ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Reading edition
LEBENSWEISE UND SITTEN DER BISAYA-INDIER.

Bisaya-Indierin
Camisa von Guinara, Saya von europäischem Kattun, Regenhut von Nito (Lygodium).
Negritos sind weder in Samar noch in Leyte vorhanden, aber viele Cimarronen, die keinen Tribut zahlen und nicht in Dörfern, sondern unabhängig in den Wäldern leben. Ich habe leider keinen persönlichen Umgang mit ihnen gehabt, und was ich von den christlichen Bewohnern Samar’s über sie erfahren, ist zu unzuverlässig, um wiederholt zu werden. Sicher scheint es aber, dass alle diese Cimarronen oder ihre Vorfahren schon mit den Spaniern verkehrt haben, und dass ihre Religion manche katholische Formeln aufgenommen hat. So pflegen sie bei dem Reispflanzen, wo sie nach alter Sitte etwas von der Saatfrucht absondern, um es an den vier Ecken des Feldes als Opfer darzubringen, gern einige verstümmelte katholische Gebete herzusagen, die sie für wirksamer zu halten scheinen, als ihre alten heidnischen. Einige lassen sogar ihre Kinder taufen, da es nichts kostet, erfüllen aber sonst keine christlichen oder bürgerlichen Pflichten. Sie sind sehr friedlich, bekriegen einander nicht, haben auch keine vergifteten Pfeile. Beispiele von Cimarronen, die zum Christenthum und Dorfleben sammt Tribut und Frohnden übertreten, sind äusserst selten. Umgekehrt ist auch die Zahl der Indier, welche sich in die Wälder zurückziehn, um Cimarronen zu werden, sehr unbedeutend, wohl noch geringer als in Luzon, da die Eingeborenen bei dem leidenschaftlosen, fast pflanzlichen Leben, das sie führen, nicht leicht in den Fall kommen, ihr Dorf verlassen zu müssen, das mehr noch als in Luzon für sie die Welt bedeutet.
Der Reisbau richtet sich nach den Jahreszeiten. An einigen Orten, wo grössere Felder vorhanden sind, ist der Pflug (arado) und der Sodsod (hier surod genannt) in Gebrauch; fast allgemein aber lässt man das Reisfeld in der Regenzeit nur von Büffeln durchtreten. Man säet an der Westküste im Mai und Juni, pflanzt im Juli und August und erntet von November bis Januar. Eine Ganta Aussaat giebt zwei, zuweilen drei bis vier Cabanes (d. h. 50, 75 bis 100 fach). Bei der Hauptstadt Catbalógan sind nur sehr wenige bewässerte Reisfelder (Tubigan, von Tubig, Wasser) vorhanden, deren Ertrag für das Bedürfniss nicht ausreicht, das Fehlende wird aus andern Küstenplätzen der Insel ergänzt; Catbalógan führt dagegen Abaca, Kokosöl, Wachs, Balate (essbare Holothurien), getrocknete Fische und Gewebe aus. An der Nord- und Ostküste säet man von November bis Januar und erntet sechs Monate später. Während der übrigen sechs Monate dient das Feld als Weide für das Vieh; an manchen Orten findet auch während dieser Monate, also von Juli bis Dezember Reisbau, aber auf andern Feldern statt. Von diesem Reis geht häufig wegen des schlechten Wetters ein grosser Theil verloren.
Bergreis (bei Catbalógan wird fast nur solcher gewonnen) erfordert kein andres Ackergeräth als das Waldmesser, um den Boden etwas aufzulockern, und einen spitzen Stock, um Löcher in Entfernungen von 6 Zoll zur Aufnahme von je 5 bis 6 Reiskörnern zu machen. Man säet von Mai bis Juni, jätet zweimal und schneidet nach 5 Monaten Halm für Halm. Der Schnitter empfängt ½ Real Tagelohn und Kost. Der Ertrag ist 2 bis 3 Cabanes auf eine Ganta oder 50 bis 75 fach. Das Land kostet nichts, der Arbeitslohn beträgt gegen 5 Realen per Ganta Aussaat. Nach einer guten Ernte gilt der Caban 4 Realen. Kurz vor der Ernte steigt der Preis bis auf 1 Dollar, oft viel höher. Der Boden wird nur ein einziges Mal für trocknen Reis benutzt; nach der Ernte pflanzt man Camote (Bataten), Abaca und Caladium darauf. Der Bergreis wird besser bezahlt als Wasserreis, etwa im Verhältniss von 9 zu 8.
