ausfahrt war zur Kirchweih nach Legáspi, wo die Indier Abends Theater spielten. Ein aus politischen Gründen verbannter Spanier hatte die Anordnung übernommen. Zu beiden Seiten der mit Palmenblättern überdachten Bühne befanden sich erhöhte bedeckte Gallerien für die Honoratioren; der dem grossen Publikum bestimmte mittlere Raum war oben offen. Es wurde ein grosses Schauspiel aus der Persergeschichte gegeben, in spanischer Sprache, mit Fantasiekostümen. Da das Theater an einer lebhaften Strasse lag, die selbst einen Theil des Zuschauerraumes bildete, so war der Lärm so gross, dass man nur hin und wieder ein Wort vernehmen konnte. Die Schauspieler marschirten bei dem Hersagen ihrer Rollen, deren Sinn sie nicht einmal sprachlich verstanden, von einer Seite zur andern, indem sie die Arme auf und abbewegten; am Rande der Bühne angekommen machten sie Kehrt und setzten ihren Marsch in entgegengesetzter Richtung fort, wie Schiffe, die gegen den Wind kreuzen; sie verzogen dabei keine Miene, und sprachen, wie Automaten. Hätte man wenigstens den Text verstehn können, so wäre der Kontrast desselben mit den maschinenartigen Bewegungen gewiss drollig gewesen; Lärm, Hitze und Qualm waren aber so gross, dass wir nur kurze Zeit blieben.
Das Schauspiel sowohl als das ganze Fest trug das Gepräge der Schlaffheit und Gleichgültigkeit, des unverstanden Nachgeahmten. Vergleicht man die ausgelassene Fröhlichkeit bei den Kirchweihen in Europa mit den ausdruckslosen starren Gesichtern der Indier, so begreift man kaum warum dergleichen Feste mit so grossem Aufwande von Zeit und Geld gefeiert werden.
Das müssige Leben in Darága gefiel meinen Dienern und ihren zahlreichen Freunden so gut, dass sie es gern so lange als möglich geniessen wollten. Sie wählten dazu oft sinnreiche Mittel. Zweimal, als alles zum Aufbruch für den nächsten Morgen gerüstet war, wurden Nachts meine Schuhe gestohlen. Ein andermal stahl man mir mein Pferd. Hat ein Indier eine schwere Last zu befördern, oder einen anstrengenden Ritt zu machen, so benutzt er dazu gern den wohlgenährten Gaul eines Castila, und lässt ihn dann ungefüttert laufen, bis ihn jemand auffängt und in das nächste Tribunal liefert. Dort wird er angebunden und muss so lange hungern bis ihn sein Herr reklamirt und den angerichteten Schaden ersetzt. Ich hatte einen Dollar zu zahlen, da mein Pferd, obgleich es sehr verhungert that, in der Zwischenzeit für einen Dollar Reis genascht haben sollte.
Kleine Diebstähle kamen sehr häufig vor, werden aber, wie mich ein freundlicher Gönner eines Abends belehrte, als ich ihm mein Elend klagte, nur gegen neue Ankömmlinge verübt; lange dort angesessene Leute, die sich der allgemeinen Achtung erfreun, sind solchen Ungelegenheiten nicht ausgesetzt. Ich weiss nicht, ob ein schalkhafter Eingeborener unsere Unterhaltung belauscht hatte, aber am nächsten Morgen sandte der freundliche Herr, der mir oft aus der Noth geholfen hatte, zu mir, und liess sich Chocolade, Zwieback und Eier holen, da man ihm in der Nacht Speisekammer und Hühnerstall ausgeräumt hatte.
Montag und Freitag Abend war Markt in Darága, — bei gutem Wetter immer ein hübscher Anblick. Man sah dann die Frauen, die fast ausschliesslich den Verkauf besorgen, nett und sehr sauber gekleidet, in langen von Fackeln glitzernden Reihen sitzen, und auf den Abhängen der Berge bei Fackelschein nach allen Richtungen in ihre Wohnungen zurückkehren. Sie tragen ihre Waaren, darunter viele selbst gewebte Stoffe von Seide, Ananas- und Bananen-Fasern, auf dem Kopf; den jüngern fehlt es aber selten an Liebhabern, die ihnen die Mühe abnehmen.

Bicol Naturforscher bei Regenwetter.
Hut von Cacaoblättern und Nito-Stengeln, Puschel von Pferdshaar. Bastmantel.