Abacá, obgleich davon grosse Pflanzungen vorhanden sind, wurde zur Zeit meiner Anwesenheit, da der Preis nicht lohnend genug war, fast gar nicht ausgebeutet.
Tabak wird auch gebaut; er durfte früher im Lande verkauft, muss jetzt aber an die Hacienda abgeliefert werden.
Viehzucht ist trotz des üppigen Graswuchses und der Abwesenheit reissender Thiere fast gar nicht vorhanden. Pferde und Büffel sind sehr selten und sollen spät, angeblich erst in diesem Jahrhundert, eingeführt sein. Da es in Samar kaum andre Landstrassen giebt als den Seestrand und seichte Flussbetten (im Norden von Leyte ist es besser), so wird der Büffel nur gebraucht, um alljährlich einmal den Boden des Reisfeldes durchzutreten. Den Rest des Jahres bringt er frei auf der Weide zu, im Walde oder auf einer kleinen Insel, wenn eine solche in der Nähe. Nur gelegentlich werden mehrere Büffel vor einen grossen Baumstamm gespannt, um ihn nach dem Dorfe zu schleifen; ihre Zahl ist daher äusserst gering. Büffel, welche Reisland gut durchtreten, werden bis zu 10 Dollar bezahlt. Der Mittelpreis ist 3 Dollar für einen Büffelstier, 5 bis 6 Dollar für eine Büffelkuh. Rindvieh wird nur zuweilen bei Festen als Schlachtvieh benutzt, ist in sehr geringer Menge vorhanden, unter viele Besitzern vertheilt, lebt halb verwildert in den Bergen. Handel findet darin kaum statt, aber drei Dollar für Jungvieh, fünf bis sechs Dollar für eine Kuh mag etwa der Mittelpreis sein. Fast jede Familie besitzt ein Schwein, einige deren drei bis vier. Ein fettes Schwein kostet sechs bis sieben Dollar, also mehr als eine Kuh. Rindfleisch wird von vielen Indiern gar nicht gegessen; bei ihren Schmausereien darf aber Schweinefleisch nicht fehlen. Auch wird das Schmalz so theuer bezahlt, dass daraus unter günstigen Verhältnissen von einem fetten Thiere für drei bis vier Dollar erlöst werden. Schafe und Ziegen gedeihen vorzüglich, vermehren sich leicht, sind aber auch nur in geringer Zahl vorhanden und werden fast gar nicht, weder der Wolle noch des Fleisches wegen, benutzt. Kreolen und Mestizen sind meist zu träge, um selbst Schafe zu halten, und essen lieber das ganze Jahr täglich Hühnerfleisch. Auch Shanghai-Schafe, die der Guvernör in Taclóban eingeführt hatte, gediehen und vermehrten sich sehr gut. Eine Eier legende Henne kostet ½ r., ein Hahn dasselbe; ein Kampfhahn bis drei Dollar, oft viel mehr. Man kauft sechs bis acht Hühner oder 30 Eier für einen Real.
Eine Familie von Vater, Mutter und fünf Kindern braucht täglich nicht ganz 24 Chupas Palay (Reis mit der Hülse), welcher enthülst ungefähr 12 Chupas giebt und zum Mittelpreise von 4 r. per Caban, etwa ½ r. kostet (nach der Ernte zuweilen 3 r. per Caban, vor derselben 10 r., in Albay 20 bis 30 r.); ausserdem 2 bis 3 cu. für Zuspeise (Fische, Krabben, Kräuter, etc.), die aber gewöhnlich von den Kindern gesammelt werden, endlich für Oel 2 cu., Buyo 1 cu., Tabak 3 cu. (3 Blatt für 1 cu.); letzterer wird geraucht, nicht gekaut. An Buyo und Tabak verbraucht eine Frau halb so viel als ein Mann. Buyo und Tabak wird in Leyte weniger genossen als in Samar.
An Kleidungsstücken verwendet ein Mann jährlich: 4 grobe Hemden von Guinara zu 1 bis 2 r., 3 bis 4 Hosen zu 1 bis 2½ r., 2 Kopftücher zu 1½ r. (Hüte werden an der Süd- und Westküste nicht getragen) und für die Kirchweih gewöhnlich: 1 Paar Schuhe 7 r., 1 feines Hemd 1 Dollar oder mehr, 1 feine Hose 4 r. — Eine Frau hat 4 bis 6 Camisas von Guinara zu 1 r., 2 bis 3 Sayas von Guinara zu 3 bis 4 r. und 1 oder 2 gedruckte Kattunsayas aus Europa zu 5 r., 2 Tücher zu 1½ bis 2 r., 1 oder 2 Paar Pantoffeln (Chinelas), um in die Messe zu gehen, zu 2 r. und mehr nöthig.
Ausserdem besitzen die Frauen fast immer einige feine Camisas zu wenigstens 6 r., eine Mantilla zum Kirchgang 6 r.; (sie dauert 4 Jahre), einen Kamm, 2 cu. Manche haben auch Unterröcke (nabuas), 2 Stück zu 4 r., Messing-Ohrringe und einen Rosenkranz, Sachen die nur einmal angeschafft werden. In den ärmeren Ortschaften, in Láuang z. B., werden nur im Hause gewebte Guinaras getragen. Dort bedarf ein Mann: 3 Hemden und 3 Hosen, die aus 3 Stück Guinara zu 2 r. geschnitten werden; einen Salacot (Hut) gewöhnlich eigener Anfertigung, Werth ½ r. Eine Frau braucht jährlich: 4 Sayas, Werth 6 r., Camisas, mit Einschluss einer feineren für das Fest, 8 r. Unterröcke werden nicht getragen. Die Kleidung der Kinder kann etwa auf die Hälfte der obigen Preise veranschlagt werden.
Der Tagelohn unter den Eingeborenen beträgt ½ r., keine Beköstigung. Europäer müssen aber immer 1 r. und Kost geben, wenn sie nicht durch Begünstigung des Gobernadorcillo Polistas zu dem obigen niedrigen Tagelohn erhalten können, der dann ordnungsmässig in die Gemeindekasse fliessen soll. Ein Zimmermann verdient 1 bis 2 r., die besten 3 r. täglich. Der Arbeitstag ist von 6 bis 12 Mittags und von 2 bis 6 Uhr Abends.
Fast jedes Dorf hat einen rohen Schmied, der Sundangs und Bolos zu machen versteht; es müssen aber bei jeder Bestellung das Eisen und die Kohlen dazu geliefert werden. Andre Metallarbeiten werden nicht angefertigt. Ausser etwas Schiffbau wird kaum ein andres Gewerbe betrieben als Weberei; der Webestuhl fehlt fast in keinem Hause. Es werden Guinara fabrizirt, d. h. Abacázeuge, auch etwas Piña und gemusterte Seidenstoffe; die Seide dazu wird aus Manila bezogen und ist chinesischen Ursprungs. Alle diese Gewebe werden in den einzelnen Häusern gefertigt, eine Fabrik ist nicht vorhanden.
An Orten, wo es an Reis mangelt, fischen die geringeren Leute, salzen und trocknen die Fische und tauschen dafür Reis ein. In den Hauptstädten wird gewöhnlich für baares Geld gekauft; im Innern sind Gewebe und getrocknete Fische sehr gebräuchliche Tauschmittel. Geld ist dort fast nicht vorhanden. Salz wird durch Abdampfen des Meerwassers in kleinen eisernen Handpfannen (Carahais) ohne vorherige Verdampfung an der Sonne gewonnen. Die Schifffahrt zwischen Catbalógan und Manila dauert von Dezember bis Juli; von Juli bis Dezember liegen die Schiffe abgetakelt unter Schuppen. Ausserdem findet Küstenschifffahrt östlich bis Guíuan, nördlich bis Catarman, selten bis Láuang statt. Die Mannschaft besteht zum Theil aus Einheimischen, zum Theil aus Fremden, da die Bewohner der Inseln sehr ungern zur See gehen, fast nur gezwungen ihr Dorf verlassen. Ausser der Küsten- und Flussschifffahrt besitzt Samar beinahe keine Verkehrsmittel; das Innere ist unwegsam, Lasten können nur auf der Schulter getragen werden. Ein starker Träger, der 1½ r. ohne Kost erhält, schleppt 3 Arrobas (75 Pfund span.) 6 Leguas weit in einem Tage, kann aber am folgenden Tage nicht dieselbe Arbeit verrichten und braucht wenigstens einen Tag Ruhe. 1½ Arrobas trägt ein kräftiger Mann täglich 6 Leguas weit eine ganze Woche lang.
Märkte finden in Samar und Leyte nicht statt; wer etwas kaufen will, sucht es in den einzelnen Häusern; auf dieselbe Weise bietet der Verkäufer seine Waaren an.
Die Bewohner von Samar und Leyte sind träger, nicht so reinlich als die von Luzon, und scheinen hinter den Bicol eben so sehr zurückzustehn, als diese hinter den Tagalen. Bei Taclóban, wo lebhafter Verkehr mit Manila stattfindet, sind diese Eigenschaften weniger ausgesprochen; die Frauen dort sind angenehm und baden viel. Uebrigens sind die Bewohner beider Inseln freundlich, gutmüthig, folgsam und friedfertig. Schimpfreden oder Thätlichkeiten kommen fast nie vor; wird Einer beleidigt, so verklagt er seinen Gegner im Tribunal. An der Nord- und Westküste scheint grosse Sittenreinheit zu herrschen, aber nicht an der Ostküste und in Leyte. Die äusserliche Frömmigkeit ist überall sehr gross; das haben sie von den Priestern gelernt. Die Familien sind sehr einig, die Frauen haben grossen Einfluss, verrichten vorzüglich die häuslichen Geschäfte und sind zum Theil sehr geschickt im Weben, auf dem Felde fallen ihnen nur die leichteren Arbeiten zu. Das Ansehen der Eltern und des ältesten Bruders ist sehr gross; die jüngeren Geschwister wagen nie, diesem zu widersprechen. Frauen und Kinder werden sehr gut behandelt.
Anstalten der Wohlthätigkeit sind auf keiner der beiden Inseln vorhanden. Jede Familie erhält ihre Armen und Krüppel und behandelt sie gut. In Catbalógan, der Hauptstadt der Insel, mit 5 bis 6000 Einwohnern, gab es nur 8 Almosenempfänger (in Albay fehlte es nicht an Bettlern). In Láuang hatte bei einer feierlichen Gelegenheit ein Spanier ausrufen lassen, dass er Reis unter die Armen vertheilen wolle; es meldete sich Niemand. Die Ehrlichkeit der Bewohner von Samar wird sehr gepriesen. Schulden sollen fast immer ohne schriftliche Dokumente kontrahirt und nie abgeleugnet, wenn auch nicht immer pünktlich bezahlt werden. Räubereien kommen auf Samar fast nie vor, Diebstahl höchst selten. Schulen giebt es auch hier in den Pueblos, sie leisten nicht viel weniger als in Camarínes.
Ehebruch ist häufig, Eifersucht selten und führt nie zu Gewaltthätigkeiten; der Beleidigte geht mit dem Schuldigen gewöhnlich zum Pfarrer, der mit einer Strafpredigt für den Einen und Trostworten für den Anderen Alles wieder in’s Geleise bringt. Ehefrauen sind leichter zugänglich als Mädchen, aber auch diesen wird die Aussicht auf Verheirathung durch Fehltritte im ledigen Stande kaum geschmälert. Mädchen unter väterlicher Gewalt werden in der Regel streng gehalten, schon um die Dienstzeit des Freiers zu verlängern. Der äussere Schein wird bei den Bisayern noch mehr gewahrt als bei den Bicols und Tagalen. Auch hier herrscht die irrthümliche Ansicht, dass die Zahl der Frauen die der Männer übersteige (vergl. S. 45). Mütter von 12 Jahren kommen vor, aber selten. Frauen gebären 12 bis 13 Kinder; es sterben indessen viele derselben, und Familien mit mehr als 6 oder 8 Kindern sind äusserst selten.
Zum Schluss eine kurze Nachricht über die Religion der alten Bisayer nach Fr. Gaspar (Conq. 169): Den Teufel oder Genius, dem sie opferten, nannten sie Divata was einen Gegensatz der Gottheit, einen gegen dieselbe Empörten zu bezeichnen scheint ... die Hölle nannten sie Solad, den Himmel (in ihrer gebildetsten Sprache) Ologan ... die Seelen der Verstorbenen gehn auf einen Berg in der Provinz Oton, welcher Medias heisst, wo sie sehr gut bewirthet und bedient werden. Erschaffung der Welt: Ein Geier schwebt zwischen Wasser und Himmel, findet keine Stätte, um sich zu setzen, das Wasser steigt gen Himmel. Der Himmel wird zornig, erschafft Inseln. Der Geier spaltet einen Bambus, daraus entstehn Mann und Frau, sie zeugen viele Kinder und treiben sie als ihre Zahl zu gross geworden, mit Schlägen aus. Einige verbergen sich in der Kammer, dies werden die Datos, einige in der Küche, das werden die Sklaven, die übrigen gehn die Treppe hinab und werden das Volk.